‚Dead can dance‘

Gemaltes Bild - Alle aus kahlen Bäumen, zwischen denen zwei Gestalten zusammen tanzen

Bild © Nina Geschwind

Höre ich ‚Dead can dance‘, können Tote tanzen, kann ich durch die Straßen laufen, mit den Kopfhörern auf den Ohren, und bei jedem Schritt federt der Boden mit, federt nach, gibt mir einen Stubs. Einen Anstoß. Für das Jetzt. Und den nächsten Schritt. Trägt mich, begleitet. Und irgendwo zwischen Wolken und Endlichkeit setze ich meine Schritte und spüre die Kraft und glaube der Verbundenheit. Und nehme die Kopfhörer ab und um mich der Großstadtlärm. Wie eine Entzündung quer durch meine Nerven. Hinter mir ein Hund. Der bellt. Und springt. Tief in mir die Angst. Und die Schwere. Dichter mit jedem Schritt, den ich mache. Hinter mir her ziehe ich diesen Ballast. Schleppe dieses unglaubliche Etwas. Verfange mich, stolpere. Dieses Gigantische. Klopfe mir den Dreck von den Kleidern. Einen Fuß vor den anderen. Setze die Kopfhörer wieder auf. Versinke. Atme. Laufe. Getragen. Über mir die Erde, unter mir der Himmel. Alles tanzt.

Komme ich an dieser Frau mit dem Leierkasten vorbei. Die kurbelt und zwinkert. „Wie im Film“, denke ich „Oder ganz früher mal.“ Als ich auch zwinkere, lächle, stehen bleibe. In Verbindung gehe. Meine Kopfhörer von den Ohren ziehe und um mich der Großstadtlärm und vor mir der Leierkasten mit dieser Melodie.

Die Dame winkt mich zu sich. Und kurbelt. Und ich gehe zu ihr. Die paar Schritte schleppe ich das Schwere, ignoriere ich die Großstadt, übertönt die Melodie meine Angst. Die paar Schritte und dann stehe ich direkt vor ihr, und mit einer ruckartigen Drehbewegung montiert sie die Kurbel vom Kasten und reicht sie mir. Über den Kasten hinweg. Und zwinkert mir zu. Und vielleicht in meinem Kopf. Vielleicht in ihrem. Vielleicht in dem, was uns umgibt, die Melodie spielt weiter.

Sie lüpft ihren braunen Hut, setzt ihn wieder auf, greift in eine abgegriffene Stofftasche, die am Leierkastengriff baumelt, zieht eine neue Kurbel hervor. Schraubt sie an. Und kurbelt. Während ich mein Geschenk halte, und irgendwas verschwimmt. Und da höre ich wieder die Melodie, obwohl sie nie verschwunden war.

Leute bleiben stehen, lauschen, schauen. Manche geben Geld. Die Dame kurbelt, ich spüre den hölzernen Griff in meiner Hand, und es ist, als sei jetzt alles klar. Blätter fallen vom Baum, und sie sagt: „Sie können jetzt kurbeln. Können Ihre Musik jetzt lauter und leiser kurbeln. Kurbeln Sie ihr Leben. So wie es gerade passt für Sie.“

Und es ist diese Freude in meinem Bauch und diese Melodie in meinen Ohren. Dass ich mich umdrehe, nochmal hindrehe, winke, zaghaft, wie im Film. So eine Leierkastenfrau. Und weitergehe, und meine Kopfhörer aufziehe, und da sind das Tanzen und die Verbundenheit. Und ich halte die Kurbel in die Luft, und ich probiere es. Und kurble. Und es funktioniert. Nach rechts lauter. Links leise. Und dann bleibe ich stehen. Auf dem Marktplatz voller Tauben. Beobachte den Himmel und nehme die Kopfhörer ab und um mich der Großstadtlärm. Und ich kurble nach rechts. Schnell. Mit Schwung. Und da höre ich die Melodie. Die mich ausfüllt, in mich hineinfließt und aus mir heraus. In diesen Raum um uns herum. Durch uns durch. Und jetzt laut. Und ich kurble nach links. Nur wenig. Autolärm im Hintergrund. Wie aus der Ferne hupt ein Bus, landet ein Schwarm Tauben und verwaschen dahinter das Schwere. Das ich mir jetzt ein Stück weiter zur mir heran kurble. Nach links kurbeln. Mich vergewissern, es ist noch da. Es gehört ja zu mir. Das bin ja ich. Und energisch dann nach rechts. Denn ich bin ja viel mehr. Und wie viel von jedem, das habe ich in meiner Hand.

© Mirjam Sarrazin

Herbstspaziergang

Er läuft durch die Humboldtstraße und denkt darüber nach, ob alle Humboldtstraßen dieser Welt voller Altbauten stehen, verziert von Beeten, in denen leuchtende Sonnenblumen und sprießende Wildsamen unter einer Allee hoher Bäume wachsen. Er weint. Er weint, weil die Blätter sich rot verfärbt haben und nun auf dem Asphalt liegen und achtlos zertrampelt werden. Er weint, weil der Kinderroller seit Wochen an dem verrottenden Bauzaun lehnt. Nach wie vor. Und vielleicht ist er einsam. Oder das Kind. Er weint, weil die lila Farbe der Bank vor dem geschlossenen Café abblättert, und direkt daneben dieser vertrocknete Regenwurm liegt, der es aus der überflutenden Erde geschafft hat. Und dann nicht wieder zurück. Er weint, weil das Baby in dem Buggy, der ihm entgegenkommt, ohne Decke schläft. Zur Seite gekippt vor Müdigkeit. Zwischen der Babyjeans und den Söckchen nackte Haut, und er zieht den Reißverschluss seiner Regenjacke höher. Er friert.

Vor dem Supermarkt bittet ihn eine Frau um Geld für ein Zugticket, das sie kaufen möchte, und ihre Augen sind starr. Er reicht ihr eine Münze, sie bedankt sich. Und er weint. Während er den Supermarkt betritt und an dem alten Mann vorbei geht, der steht und mit dem Kopf schüttelt und mit wackeliger Stimme das leere Fach im Regal fragt: „Wo bist du denn nur hin?“ Und sich suchend umschaut und es nicht fassen kann.

Er erledigt seine Einkäufe, und auf dem Rückweg bleibt er stehen an dem dreckigen Stadtgewässer, in dem er einen Krebs entdeckt, einen echten Krebs, der flink unter einem tauchenden E-Roller hindurch krabbelt und sich dann in einer Plastiktüte verfängt. Kämpft. Sich befreit. Und weiter krabbelt. Inmitten von Müll. Und direkt daneben sitzt der junge Mann, der dort immer sitzt mit seinen Decken, den Taschen und Büchern, und heute liest er „Seide“ von Baricco, und da weint er wieder.

Innen. Aushaltbar. Nach außen unsichtbar. Gut getarnt von diesem Schutzanzug, der ihn von außen unangreifbar und von innen unverwundbar macht. Dieser Anzug aus Vergänglichkeit, aus Verletzlichkeit. Geschneidert aus tief roten Herbstblättern und sprießenden Wildblumensamen, aus liebevoll gestrickten Decken voller Wärme und Zuversicht. Ein Anzug aus Verbundenheit. Ein Roller, der sich nächtelang Märchen mit einem Bauzaun erzählt. Über Kinder, die Wettrennen fahren und noch aus den Hinterhöfen viele Straßen weiter zu hören sind. Zwischen Mauern voller Lachen und Feuereifer. Es ist ein Anzug aus nahrhafter Erde, in dem altes Leben verrottet und neues wächst. Ideen und Träume entstehen. Voller Sehnsucht und Wärme. Ein bunter Anzug. Bunt wie der Regenbogen, der sich im dreckigen Wasser spiegelt, und prall gefüllt mit Kraft. Wie die Geschichten, die man sich über Regenbögen erzählt. Ein Anzug voller Verlässlichkeit.

Bis der Wind kommt.

Und ihn wegreißt.

Alle paar Wochen. Manchmal Tage.

Dann steht er da.

Wie nackt. Verletzt. Verloren. Erschüttert. Schwitzend unter klirrender Kälte im tiefsten Herbststurm. Und weint. Ungeschützt.

Und fängt von vorne an.

Strickt Babydecken aus Wollresten, die in einem Korb neben dem Bücherregal verstaut sind. Kippt Samen in die Kästen auf seinen Fensterbänken, pflegt sie, spricht mit ihnen, erzählt ihnen von Regenbögen und öffnet die Fenster der Wohnung für sie, wenn Kinderlachen von außen zu hören ist. Sucht tote Insekten und bestattet sie, zieht den Duft von frischer Erde tief in sich ein. Harrt aus. Wartet. Hofft. Wärmt sich mit Tee. Tief innen. Wagt sich irgendwann wieder auf die Straße. Unter die Leute. Dünnhäutig. Vorsichtig. Mit zittrigen Beinen traut er sich den Weg quer durch die kleinen Seitenstraßen wieder zu. Bis zu dem Laden der Schneiderin, die exklusive Männeranzüge nach Maß herstellt. Mit diesen alten Sesseln, auf denen er noch nie gesessen hat und von denen er dennoch weiß, dass sie Geborgenheit schenken.

Und die kleine Glocke bimmelt, als er eintritt. Die Schneiderin lächelt, und er schließt die Tür und sagt, er sei jetzt wieder soweit.

„Wie immer?“, fragt sie und sieht ihn aufmerksam an. Direkt in die Augen.

Und er nickt.

„Was meinen Sie? Sollten wir die Maße nochmal nehmen?“, fragt sie und greift nach dem Maßband, das neben ihrer Nähmaschine auf dem Arbeitstisch liegt.

Er schüttelt den Kopf. „Es wird schon passen. Ich habe mich nicht sonderlich verändert.“

Und mit dieser unbeholfenen Geste öffnet er die große blaue Plastiktüte, die er mitgeschleppt hat. „Wo darf ich den Stoff ablegen?“, fragt er, und da ist Unsicherheit in seinen Augen.

Sie kommt hinter ihrem Arbeitstisch hervor, wirft einen schnellen Blick in die Tüte, streicht die Hand kurz durch ihr Gesicht, überlegt und holt dann einen großen, leeren Korb aus dem Nebenzimmer: „Hier müsste alles hineinpassen, was meinen Sie?“

Er leert die blaue Tüte in den Korb. Seine Arbeit der letzten Wochen liegt nun in diesem Korb. Er ist übervoll. „Es ist wunderschön“, sagt sie und hat dieses Glänzen in den Augen mit Blick auf den leeren Korb voller Inhalt, und sie verspricht ihm, sich zu melden, sobald sie fertig ist. „Es kann ein wenig dauern. Ich habe viel zu tun im Moment“, gibt sie zu bedenken und schaut ihm dabei ernst entgegen.

Er hat sich bereits gedreht zum Gehen und lächelt. „Ich weiß“, sagt er, öffnet die Tür und schließt sie wieder. Mit dem Bimmeln. Und nun weint er offen. Den ganzen Rückweg nach Hause weint er. Und es stört ihn nicht, dass die Leute schauen und dass er manchmal Geräusche macht. Es ist so eine Erleichterung in ihm. So eine Dankbarkeit. Es kann ein wenig dauern. Und dann wird er seinen neuen Anzug abholen. Exklusiv für ihn geschneidert. Er wird ihn tragen, und er wird ihn schützen. Ihn durch die Trauer tragen. Durch das Leben.

Bis der Wind kommt.

Und ihn wegreißt.

In diesem Herbst. Noch einmal. Noch zweimal. Oder erst im nächsten. Das kann niemand wissen.

© Mirjam Sarrazin

Narben

Wand mit unförmigem Riss

Ich arbeite als professionelle Entrümplerin. Ich habe schon als Kind gerne in fremden Kinderzimmern gebuddelt und sortiert und entsorgt. Gerne auch in meine eigenen Taschen. Kleinigkeiten. Glitzerkram. Den gab es nicht bei mir zu Hause. Der fehlte.

Ich habe vier große Brüder, und der Jüngste bekam mit neun Jahren Leukämie. Er hat diesen Monsterangriff überlebt, und anschließend kam ich als Nachzüglerin. Meine Eltern haben sich immer ein Mädchen gewünscht. Als ich dann da war, war irgendwie die Luft raus. Oder sie trauten dem Leben nicht mehr über den Weg.

Mein Vater ging mit seinem Betrieb pleite, wir lebten in einer zu kleinen Wohnung, und mein Lebensgefühl als Kind war diese ständige Enge in der Brust. Mich begleitete die Angst, zu lebendig zu sein. Aufzufallen. Irgendetwas Unbedachtes zu tun. Oder einfach zu viel zu tun. Zu tief einzuatmen und diese vakuumierte Welt zum Platzen zu bringen.

Mit 13 entwickelte ich Asthma. Meine Eltern meldeten mich aus Sorge vom Hip Hop ab, dem einzigen Ort, an dem ich frei atmen konnte, und aus Wut und Trotz begann ich zu rauchen und traf mich nun mit meinen Mädels hinter der Turnhalle bei den Garagen zum Rauchen und nicht in der Halle zum Tanzen.

Sobald ich konnte, zog ich aus. Ich konnte, weil ich einen Job an einem Marktstand annahm und sechsmal die Woche Obst verkaufte. Ich zog in ein winziges Dachzimmer mit Kochnische. Der Vermieter lebte im restlichen Haus, war dement und wurde regelmäßig von Pflegekräften betreut. Einer von ihnen bot mir das Essen an, das geliefert wurde und das mein Vermieter nie aß, und als Gegenleistung schenkte ich ihm Brombeerschnaps, den meine Oma vor ihrem Tod gebrannt hatte und der sich abgefüllt in kleinen Fläschchen nun neben Altpapier und Altglas in der Sechsquadratmeterküche meiner Eltern stapelte. Ich nahm immer Flaschen mit, wenn ich sie besuchte.

Ich strich das Zimmer pink. Auch die Decke. Ich dekorierte mit Glitzerkram, den ich auf Flohmärkten und Sperrmüllerkundungstouren fand. Ich ließ Stöcke von der Decke hängen und von diesen vergoldete Handspiegel, Edelsteine aller Art, paillettenbestickte Barbiekleider und sonstige, funkelnde Schätze.

Direkt neben dem Plastikkronleuchter installierte ich eine Diskokugel mitsamt Lichtanlage und lag zusammen mit dem Brombeerschnaps stundenlang auf meinem ausklappbaren Sessel. Trotz der räumlichen Begrenzung meines Zimmerchens fühlte ich mich wie in einem Palast aus Licht, Glitzer und Weite.

Eines Tages eröffnete mir der Mitarbeiter vom Pflegedienst, der mir regelmäßig Essen schenkte, dass er sich verabschieden wollte, er würde bei seinem Onkel in der Firma einsteigen, der sei Entrümpler. Sofort wurden meine Ohren heiß, und ich sah Räume voller Glitzer und Schätze vor mir. Kurzerhand fragte ich, ob sie einen Job für mich hätten. Einige Telefonate später durfte ich ein Praktikum machen.

Es gab selten Zimmer voller Glitzer und Schätze, und doch biss ich mich fest in diesem Job, in diesem Team und durfte bleiben. Bis heute fast zwanzig Jahre lang.

Wir entrümpeln alles. Private Wohnungen und Häuser, Betriebe, Schuppen, Kirchen, öffentliche Gebäude. Manchmal ist es sauber und aufgeräumt, manchmal gehen wir mit Schutzausrüstung und Atemmaske vor.

Arbeite ich mich alleine durch einen Raum, singe ich beim Arbeiten. Techno. Wir sortieren brauchbare Fundstücke aus, mein Chef übernimmt sie in seinen Second Hand Laden oder verkauft sie an die Sozialen Kaufhäuser. Ich suche immer noch nach Schätzen. Ich nehme nicht oft etwas mit, manchmal aber überkommt es mich, und wenn es niemand von den Kolleg*innen haben will, dann wandert es in meine Wohnung. Die nicht mehr pink ist und nicht mehr winzig, auch nicht mehr unter dem Dach, aber glitzert und sich freut über neue Verbündete.

Die Arbeit ist körperlich anstrengend und manchmal emotional herausfordernd, und am Ende bleibt immer leerer Raum. Eine offene Wunde. Die versorgt werden muss.

Ich trage stets Fertigspachtel bei mir, auch Nadeln und Faden in unterschiedlichen Stärken, und Farben habe ich in meinem Rucksack, in dem auch eine Rolle Vliestapete und Kleister zum schnellen Anrühren auf ihren Einsatz warten. Klebematerialien, Hammer in verschiedenen Größen, Nägel, Akkubohrer und Schrauben gehören zu unserer üblichen Arbeitsausstattung.

Am Ende des Tages mache ich mich ans Werk. Wenn die Räume leer sind, und meine Kolleg*innen einen letzten Kaffee trinken, bevor es zur Mülldeponie geht, beginne ich mit der Erstversorgung. Ich mache vorsichtige Schritte durch die Räume. Ich spüre die Betroffenheit, die Verletzungen. Unsere lauten Stimmen, unsere Arbeit, das gewaltsame Krachen der zerstörten Möbel, das Splittern von Glas hallen nach.

All das Leben der vergangenen Jahre, der Jahrzehnte, die Geschichten, die Geräusche und Gefühle finden sich in diesem Moment angestaut und in einem unangenehmen Ausmaß in der Luft.

Ich spüre das und beginne, mit den Räumen zu reden.

Ich spreche beruhigend und klar. So, wie ich es im Erste-Hilfe-Kurs lerne, den ich alle zwei Jahre auffrische. Ich spreche sie mit „Liebe Räume“ an. Ich sage den Räumen, dass sie es nun geschafft haben, dass es vorbei ist, dass sie sich jetzt erholen dürfen. Und hoffen.

Dann fange ich an.

Ich kitte kleine Stellen in den Wänden, schließe Bruchstellen in Fensterrahmen mit Kunststofffüllung. Ich streichle über zerstörte Tapeten, hämmere Fußleisten fest. Zeitaufwendig sind Stickereien auf Brandlöchern in Teppichböden. Manchmal reißen wir den Boden mit heraus. Dann bleiben Klebereste, und ich streue dezent Glitzer darauf. Minimal, nur einen Hauch. Das fällt niemandem auf und doch weiß ich, dass die Wohnung diese Zuwendung wahrnimmt.

Mit jedem Schritt, den ich mache, spüre ich die Entspannung des Gebäudes, der Wände, des Bodens, der Decken. Manchmal lassen wir Glühbirnen hängen, da es im Auftrag so gewünscht wird. Ich wische sie mit einem Tuch ab und klebe dann ein schlichtes Pflaster oben auf den Übergang zwischen Birne und Kabel. Auch das sieht niemand, und es beeinträchtigt die Funktionalität nicht. Den Birnen aber gibt es ein Gefühl des versorgt Werdens.

Es kommt vor, dass Gebäude abgerissen werden nach unserer Entrümpelung. Ich erkläre den Räumen den Vorgang. Manche sind dankbar, erleichtert, manche tieftraurig. Manche im Schock. Treppenhäuser tun sich schwer mit dieser Wahrheit, da sie sich ein Leben lang als verbindendes Glied erlebt haben. Sie haben über Generationen alles zusammengehalten, und nun werden sie ihres Jobs entledigt, auf brutale Weise. Das zu verarbeiten ist schwer.

Da das Gebäude abgerissen wird, stört niemanden mein Glitzer. Das ist der Part an meiner Arbeit, den ich insgeheim am meisten schätze. Denn er ist bitter nötig und bedarf einer schier unverschämten Menge an Glitzer. Ich stelle mich ganz nach oben in das Treppenhaus und verteile rund um mich herum Glitzer, den ich in Tüten mit mir trage. Auch Sprühglitzer in Lebensmittelqualität liebe ich, arbeite mich von oben nach unten vor und anschließend nach außen und sprühe traurige, eingefallene Wände, abgeblätterte, wackelige Treppengeländer und heruntergekommene Fassaden voll mit Silber und Gold und erweise meinen glamourösen letzten Dienst. Ich bedecke sie, umhülle sie mit Glitzer, mit Trost. Mit Schutz. Ich tanze dabei. Techno. Es ist, als flöge ich gemeinsam mit den Räumen davon.

Ich stelle mir vor, wie die Wunden beginnen zu heilen. Die Spachtelmasse trocknet, die Wände beruhigen sich. Glühbirnen schlafen ein, und der Boden zieht sich in sich und eine tiefe Entspannung zurück. Das Gewebe vernarbt. Es entsteht eine neue Stabilität. Innere Stärke. Ruhe. Eine Schutzhülle aus Narben. Sie braucht Pflege, Zuversicht und Glitzer. Einen Ort der Fürsorge. Ich nenne ihn Narbenzelt, und überall erkenne ich reißfeste Nähte aus Narbengewebe, das während der Integration dieses Verarbeitungsprozesses entsteht und mit jeder weiteren Zuwendung an Stabilität gewinnt.

Wenn ich fertig bin, packe ich alles zusammen. Ich wasche mir die Hände, verabschiede mich und ziehe die Tür zu. Dann fahren wir los, und nachdem mein Kollege mich zu Hause abgesetzt hat, wie er es immer tut, dusche ich ausgiebig, schlüpfe in Schlabberklamotten und lasse mich mit einer Packung Kekse auf den ausklappbaren Sessel fallen. Den ich habe oft nähen müssen in den letzten Jahren. Ich schalte meine Lieblingsserie ein, nehme mir die Salbe vom Regal und massiere das vernarbte Gewebe an meinen Füßen. Es ist mein Ritual, und es ist wie eine kurze abendliche Kommunikation mit meinem eigenen Narbenzelt. Ein sich des anderen Vergewissern. Ich fühle es stabil und sicher stehen, Stürmen und Unwägbarkeiten trotzen und mich sicher umhüllen.

Während ich massiere, laufen hinten in meinem Kopf Filme, wie der, in dem mein Vater brüllt und meine Mutter erstarrt, und wie ich als Kind-Ich sehe, wie der Topf mit dem kochenden Nudelwasser durch eine ungeschickte Bewegung meinerseits in Zeitlupe direkt vor mir vom Herd rutscht, und ich einfriere. Und mich frage, wo denn die Schmerzen sind. Und nur eines will. Hinkommen zu meinen Eltern. Mich vor meine Mutter stellen, als mein Vater ihr ins Gesicht schlägt. Und auf sie einprügelt. Und ich Blut sehe und meine Mutter schreien höre und im nächsten Moment den ganzen Boden voller Wasser und nicht verstehe, wie es dorthin gekommen ist. Und ich mich nicht bewegen kann. Und mir schwindelig wird. Und Nudeln vor meinen Augen tanzen. Die ich als Überraschung hatte kochen wollen in diesem Wasser. Für uns alle. In der Sechsquadratmeterküche, in die wir nicht zusammen passten, was nicht schlimm war, da wir sowieso nie gemeinsam Zeit verbrachten.

Hinten im Kopf spielen sich diese Filme ab und sie tangieren mich nicht mehr. Es sind Bilder. Es sind Geräusche. Es sind Gerüche. Es ist ich. Und Bestandteil meines Narbenzelts. Es gehört zu mir. Es sind Narben über die Wunden gewachsen und es ist Schutz daraus geworden.

Ich stecke mir einen Keks in den Mund, lasse die Serie an mir vorbeiziehen, spüre, wie ich entspanne. Feierabend. 19 Uhr 38 zeigt meine Kuckucksuhr, und manchmal stelle ich mir vor, wie eines Tages eine Entrümpelungsfirma auch meine Wohnung betreten wird. Ich habe eine Keksdose offen für sie im Regal stehen mit einem Gruß und meinem Wunsch, dass sie Techno hören während der Arbeit. Anstelle von Keksen sind vier Brombeerschnäpse darin und abgepackte Schokolade, die ich regelmäßig erneuere. Ich mag die Vorstellung, wie sie hier hereinkommen, sich einen Überblick verschaffen und dann loslegen. Sie werden sich wohl fühlen. Sie werden gerne hier arbeiten. Sie werden sich über all das Glitzer wundern, und sie werden eine Leichtigkeit spüren. Eine Geborgenheit. Automatisch werden sie durch den Eintritt in meine Wohnung mein Narbenzelt und seinen Schutz betreten, und es wird sie aufnehmen und durch den Tag begleiten. Am Ende werden sie anstoßen mit dem Brombeerschnaps und sich frei fühlen, zugehörig, verbunden. Ich kenne solche Entrümpelungen. In Wohnungen, in denen jemand Vorarbeit geleistet hat, im Einklang gelebt hat mit den Räumen. Das wünsche ich mir, dass die Entrümpelung meiner Wohnung sich so anfühlen wird.

Ich entdecke eine verirrte Fliege am Fenster. Ich öffne ihr die Balkontür und scheuche sie sachte und bestimmt mit einer Zeitschrift hinaus. Ich sage ihr, dass es woanders idealere Lebensräume gibt für sie, und dass wir uns vielleicht eines Tages wieder sehen.

Es ist gut, Hoffnung zu haben.

Es ist gut, etwas zu haben, um sich daran festzuhalten.

Und es ist gut, etwas Schützendes um sich herum zu haben. Eine gut umsorgte Wohnung mit Glitzer zum Beispiel. Und ein Narbenzelt.

(c) Mirjam Sarrazin

Aushalten II

Grashüpfer sitzt auf Blatt im Gras

Aushalten.

Wie eine Larve behutsam in der Hand halten.

Die sich entwickeln wird. Wachsen.

Aushalten. Gefühle tragen. Warten.

Sich entwickeln lassen. Vertrauen.

Eines Tages. Fast unbemerkt. Leise.

Mit einem Sprung. Es wird leichter.

Aushalten.

© Mirjam Sarrazin

Pluszeit

Schmetterling (Pfauenauge) sitzt auf Bambussichtschutz

„Verkaufe Pluszeit. Melden Sie sich umgehend. Oder später. Bezahlung je nach Auftrag“, sagst du und betonst jedes Wort. Du willst, dass ich alles genau höre und verstehe. Während du redest, deutest du mit beiden Händen einen kleinen Zettel an. Als würde er zwischen deinen Fingern auf deinem Schoß liegen. Du zeigst auf den unsichtbaren Zettel und erzählst, dass er dir aus dem Augenwinkel aufgefallen sei, als du im Supermarkt an der Pinnwand eine Wohnungsanzeige gelesen hättest. Jetzt lächelst du mich an, und das erste Mal seit Monaten sehe ich dich so lächeln.

Die Wohnung sei nichts für uns gewesen. „Zu klein“, erzählst du, aber diese Anzeige sei irgendwie hängen geblieben und du seist einige Tage durch den Alltag gelaufen mit diesen Worten im Kopf. „Umgehend. Oder später.“ Das habe dir imponiert. „Weißt du“, sagst du mit dieser nach oben deutenden Kopfbewegung, die du machst, wenn du auf Zustimmung hoffst. Ich nicke. Und schenke mir Wein nach.

„Ich muss dir das jetzt erzählen“, hast du den Abend eingeleitet, noch während du durch meine Tür geschlüpft bist. So als seien wir mittendrin gewesen im Miteinander. Und nicht auf Funkstille seit vier Tagen. Weil du einen Auftrag 300km weit weg hattest und dann noch sichten und sortieren und vergrößern und halt einfach arbeiten musstest. „Halt einfach arbeiten“, war auch dein Ausdruck, als wir noch darüber geredet haben, dass du nichts anderes mehr tust. Dass keine Zeit mehr bleibt für uns.

Jetzt sitzt du umständlich und hibbelig vor deinem vollen Glas Wein schräg neben mir auf meinem Sofa, und während ich mich darum sorge, dass du herunter fallen könntest vor lauter Konfusion in dir. In mir. In diesem Raum. Nach all den Monaten. Und jetzt so viel Lebendigkeit und Reden. Sprudelst du in dieser Mischung aus Überschwang und Verbindlichkeit. Als wären wir noch gut miteinander. So richtig gut. So wie wir waren.

„Ich habe dann beim nächsten Mal im Supermarkt bewusst nach dem Zettel geschaut. Er war in so einer krakeligen Handschrift geschrieben. Ganz anders als die Hochglanzanzeigen drumherum. Ich habe ihn gefunden, und erst habe ich echt gedacht, das ist bestimmt ein Spinner. Und trotzdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Während des Einkaufens. Ich habe sogar einige Sachen vergessen, und das passiert mir nie. Weißt du. Sowas passiert mir ja echt nie. Also habe ich beschlossen, ich ruf da an. Ich muss da einfach anrufen und wissen, was da angeboten wird. Also was soll das denn heißen, Pluszeit? Das habe ich mich echt gefragt. Weißt du.“

Du siehst mir direkt und mit diesen vorfreudigen Augen ins Gesicht. Ich nicke. Überhaupt nicke ich ständig an diesem Abend.

Du hast dann tatsächlich bei der angegebenen Festnetznummer angerufen. Das betonst du, dass es eine Festnetznummer gewesen sei, und dass das doch ungewöhnlich sei. „Wer hat denn noch sowas“, fragst du, schüttelst den Kopf, stehst auf und setzt dich neu hin. Drei Zentimeter weiter nach hinten. Du ziehst deine Socken zurecht, während du mir erzählst, dass dann diese tiefe Stimme zu hören gewesen sei. „Hallo?“, habe sie gefragt. Und du hättest in dein Handy gesagt, dass du auf die Anzeige anrufen würdest und mal nachfragen wolltest, was mit Pluszeit gemeint sei. Und dann sei einfach nichts passiert. Stille. Nicht einmal atmen sei zu hören gewesen.

Und du schaust mir ins Gesicht und deutest ein Achselzucken an und sagst, dass du in die Stille nochmal „Hallo?“ gefragt hättest und immer noch nichts gekommen sei. Das sei dir unheimlich gewesen, sagst du, und ich nicke und verstehe diesen Abend auf so vielen Ebenen nicht. Schließlich seist du ungeduldig geworden. Habest dich gefragt, was du da eigentlich machen würdest und wolltest auflegen. Da habe die tiefe Stimme gerufen: „Wunderbar. Wie schön, dass Sie anrufen. Haben Sie es jetzt verstanden?“

Jetzt schaust du mich wieder an, und deine Augen strahlen und du stellst das volle Glas Wein auf das Tischchen zurück, ohne daraus getrunken zu haben. „Ich war sauer in dem Moment. Du kennst mich. Sowas kann ich nicht leiden. So Spielchen.“ Und wieder nicke ich, und dieses Mal mischt sich auch bei mir ein Lächeln darunter. Mich durchzucken Erinnerungen an unsere Auseinandersetzungen zu Beginn unserer Beziehung. Weil ich eine Weile gebraucht habe, um zu verstehen, dass du Geheimniskrämereien nicht abkannst. Da verstehst du keinen Spaß.

„Er hat mir dann gratuliert. Echt. Er hat gesagt „Ich gratuliere Ihnen“. Sie haben jetzt das erste Mal meinen Dienst in Anspruch genommen. Mit seiner Pluszeit meinte er. Weißt du. Dieses Warten auf eine Antwort. Diese ruhigen Minuten. Das wäre doch unerwartet aufgetauchte Zeit gewesen. Und genau um solche Erfahrungen gehe ich es in seinem Angebot.“

„Und weißt du“, schaust du mich an. „Das war echt abgefahren. Ich finde sowas absolut unmöglich, aber in dem Moment habe ich einfach nur gedacht, stimmt.“

Um deine Überzeugung zu untermalen, hältst du deine Hände vor dich, die Handinnenflächen nach oben und schüttelst den Kopf. „Is‘ doch krass, oder? Ich habe das echt so gedacht. Der hat mich mit was gekriegt, was ich überhaupt nicht leiden kann. Mich einfach ausgetrickst. Und mir das dann fett aufs Brot geschmiert. Einfach indem er einige Minuten hat vergehen lassen, bis er am Telefon geantwortet hat.“

Ich nicke. Und fühle mich unwohl.

Du redest weiter. Betonst, dass du in diesen Minuten des Telefonats ganz raus warst aus dem Alltag. „Wie aufgetaucht“, sagst du. „Da war mal alles nicht mehr so viel und so hektisch und so voller Anforderungen und Verpflichtungen. Nicht mehr so grau und verhangen.“

Und während du redest und immer begeisterter wirst, schrumpfe ich. Sacke in mich zusammen auf meinem Sofa und beobachte mich dabei. Wie ich das Glas Wein leertrinke, nachschütte. Mich fehl am Platz fühle.

Ich werde erst wieder wacher und klar, als du erzählst, dass ihr euch verabredet habt.

„Ihr habt euch getroffen?“, frage ich und höre Unsicherheit in meiner Stimme und spüre dieses dumpfe Ziehen im Bauch.

Du nickst. Einfach so. Gedankenverloren. Du schaust nicht einmal auf dabei. Schaust mich nicht an. Du denkst dir nichts dabei.

Du erzählst, wie ihr euch vor dem alten Café in der Marktstraße verabredet habt, und er eine aktuelle Tageszeitung dabei gehabt habe. „Da, nehmen Sie die erste Wohnungsanzeige, auf die Ihr Blick fällt. Die schauen wir uns an, sobald wir einen Termin kriegen.“ Du holst Luft und willst weiter erzählen und, es ist das erste Mal an diesem Abend, dass ich mich aufgerichtet und dich unterbrochen habe, und doch kommt es nicht bis zu dir durch. Zunächst. Dann hältst du inne. Schaust mich wieder an und fragst: „Was hast du gesagt?“

Ich sage, dass ich angemerkt habe, dass ihr euch getroffen habt, und dann sage ich, dass es mich irritiert. Dass du mir bisher nichts davon erzählt hast.

„Wieso?“, fragst du und sagst es mit diesem abwesenden Blick. „Getroffen halt“, sagst du und mir ist schlecht vom Wein. Ich lasse dich jetzt reden. Weitererzählen. Mit dieser Zufriedenheit in deinem Gesicht. Und diesem Druck in meinem Bauch. Lasse deine Worte an mir vorbei ziehen.

Wie du dir in seiner Zeitung eine Wohnungsanzeige ausgesucht hast am Stadtrand, und wie ihr dort angerufen habt und einen Besichtigungstermin verabreden konntet. Und hingefahren seid mit der Bahn. Und du dir eine Identität für dich ausdenken solltest. Wie ihr daran gefeilt habt unterwegs. Bis du am Ende einen Vornamen, einen Beruf, ein Alter und eine Idee von deinem Auftreten hattest. Und dir dann eine herunter gekommene Zweizimmerwohnung angeschaut und Begeisterung gespielt hast dieser Immobilienfrau gegenüber. Einfach so. Weil du Pluszeit gebucht hattest. Bei diesem Typ. Der dich nicht begleitet hat in die Wohnung, wie du erzählst. Das sei ja deine Zeit gewesen.

Ich werde so müde, während du redest. Ich verstehe, dass Pluszeit bedeutet, Zeit zu kreieren, die normalerweise nicht vorgesehen war. Sich was ausdenken. Was erschaffen. Ich komme nicht einmal bis zu dem Gedanken, dass ich dieser Idee unter anderen Umständen etwas abgewinnen könnte. Es ist, als fänden meine Gedanken nicht zueinander, als fehlten die Verknüpfungen. Ich verstehe nicht, worum es hier gerade geht, und dieses Gefühl begleitet mich seit Wochen bei unseren Treffen. Während wir essen, was gucken, schlafen, duschen, spazieren, einkaufen. Für das meiste hattest du keine Zeit. Keinen Sinn. Keine Ruhe. Entfremdet höre ich deine Worte und denke daran, dass ich die Blumen in deiner Wohnung gießen möchte.

„Sie hatte einen Balkon, die Wohnung, da sind wir auch drauf gegangen. So einen Kleinen mit einer geschlossenen Betonummantelung und Waschbetonplatten. Da war nichts schön. Da schaute man direkt auf eine andere Häuserwand.“ Du siehst mir ins Gesicht. Ich lächle müde. Angestrengt. Kurz denke ich, jetzt merkst du, dass ich längst abgeschaltet habe. Du merkst es nicht. Holst Luft. Redest weiter. „Aber auf der einen Seite. Da stand so ein alter Sichtschutz aus Bambus. Und davor in so Balkonkästen blühte Minze. Und da saß…“

Und wieder hältst du inne. Und jetzt strahlst du. Und hast rote Wangen, und etwas pikst tief innen in meinem Bauch. Und erneut machst du diese Geste mit den nach oben liegenden Handinnenflächen und setzt dich nochmal wieder neu hin.

Näher zu mir. „Da saß ein Schmetterling.“ Und in dein Strahlen mischt sich dieser Blick. Tief in deinen Augen. Der mich berührt. Plötzlich. Endlich. Und ich sehe Tränen in deinen Augen. Und im nächsten Moment frage ich mich, ob ich es mir eingebildet habe. Du schaust nach unten. Dann wieder nach oben. „Wirklich. Da in diesem ganzen Beton ein Pfauenauge“, sagst du und schüttelst mit dem Kopf. Fassungslos. Und doch ist der Moment vorbei. Die Lebendigkeit ist verschwunden aus deinem Blick. Wie ein flüchtiger Wind war da für einen Moment dieses Band zwischen uns. Dieses vertraute Band.

„Schmetterlinge sind meine Lieblingstiere, habe ich der Immobilienfrau gesagt. Und das ist ja echt so. Also da haben sich meine Rolle und mein Ich irgendwie vermischt, und das war das, was ich später gedacht habe, als ich dann wieder zurück im Atelier war und gearbeitet habe und die Fotos von der Hochzeit durchgeschaut habe, die ich am Tag zuvor aufgenommen hatte. Dass das so ineinander verschwommen ist. Meins. Und das, was ich mir ausgedacht hatte für diese Pluszeit. Wie er sie ja nennt. Und das war wirklich beeindruckend, wie sehr mir das so ein Gefühl von Auszeit und Pause vom Alltag verschafft hat. Wie es zu mir durchgekommen ist.“

Gedankenverloren siehst du jetzt zum Fenster, vor dem es dunkel geworden ist.

Ich wage es fast nicht zu fragen. Alles ist irreal. So konfus. Ich spüre Rührung und doch bin ich unruhig. „Wie hast du ihm das bezahlt?“

Immer noch mit dem Blick zum Fenster sagst du beiläufig: „Mal so, mal so. Für dieses Wohnungsding hat er mich um zehn Euro gebeten. Ein anderes Mal wollte er eine Packung Kaffee. Und einmal eine Salbe aus der Apotheke.“

„Ihr habt euch öfter getroffen?“, sage ich mehr, als dass ich es frage, und ich fühle Erschütterung, und deine Reaktion bleibt aus. Die Unsicherheit ist jetzt überall in mir. Ich bin Irritation, Trauer und Wut. Seit Monaten leben wir nebeneinander her. Ich komme nicht an dich heran. Du vergräbst dich in deiner Arbeit, in deinem Atelier. Manchmal schläfst du dort auf dieser Couch im Eingangsbereich, weil es sich in deinen Augen nicht lohnt, nach Hause zu gehen. Zu dir. Oder zu mir. Das ist irrelevant. Ich weiß nicht, wie du das machst, mit dem Schlafen dort. Es ist steinhart und schmal. Wenn ich danach gefragt habe, hast du dir gar nicht die Mühe gemacht, es mir zu erklären. „Halt einfach schlafen.“ Das war deine Antwort. „Halt einfach arbeiten.“ Immer das gleiche. Ich habe dir den Rücken freigehalten. Woche um Woche. Habe an eine Phase geglaubt. An wichtige Aufträge. Daran, dass es entscheidend sei, all das, für deine Zufriedenheit. Dein Gefühl von Erfolg. Und sich einen Namen machen in der Branche. Sowas wie den Durchbruch schaffen schwebte mir vor. Bis es sich schief anfühlte. Es war keine Phase, kein Durchbruch. Es war ein Steckenbleiben. Ich habe mir Sorgen gemacht, habe gekocht für dich, obwohl du stets zu spät kamst und den Teller nach wenigen Happen beiläufig zur Seite schobst. Habe eingekauft für dich. Ich habe in deiner Wohnung aufgeräumt und deine Mutter vertröstet, wenn sie uns zum Essen einlud und du mir unwirsch sagtest, dass du das nicht aushalten würdest, mit ihr an einem Tisch zu sitzen, während du dich so inkompetent, so bedeutungslos, so wenig erfolgreich fühlen würdest wie aktuell. Ich habe auf dich gewartet. Mal tatsächlich, mal im übertragenen Sinn. Habe darauf gewartet, dass du wieder aus dir heraus kommen würdest. Aus diesem Kokon aus Arbeit und Schutz und Mauer. Du wurdest müder. Und unzufriedener. Grauer. Meine Lösungsvorschläge wolltest du nicht hören, meine Aufheiterungen machten dich aggressiv.

Unsere Gespräche liefen immer gleich. Zunächst war ich irritiert über deine Vehemenz, dass das jetzt alles genau so müsste. Und nicht anders. Dass das jetzt eben so sei. Genau so. „Halt einfach arbeiten.“ Dann kam meine Wut. Es war kein Durchkommen zu dir. Mich hattest du vergessen. Uns. Es ging um irgendwas anderes, dachte ich. „Es geht um nichts anderes. Ich will einfach arbeiten“, schriest du mich an, und da setzte die Trauer ein bei mir. Ich fühlte mich ausgeschlossen und hilflos. Ich vermisste dich. Spätestens an dem Punkt beendetest du das Gespräch. Brachst aus. Genauso wie du ins Gespräch gestartet warst. Gedankenverloren. Gefühlskalt. Starr. Weit weg. Als sei es nicht dein Gespräch.

Ich schluckte das alles herunter. Ich hielt mich daran fest, dass es vorbei gehen würde, und daran, deine saubere Wäsche gefaltet in deinen Schrank zu räumen. Deine Blumen zu gießen. Den Vögeln auf deiner Fensterbank Vogelfutter auszustreuen.

Als hättest du deine Wahrnehmung vor einigen Monaten umgestellt. Nach innen. Und ließest alles abprallen.

Jetzt redest du ohne Unterbrechung. Berichtest von einer Pluszeit, die dir besonders gut gefallen habe. Da hättet ihr euch am Busbahnhof getroffen. Du habest dir eine Buslinie aussuchen sollen, mit der du noch nie gefahren seist. Mit der seid ihr dann zwanzig Minuten unterwegs gewesen, gemeinsam ausgestiegen und er habe sich verabschiedet mit den Worten: „Die Rückfahrt gehört Ihnen allein. Genießen Sie diese Pluszeit.“ Du habest festgestellt, dass du dich schon wirklich lange nicht mehr durch fremde Straßen habest kutschieren lassen. Es sei wunderbar gewesen. So neu und erfrischend. „Einfach Zeit zum Nichtstun. Wie im Urlaub“, schließt du und lächelst, und deine Wangen glühen.

„Ihr habt euch also öfter gesehen?“, wiederhole ich meine Frage und parallel zu der Irritation in deinen geweiteten Augen bewegst du reflexartig deinen Oberkörper ein Stück von mir weg. „Bist du etwa eifersüchtig?“ Du stierst mich an.

Und in diesem Moment. In dem du das fragst. In diesem Moment halte ich es nicht mehr aus und stehe ruckartig auf, und dabei fällt dein unberührtes Weinglas vom Tisch und mit dem Klirren und deinem erschrockenen Begleitlaut höre ich diese Stille der letzten Monate plötzlich überall in diesem Zimmer. Fühle mich eingeschlossen von ihr. Zum Zerplatzen angespannt. Kann nichts mehr herunterschlucken. Gehe über die knarzenden Holzdielen, öffne die Balkontür, trete hinaus in die Nacht, schließe die Tür von außen, in der Hoffnung, nicht verfolgt zu werden von dieser erdrückenden Stille. Und weine. Vor Wut und Trauer. Und Irritation und Unglaube, dass du mir seit Monaten nichts erzählst von dir. Von deinem Leben. Während ich warte und mich sorge und hoffe. Und keine Chance gehabt habe, dir zu helfen, dir nahe zu sein.

Verzögert kommst du auf den Balkon. Lässt die Tür offen. Stehst plötzlich nah hinter mir. Und leise hoffe ich so sehr auf etwas Verbindendes jetzt. Etwas Versöhnliches. Was du sagst oder ich mache. Dass einfach irgendwie passiert. Stattdessen zischst du mir ins Ohr. „Also echt eifersüchtig? Verdammt. Der Typ ist an die 70.“ Und dann schweigst du wieder, und in mir bricht etwas auseinander. Weil du auch jetzt nicht verstehst, wie sehr du mir fehlst. Und worum es mir geht. Und dann höre ich, dass du schluchzt. „Aber dieser Schmetterling. Das war echt das Schönste, das mir in den letzten Monaten passiert ist. Der hat was freigemacht in mir.“ Und lauter ergänzt du: „Und das machst du mir nicht kaputt.“ Und dann gehst du. Du gehst. Verlässt meine Wohnung. Und ich kann es nicht fassen. Ich suche dich im Schlafzimmer. Im Bad. In der Küche, obwohl ich es weiß. Du bist gegangen.

Ich fühle mich zittrig, schlüpfe in die Schuhe, drehe eine Runde durch die dunklen Straßen, versuche die Küche aufzuräumen und dabei klare Gedanken zu finden, liege wach, schlafe kurz und unruhig und stehe im Morgengrauen auf. Mit diesem Gefühl. Mit diesem Kloß im Hals. „Jetzt also ein Schmetterling“, sage ich meinem Spiegelbild im Badezimmer und denke: „Jetzt also ein Schmetterling.“ Der hat dir also geholfen. Und ich habe deine Augen gesehen gestern Abend. Dein Schluchzen gehört. Ich habe dich fühlen können gestern Abend. Und kurz ein Kribbeln bei mir. Weil es das erste Mal seit Monaten war, dass da überhaupt etwas war. Ausgelöst durch diesen Schmetterling. „Schmetterling“, spreche ich meinem Spiegelbild verlangsamt und deutlich jede Silbe vor. Und wiederhole es. Ich denke daran, wie ich dich das erste Mal gesehen habe. Auf dieser Bank. Und wie wir uns unterhalten haben. Über das richtige Licht zum Fotografieren. Da wusste ich noch nicht, dass du dein Geld damit verdienst. Während ich mit Zahnpasta einen Schmetterling auf den Spiegel male, werden Bilder wach in mir. Von uns. „Wenn ich alles beiseite schiebe und nur sehe, dass du extra gekommen bist, um mir von diesem Schmetterling zu erzählen. Und wie aufgeregt du warst. Also wenn ich mir nur diesen Ausschnitt heran zoome, dann hat dieser Schmetterling etwas geschafft, was mir nicht gelungen ist. Also das muss ich so sagen“, erzähle ich dem Zahnpastaschmetterling. Und es kribbelt in meinem Bauch. Du und ich. Schmetterlinge im Bauch. So sagt man das, und ich stelle mir das vor, wie dein Schmetterling jetzt in meinem Bauch flattert. Etwas geschaffen hat. Diese Verbindung wieder hergestellt. Für einen kurzen Moment. In diesem Raum. Wie es wieder lebendig wird. Bei dir. In dir. Mit uns. Innig. Verbunden. Miteinander.

Da hat dich was berühren können. Und in meinem Körper breitet sich das Kribbeln aus. Wie über einen Geheimweg hast du dich berühren lassen. An mir vorbei. Und doch bis zu mir hinein. Schmetterlingswege. Flügelschlagen bis tief in uns hinein. Vielleicht gibt es da diesen Raum, den wir beide in uns haben, und nun gibt es einen Zugang. Das schaffen wir doch. Da können wir uns doch treffen. Du hast diesen Weg gefunden. Und wolltest mich mitnehmen. Ich nicke dem Schmetterling und meinem Spielbild zu. „Ich komme“, sage ich.

An diesem Tag fahre ich zur Arbeit, und da ist ein neues Gefühl. Ein Gefühl von Schmetterling. Ich schreibe dir eine Nachricht: „20 Uhr Essen bei mir.“ So wie ich das immer mache, wenn ich uns was koche. Und schicke noch eine Nachricht hinterher: „Freue mich auf deinen Schmetterling. Tut mir leid wegen gestern. Habe festgehangen.“

Du antwortest zwei Stunden später mit einem Daumen-hoch-Smiley. So wie du das immer machst. Und dann schickst du noch eine Nachricht hinterher. Mit einem kleinen Schmetterling.

Und abends, als ich koche, weiß ich, dass es sein wird, wie es immer war in den letzten Wochen. Ich werde das Essen auf den Tisch stellen, du wirst zu spät kommen. Du wirst müde sein und abgeschaltet, und du wirst den Teller nach wenigen Happen beiläufig zur Seite schieben. Wir werden in keine Unterhaltung finden, weil deine Konzentration nicht reicht, und ich werde mich traurig und leer und hilflos fühlen. Und zu viel Wein trinken.

Der einzige Unterschied wird sein, dass jetzt auf dem Tisch Minze in einem Topf wächst, die ich auf dem Heimweg gekauft habe und die irgendwann blühen wird. Und dass ich jetzt weiß, dass es diesen Schmetterling gibt, der dich berühren konnte. Und der den Zugang kennt zu diesem Raum. In dem du lebendig bist. In dem die Hoffnung wohnt. Und unsere Verbundenheit. Den du gefunden hast über diese krakelige Anzeige, einen gewöhnlichen Schmetterling und diesen kuriosen Weg.

Ich werde die Minze anschauen heute Abend. Mich festhalten an ihr. Und den Mut haben, daran zu glauben, dass es wieder anders werden wird. Und zu dir sagen, dass das bei dir gerade vielleicht mehr ist als nur eine kleine Schaffenskrise. Und Geheimwege und Zugänge braucht. Die du sicher findest. Vielleicht mit Unterstützung. So wie eben den Schmetterling. In dieser Zeit, die nicht vorgesehen gewesen ist.

© Mirjam Sarrazin

Glück

Viele Kleepflanzen, wenige Blüten

Ich entdecke ein Feld aus Klee,

bleibe stehen. Unentschieden.

Soll ich suchen?

Glück wäre schön.

Doch gehe weiter.

Und am Himmel ein Regenbogen.

© Mirjam Sarrazin

Loslassen

Reife Brombeere an einer Brombeerhecke

Es ist 15 Uhr und sechs Minuten, als er in der Küche vom Stuhl aufsteht und in den Flur geht. Dort sieht er, wie sie sich die Sommerjacke überzieht. Vor ihr stehen die beiden Rollkoffer, die sie vor elf Jahren für ihre Flugreise gekauft haben. Im Jahr darauf haben sie sich ein Wohnmobil angeschafft, eine Leidenschaft entwickelt und nie wieder anders Urlaub gemacht.

Der eine Rollkoffer gehört ihr, der andere ihm. Das geht ihm durch den Kopf, als er fragt: „Wo willst du denn jetzt hin?“, und sie nicht antwortet. Und er weiß, dass die Antwort auf diese Frage keine Relevanz hat. Was bleibt, sie geht.

Mit gepackten Koffern. Mit zwei gepackten Rollkoffern, die einst ihr und ihm gehörten. Diese Besitzverhältnisse haben sich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation aufgelöst. „Nimm gerne meinen Koffer auch“, denkt er und ärgert sich über sich.

Sie konnten nie miteinander sprechen. Sie haben es trotzdem gut bewältigt, das Zusammenleben. Findet er. Und stampft unbemerkt mit dem Fuß auf. Wie er das schon als Kind gemacht hat.

Sie öffnet die Haustür, und er fragt sich, wie sie beide Rollkoffer durch die enge Haustür manövrieren wird. Wie selbstverständlich greift sie nur nach einem. Nach seinem. Zieht ihn hinter sich her, über die kleine Schwelle. Über die sie vor einigen Jahre gestolpert ist und zum Glück auf ihn fiel. Sonst wäre womöglich etwas passiert. Das erwähnen sie immer mal wieder, wenn sie nach Hause kommen. Und seufzen. Gekommen sind. Seufzt er.

Den zweiten Rollkoffer lässt sie zunächst stehen, öffnet das quietschende Törchen des Vorgartens. Reflexartig greift er nach dem hinterbliebenen Koffer. Nach ihrem. Spürt den kühlen Griff in seiner überhitzten Hand. Zieht ihn hinter sich her. Und denkt daran, den Haustürschlüssel mit dieser automatisierten Geste mitzunehmen. Trägt den Schlüssel über die Schwelle, zieht den Koffer. Öffnet das Törchen, das hinter ihr zugefallen ist. Stellt ihren Rollkoffer neben seinen und fragt sich, wie es jetzt weiter geht. Und unterdrückt sein drängendes „Wo willst du denn hin?“ Ohne es loszuwerden. Aus seinem Kopf.

So sei er. So festgefahren. Das hat sie ihm gesagt. Manchmal hat sie darüber gelacht. Manchmal hat es sie wütend gemacht. Auch verzweifelt. Und jetzt geht sie also.

Sie geht.

Und wie jetzt weiter? Er fragt das nicht. Er schweigt, und in ihm ist es laut.

Und dann kommt ein Taxi und hält vor ihnen. Vor den Rollkoffern, die jetzt beide ihr gehören. Sie muss es gerufen haben. Ein junger Taxifahrer steigt schwungvoll aus. Kommt um den Wagen herum. „Guten Tag junger Mann.“ Das würde er jetzt sagen. Wenn es seine Taxifahrt und sein Rollkoffer wären.

Mit stummen Augen verfolgt er das Geschehen. „Guten Tag“, grüßt der Taxifahrer, und seine Augen fragen, ob die Rollkoffer eingeladen werden sollen.

„Bitte, ja.“ Sie antwortet, und sie wirkt, als habe sie nie etwas anderes getan. Er bewundert sie dafür. Bis heute. Diese Lebendigkeit. Die Souveränität. Er konnte atmen an ihrer Seite.

Sie steigt ein, während der Taxifahrer die Rollkoffer im Kofferraum verstaut. Sie vertraut, dass das läuft. Der Taxifahrer schlägt den Kofferraum zu. Und sie die Beifahrertür neben sich. Vor ihm. Zwischen ihnen. Sie schaut nach vorne. Dann nickt sie ihm zu, ohne ihn anzusehen. Durch das geschlossene Fenster.

Der Fahrer geht um den Wagen, hebt die Hand, grüßt, steigt ein. Selbstverständlich.

Und fährt los.

Sie fährt ab.

Mit den Rollkoffern.

„Wo willst du denn jetzt hin?“, flüstert sein Mund die Worte. Dem Taxi hinterher.

Dann geht er ins Haus. Die Haustür ist offen. Er hängt den Schlüssel an den Haken, schließt die Tür. Setzt sich auf den Stuhl in die Küche. Schaut auf die Uhr. 15 Uhr 21. Zeit für Tee.

Er steht auf, befüllt den Wasserkessel, stellt ihn auf den Herd, schaltet die Platte ein.

Setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Sieht hinaus in den Garten. Brombeeren. Heute wollten sie den ersten Schwung Marmelade kochen in diesem Jahr.

Sie hatte gestern die Gläser ausgekocht, die sich auf Ablagen und Küchentisch stapeln.

Er gießt Tee auf. Er nimmt seine Teetasse vom Haken über der Spüle. Neben dem Haken mit ihrer Teetasse. Er hängt seine Tasse zurück.

Der Tee dampft in der Kanne auf dem Tisch neben den abgekochten Marmeladengläsern.

Er schlüpft in seine Gummistiefel an der Terrassentür. Dabei stößt er gegen ihren linken Stiefel, der wackelt und umkippt.

Er öffnet die Tür, tritt auf die Terrasse. Es hat heftig angefangen zu regnen. Einer dieser plötzlich einsetzenden Sommerregen. Er atmet die feuchte Luft ein. Lässt die Schultern fallen, geht quer durch den Garten zur Brombeerhecke, stellt sich in Position und beginnt zu pflücken. Die große Schüssel in der Hand. Eine saftige Beere nach der anderen nimmt er vom Strauch. Hebt Blätter an, zieht Ranken vorsichtig zur Seite, sucht alles ab. Überraschend Große hängen oft versteckt im Dunkeln. Er zerkratzt sich die Hände, die Unterarme. Manchmal packt ihn die Hecke in den Haaren und lässt erst nach einem Moment des Schreckens wieder los.

Er trägt gerne Handschuhe bei der Gartenarbeit. Beim Bolzen als Kind musste er ins Tor, weil die anderen auf dem Feld schneller und geschickter waren als er. Irgendwer lieh ihm Handschuhe, nach denen er sich zu Hause nicht zu fragen wagte. Mit den Handschuhen war er wer. Wie verwandelt. Er machte akrobatische Bewegungen im Tor. Sprang, drehte sich, wirbelte herum, kickte in die Luft. Stark, anmutig. Und ließ jeden Ball durch. Er war nicht bei der Sache. Er musste die Handschuhe wieder abgeben und spielte zwei Sommer lang mit den Mädchen unten am Bach.

Er mag dieses Gefühl von schweren Handschuhen. Sie machen ihn leicht. Verwandeln ihn. Für einen kurzen Moment. Brombeeren aber pflückt er ohne. Er möchte keine zerdrücken. Jede einzelne sorgsam in die Schüssel legen. Bis keine mehr da ist. Keine, die reif ist. An guten Tagen nannte sie ihn akribisch, an weniger guten pingelig, und an vielen sprach sie gar nicht, und er hörte dennoch ihre Worte. Verstockt, vertrocknet, erstarrt. Auch jetzt hört er sie, als er Beere um Beere abnimmt und in die Schüssel legt. Manche springen ihm entgegen, so reif sind sie.

Es regnet in Strömen. Er ist pitschnass. Durchgeweicht. Die Brombeeren weinen.

Dann rutscht ihm eine aus den Fingern und fällt zu Boden. Der dunkle Saft haftet an seiner Hand. Er hält inne. Überall Wasser. Er kann den kochenden Brombeersud schon riechen. Er weckt dieses Gefühl in seinem Bauch. Und diese Frage. „Wo willst du denn jetzt hin?“

Ihm wird kalt. Plötzlich schmerzen die Brombeerkratzer auf der Hand. Plötzlich ist sein Magen leer vom nicht getrunkenen Tee. Plötzlich ist alles anders. Was vorher war. Irgendwas hat sich verändert, denkt er, da ruft der Nachbar von seiner überdachten Terrasse herüber: „Nanu, im Regen bei der Arbeit?“

Er sieht kurz auf von der Hecke, nuschelt etwas Unverständliches. Er hat das lange geübt. Worte suggerieren, wo keine sind. Der Nachbar schließt die Terrassentür. Das kann er hören. Er ist jetzt drinnen und berichtet seiner Frau. Das weiß er, ohne hinzuschauen, und er macht diese kleine Stampfbewegung mit dem Fuß. Wie damals, als er dieses kleine Kerlchen in kurzen Hosen und Widerstand zwecklos war. Und dann nimmt er eine saftige Beere vom Strauch. Eine besonders große. Eine, die gemalt sein könnte. Ein Kunstwerk. Süß und köstlich. Und er hält sie im Pinzettengriff direkt vor sein Gesicht. Schaut zu, wie der Regen an ihr abperlt. Und er lässt los. Schaut zu, wie sie auf der dunklen Erde aufkommt. Nicht platzt. Nicht matscht. Nur aufkommt. Liegen bleibt. Still. Das sieht er sich an. Einfach so. Jahrelang hat er penibel Beere um Beere gepflückt, verkocht. Nun hat er eine fallen gelassen. Wo sie liegen bleibt.

Irgendwas ist anders geworden, denkt er und nimmt die Schüssel in beide Hände und geht ins Haus. Streift die Stiefel achtlos ab, stellt die Schüssel ins Spülbecken unter die hängenden Teetassen. Er mag jetzt nicht mehr pflücken. Es ist so ein Unmut in ihm. Er setzt sich auf seinen Stuhl, schaut nach draußen in den Regen, und der Himmel wird schon wieder heller. Da hängen noch reife Brombeeren an der Hecke, und er sitzt hier und möchte nicht mehr. Das ist neu. Das kennt er nicht.

Er befühlt die Teekanne, und sie ist noch warm. Er steht auf, um sich seine Teetasse zu holen. Stoppt auf halbem Weg, dreht sich um und schlüpft in die matschigen Gummistiefel, öffnet die Terassentür und läuft zur Brombeerhecke. Erneut pflückt er eine Beere. Einfach eine. Irgendeine, die reif ist. Hält sie sich vors Gesicht. Und lässt los. Schaut, wie sie landet.

Er kehrt zurück in die Küche. Gleicher Ablauf wie zuvor. Jetzt wird der Regen deutlich weniger. Er stellt sich vor, wie Vögel kommen und auf dem Zaun an der Hecke landen. Mit ihren eleganten Vogelfüßen geschickt im Zaun krallen und die reifen Früchte picken. Vor allem sind es Krähen, die er sieht. Wie sie sich gesellig über die Mahlzeit hermachen. Würmer erhoffen, Flüssigkeit aufnehmen, süßen Brombeersaft schmecken.

Sollen sie. Denkt er. All die Jahre hat er ihnen nichts gelassen. Sollen sie sich bedienen. Und er stellt sich vor, wie sie die Beeren verdauen und mit ihrem Kot aus der Luft in der Gegend verteilen.

Er kocht die gepflückten Brombeeren ein. Die Eingefrorenen taut er nicht auf. Er fühlt sich erschöpft, bereitet sich ein schlichtes Abendbrot zu, sieht ein wenig fern und geht früh zu Bett. Er schläft. Traumlos. Als er aufwacht, zieht es ihn raus in den Garten. Die klare Luft atmen. Und zu den Brombeeren. Er nimmt eine, sagt „Guten Tag“. Und lässt sie fallen.

So vergehen die Tage. Ohne sie. Nachdem sie gegangen ist. Er macht weiter. Er trinkt Tee. Obwohl etwas anders geworden ist. Und jeden Morgen nach dem Aufstehen geht er in den Garten und pflückt eine Brombeere. Und lässt sie los. Der Rest bleibt für die Vögel. Die ihren Kot verteilen. Vielleicht auch dort, wo sie gerade spazieren geht, denkt er, als der Nachbar auf der Terrasse auftaucht: „Nanu? Schon so früh unterwegs?“

Sie hat sich nicht gemeldet bei ihm. Seitdem das Taxi kam. Und sie mitnahm. Und seinen Rollkoffer. Seitdem er in einem Haus voller Paare lebt. Gummistiefel, Teetassen, Betten.

Heute pflückt er eine Brombeere von ganz unten, hält sie vorsichtig zwischen seinen Fingern und spaziert die Straße hinunter, an dem Maisfeld vorbei, zu der kleinen Brücke. Er schaut zum Wasser hinunter. Wie es glitzert und fließt. Hält die Brombeere hoch, schaut sie an und lässt dann los. Gerade fällt sie hinunter ins Wasser, verschwindet, und er denkt daran, wie er mit seinem Sohn dieses Spiel gespielt hat, als dieser noch klein war und in der Karre saß und alles runterschmiss. Das Stück Brot, den Haustürschlüssel, den Schnuller, das Stofftier, das rote Spielzeugauto. Er hat es wieder aufgehoben. Auch beim siebten oder zehnten Mal. Er mochte dieses Miteinander. Erst später hat er erfahren, dass alle Kinder das machen. „Sie üben Loslassen“, denkt er und malt sich aus, wie Fische seine Brombeere finden und anknabbern. Wie einer von ihnen geangelt wird flussabwärts am Steg und mitsamt des Brombeerstückchens in eine Küche getragen wird. Vielleicht in die, in der sie gerade isst. Oder seufzt.

Am nächsten Morgen nimmt er ihre Teetasse vom Haken über der Spüle, geht mit ihr zur Brombeerhecke und befüllt sie randvoll mit den saftigen Beeren. Anschließend kehrt er zurück ins Haus, streift sich die Gummistiefel ab, läuft nach vorne zur Haustür, achtet auf die Schwelle und den Haustürschlüssel und stellt dem Nachbarn die volle Tasse auf Socken vor die Tür. Der Stachelbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren und einen alten Baumbestand hat. Aber keine Brombeeren. „Nanu? Was machen die Brombeeren vor meiner Tür“, wird er vielleicht sagen. „Ich übe“, würde er antworten, denkt er, als er auf seinem Stuhl in der Küche sitzt und in den sonnigen Garten schaut. Zu den Krähen.

Loslassbrombeeren.

© Mirjam Sarrazin

Klimakrise

Tomatenpflanze mit einer Blüte

Wenn ich Tomatenpflanzen rieche, denke ich an meinen Balkon, an Balsamico Essig und an Basilikum. In mir entsteht ein Gefühl von Geselligkeit, von gemeinsam in kleinen Küchen kochen, und ich denke an Rotwein. Und neuerdings an Frau Dima. Und auch Ekel und Scham haben jetzt eine Verknüpfung mit Tomaten in meinem Gehirn. Und Trauer. An einem Freitag hat sich da neurologisch was verändert bei mir und etwas in Gang gesetzt, und das weiß ich so genau, weil ich freitags immer auf den Markt gehe, und es war ein solcher Markttag, an dem ich Frau Dima traf.

Ich gehe nach dem Marktbesuch gerne im Stadtpark spazieren. Ich habe dort eine Stelle, die ich mag. Versteckt, hinter Sträuchern kann man auf einer abgestorbenen Baumwurzel am Wasser sitzen.

An diesem Freitag saß dort Frau Dima. Nicht auf der Wurzel, sondern daneben auf dem Boden. Sie schien sich gerade aufgesetzt zu haben, als ich kam, wirkte verschlafen und desorientiert. Zunächst registrierte sie mich nicht. Sie kramte in einem der Jutebeutel, die um sie herum lagen. Auch Klamotten waren verstreut. Kippen. Eine leere Flasche Wodka und eine angebrochene Packung Toastbrot.

Frau Dima, die zu dem Zeitpunkt noch ganz anders hätte heißen können, zog eine Flasche Bier hervor, drehte am Verschluss und murmelte etwas in sich hinein. Sie nahm einen Zipfel ihres Hemdes in die Hand und schraubte mit Hilfe des Stoffs erneut und vergeblich. Im Laufe dieser Geste fiel ihr Blick auf mich. Für einen winzigen Moment sah sie mich direkt an, und ich erkannte Erstaunen in diesem Blick, dann hielt sie mir die Flasche auffordernd hin. „Helfen Sie mir doch bitte mal. Meine Hände machen nicht mehr so mit.“ Ich ging zwei Schritte auf sie zu, wohlbedacht, nicht über eine der Luftwurzeln zu stolpern, die hier aus dem Boden schauten. Ich nahm die Flasche, schraubte den Deckel auf und gab sie ihr zurück.

Sie nahm, trank, seufzte. „Danke.“

Sie trank erneut und sagte: „Das ist eine der Nebenwirkungen, die mich wirklich ruinieren. Ich spüre meine Arme und Beine nicht mehr und wenn doch, dann weil sie schmerzen. Immerhin kann ich noch alleine Pinkeln.“ Sie klang nicht provokativ dabei, sondern müde. Und vielleicht traurig. Genauso dachte sie. Und sprach aus, was sie dachte. Das konnte ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht wissen.

„Ist das hier Ihr Platz?“ Frau Dima schaute mich fragend an.

„Ja, also. Ja, ich sitze hier ganz gerne.“ Ich war unsicher, vielleicht verlegen. Ich warf einen Blick zurück zum Weg, schaute wieder zu Frau Dima. „Ich war auf dem Markt, und danach mache ich hier gerne eine Pause. Aber ich kann mir auch etwas anderes suchen.“ Und ich lächelte und wollte gehen.

„Das stimmt, das können Sie“, Frau Dima wühlte erneut in ihrem Beutel.

Irgendwie blieb ich stehen.

Irgendwas hielt mich.

„Das können Sie wohl doch nicht so gut, nicht?“, fragte sie und sah mich ernst an. „Sorry, ich brauche hier noch eine Weile und kann leider nichts von meinen Vorräten abgeben. Ich muss mich erstmal hochpegeln.“

Und jetzt wollte ich wirklich gehen. Das war mir zu nah.

Da hörte ich es aus der Ferne. Die ersten Rufe, die Sprechchöre, das Megafon.

Und in Frau Dima kam Leben. „Jaja“, rief sie laut über die Büsche hinweg in Richtung Demo. „Ich höre euch. Ist ja Ehrensache.“ Umständlich und stöhnend erhob sie sich. Sie wankte leicht, als sie auf ihren Beinen stand, hielt sich an einem Ast fest. Stöhnte. Atmete schwer. „Das ist nicht so leicht alles hier“, betonte sie. „Gar nicht so leicht.“

Ich war überfordert mit der Situation. Ich fühlte mich wie ein Eindringling.

„Woooohaaaaa!“, schrie Frau Dima jetzt über das Gebüsch hinweg, durch die Bäume in Richtung Straße, auf der sich eine unglaubliche Menschenmenge lautstark näherte. Sie lachte. „Ihr seid großartig.“

„Ich muss nur…“, sprach sie dann leise zu sich selbst und sah sich suchend auf dem Boden um. „War wohl doch zu viel mit den Tomaten“, nuschelte sie und sah mich dann abrupt an. „Ich suche meine Mülltüte. Helfen Sie mir doch bitte mal. Mir tut alles so weh. Ich kann mich nicht bücken. Aber ich habe ganz sicher eine Mülltüte. Für das Chaos hier. Das kann ja nicht so bleiben. Da“, zeigte sie hinter eine Wurzel. „Ist das eine Plastiktüte?“

Ich drehte mich um und bückte mich. Hinter einer Wurzel lag tatsächlich eine schnoddrige Plastiktüte. In der vielleicht einmal ein Döner transportiert worden war. Dessen Reste vermutlich noch in ihr klebten.

Ich zögerte.

„Na, dann geben Sie sie mir doch bitte einmal herüber.“ Frau Dima schaute mich an.

Ich zögerte immer noch.

„Denken Sie an Sonnenblumen dabei. Große, gelbe Sonnenblumen. Wie sie strahlen. Sehen Sie das?“ Und nun schaute Frau Dima nach oben und schloss die Augen. „Ist dieses gelb nicht ganz erstaunlich?“

Ich sah tatsächlich Sonnenblumen vor meinem inneren Auge. Und zog die Plastiktüte vorsichtig hervor, darauf achtend, ihr nicht zu nah zu kommen. Gab sie Frau Dima, die abwehrte. „Halten Sie sie mal auf!“

Ich zögerte. Ich war nicht gut in solchen Sachen. Ich ekelte mich.

„Ich habe Desinfektionsmittel“, sagt Frau Dima, während sie aus ihrer Hosentasche eine leere Packung Zigaretten zog. „Nun machen Sie schon! Haben Sie die Sonnenblumen vergessen?“

Also hielt ich die Mülltüte auf, die sich zierte und klebte und schließlich doch eine Öffnung bot. Frau Dima ließ die leere Zigarettenpackung hinein gleiten. „Vielleicht helfen Sie mir schnell? Dann haben wir es ruckzuck geschafft. Ich bin noch nicht da, wo ich hinmuss.“ Und damit zog sie die geöffnete Bierflasche aus ihrer Manteltasche, präsentierte sie mir kurz und trank einen Schluck.

Währenddessen lief die Demospitze auf der nahen Kreuzung ein, und ich wurde kribbelig.

Frau Dima ging es offensichtlich ähnlich und doch ganz anders. Sie warf die Hände in die Luft und schrie: „Wir sind hier! Wir sind laut! Ist das herrlich.“

„Wobei soll ich helfen?“, fragte ich vorsichtig und musste mich aufgrund der Geräuschkulisse lauter wiederholen.

Frau Dima zeigte mit der Bierflasche über den Boden. „Müll aufsammeln. Wenn Sie das machen, geht es schnell. Ich bräuchte dafür jetzt wirklich sehr lang in meinem Zustand. Bis dahin sind die durch da oben.“

Und sie sagte das so ermunternd, dass ich mich zwang, an eine Sonnenblume zu denken. Eine aus dem Nachbargarten, in den ich von meinem Balkon schauen konnte. Mit gelben Blütenblättern, die leicht ins orange rutschten. Und dann nach und nach den Müll vom Boden aufsammelte. Kippen. Die Wodkaflasche. Einen Wurstrest. Leere Plastikverpackungen. Und alles in die Tüte stopfte. Und ein Feuerzeug aufhob. Einen Socken und gerade fragen wollte „Ist das Müll?“, da fuhr Frau Dima mit ihrer nun fast leeren Bierflasche dazwischen. „So. Warten Sie. Da nicht in der Ecke. Das mache ich selber. Da liegen meine blutigen Tücher.“

Und das mit den Sonnenblumen, das vergaß ich in diesem Moment, und ich erschrak, und kurz wurde mir übel.

„Danke“, sagte Frau Dima, jetzt wieder entspannt. „Sie sind mir wirklich eine große Hilfe“, rief sie und näherte sich schwerfällig der Ecke, in der sie die Tücher vermutete. „Ich blute oft. Aus der Nase, aber auch beim Pinkeln oder aus dem Po.“ Und sie sagte das beiläufig.

„Ich gehe dann jetzt mal wieder“, warf ich schnell dazwischen und drehte mich zum Gehen.

„Ja?“ Frau Dima wandte sich mir zu. „Das ist schade. Sie haben sich die Hände noch nicht desinfiziert. Und ich dachte, wir schauen uns die Demo gemeinsam an.“ Sie drehte sich wieder weg, beugte sich, hob etwas auf. Bewusst sah ich zur Seite. „Jetzt wo Sie mir so geholfen haben“, betonte sie. „Und ich bin jetzt auch gleich soweit. Der Pegel muss einfach immer erst stimmen.“

Ich ging trotzdem. Ich ging aus dem Gebüsch hinaus. Hoch zum Weg. Mit diesem Druck im Bauch und einem Herz, das pochte. Ich konnte die Demo jetzt durch die Baumreihe sehen. Und blieb stehen. Da war es, dieses beklemmende Gefühl. Diffus. Schwer. Drängend. Es wäre naheliegend, es auf meine Begegnung mit Frau Dima zu schieben, aber ich wusste es besser. Es war die Demo. Es waren die Rufe, die Worte, die Texte, die Inhalte. Es machte mir Angst. Klimawandel. Klimakrise. Katastrophe. Wüst durcheinander liefen Bilder durch meinen Kopf. Brennende Wälder. Verkohlte Tiere. Überschwemmungen. Hunger. Dürre. Menschen in höchster Not. Es gab in diesen Bildern keinen Anfang, kein Ende. Es gab keine Zusammenhänge. Ich konnte das nicht zuordnen. Wie die Flut, die kommen würde, liefen sie durch meinen Kopf und hinterließen Herzrasen und Angst. Ich musste weg. Nach Hause. Tomaten achteln. Würzen. Essen. Schmecken. Das wollte ich. Das war mein Plan. Ich ging los. Und hörte dieses Geräusch hinter mir. Trotz der Demolaute drang es zu mir durch. Würgen. Ich entschied, nicht hinzuschauen. Ich würde mich nicht umdrehen, sagte ich mir. Schau nicht hin! Und ich drehte mich um und schaute und sah Frau Dima, die mittlerweile hinter mir hergekommen war, raus aus dem Gebüsch und sich mit der einen Hand an diesem Baumstamm festkrallte und mit der anderen ihre Handtasche hielt. Und kotzte. Rot. Schwallartig. Ich atmete. Ich sah Sonnenblumen, was mich erstaunte. Ich überwand mich, ging über den Rasen zu Frau Dima. Ihr Körper krampfte und spuckte und ächzte. Sie zitterte. Ich hatte Sorge, dass sie fallen würde.

„Kann ich…“, setzte ich an und ging noch einen Schritt auf sie zu. Sie versuchte zu sprechen. Es gelang nicht. Der nächste Krampf hinderte sie. Der nächste Schwall. Am Ende kam nur noch Galle. Und dann nichts mehr. Irgendwann verebbten die Krämpfe. Das Würgen.

Abgekämpft sah sie aus, als sie hochschaute. Tottraurig und mit wässrigen Augen ohne Farbe. „Ich habe es übertrieben gestern Abend. Die Tomaten. Ich liebe sie so sehr. Aber es waren zu viele und der Pegel war nicht richtig. Diese Säure. Und dann die Demo. Ich bin zu schnell hoch eben. Alles dreht sich.“

Als hätte sie all ihre letzte Kraft verwendet, um mir das zu sagen, ließ sie den Kopf hängen. Und schaute mich dann doch noch einmal direkt an. „Es sind die Tomaten. Es ist kein Blut. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Und ich war tatsächlich erleichtert und berührt, und ich nahm meine rechte Hand und hielt sie einen Moment starr in der Luft, weil ich mich unsicher fühlte. Und legte sie dann auf Frau Dimas Rücken. Seitlich. Deplatziert. So kam sie mir vor. Ohnmächtig. Wie ein Fremdkörper.

Frau Dima öffnete ihre Handtasche mit zittrigen Fingern und förderte eine kleine Flasche Schnaps zutage. Sie hielt sie mir hin. „Würden Sie nochmal?“

Ich zögerte. Ich fühlte mich schuldig.

„Bitte?“ Sie schaute mich an, und mein Blick wich ihrem aus.  

Ich nahm die Flasche, schraubte sie auf, gab sie ihr. Sie trank sie leer, packte sie zurück in ihre Tasche. Lächelte mich an. „Setzen wir uns einen Moment auf die Bank dort, ja? Das würde mir wirklich gut tun jetzt.“

Langsam richtete sie sich auf. Ging ein paar Schritte. Blieb stehen. Ging weiter. Hielt an. Schüttelte sich. „Heute wird das nichts mehr mit dem Pegel. Ich bin durcheinander geraten.“

Ich ging neben Frau Dima. Sie setzte sich auf die Bank. „Ich bin Frau Dima“, sagte sie mit dieser festen, tiefen Stimme. Und dann hielt sie mir ihre Hand hin und lachte mich an. Mit diesen farblosen Augen. Und zog die Hand wieder weg. „Ach entschuldigen Sie. Das wollen sie wahrscheinlich nicht, oder? Trotz der Sonnenblumen?“

Und dann zog sie eine weitere Schnapsflasche aus ihrer Tasche, und ich öffnet sie, und sie hielt sie hoch, der Demo zugewandt, die nun fast an uns vorbei war. „Prost ihr tollen Menschen. Prost. Auf euch. Auf euch. Ihr seid meine Helden. Nächstes Mal bin ich auch wieder dabei.“

Und zu mir gerichtet: „Nicht wahr?“ Und dann exte sie den Schnaps und schüttelte sich. „Jetzt geht es wieder.“

Ich sagte nichts. Ich fühlte mich wackelig, unwohl, wie auf dem Sprung und doch gefangen. Betroffen.

„Das ist doch großartig, was da passiert, oder? Diese Leute haben so viel Hoffnung! Sie haben so viel Mut, und sie glauben an das, was sie machen. Die können was schaffen. Oder?“

Und grünes Feuerwerk huschte durch ihre Augen.

Ich fühlte mich sprachlos. Fand keine Worte.

Da schaute Frau Dima mich an. „Was ist mit Ihnen? Ist es die Situation eben? Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Das gehört leider zu mir dazu.“

Ich schüttelte den Kopf, errötete. Schaute zum Wasser, quer über den Rasen zu den Spaziergänger*innen auf der anderen Seite. „Nein. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht richtig sagen.“

Und dann sagte ich es doch. Was ich noch nie formuliert hatte. Weil es mich verletzlich machte. Weil es unpopulär war. Weil meine Leute andere Narrative verwendeten. „Es macht mir Angst. Diese ganze Klimasache macht mir eine wahnsinnige Angst. Ich kann da nicht drüber nachdenken. Ich kriege Herzrasen, wenn ich so eine Demo sehe. Ich fühle mich ohnmächtig und hilflos.“

„Ach das.“ Frau Dima lachte laut auf, und überrascht schaute ich ihr direkt ins Gesicht.

Ihre Augen strahlten plötzlich. „Das ist das mit der Angst.“

Wir schwiegen. Einen Moment.

Dann sagte Frau Dima: „Ich habe gerne gestrickt früher. Ich bin im Heim groß geworden. Da gab es wenig zu lachen für mich. Es gab viele große Jungs und die haben mit den Kleinen gemacht…“ Sie stockte. „Naja. Ich habe gerne in einer Ecke im Speisesaal gesessen und gestrickt. Da war niemand, und ich war immer irgendwie sicher da. Ich habe diese knalligen Farben geliebt. Bunt durcheinander gemischt. Und vor dem Fenster, an dem ich saß, da war der Garten. In dem wir spielen durften. Der war mir unheimlich. Da gab es zu viele Gebüsche. Nur von meinem Posten in dem Saal aus mochte ich ihn beobachten. Da waren auch diese Farben. Und ich habe sie zu mir hinein geholt und in die Deckchen gestrickt. Und genauso habe ich mir meine Landschaften innen gestrickt. Es ist das gleiche Prinzip. Diese Psychologen haben mir das versucht beizubringen in den Kliniken früher. Ich habe ihnen nicht geglaubt, dass das helfen kann. Bis ich es gemerkt habe. Wie Stricken eben. Ich habe alles in mich hineingestrickt, was ich brauche. Es hat etwas mit Loslassen zu tun. Mit Hoffen. Es ist keine große Sache. Man muss nur verstehen, dass es wie Stricken ist. Es ist eigentlich etwas sehr Kleines und gegen diese laute, große Welt kommt es auch nicht an. Ich bin damit nicht dagegen angekommen. Aber ich hatte sowieso nie eine Chance. Das war schon ganz früh klar. Aber das in mir. Das kann mir keiner nehmen. Das ist meins. Und da sind so viele kleine Momente innen. Die habe ich mir aus dem Außen ins Innen gestrickt.“

Und Frau Dima machte Strickbewegungen mit ihren Händen, und ich sah ihre Schmerzen in den Fingern. „Es ist vieles leer geblieben in meinem Leben. Ich weine viel. Ich bin oft traurig. Dafür verstecke ich mich. In so Gebüschen.“ Und sie zeigte auf die Stelle, an der ich sie getroffen habe. „Diese Gebüsche. In denen ich auch schlafe.“ Sie holte tief Luft. „Meistens reiße ich mich zusammen. Und gehe lieber nach innen. Im Außen habe ich wenige Chancen. Innen habe ich diese Brücke. Da gehe ich drüber. Und dann bin ich sicher. Vor mir. Auch vor mir. Und den ganzen Gefühlen. Das ist so mit dem Alkohol. Der konserviert die Gefühle, und dann sind sie in so einem Kellerregal gut verstaut. Tür zu. Und ab über die Brücke.“ Frau Dima lachte, und mein Bauch kribbelte.

„Meine Gefühle sind ewig haltbar“, lachte sie. „Hauptsache, die kommen da nicht raus. Damit bin ich durch. Das packe ich nicht. Das habe ich für mich so entschieden. Ich bleibe lieber innen in meiner Sicherheit.“

In mir war etwas ruhig geworden, nachdenklich. „Aber ich kann mich doch nicht in meinem Inneren verstecken. Das hilft doch niemandem“, sagte ich und fühlte mich verloren in diesen Sätzen.

Frau Dima setzte sich umständlich in eine andere Position. Sie stöhnte.

Wir schwiegen eine Weile.

Frau Dima holte Luft. „Schauen Sie mal.“ Und sie zeigte vorne zum Wasser. „Sehen Sie die Blässhuhnfamilie dort? Wie die Eltern unermüdlich das Nest nachbessern und Futter besorgen? Was für eine Arbeit. Rund um die Uhr.“

Ich sah die Blässhuhneltern und zählte fünf Junge und beobachtete sie. Plötzlich tauchte etwas Dunkles kurz neben dem Nest an der Wasseroberfläche auf. Ich streckte mich, um besser sehen zu können. „Was ist das?“, fragte ich Frau Dima und zeigte auf die Stelle.

Frau Dima reckte ihren Kopf und zog ihn dann wieder ein. „Das ist eine Schildkröte. Hier leben wilde Schildkröten.“ Ich sah sie erstaunt an. Das hatte ich nicht gewusst und erkannte den kleinen Schildkrötenkopf, der aus dem Wasser ragte.

„Fressen sie Küken?“

Frau Dima zuckte mit den Schultern. „Manche sind Raubtiere.“

Ich fühlte mich unwohl. „Ich möchte hier lieber nicht sitzen und dabei zuschauen, wie ein Baby gefressen wird“, sagte ich und wunderte mich über meine Emotionalität. Und über meine Offenheit.

„Ja. Das wäre traurig.“ Frau Dima nickte und setzte sich wieder um.

„Schauen Sie doch mal“, sagte sie lachend und machte eine Kopfbewegung Richtung Nest. „Das eine Kleine ist besonders neugierig. Es will immer hinter dem Papa her. Und dann bleibt es plötzlich stehen und schwimmt doch wieder zurück zum Nest. Es traut sich nicht so recht.“

„Aber ich kann doch nicht dabei zusehen, wie gleich ein Küken gefressen wird“, beharrte ich.

Frau Dima schaute mich kurz an und dann wieder zum Wasser. „Aber das müssen Sie doch auch nicht. Sie können die Augen schließen. Aber schauen Sie doch jetzt einmal hin. Es ist ganz wundervoll, das Kleine zu beobachten. Und die Mama. Wie sie baut und ausbessert und dabei ständig die Kleinen überrennt.“ Frau Dima lachte auf. „Sie purzeln richtig.“

Dann hielt sie inne. Wandte sich mir zu. Sagte ernst: „Speichern Sie das. Stricken Sie sich daraus etwas innen. Schieben Sie sich dieses Bild innerlich vor diese Vorstellung, die Sie da haben, wie eins gefressen wird. Das müssen Sie nicht haben. Wie ein Dia, das man in so einen Projektor schiebt. Kennen Sie das noch? Diesen Vorgang? So machen Sie das. Speichern Sie diese Farben da vorne. Diese Bilder. Diese Bewegungen. Können Sie fühlen, wie flauschig diese Babys sind? Jaja, sie sind auch sehr verletzlich. Schutzlos. Aber schauen Sie doch mal, wie sehr diese Eltern arbeiten. Ununterbrochen.“ Und Frau Dima betonte das Wort. Und wiederholte es: „Ununterbrochen. Tag und Nacht. Das ist Einsatz. Das hält die Welt am Laufen.“ Frau Dima stand auf. Streckte sich. Setzte sich wieder.

„Ja aber“, sagte ich. Ganz klassisch. „Ja, aber“, sagte ich, und Frau Dima hörte mich an und unterbrach mich nicht. „Ja, aber wir machen uns kaputt. Wir haben uns zerstört. Wenn es schon zu spät ist. All das Leid. Das ertrage ich nicht. Ich kann dabei nicht zusehen. Ich habe so eine Angst. Auch vor dem Sterben.“

„Das ist Ihre Entscheidung“, sagte Frau Dima und sie sagte es freundlich und doch knallte es wie eine Ohrfeige. „Schieben Sie die Blässhühner davor. Stricken Sie sich eine Blässhuhnlandschaft. Sie können sich doch gut um sich kümmern.“ Und nun ließ Frau Dima ihren Blick von oben bis unten über mich hinwegwandern. „Ja, das können Sie doch“, unterstrich sie ihre Feststellung und dann war da wieder dieses Funkeln in ihren Augen. „Vielleicht ein kleiner Garten für den Anfang? Sie müssen nicht gleich ganze Landschaften stricken. Aber so etwas Kleines? Manche Leute haben doch Pflanzen auf ihren Fensterbänken in der Küche. Vielleicht wäre das etwas für Sie? Eine innere Fensterbank.“

In meinem Kopf tauchte meine Küche auf. Das Fenster, aus dem ich auf den Supermarkt gegenüber schaute. Angestrengt stellte ich mir Basilikum vor. Auf der Fensterbank. Grün. Frisch. Duftend. Und eine Sonnenblume daneben. Irgendwoher tauchte diese Sonnenblume auf. Ich dachte an Tomaten, und dann lief plötzlich eine Demo durch meine Küche. Unvermittelt schüttelte ich den Kopf. Und musste lachen. Aus meinem Bauch stieg dieses Glucksen auf. So ein Gurgeln und das, was eben noch Kribbeln war, wurde jetzt Lachen. Und dann plötzlich ein Schluchzen. Und ein Seufzen.

Frau Dima schaute mich wieder an. „Ja. Ich glaube, das ist ein guter Weg für Sie mit der Fensterbank.“ Sie nickte und stand auf, und vorsichtig streckte sie sich wieder. „Ich hole mir jetzt meine Portion beim Bus vorne an der Ecke. Brauche was im Magen.“ Sie machte ein paar Schritte, deutete ein Winken an. „Tschüss. Bis bald.“

Und dann ging sie. Und auch ich ging. Ich wollte nicht alleine sein mit dem Blässhuhnnest und meiner Angst. Und den Sonnenblumen und dem Basilikum auf meiner Fensterbank. Das ließ mich nicht mehr los.

Auch Frau Dima ließ mich nicht mehr los. Sie war ständig in meinem Kopf. Wenn ich mir diesen kleinen Garten auf meiner Fensterbank vorstellen wollte, tauchte anstelle dessen Frau Dima auf. Ich kaufte mir eine Basilikumpflanze im Supermarkt gegenüber, stellte sie auf meine Küchenfensterbank, verteilte sie vorsichtig auf vier Töpfe mit Erde, als sie anfing zu welken, und hatte dabei immer nur Frau Dima in meinen Gedanken. Sie hatte sich dort festgesetzt. Als hätte sie sich in mich hineingestrickt.

Also ging ich einige Tage später zu diesem Angebot, diesem Bus, den Frau Dima erwähnt hatte, der nachmittags an der Ecke beim Bahnhof stand, warmes Essen und Kaffee verteilte. Ich hielt Ausschau nach Frau Dima. Erst bei meinem dritten Versuch, zwei Wochen später, sah ich sie. Schon von weitem erkannte ich sie, und schon von weitem erkannte ich, dass es ihr nicht gut ging. Sie sah mich nicht. Sie sah niemanden. Sie war, als wäre sie nicht da. Sie saß auf einer Betonmauer, schlürfte Kaffee und schüttelte unmerklich den Kopf, als ihr ein Teller mit Suppe angeboten wurde. Sie hatte den Kopf gesenkt. Sie sah erschöpft, krank und traurig aus.

Auf der anderen Straßenseite stehend, überkam mich das Bedürfnis, meine Hand auf ihren Rücken zu legen. Seitlich.

Ich drehte um und ging langsam nach Hause über einen Umweg durch den Park. Aus dem das Blässhuhnnest verschwunden war. Mir kamen die Tränen, und ich ärgerte mich darüber, gucken gegangen zu sein. Ich hätte damit rechnen können. Da tauchten Sonnenblumen in meinem Kopf auf. Und wieder diese Demo, die durch meine Küche lief. Und ich roch Basilikum und Tomaten. Und ich schaute nach oben in die Sonne und atmete tief durch. Und hatte das Gefühl, etwas Weiches, Kuscheliges, Warmes zu spüren.

Es erstaunte mich selber, und ich war nervös, als ich realisierte, was ich tat. Ich hatte es eilig. Nicht dass es wieder verschwinden würde. Dass ich es mir selber nehmen würde. Ich stellte mir vor, wie ich Stricknadeln festhielt, ohne jemals stricken gelernt zu haben. Lange, dicke, graue Stricknadeln, und ich nahm einen Basilikumstängel und wickelte ihn wie einen langen Faden auseinander. So dass er wuchs und spross und sein Duft sich tief in meinem Gehirn festsetzte. So verbrachte ich den Heimweg und als ich zu Hause vor meinem Basilikum stand, lachte ich über mich. Warm. Und weich.

Ich bin in den folgenden Tagen immer wieder gucken gegangen am Bus. Frau Dima war manchmal da. Manchmal war sie ansprechbar. Grüßte mich. Einmal sagte sie: „Ich habe an Sie gedacht. Was Sie wirklich üben können, ist keine Angst vor Veränderungen zu haben. Es ist sowieso nichts sicher hier draußen. Es kommt, wie es kommt. Ich würde so gerne einmal mit Ihnen zu einer der Demos gehen. Bis dahin üben Sie das mit den Veränderungen. Fangen Sie klein an. Gehen Sie einfach mal andere Wege, wenn Sie zur Arbeit gehen. Oder kaufen Sie mal etwas anderes ein. Etwas, dass Sie gar nicht kennen.“

Frau Dima blieb immer höflich. Sie war ehrlich. Sie erzählte mir Kleinigkeiten aus ihrem Leben. Oder worüber sie nachdachte. Manchmal lachten wir zusammen mit anderen, die zum Bus kamen und Kaffee tranken. Und immer wieder nahm Frau Dima mich nicht wahr. Immer wieder ging es ihr schlecht. Oder sie tauchte nicht auf.

Ich sagte zu Frau Dima: „Sowas wie mit Ihnen hier, sowas habe ich noch nie gemacht. Das ist etwas Neues für mich.“ Frau Dima konnte darüber schmunzeln, und ich sah dieses Funkeln in ihrem Blick. Frau Dima machte so etwas ständig. Davon war ich überzeugt. Frau Dima kannte alle und jeden, und sie lebte überall und nirgendwo, und sie hatte auch eine Wohnung, aber die schaute sie immer so komisch an. Wie sie mir erzählte. Frau Dima war lebendig. Und dann wieder leer und wie ausgestorben. Das Wort benutzte sie selber. „Ich bin längst ausgestorben.“ Einmal traf ich sie zufällig auf dem Marktplatz, auf dem Klimaaktivist*innen eine Aktion durchführten. Frau Dima stand in einiger Entfernung dazu. Beide Beine fest auf dem Boden. Die Arme verschränkt. Und sie strahlte. Ihre Augen funkelten grün und blau, und diese Lebendigkeit, die von ihr ausging, versetzte mich in kribbelige Aufregung. Ich hatte nicht viel Zeit, blieb kurz stehen bei ihr, und mit diesem machtvollen Ausdruck sah sie mich an. „Das da. Das hilft. Ich liebe diese Leute alle. Diese ganze Hoffnung, die sie haben. Das hier, das da. Das hilft. Und die haben es verstanden. Sie sind meine Sieger. Hoffentlich gewinnen sie.“ Frau Dimas Worte überschlugen sich. „Ich könnte sie alle knutschen. Und schauen Sie sich die mal ganz genau an. Die denken doch auch alle an Sonnenblumen, während sie da stehen. Die haben alle auch solche Landschaften in sich drinnen. Wundervolle, riesige Landschaften voller Leben. Alles voller Brücken und Felder und Wiesen. Und Schwanenbabies. Die sind grau am Anfang. Wussten Sie das? Und sie sind ganz wunderbar, und sie leben in diesen Landschaften. Anders sind die Energie und die Power dieser Leute nicht zu erklären. Wir brauchen das alle. Dann kann sich was ändern. Dann kann sich wirklich etwas ändern.“

Und dann schaute sie mir ins Gesicht, wirkte konzentriert, bedacht. „Und wenn wir alle zugrunde gehen. Diese Energie hier. Die wird uns überleben.“

Frau Dima ist vor vier Tagen gestorben. Sie haben sie hinter einem Gebüsch gefunden. Sie lag in ihrem Erbrochenen. „Kollabiert“, erzählt mir einer, der sich gerade den Kaffee am Bus geholt hat, und den ich gefragt habe, ob er Frau Dima heute gesehen hat. „Der Organismus ist kollabiert“, erzählt er. „Da war wohl nichts mehr zu machen.“ Und seine Hände zittern, als er in den Becher pustet. „Sie war eine von den Guten.“ Und kurz schaut er mir in die Augen, bevor er sich abwendet mit seinem Kaffee. „Sie war eine von diesen Guten.“

Und dann ist Freitag und die große Demo findet statt und mit wackeligen Beinen laufe ich durch den Park zu der Kreuzung, über die sie ziehen werden. Und ich habe auf der Wildblumenwiese in der Nähe meines Hauses Blumen gepflückt. Die, die fast verblüht sind. Die ich jetzt in meinen Händen halte. Als dicken Strauß zusammenhalte. Und an Frau Dima denke. Und an Sonnenblumen. Und meinen Basilikum, der mir auf der Fensterbank eingegangen ist. Während er in meiner Vorstellung wächst und gedeiht. Hochkonzentriert halte ich mich an ihm fest. Während ich mich der lauten Menge nähere. Und sie erkenne hinter den Bäumen. Und dann direkt daneben stehe. Und auf sie zugehe. Und den Menschen dort Blumen schenke. Ich verteile sie unter ihnen. Mit den Sonnenblumen in meinem Kopf. Manche Demonstrant*innen registrieren mich nicht, manche lehnen ab, manche nehmen eine Blume, lachen, rufen mir etwas zu, bedanken sich, ziehen weiter. Und dann kommt eine Demonstrantin auf mich zu, löst sich aus der Menge, lächelt mich an. „Laufen Sie doch mit uns. Kommen Sie! Wir sind viele. Und wir werden immer mehr.“ Und sie winkt mich zu sich, hinter ihr her. Und ich folge. Mit meinen Blumen. In meinen Händen. Und in meinem Kopf.

Und vielleicht ist das keine große Sache hier, denke ich. Und vielleicht ist es ein Widerspruch, dass ich einen Zugang über sterbende Blumen gefunden habe. Und über Frau Dima, die ihre Gefühle konserviert hat.

Und dann bin ich mitten drin. Und laufe. Setze Schritt vor Schritt und staune.

Es ist dieses Kleine, dieses Leise in mir. Das sich verändert hat. Und das Teil von diesem Großen ist. Jetzt und hier. Für ein Morgen. Mit Hoffnung. Und all diesen Menschen und ihrer Gemeinschaft. Und dann sehe ich plötzlich Frau Dima mitten in der Demo. Wie sie lacht und strahlt und laute Parolen ruft und nach Tomatenpflanzen duftet.

© Mirjam Sarrazin

Mein Hof

Steinmauer mit Gewächs

Wenn der Wind weht in meinem Hof,

dann tanzt der Knöterich, der mich umgibt,

arbeiten Hummeln immerzu,

wie die Kinder in meinem Hof,

die aus Spielen Welten schaffen von irgendwo.

Im Zickzack über die holprigen Steine auf dem Boden,

Gras mit Wasser zu Lebensweisheiten verarbeiten.

Und Leben.

In meinem Hof.

Wenn der Wind weht dort in meinem Hof.

Und ich berühre mit den Zehen

die herausragenden Wurzeln der Kastanie,

Halt und Zuversicht,

geschützt hinter alten, kühlen Steinmauern.

In der Sonne.

Überall grün.

Und höre die Vögel abends im Bad aus Licht tief in meinem Bauch.

Oder auch in meinem Hof auf meinem Stuhl

Beeren schmecken,

die die Kinder pflücken

und zerquetschen mit Händen

voll von Hoffnung und Wunder.

Die wir waschen und nur dieser Blick zwischen uns.

In ihm der Hof, die Mauern, das grün.

Und darin wir.

Wenn es klopft an die Mauern von meinem Hof,

an die dicken, alten Mauern,

und vielleicht ruft und klatscht,

damit ich höre und erlebe,

dann halte ich inne, schaue nach oben in die Blätter,

zu den Kindern und ihrem Zickzack,

das kurz stockt, weil wer kommt.

Was kommt?

Dann lasse ich mir Zeit,

gehe ohne Eile

barfuß durch meinen Hof.

Über die holprigen Steine.

Lausche was gesagt wird, was schwingt,

halte inne.

Und winke adieu und lass es fließen,

mit den Ästen hoch in den Baum.

Wenn etwas sich wieder im Wind zerstreut.

© Mirjam Sarrazin

Engel

Mohnblüte in Wiese

Ich setze mich ans Ufer, auf eine dieser breiten Steinstufen, die hier die Promenade einnehmen, reiße die Chipstüte auf und erstarre. Im ersten Bruchteil dieser Sekunde denke ich „Tierchen“ und verwerfe diesen Gedanken dann wieder, denke stattdessen „Illusion“ und schaue kurz hoch aufs fließende Wasser, dann wieder in die Chipstüte. Und denke gar nichts mehr. Für den übrigen Rest der Sekunde. Und einige Sekunden darüber hinaus. Es ist einer dieser Momente, in denen das Gehirn einen Salto macht. Einen doppelten.

Reflexartig lasse ich die Tüte fallen, und Chips verteilen sich auf dem Boden. Und dazwischen bewegt sich was. Ich habe keine Ahnung. Ich kann es nicht definieren. Ich beuge mich etwas herunter, widerwillig, fluchtbereit. Es sind Gestalten. Kleine Wesen. Wie Lichtmomente. Es sind viele, und es strömen immer mehr aus der Chipstüte. Geschäftig laufen sie über die Treppenstufe, über die Chips. Oder schweben sie? Ich kann es nicht erkennen. Als würde mein Blick in Licht enden. Sie transportieren Chips aus der Tüte heraus und verteilen sie auf dem Boden. Um meine Füße herum. Sie legen sie aus. Wie zum Trocknen. In einem Muster. Wie ein Mandala, denke ich und kann es gar nicht glauben. Dass ich etwas denke, was es gar nicht gibt. Und sichtbar ist für mich. Einige laufen über meine Schuhe. Oder schweben. Ich spüre sie nicht. Ich sehe sie. Ohne zu wissen, was ich sehe. Als wäre eine Lücke im Gehirn.

Ich wende meinen Blick ab. Was mir nicht leicht fällt. Ich bin wie gebannt. Ich lasse meinen Blick über den Fluss gleiten, über die üppige Wiese neben diesen breiten Steinstufen, über die blauen Kornblumen, den Mohn, der noch nass ist vom Regenguss und einen Teil seiner Blätter wie rote Farbtupfer zwischen den grünen Gräsern abgeworfen hat.  

Ich hole Luft, wage es und schaue wieder nach unten, zu meinen Füßen. Da liegt die offene Chipstüte, und daneben verteilen sich an die dreißig Chips in diesem Muster, und überall wimmelt es von kleinen Gestalten. Lichtgestalten, denke ich. Und dann saust mir dieses Wort durch den Kopf. Engel. Und fast im gleichen Moment. Absurd. Und kurz halte ich die Luft an, sehe mich von außen hier im Sonnenschein am Ufer sitzen. Und ich habe Hunger und eine Gänsehaut, und dann setzt das Treiben zu meinen Füßen plötzlich aus. Stillstand. Und meinem Blick begegnen tausend Blicke. Aus Licht. Die Wesen halten inne. Keinerlei Bewegung. Und schauen mich an. Und ich denke, ich sehe keine Augen. Sie haben keine Gesichter.

Und doch schauen sie mich an. Direkt. Offen. In mich hinein. Mit dieser Tiefe. Und wieder halte ich die Luft an und wechsle die Ebene in die Vogelperspektive, und wieder saust dieses Wort durch mein Gehirn. Engel. Und dann atme ich aus, und plötzlich sprechen sie mit mir. „Absolut richtig. Wir sind Engel.“

Sie lösen sich abrupt aus der Erstarrung und widmen sich ihrem Gewusel. Sie haben Spaten und Hacken, bearbeiten die herumliegenden Chips. Sie holen irgendwoher Schubkarren, die sie befüllen. Sie fegen. Sie graben. Sie haken. Sie schlagen Löcher.

„Engel?“, frage ich und erschrecke darüber, meine eigene Stimme zu hören, die klingt, wie sie eben klingt, wenn ich mich unterhalte.

Wieder Stillstand, wieder alle Blicke auf mich. „Absolut. Engel.“

Und zurück ins Treiben. An die Arbeit. Auf einem Chip wird eine Ausgrabungsstelle vorbereitet. Sie hocken auf Knien, sie legen Werkzeuge bereit. Sie berechnen. Sie murmeln. Sie sind konzentriert.

An einer anderen Stelle wird ein Bagger bereitgestellt und Absperrband befestigt. Und überall Schubkarren.

Ich räuspere mich. Als Vorlauf für meine Stimme. Generalprobe. Es funktioniert. Ich höre mich. Absurd, denke ich wieder, und dann frage ich: „Was macht ihr denn hier überhaupt?“

Die Reaktion kenne ich nun schon und doch überkommt mich dieser kleine Schreck, als ihre Erstarrung und all diese Blicke mich treffen. „Abtragen.“

Und schon arbeiten sie weiter, wuseln, laufen, hacken, murmeln.

„Abtragen?“, hake ich nach und kann mit dieser Antwort nichts anfangen. Dieses Mal hält nur eines der Wesen inne, wendet sich mir zu, schaut mich lange an und nickt schließlich. „Ballast abtragen. Darum geht es hier.“

Und ich verstehe nicht, was das sein soll, und mein Gehirn signalisiert mir Chaos, und dann spüre ich diese Wärme in mir aufsteigen. Sie kommt von irgendwo tief unten, und vielleicht ist es ein warmes Licht, das sie transportiert und das mit ihr allmählich nach oben steigt. Zu mir. In meinen Körper. In den Bauch, in die Brust und dann in Arme und Beine. Bis ins Gehirn und da dann wieder ein Salto.

„Was für Ballast?“, liegt mir auf der Zunge, und der Salto treibt die Buchstaben auseinander, sie fliegen in alle Richtungen, und da ist diese Schläfrigkeit in mir.

Wieder wendet sich ein Wesen mir zu. „Dieser ganze Krempel hier. Allerlei Gedöns. Nimmt Platz weg und hilft nicht weiter. Erschwert alles. Also weg damit.“ Sie lesen meine Gedanken, denke ich, und plötzlich kommt es mir selbstverständlich vor. Natürlich können sie das. Engel können sowas. Und dann erkenne ich die Struktur in ihrer Geschäftigkeit. Nach und nach erarbeiten sie kleine Haufen, die sie in einer Reihe neben dem Chipsmandala positioniert haben. Farblich sortiert. Rot, gelb, grün, orange, braun, und einen ganz kleinen schwarzen kann ich erkennen. Sie bestehen aus Pulver, das sie aus den Chips produzieren. Abtragen. Nach und nach tragen sie Schicht um Schicht ab und verteilen die Partikel mit ihren Schubkarren auf die Haufen.

„Ihr tragt also die Chips ab? Warum?“, frage ich, und ich muss mich nicht mehr räuspern. Ich spreche laut und deutlich und bin jetzt mitten in der Situation. Ich möchte das jetzt verstehen und bekomme keine Antwort. Stattdessen wird an einer Stelle eine Großbaustelle hochgefahren. Kräne, ein rotierender Betonmischer und Baustellenschilder werden installiert. Ich erkenne sogar ein Klohäuschen, und in rasender Geschwindigkeit errichten sie den Rohbau für ein Hochhaus.

„Ein Hochhaus? Wofür braucht ihr jetzt ein Hochhaus?“, frage ich und bin irritiert. Ein Wesen wendet sich mir zu: „Manchmal muss man etwas ausholen.“ Und wendet sich wieder ab, zieht seine Schützer über und greift nach einem Presslufthammer.

„Ich verstehe das alles nicht“, sage ich. „Ihr tragt die Chips ab? Warum? Ihr macht Pulver aus Chips?“

Vielleicht sind sie zu beschäftigt. Niemand antwortet. Ich schaue ihnen eine Weile zu und fühle dieses Unwohlsein. Da wo Wärme war, ist jetzt ein nagendes Gefühl. Eine Unsicherheit. Was soll das denn alles hier, denke ich und spüre dieses Pochen in meinem Kopf. „Was soll das denn alles hier?“, frage ich laut und bestimmt. „Warum macht ihr Pulver aus meinen Chips?“

Erstarrung. Blicke. Gänsehaut. „Nicht nur Chips“, sagen sie, und automatisch wende ich meinen Blick zur Wiese. Und sehe sie. Überall. Wie sie sich Gassen durch die Gräser gebahnt haben, wie sie Leitern an Stängeln befestigen, hochklettern. Wie sie an ihren Fahrzeugen Hochebenen ausfahren und Mohnblumen auseinandernehmen. Auseinandernehmen, denke ich. Und erstarre. Weil sie erstarren. Blicke. „Abtragen“, sagen sie und betonen jede Silbe. „Nicht auseinandernehmen.“ Und wenden sich wieder ab.

Und jetzt reicht es mir. Ich bin wütend.

„Ich glaube eigentlich nicht an Engel“, sage ich und wieder alle Blicke auf mir. Und dann möchte ich „Die sind mir irgendwie immer zu glatt und zu abgedroschen“ hinterhersetzen, aber da haben sie sich bereits wieder abgewandt.

Nur ein Wesen dreht sich mir erneut zu, macht eine wegwerfende Geste und ruft mir ein beiläufiges „Irrelevant“ zu.

Noch gebe ich mich nicht geschlagen, noch gebe ich nicht auf, diese Situation irgendwie in meinen Verstand zu kriegen. „Ihr habt ja nicht einmal Flügel“, sage ich trotzig, und dann habe ich sie wieder, ihre volle Aufmerksamkeit. Für diesen kurzen Moment, in dem sie sagen: „Wir sind, was du brauchst.“ Und sich im gleichen Moment ihren Chips und Blumen und Wiesen und großen Maschinen zuwenden. Und den Haufen aus Pulver, die zu Bergen wachsen.

Und ich fasse es nicht, aber tatsächlich erkenne ich plötzlich zaghafte, schemenhafte Flügel in den Lichtstrukturen. „Meine Güte nochmal“, rufe ich laut aus und es interessiert sie überhaupt nicht. Sie arbeiten und werkeln und machen, und ich kämpfe mit den Tränen.

„Was ist das für Ballast, den ihr da abtragt?“, frage ich, und niemand reagiert, und ich kriege dieses laute Gefühl in mir zu packen und spüre, dass es mir Angst macht, hier in der Sonne zu sitzen. Mit Engeln aus meiner Chipstüte. Und dabei zusehen, wie sie meine Chips, die Blumen, die Wiese und meine Fassung auseinandernehmen. Ja. Auseinandernehmen, denke ich bewusst. Da könnt ihr mir erzählen, was ihr wollt, denke ich auch. Kampfbereit. Und „Was ist dieses Abtragen?“, äußere ich herausfordernd.

Endlich wendet sich ein Wesen mir zu. „Das sind doch alles Symbolbilder hier. Schau in dich hinein. Was da passiert. Der ganze Ballast. Der kann doch weg. Hilf uns ein bisschen. Trag ihn doch mal ab.“ Und dann lässt es mich wieder alleine mit meiner Irritation, und mir bleibt nur, dem Treiben zuzuschauen. Erschöpft. Durcheinander. Mit Saltos im Gehirn. Auf ungesicherten Trampolinen.

„Was heißt das denn?“, frage ich leise.

Sie halten inne, wenden sich mir zu, alle Blicke treffen meinen. Verharren. Und wenden sich wieder ab. Ich sehe sie jetzt überall. Auch unten direkt auf dem Wasser entdecke ich sie. „Was tragen sie wohl vom Wasser ab?“, frage ich mich und will es eigentlich gar nicht wissen.

Und dann kommt sie wieder, die Wärme. Von tief unten. Und sie wird getragen von Licht. Sie füllt mich aus. Entspannt meinen Körper. Beruhigt mein Gehirn. Und plötzlich fange ich an zu reden, weil Worte kommen, und sie wollen raus. „Ich trage immer diese Trauer in mir. Dieses Gefühl, fremd zu sein. Ich komme aus einer Welt, in der gibt es Sachen, die passen nicht in diese Welt. Von denen will hier niemand wissen. Und so gut ich sie verstecke, ich trage sie immer in mir, und die Leute hier in dieser Welt spüren sie. Sie haben Angst vor mir. Sie schrecken vor mir zurück. Ich bleibe allein.“

Sie hören mir zu. Alle hören mir zu. Sie nicken. Sie leuchten. Und wenden sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Und als wollte ich noch einen Moment ihrer Aufmerksamkeit erhaschen, sage ich schnell: „Abtragen?“ Und ich habe es geschafft. Alle Blicke wieder bei mir. Stillstand. Ein Moment zwischen jetzt und gleich. „Ich trage diesen ganzen Ballast ab?“ Und jetzt nicken sie. Und überall in mir sind Wärme und Licht. Ich schaue ihnen beim Arbeiten zu. Spüre diese Ruhe tief in mir.

Ein Wesen wendet sich mir zur: „Alle Leute haben Baustellen. Sie haben ihre Höhen und Tiefen und ihre Gerüste, um sich abzusichern. Lass sie in Ruhe. Nutz die Energie für dich. Trag deinen Ballast ab!“

Ich zögere. Ich möchte noch etwas fragen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es verstanden habe. „Ich bin nicht gut im Bauarbeiten“, äußere ich zögerlich. Keine Reaktion. Sie arbeiten emsig. „Also ich meine, wie kann ich das machen mit dem Abtragen?“, traue ich mich ins Nichts zu fragen. Und es funktioniert. Ein Wesen schaut mich an. „Na komm schon, was machst du gerne?“ Und ich sehe erst im nächsten Moment, dass einige ihre Werkzeuge niedergelegt haben und kleine Schlenker mit ihren Körpern machen. „Tanzen“ streift meine Gedanken, und wie auf Knopfdruck beginnen alle, sich rhythmisch zu bewegen. Im selben Takt. So großartig, so animierend, dass es auch mich packt. Und mein Körper einsteigt. Ohne dass Musik zu hören ist.

„Tanzen also?“, frage ich und kenne die Antwort. Und kurz setzt der Takt aus. Alle erstarren, blicken mich an. „Wie du es dir nimmst“, und sie bewegen sich weiter.

Und dann huscht ein Wesen ganz nah an mich heran. „Komm schon. Nun komm schon. Schau herüber.“ Und ich spüre Aufregung und Hitze und ein Kribbeln im Bauch. Und schaue in die Richtung, in die es aus meinem Blickfeld verschwindet. Auf der Stufe sind nun keine Chips mehr. Die Tüte ist leer. Die Haufen sind zu stattlichen Bergen geworden, hinter denen sich alle versammeln. Es ist ein Leuchten und Strahlen. Niemand redet. Niemand werkelt. Gespanntes Warten. Und dann holen sie alle Luft. Ich höre sie einatmen. Tief einatmen. Und halte selber die Luft an, als sie in die Berge pusten. „Sternstaub“ saust mir durch die Gedanken, benommen von dem, was jetzt passiert. Es ist ein Glitzern und Funkeln. Es ist ein Überall und um mich herum. Es ist ein Glück bis ganz tief in mich hinein. So ein ausgeglichenes, gefülltes. Es ist Licht und Wärme, und am Ende bleibt ein klarer Bergsee, den ich aus der Ferne in mir beobachte und der tiefe Ruhe ist. Und Entspannung. Ein frei Sein.

„Das. Das ist es nämlich. Darum geht es“, sagen die Engel, und ihre Flügel glitzern in der Sonne, die bald untergeht.

Ich sitze am Ufer und schaue auf den Fluss, lasse ihn ziehen. Stehe auf, strecke mich. Atme tief ein und aus, greife meine Tasche, die Chipstüte und laufe durch die Straßen zum Marktplatz. Aus mir heraus. Ich möchte das jetzt tun.

Und stehe nun hier. Mit meinem Kummer in der einen und einer Tüte voller Engel in der anderen Hand. Und räuspere mich. Huste. Und sage: „Ich werde jetzt hier gleich tanzen.“ Unterbreche mich. Dann versuche ich es erneut, lauter: „Also. Ich werde jetzt hier gleich tanzen. Und ich würde mich freuen.“ Und dabei fokussiere ich eine Person, die stehen geblieben ist und zu mir herüberschaut. Die Einzige, die mich wahrzunehmen scheint. Ich setze erneut an: „Ich werde hier gleich tanzen.“ Und jetzt hat meine Stimme Kraft. Die Person nickt mir zu. Vielleicht sehe ich ein Lächeln. „Also tanzen werde ich jetzt hier gleich“, wiederhole ich. „Und ich würde mich freuen, wenn Sie mitmachen!“ Die Person nickt erneut. Und läuft weiter.

Ich hantiere umständlich an meinem Handy, an meiner Box. In mir flackert das Gefühl, diese Situation beenden zu wollen. Da höre ich den ersten Ton der Musik.

Und dann tanze ich. Zögerlich zunächst. Ich schließe die Augen. Ich bewege mich in mich hinein. Mit dem Blick zum Bergsee. Um ihn herum. Und dann öffne ich meine Augen und sage sehr laut und sehr deutlich und übertöne den Bass: „Ich werde jetzt hier tanzen. Und es wäre großartig, wenn Sie alle mittanzen. Für die Leichtigkeit. Und diesen Moment. Und das Leben.“ Und dann tanze ich. So wie ich es brauche und mir nehme.

Und wäre das hier ein Happy End, dann würden sie kommen, nach und nach, die Leute, die mit mir tanzen. Niemand kommt. Niemand tanzt. Manche schauen. Ich tanze. Ich rutsche rein in dieses Gefühl der Bewegung, in den Einklang zwischen Körper und Sein. Tauche in den Bergsee. Sehe Bagger und Kräne und rote Mohnflecken vor meinen Augen Funken sprühen und spüre mich und das, worum es geht.

Und als die Kraft aus meinen Beinen verschwindet, stoppe ich meinen Körper. Etwas umständlich beende ich die Playlist, räume die Box in meinen Rucksack, die leere Chipstüte hinterher.

Verschwinde. Vom Marktplatz. In mir. Weiß jetzt auch nicht mehr. Und dann auf dem Weg nach Hause, da fühle ich es.

Hinter all dem Tanzen, der Musik, all den großen Gefühlen und Gedanken. Diese Verbindung. Zu dieser Welt. Eine Gewachsene. Aus Bergsee, Sternstaub und Engeln, die Chips abtragen. Meine Verbindung. Abgedroschen, denke ich kurz und leise und halte die Luft an. Abtragen, spreche ich nach innen, und mein Gehirn tanzt ein paar Schritte. Und dann atme ich entspannt weiter. Jetzt ist Mut und Verbundenheit. Und nehmen, was ich habe.

© Mirjam Sarrazin