Als mein Sohn im Sofa verschwand

Als mein Sohn im Sofa verschwand, war ich im Nebenzimmer und hing Wäsche auf. Ich telefonierte mit meiner Kollegin, um die nächsten Tage terminlich durchzugehen, achtete auf das Nudelwasser in der Küche und spähte zwischendurch aus dem Fenster, wo ich den Paketboten vermutete, der bitte nicht klingeln sollte und mir das Baby wecken würde. Er war nicht zu sehen, also hing ich eine weitere Socke und einen grauen Pullover auf den Ständer, um dann wieder einen Blick nach draußen zu werfen.

Dass mein Sohn im Sofa verschwunden war, erfuhr ich erst später. Erst, als er mir davon erzählte. Ich dachte, er säße auf dem Sofa und schaute einen Film, und während ich Wäsche aufhängend an ihn dachte, hatte ich einen Kloß im Bauch. Ich hatte mich geärgert über ihn, hatte sein Zappeln und Herauszögern und nurmalebenkurz und nurnocheinmal nicht aushalten können, sein Herumüberlegen, was er schauen wollte, war ungeduldig geworden, hatte ihn angemotzt, hatte trotzig die Fernbedienung aufs Sofa geschmissen und war mit den Worten „Dann halt nicht“ aus dem Zimmer gesaust, war zurück gegangen, als er anfing zu weinen, hatte immer noch nicht mehr Geduld und ihm dann irgendwas angemacht, was er nicht wollte und vielleicht nicht mochte, einfach damit er kurz abgelenkt war und Ruhe einkehrte, und ich nach dem Nudelwasser und dem Paketboten schauen konnte, um ihn rechtzeitig abzufangen. Ein übermüdetes Baby wäre jetzt der Supergau gewesen.

Natürlich gab es Gründe. Ich war im Stress. Seit Monaten. Es war alles nur Stress. Alles parallel. Und alles immer. Und doch hatte ich diesen Kloß, ein schlechtes Gewissen und wünschte mir mehr Ruhe für meinen Sohn, weniger dieser Momente, weniger alles parallel, mehr nur ihn und ich.

Dass er allerdings im Sofa verschwand, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich hing die Wäsche zu Ende auf, kippte die Nudeln ins kochende Wasser, salzte, beendete das Telefonat mit meiner Kollegin, warf nervöse Blicke aus dem Fenster, lauschte nach dem Baby, lief ins Wohnzimmer, um die Gläser einzusammeln, die vom gestrigen Abend stehen geblieben waren, und ganz ehrlich, ich bin mir sicher, dass mein Sohn dort auf dem Sofa gesessen und wütend und traurig in den Fernseher gestarrt hat.

„Mama, es ist so toll dort“, erzählt er mir später, am Abend, als das Baby jauchzend durch seine Legolandschaft krabbelt und Kleinteile verschluckt, und er im Bett liegt, und ich mich bei ihm entschuldigt habe für diesen blöden Tag, an dem ich so gestresst war. Mal wieder. Wie so oft in diesen Zeiten. Da sagt er das plötzlich: „Mama, es war so toll dort. Es gibt eine unendliche Landschaft mit Maschinen. Sie sind alle elektrisch. Sie haben Leuchten, und sie machen Geräusche. Und es gibt dort Roboter. Die sind auch elektrisch. Ich musste ein paar Batterien auswechseln. Die hatte ich irgendwie dabei. Verrückt, oder Mama? Ich hatte alles dabei, was ich brauchte.“ Ich hole dem Baby einen Legokopf aus dem Mund und nicke. „Du hattest alles dabei, was du brauchtest?“

„Ja, alles.“ Er setzt sich im Bett auf, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. „Ich hatte sogar eine Rakete, die habe ich mit einem Roboter zusammen gezündet. Und wir haben Roboteressen gegessen. Das ist auch elektrisch. Aber es schmeckt wie Orangensaft. Das war so lecker.“ Er macht jetzt Schmatzgeräusche, schließt die Augen und gibt diesen langgezogenen Mmmh-Laut von sich, den er immer macht, wenn er etwas genießt. „So lecker, Mama. Ich würde dich eigentlich gerne mal mitnehmen.“ Er sieht mich nun an.

Ich blicke ihm in die Augen. „Mitnehmen?“, frage ich zerstreut und habe schon wieder einen Anflug von Kloß im Bauch, weil ich nur die Hälfte mitbekommen habe von seinem Erzählten, und schiebe mit dem Fuß die ausgekippten Filzstifte unters Bett und außer Reichweite des Babys.

„Ja, aber ich glaube das geht nicht. Ich glaube, du passt nicht.“

Jetzt werde ich neugierig und setze mich aufs Bett. „Ich passe nicht?“

„Ja“, sagt er achselzuckend und nachdenklich.

„Wo passe ich nicht?“ frage ich und bin verwirrt. Wovon redet er?

„Ins Sofa“, antwortet er und dann erzählt er mir, wie er heute im Sofa verschwunden ist, als ich sauer auf ihn und im Nebenzimmer war. „Ich bin plötzlich so nach innen gefallen. Also in das Sofa rein. So nach hinten irgendwie. So.“ Und jetzt macht er ein Comicschreien wie die Superheld*innen in seinen Filmen, wenn sie von einem Dach springen, und lässt sich mit den Armen rudernd ein wenig nach hinten aufs Bett fallen.

„Du bist heute im Sofa verschwunden?“, frage ich und merke nicht, wie das Baby den pinken Filzstift unter dem Bett hervor angelt und isst. Mein Sohn bejaht das. „Komisch, oder Mama? Dass das einfach so geht. Ich sitze so auf dem Sofa, und dann plötzlich bin ich verschwunden. Also ich meine, ich war ja noch da. Aber eben im Sofa verschwunden. Bei diesen ganzen Maschinen. Und es gab auch einen Anzünder. Den musste man drücken. Dann gingen überall Vulkane los. Die haben Energie gemacht. Und davon wurden die Batterien gebaut. Die Roboter haben Batterien gebaut. Ich habe ihnen geholfen. Das war echt schwer. Aber ich konnte das alles.“

Ich höre ihm zu und staune und versuche mir in Erinnerung zu rufen, wie es war, als ich die Gläser aus dem Wohnzimmer geholt habe, aber so ein richtiges Bild kriege ich nicht. Ja, doch. Es kann schon sein, dass er da nicht auf dem Sofa saß. Dass ich so in Gedanken und im Machen war, dass ich es nicht richtig wahrgenommen habe. Und er längst im Sofa verschwunden war.

„Hoffentlich kann ich da bald wieder hin“, holt er mich aus meinen Gedanken, und mich überkommt dieses starke Bedürfnis, ihn zu drücken, und ich drücke ihn und halte mich sehr zurück, ihn nicht zu küssen, denn das mag er nicht. Und drücke ihn noch einmal. Und er drückt mich und macht seinen Mmh-Laut, und dann sage ich ihm „Gute Nacht“, und er kuschelt sich unter die Decke, und ich schnappe mir das Baby, dem es pink aus dem Mund tropft, und verlasse sein Zimmer. Tür angelehnt.

Im Wohnzimmer betrachte ich das Sofa, und das erste Mal an diesem Tag empfinde ich eine Entspannung im Bauch und denke, es war gut, dass ich mich bei ihm entschuldigt habe. Es war blöd, wie es war heute. Und es war ok. Es war, wie es war. Es ist alles viel und parallel im Moment. Und es ist gut zu wissen, dass er im Sofa verschwunden ist. Eine gute Zeit hatte dort. Und wieder hinmöchte. Denn es wird noch eine Weile viel bleiben, und es wird der Moment kommen, in dem ich wieder genervt sein werde. Überfordert mit allem, was parallel ist. Vielleicht schon morgen. Dann kann ich vielleicht die Wäsche aufhängen, und der Kloß im Bauch ist ein wenig kleiner. Ein bisschen weniger drängend. Weil ich daran denken kann, wie er gerade die Maschinen mit Batterien befüllt, die er mit den Robotern aus Vulkanenergie herstellt. Nachdem er den Anzünder gedrückt hat. Und wie er alles bei sich hat, was er braucht.

© Mirjam Sarrazin

Das schützende Papier

weiße Lilien, einige noch geschlossen

Als ich mich gestern selbst anrief, ging jemand anderes dran. Jemand, den ich nicht kannte. Mit einer tiefen Stimme und einem leichten Kratzen beim Sprechen.

Ich war an diesem öffentlichen Telefon vorbeigekommen und folgte dem Impuls, den pinkfarbenen Hörer abzunehmen, Münzen in den Schlitz zu werfen und meine Nummer zu wählen. Vielleicht aus nostalgischen Gründen. Schon klingelte mein Handy irgendwo tief in meinem Rucksack. Und dann hörte ich ihn. „Hallo?“

Wir haben eine halbe Stunde miteinander gesprochen und bekamen eine Ahnung voneinander. Mit seiner tiefen Stimme erzählte er, er stünde mitten im Regen und hielte einen sehr großen Blumenstrauß in der Hand. Im Blumenladen hätte die Dame ihm den Strauß liebevoll in ein großes, dünnes Papier gewickelt, und dieses Papier läge nun am Boden, da es in dem strömenden Regen keinen Nutzen gehabt hätte und sowas wie auseinander gefallen wäre.

Ich konnte mir kein richtiges Bild davon machen. Sowas wie auseinander gefallen
War es auseinandergefallen, oder war es noch zusammenhängend und lag lediglich nass am Boden?

Er setzte hinterher: „Das Papier hat absolut keinen Schutz geboten.“

Und ich schob meine Bilder zur Seite und konzentrierte mich auf meinen Gesprächspartner, der nun fragte, was er jetzt mit diesem Papier machen sollte?

Ich fragte zurück, was er für Blumen in seinem Strauß und für wen er sie gekauft hätte, weil sich jetzt doch wieder Bilder einmischten, und ich die Hoffnung hatte, Unklarheiten zu beseitigen.

Er schwieg. Meine Fragen hatten ihn offenbar aus dem Konzept gebracht. Oder er mochte sie nicht. Er seufzte. Auch das klang tief und ein wenig kratzig.

„Lilien“, sagte er dann. Weiße und auch welche in rosa. Für wen wüsste er nicht.

„Ich habe diesen Mann gesehen mit den Lilien in der Hand, und er sah so glücklich aus. Da habe ich beschlossen, auch einen Blumenstrauß zu kaufen“, sagte er, und seine Stimme quietschte jetzt. Glücklich sein, erzählte er mir, das fehlte ihm schon so lange.

Mir fiel das am Boden liegende Papier wieder ein, und ich fragte, ob es noch dort läge, und er bejahte und fing an zu weinen. Ich hatte mich also angerufen und sprach nun mit einem Unbekannten mit dunkler, kratziger Stimme und kleinen quietschigen Sprenkeln, der irgendwo stand. Im Regen. Und weinte. Ausgelöst durch meine Frage nach dem Papier auf dem Boden, sowas wie auseinander gefallen.

Ob es noch regnen würde, fragte ich. Auch das bejahte er. Und weinte weiter. Schluchzend, quietschend, kläglich. Ich bot ihm an, mir das Papier zu geben. Ich konnte sein Weinen nicht aushalten. Ich fühlte mich dem ausgeliefert. Hineingezogen. Ich fühlte mich vom Regen durchnässt, in dem nicht ich, sondern er stand.

Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich vermutlich auch keine Verwendung für das Papier haben würde und teilte ihm vorsichtig mit, dass ich die Idee hatte, dass es ihn entlasten könnte, dieses dünne Stück Papier, das keinen Schutz bot im Regen, jemand anderem zu überlassen. Vielleicht auch nur vorübergehend? Als Leihgabe? Ich bot mich ihm als vorübergehende Besitzerin des Papiers ohne Schutz an.

Er schwieg. Ob er nachdachte? Mit seiner tiefen Stimme? Kratzte es dabei in seinem Kopf? Er war sehr still, und ich hatte Sorge, er wäre verschwunden. Dann aber hörte ich das Kratzen bis zu mir. Bildete ich mir ein. Es war laut, sein Nachdenken. Und angestrengt. Er schluchzte noch einmal und sagte dann mit einem quietschigen Sprenkel in der Stimme: „Ja. Ja, vielleicht. Vielleicht könnte das gehen.“

„Also mit dem Papier meine ich. Und dem fehlenden Schutz“, setzte er nach einigen Sekunden kratzenden Denkens hinterher.

Ich bedankte mich für sein Vertrauen und versprach ihm, gut acht zu geben auf das Papier. Er gab es mir dann. Es triefte vor Nässe, und als ich es jetzt in meiner Hand hielt, wusste ich, was er gemeint hatte mit sowas wie auseinander gefallen. Mir wurde klar, dass ich kein Bild davon hatte entwickeln können, ohne es bei mir zu haben. Jetzt aber, als ich es hielt, überkam mich dieses sehr starke und bestimmte Gefühl, und ich war froh, die passende Definition bereits zur Verfügung zu haben. Sowas wie auseinander gefallen. 

Ich ließ es in meiner linken Hand nach unten hängen. Nass, schnoddrig, klumpig. Ich beachtete es nicht mehr. In der rechten Hand hielt ich den pinken Hörer.

„Geht es Ihnen besser?“, fragte ich hinein. Ich hörte dieses Seufzen.

„Ja“, quietschte er, und ich spürte Erleichterung. „Es regnet jetzt nicht mehr“, sagte er. „Der Himmel ist grau. Die Lilien sind nass, und ich bin es auch. Ich fühle mich nicht so glücklich, wie ich dachte, dass ich es sein würde mit einem Strauß Blumen in der Hand.“ Er seufzte, machte eine kurze Pause. „Aber es regnet nicht mehr.“

Er sprach das monoton. Als seien es Nebensätze, die sich verloren hatten. Ohne Bezug.

„Wie schön“, sagte ich und nahm irritiert ein Quietschen wahr in meiner Stimme. „Dann können Sie jetzt trocknen. Und die Lilien.“

Ja, das wäre wohl so, stimmte er mir zu.

„Möchten Sie das Papier dann jetzt vielleicht wieder haben?“, fragte ich ihn. Ich war hoffnungsvoll. „Ohne den Regen könnte es seiner Schutzfunktion wieder nachkommen“, schlug ich vor und warf einen Blick auf das schlaffe Papier in meiner linken Hand.

Es blieb ruhig in der Leitung. Sehr ruhig. Ich hörte gar nichts. Ich spürte nichts.

„Ja?“, fragte er dann so unerwartet in die Stille hinein, dass ich erschrak. „Wovor soll das Papier die Lilien schützen?“, fragte er irritiert.

Und da war das Bild plötzlich scharf vor meinen Augen. Wie er da stand nach dem Regen. Nass. Frierend. Mit dem grauen Himmel. Um ihn herum Alltagsgeschehen. Und er irgendwie raus. Alleine. Sowas wie auseinander gefallen. Und die Lilien in seiner Hand. Weiß und rosa. Es waren genau sieben. „Wieso sieben?“, fragte sich mein Gehirn und bekam keine Antwort, weil ich das Bild scharf stellte, die Lilien riechen konnte, die grünen, starken Stängel betrachtete, die Blätter. Was für schöne Blumen.

„Vor dem Glück? Vielleicht schützt das Papier die Lilien vor dem Glück?“ Ich sprach jetzt laut und deutlich, und all das Quietschen war verschwunden. Und die Unsicherheit.

Ich wusste nicht, wie er reagieren würde. Es ergab keinen Sinn, was ich sagte, dachte ich und spürte das Gegenteil.

Er reagierte unerwartet. Und doch stimmig. Er kicherte. Es war so ein kehliges, fast verschlucktes Kichern. Es klang abgehackt und fremd durch den Hörer. Ich hielt den Hörer ein wenig von meinem Ohr weg.

„Meinen Sie?“, fragte er und kicherte.

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete ich und hielt mir das Papier vor das Gesicht. „Ich schaue mir das Papier gerade an. Es sieht nicht so aus, als könnte es vor irgendwas schützen. Ehrlich gesagt. Wenn ich es mir genau überlege.“

Er kicherte jetzt sehr laut. Sehr kehlig und verschluckt und sehr laut. Fast ein Husten. Er setzte zum Sprechen an, aber es gelang nicht, weil ein Kichern unterbrach.

Er holte tief Luft.

„Na, dann geben Sie es mir mal her. So wie Sie das beschreiben, scheint es mir das perfekte Papier, um die Lilien vor dem Glück zu beschützen.“ Seine Stimme war jetzt eine Mischung aus kehligem Quietschen und tiefem Kichern, und vielleicht war es beinahe ein Glucksen.

Ich gab ihm das Papier.

„Ich danke Ihnen sehr“, sagte er. Ich hörte ihn werkeln. „Ich habe das Papier jetzt um die Lilien gewickelt, und ich muss Ihnen sagen, es war die richtige Entscheidung. Vielen Dank für Ihre Zeit.“ Das sagte er noch. Und dann unterbrach er die Verbindung. Ohne Vorwarnung. Ohne Abschied. Er war plötzlich weg.

Und zoomte das Bild heran, sah ihn die Straße hinunterlaufen. Mit den sieben Lilien in der Hand und dem darum gewickelten Papier.

Und ich hängte den pinkfarbenen Hörer ein, kramte in meinem Rucksack nach dem Handy, kein Anruf in Abwesenheit, steckte es in meine Jackentasche und lief stadteinwärts. Sowas wie zusammen gewachsen.

© Mirjam Sarrazin

Die reiche Prinzessin

gelbe Blüte auf dunklem Grund

Es war einmal eine Prinzessin, die war sehr reich. Sie hatte sehr viel Gold und Geld, Edelsteine und Schmuck. All das bewahrte die Prinzessin in einer Schatzkammer auf, die in einer Höhle unter dem Schloss lag und zu der nur sie den Schlüssel besaß. Es gab eine Schatzmeisterin, die sich darum kümmern musste, den Reichtum der Prinzessin zu verwalten. Unzählige Male übergab die Prinzessin ihr jeden Tag den Schlüssel, damit sie in die Schatzkammer hinabstieg und zählte. Nach jeder Mahlzeit ging auch die Prinzessin hinunter, um beruhigt festzustellen, dass alles in Ordnung war.

Sobald sie die Schatzkammer wieder verließ, machte sie sich Sorgen, ob ihr Reichtum gut genug beschützt sei und ob er ausreichen würde. Die Prinzessin hatte im Garten des Schlosses einen Spielplatz. Es gab eine Rutsche, eine Schaukel und einen Kletterturm. Außerdem hatte sie ein Fahrrad und einen Roller und es wuchsen kräftige Bäume zum Klettern. Die Prinzessin besaß ein Zimmer voller Spielsachen und im Schloss nebenan wohnte eine andere Prinzessin, mit der die reiche Prinzessin jederzeit spielen konnte. Doch all das tat die Prinzessin nicht. Sie kam nicht dazu. Immerzu sorgte sie sich um ihren Reichtum. Sie zählte und rechnete den ganzen Tag.

Eines Tages kam eine Fee ins Schloss geflogen. Die Fee fragte: „Liebe reiche Prinzessin, was sorgt dich?“

Die Prinzessin seufzte tief: „Ach liebe Fee, ich habe so viel Geld und Gold und Edelsteine und Schmuck. Und doch habe ich Angst, dass meine Schatzkammer plötzlich leer ist und ich nichts mehr wiederfinde. Und dass ich dann ohne dastehe und sterben muss.“

Da seufzte auch die Fee: „Das klingt wirklich sehr anstrengend, liebe Prinzessin. Da kannst du nie ja etwas anderes tun!“

Die Prinzessin nickte traurig.

Die Fee holte ihren Zauberstab hervor und sagte: „Ich habe eine Idee für dich, reiche Prinzessin. Ich kann dir etwas zaubern, so dass du dich nie wieder sorgen musst!“

Die Prinzessin sah die Fee mit großen Augen an. „Oh wirklich?“ rief sie überrascht und klatschte in die Hände: „So etwas würdest du für mich tun?“ Und die Prinzessin lachte vor Freude.

Die Fee hielt ihren Zauberstab in die Höhe, flüsterte unverständliche Worte und im nächsten Moment verteilten sich Schatzkisten über das ganze Schloss. Große und kleine, eckige und runde, welche aus Holz und welche aus Metall, luftdurchlässige oder von Pflanzen berankte, solche mit schwerem Schloss und dickem Schlüssel und solche, die aussahen wie Fischernetze und rund um das Schloss von den Bäumen hingen. Manche waren pink und manche grün, manche glitzerten, andere standen tief versteckt in einem Mäuseloch und wieder andere dienten als Sitzmöglichkeit im großen Speisesaal. Eine hing direkt über dem Bett der Prinzessin und ähnelte einem leuchtenden Stern und eine andere konnte man nur sehen, wenn man die Augen schloss und ausatmete.

Die Prinzessin staunte. So etwas hatte sie noch nie erlebt und sie wollte der Fee danken, doch diese war weitergeflogen.

Gemeinsam mit der Schatzmeisterin stellte die reiche Prinzessin fest, dass all ihr Reichtum sich auf die unzähligen Schatzkisten verteilt hatte. Und nachdem die Prinzessin einen ganzen Tag damit verbracht hatte, alle Schatzkisten zu finden und doch nur die Hälfte entdeckt hatte, sagte sie: „Ich glaube, jetzt kann ich aufhören, immerzu auf meinen Reichtum aufzupassen und mich zu sorgen. Es ist ja überall etwas da! Egal in welche Richtung ich schaue, immer wieder stoße ich auf neue Schatzkisten voller Gold und Geld, Edelsteine und Schmuck. Wenn ich Angst bekomme, eine könnte leer sein, brauche ich mich nur umzudrehen und schon erkenne ich eine neue, die gut gefüllt ist. Ich bin wirklich eine reiche Prinzessin!“

Und dann ging sie Fahrrad fahren.

© Mirjam Sarrazin

Das Märchen von der Riesenechse

Es war einmal eine Riesenechse, die hatte einen wichtigen Job. Sie nahm ihn sehr ernst und war rund um die Uhr beschäftigt. Die Riesenechse war aufgeregt, und sie dachte, wenn sie ihren Job nicht gut machen würde, dann müsste sie sterben, und die Welt würde untergehen. Der Job der Riesenechse bestand darin, alle Zugänge zu allem Schönen in der Welt zu bewachen, und sie strengte sich sehr an.

Und dann gab es eine Katze. Die Katze lebte im Dunkeln und fror, und alles, was die Katze zum Fressen fand, schmeckte nach nichts. Sie wusste, dass es noch mehr gab, irgendwo hinter der Riesenechse. Sie hätte gerne etwas davon abgehabt, aber sie hatte Angst vor der Riesenechse und deren Aufregung.

Die Katze war neugierig. Und schlau. Und sie war geduldig und sensibel, und sie konnte sich völlig unbemerkt auf ihren sanften Pfoten fortbewegen. Und so machte sie sich eines Tages auf den Weg durch das Dickicht, vorbei an kleinen Mauern, versteckt hinter Büschen und durch dunkle Wälder. Und während sie lief, schnurrte sie leise, um sich selbst zu beruhigen.

Das Schnurren aber hörte die Riesenechse, und obwohl sie normalerweise bei jedem noch so kleinen Geräusch wild wurde, losrannte und laut fauchte, beruhigte sie dieses Schnurren. Sie spürte innen eine Wärme und eine Müdigkeit.

So bahnte die Katze sich ihren Weg. Und schnurrte. Und war wachsam und leise und vorsichtig. Und dann, eines Tages, nach einer langen Wanderung trat sie hinter der Riesenechse aus dem Wald, und vor ihr lagen die Zugänge zu allem Schönen auf der Welt.

Und sie sah eine bunte Blumenwiese und roch diesen Duft und hörte einen Bach plätschern. Und in ihrem Bauch kribbelte es. Sie hatte es geschafft!

Die Riesenechse aber war derweil eingeschlafen von dem beruhigenden Schnurren der Katze.

© Mirjam Sarrazin

Der Mann und der Rabe

Kleines Fischerboot "Santa Maria" auf dem Meer

Habt ihr den alten Mann unten am Hafen gesehen? Sobald es warm ist, sitzt er dort. Er sitzt und schaut, und die Vögel scharen sich um ihn. Ich habe ihn noch nie sprechen gehört, noch nie mit einem anderen Menschen erlebt. Auch mit den Vögeln spricht er nicht. Ich weiß nicht einmal, ob er sie wahrnimmt. Er sitzt und schaut, und es ist, als sei er nicht da.

Ich beobachte ihn oft. Ich mag seinen Bart, mir gefallen seine wachen Augen, und ich habe gesehen, dass er stets unterschiedliche Socken trägt. Bunte Socken. Links einen blauen und rechts einen grünen. Oder links einen grünen und rechts einen rot-gelb gestreiften. Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Socken schauen einen kleinen Spalt breit zwischen den teuren, braunen Schuhen und der dunklen Hose hervor, sobald der alte Mann seine Sitzposition ändert. Gut sind sie zu erkennen, ganz am Anfang, wenn er ankommt an der Bank und sich setzt. Mit einer geschickten, kleinen Geste greift er beide Hosenbeine in Oberschenkelhöhe im Pinzettengriff und zieht den Stoff hoch. Die Socken haben grelle, modische Farben und könnten in einer der großen Ladenketten gekauft sein. Sie bilden einen überraschenden Widerspruch zum sonstigen Kleidungsstil des alten Mannes.

Manchmal, wenn es warm ist und die Bank noch leer, dann sitze ich und warte und freue mich darauf, dass er bald auftauchen wird. Ich warte auf diesen Moment, in dem ich entdecken werde, welche Socken er heute trägt.

Ich sitze auf dem unscheinbaren Mäuerchen gegenüber der Bank, beobachte die kleinen Hafenschiffe, die Möwen, die Fischer, die ihre Netze aufladen, und empfinde eine tiefe Ruhe. Ich notiere die Sockenfarben in meinem Handy. Ich weiß nicht warum. Es ist zu einer Marotte geworden. Und zu einer stattlichen Liste.

Manchmal, wenn ich in einer langweiligen Vorlesung sitze oder im Supermarkt in der Schlange stehe, dann schaue ich sie mir an. „Rot – grün, rot – blau-gelb gestreift u., rot – grün, braun – blau-schwarz kariert, gelb-blau-weiß gestreift r.-braun, blau-gelb gestreift u. – rot“ ist ein kurzer Auszug, wobei das u. für unregelmäßig und das r. für regelmäßig steht und sich auf die Streifenform bezieht. Eine Struktur in der Sockenwahl anhand der Farben ist nicht zu erkennen.

Ich beobachte den alten Mann bereits den gesamten Sommer über, und ich kann mit Gewissheit sagen, dass er seitdem immer dieselben Socken in unterschiedlicher Kombination trägt. Es hat keinen Tag gegeben, an dem er keine Socken getragen hat. Auch an heißen Tagen trägt er Socken in seinen immergleichen braunen Schuhen. Lediglich sein Hemd ist dann kurzärmelig.

Dieser Sommer ist durchwachsen. Hin und wieder gibt es ein paar heiße Tage, im Großen und Ganzen ist es mit einer Durchschnittstemperatur von 20 Grad kühl, und selten ist der Himmel klar.

Ich habe viel zu tun in diesem Sommer. Ich renoviere meine frisch bezogene Wohnung, finde mich in der neuen Uni zurecht und arbeite viermal die Woche in dem kleinen Café gegenüber dem Hafen als Servicekraft. Von dort kann ich nicht bis zu der Bank schauen, auf der erstaunlicherweise nie jemand anderes sitzt als der alte Mann. Es sind eine überschaubare Kreuzung, ein Zeitungsstand und ein überdimensionaler Kübel mit einer Palme, die vor sich hin fleddert, dazwischen. Meine Momente auf dem kleinen Mäuerchen sind dementsprechend kurz.

Morgens bin ich eine halbe Stunde hier, bevor meine Schicht im Café beginnt, später für meine Mittagspause. An Unitagen schaffe ich es erst am Nachmittag zum Hafen und manchmal gar nicht. Abends telefoniere ich von dem kleinen Mäuerchen aus mit meinen besten Freundinnen aus der alten Stadt und beobachte den Sonnenuntergang. Ich liebe die salzige Luft, das Raunen des Wassers, das geschäftige Treiben der Fischer und die Touristen, die von den kleinen Gässchen, die hier am Hafen zusammenführen, ausgespuckt werden. Ich entspanne hier. Insgeheim denke ich, es ist der alte Mann, der mich hierherzieht. Es ist eine Geborgenheit, eine Ruhe, ein Zugang zu einer inneren Tiefe, die ich empfinde, während ich auf ihn warte, ihn beobachte und in Gedanken mit ihm spreche. Ich habe Fragen an ihn. Sie sind in meinem Kopf, unausgesprochen, unbeantwortet, Fragen, die einfach da sind. Ohne Antworten zu fordern. Sie bereichern mein Gehirn, animieren meine Phantasie, geben meinem Leben, meinem Alltag eine Außenperspektive. Als wäre dieser alte Mann auf dieser Bank in diesem Hafen ein Spiegel, in den ich schaue, um mich zu erkennen, zu suchen, zu finden, in Frage zu stellen, zu überdenken. Es ist gut, wie es ist.

Wenn es kalt ist, und das meint alles unter 20 Grad, dann sitzt der alte Mann nicht auf der Bank. Dann warte ich vergeblich auf ihn. Das habe ich früh begriffen in diesem Sommer.

Habt ihr mal nach oben geschaut? Hier von meinem Platz auf dem kleinen Mäuerchen aus? Den Kopf angehoben, in den Nacken gelegt? Den Blick zum bewölkten Himmel gerichtet? Es wäre einen Versuch wert. Probiert es! Es kann bereichernd und erhellend sein, die Position des Kopfes hin und wieder zu verändern. Dreidimensional. Einfach mal nach oben blicken. Und könnt ihr ihn jetzt sehen? Dort oben auf dem kleinen Giebel dieses in die Jahre gekommenen Häuschens? Da sitzt er. Seht ihr ihn? Das ist er. Der Rabe.

Er sitzt und schaut. Sobald es kalt ist. Er hat diese wachen Augen und diesen kräftigen Schnabel. Er beobachtet das Treiben auf dem kleinen Platz zwischen Hafen und Häuserfront, zu der auch mein Café gehört. Zwischendurch streckt er seine prächtigen Flügel aus. Er putzt sich das Gefieder. Dann schaut er wieder. Und sitzt. Und schaut. Bewegt den Kopf ruckartig hin und her. Er streckt sich in die Höhe, hüpft ein paar Millimeter zur Seite. Schaut. Sitzt. Putzt sich. Er ist gut zu erkennen hier von meinem Mäuerchen aus. Ich muss nur den Kopf in den Nacken legen.

Ich habe ihn durch Zufall entdeckt. Noch bevor ich den alten Mann das erste Mal sah. Das Meer war stürmisch und das Wetter ungemütlich. Ich war unruhig, als ich in dieser Stadt ankam, fühlte mich verkatert, übermüdet, irgendwie gestrandet und hatte Sorge, nicht Fuß fassen zu können. Der Aufbau der Stadt war mir fremd. Meine frühere Uni hatte direkt am Meer gelegen, an einer stark befahrenen Straße, die lediglich überquert werden musste, um zum Strand und zu zahlreichen Cafés zu gelangen. Mein Leben spielte sich an der Uni ab. Ich hatte einen kleinen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin und verbrachte sowohl meine Studien- und Arbeitszeiten als auch meine gesamte Freizeit in unmittelbarer Nähe zu Uni und Strand. Ich war nie alleine, irgendwen traf ich immer, und zum Schlafen fuhr ich mit dem Rad sieben Minuten stadteinwärts zu dem kleinen Zimmer, das ich bei einer älteren Dame mit einem Hof voll von griechischen Heldinnenfiguren aus Stein gemietet hatte.

In dieser Stadt aber lag die Uni landeinwärts und eine Viertelstunde von Innenstadt und Hafen entfernt. Meine Wohnung befand sich in einem Vorort in Küstennähe, und meine Kommiliton*innen waren über das gesamte Stadtgebiet verstreut. Es brauchte gezielte Verabredungen, um in Gesellschaft zu kommen, und ich verbrachte viel Zeit mit Fahrradfahren.

Ich hielt mich am Meer fest. Am Hafen. Am Salz in der Luft und an den Möwen auf den Masten. Zunächst ließ ich mich in Hafennähe durch den Tag treiben, um in dieser neuen Stadt anzukommen. Erst später, als ich den Job in dem kleinen Café annahm, kristallisierten sich feste Routinen im Tagesablauf heraus.

Dem Kind flog sein Ballon davon. Ich beobachtete die Szene, blieb entgegen meines Impulses, loszulaufen und einen Rettungsversuch zu starten, aber stehen und beobachtete den Ballon beim Steigen in die Lüfte. Er tanzte im kalten Wind. Da sah ich den Raben zum ersten Mal. Er saß auf seinem Giebel und schaute. Mein Blick blieb an ihm hängen, weil er für einen kurzen Moment den roten Ballon zu beobachten schien, genau wie ich. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, wir dachten in eine ähnliche Richtung und waren eins. Dann putzte er sich. Und streckte seine Flügel. Der Ballon flog weiter. Der Rabe blieb. Seitdem beobachte ich ihn.

In diesem durchwachsenen Sommer ist er immer da, sobald es kälter ist als 20 Grad.

Der alte Mann war als Kind ein Vogelexperte gewesen. Er hatte schon als ganz Kleiner die Tauben beobachten wollen, hatte die Krähen nachgeahmt und mit der Mutter im Park die Enten gefüttert und dabei geschnattert wie sie, noch bevor er „Mama“ hatte sagen können.

Besonders angetan aber hatte es ihm der Rabe, den er im Garten des Elternhauses entdeckte. An langen Wintermorgen saß der Junge gut geschützt vor der Kälte auf der Fensterbank und beobachtete, wie dieser alte, struppige Rabe hoch oben im Kastanienbaum saß und geduldig wartete, bis die Mutter das Futterhäuschen für die Meisen befüllte. Sobald die Mutter den Garten verlassen hatte, ließ er sich herunter auf einen nahen Ast neben dem Häuschen und stupste es mit seinem starken Schnabel an, so dass einige der Körner auf den Boden fielen. Entspannt konnte er nun die Körner vom Boden aufpicken und musste sich nicht den Kopf in dem schmalen Futterhäuschen verrenken. Dem Jungen hat es eine tiefe Zufriedenheit vermittelt zu sehen, wie der Rabe sich mit Geduld und List sein Futter erarbeitete.

Dann kamen der Krieg und der Hass. Die Häuser und Straßen, der Garten, seine Familie und sein Fühlen wurden zerstört. Die Kastanie blieb stehen, der Rabe verschwand.

In seinem Inneren aber trug der Junge ihn stets bei sich. Und als es noch schlimmer wurde, das Grauen und der Schrecken, und diesem Jungen nicht mehr viel blieb, und es ihn zwang, sich innerlich zu zerreißen, kurz vorher, in diesem Moment der Entscheidung, da war plötzlich der Rabe da, zerzaust, kräftig, zugeneigt und begann Flugübungen mit ihm zu machen. Er bereitete seine struppigen, alten Flügel aus, stellte sich auf, streckte den Kopf und begann, sich geschmeidig zu bewegen.

Der Junge machte es ihm nach. Er war eifrig und ehrgeizig. Er hatte diese Gewissheit, dass es nur diesen Weg gab für ihn. Er musste das schaffen. Er übte. Ihm fehlte Nahrung, ihm fehlte Kraft. Um ihn das Unaussprechliche. Die eisige Kälte, das Zittern des Körpers, den er nicht mehr spürte. Der Rabe trieb ihn an. Unermüdlich flatterte der Junge. Kopierte den Raben. Und ganz allmählich schwappten die Bewegungen des Raben auf ihn über. Sein Gehirn speicherte jede noch so kleine Bewegung, sein Körper merkte sich die Muskelreize, die ihn seinem Ziel näherbrachten, und vergaß die, die ins Leere führten. Die Abläufe automatisierten sich. Bald schon musste der Junge nicht mehr nachdenken, der Körper bewegte sich wie von selbst. Hervorragend, mächtig und anmutig. Selbst das leichte Hinken des Flügels des alten Raben übernahm der Körper des Jungen wie von selbst. Mit viel Kraft und Lebenswille.

Und eines Tages, als sie seine Familie lange schon getötet hatten, und er nur lebte, weil fremde Menschen ihn mit Zügen und Transportern weggebracht hatten aus seiner Heimat, deren Klänge ihm nur noch in seinen Träumen begegneten, und als er immerzu fror, auch wenn die Sonne schien und die anderen kurze Hosen trugen, da konnte er es plötzlich. Er flog. Es waren ein paar Meter. Es war ein Anfang. Ein hoffnungsvoller. Er hatte es gelernt. Er konnte es jetzt. Der Rabe war immer bei ihm geblieben. Er war verlässlich, und er kam, wenn es nicht mehr ging.

Geht ruhig runter zum Hafen. Durch eine der kleinen Gassen könnt ihr ihn nicht verfehlen. Heute ist es warm. Da sitzt er auf seiner Bank, der alte Mann. Ganz bestimmt. Ihr dürft auf meinem Mäuerchen verweilen. Ihr erkennt es an der leeren Colaflasche, die ich dort gestern habe stehen lassen. Ich habe sie vergessen, und vorhin stand sie noch dort. Probiert es aus! Es wird euch gut tun. Und wenn ihr mögt, dann achtet doch auf seine Füße. Ob er Socken trägt. Gestern plötzlich hatte er keine an in seinen braunen Schuhen. Und heute war er noch nicht da, als ich los musste zu meiner Schicht. Ich habe darüber nachgedacht, meine Chefin anzurufen und Bescheid zu sagen, dass ich später komme, aber ich bin nicht gerne unzuverlässig. Tut ihr mir den Gefallen? Werft ihr einen Blick auf seine Socken? Ach, und noch etwas. Da war gestern noch etwas anders an ihm. Aus seiner Tasche am Hemd ragte diese schwarze Feder. Ich möchte so gerne wissen, ob er sie heute wieder bei sich hat. Und dann kommt ihr hier im Café vorbei und erzählt es mir? Ich gebe euch einen Espresso aus. Draußen auf der Terrasse in der Sonne. Es ist herrlich dort. Jetzt in dieser Wärme.

© Mirjam Sarrazin

Der Elefant

Mein Sohn sitzt als Beifahrer neben mir in seinem Kindersitz, und während ich das Auto von unserem Hof auf die Straße manövriere und mich auf verbliebene Schneereste, Fahrräder ohne Licht und den Berufsverkehr konzentriere, ruft er plötzlich: „Der Elefant rutscht runter.“

Fast wäre ich auf die Bremse getreten, als hätte er „halt!“ oder „rot!“ oder besser noch „Feuer!“ geschrien, weil er erschrocken und nach Dringlichkeit klingt. Ich bremse nicht, nehme aber den Fuß reflexartig vom Gas. „Was?“, frage ich ihn aufgebracht und werfe einen flüchtigen Blick zu ihm.

Gebannt starrt er auf die Windschutzscheibe. „Da!“ Sein Finger zeigt auf eine Ansammlung von schmelzenden Eisresten, die in Zeitlupe das Glas herunterrutschen. „Der Elefant fällt jetzt“, erklärt er mir, und seine Stimme hat sich wieder gefangen. Er beobachtet, ich gebe leicht Gas und schaue auf den Bus vor uns.

„Der Elefant geht jetzt zu seiner Herde. Da unten ist sie. Sie suchen Wasser.“ Mein Sohn erzählt. Draußen wird es hell und später am Tag stehe ich vor dieser Arztpraxis und habe wacklige Beine und den dringenden Wunsch, zu Hause auf meinem Sessel zu sitzen und Tee zu trinken. Ich kann ihn schmecken, den Tee. Zitronig, würzig, gemütlich. Ich habe Durst. Ich hole meine Flasche aus der Tasche und trinke Wasser. Plötzlich läuft ein Elefant durch meine Gedanken. Er sucht seine Herde. Sie stehen am Wasserloch. Lebendig, stattlich, gesellig. Großartig. Schutz. Kraft. So viel Kraft. Ich stelle mir vor, wie sie hier stehen, mitten in dieser kleinen Straße, umgeben von Hochhäusern. Ich höre sie trompeten. Sie ärgern sich über die Autos, die keine Rücksicht nehmen. Und sie ärgern sich über mich, dass ich hier stehe. Und Wasser trinke. Mit wackligen Beinen. Und nicht endlich losgehe und es hinter mich bringe. Sie starren mich an. Bis auf die Kleinen. Die scharren im Asphalt und suchen nach versteckten Graswurzeln. „Wir kommen alle mit“, sagen sie mir und plötzlich empfinde ich so ein verrücktes Gefühl von Übermut. Ich gehe also mit einer Herde Elefanten zu diesem Arztgespräch. Elefanten aus der Phantasie meines Sohnes, die ihren Weg irgendwie von unserer Windschutzscheibe bis hierher in diese Straße geschafft haben.

Das muss klappen, denke ich. Bei so viel Herrlichkeit in meinem Sohn und so viel Kraft und Schutz und so vielen Elefanten um mich herum.

© Mirjam Sarrazin

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In der U-Bahn sitzen auf den Plätzen direkt vor mir zwei Schulkinder, und während sie das Geschehen um sich vergessen zu haben scheinen und im Hier und Jetzt versunken abwechselnd in eine zerknautsche Papiertüte greifen und mit klebrigen Fingern Süßigkeiten herausziehen, spielen sie dieses Spiel, bei dem die eine Person zwei Optionen nennt und die andere sich für eine der beiden entscheiden muss.

Die eine Person sagt zum Beispiel „Hund oder Katze?“. Und die andere wählt, was sie lieber mag. Oder die eine Person sagt „In eiskaltes Wasser oder in Brennnesseln springen?“. Und die andere muss sich für das in ihren Augen kleinere Übel entscheiden.

Das eine Kind zieht gerade einen kleinen, grünen Frosch aus der Papiertüte, stopft ihn in seinen Mund und fragt dann das andere Kind laut kauend: „Regenwurm essen und Hundekacke anfassen.“

Das Gefragte antwortet sofort. „Die Hundekacke“, sagt es überzeugt. „Finde ich gar nicht eklig.“ Und dann steckt es selber seine Hand in die Papiertüte und wählt eine Lakritzschnecke, wickelt sie vorsichtig ab, schaut kurz aus dem Fenster, überlegt, steckt ein abgerissenes Stück Lakritz in den Mund und nuschelt: „Pipi trinken und.“ Jetzt unterbricht es, um Lakritz nachzuschieben und zu schlucken. „Also Pipi trinken und Bier trinken?“

Es fällt mir tatsächlich nicht sofort auf. Ich habe zunächst nur das Gefühl, dass etwas anders ist an ihrem Spiel. Eine atmosphärische Irritation. Ich kann sie nicht sofort den Kindern und ihrem Spiel zuordnen. Irgendetwas fühlt sich fremd an. Dann aber wird es mir klar. Die Kinder sagen „und“. Nicht „oder“. Sie verbinden die beiden Optionen mit einem und. So kenne ich es nicht. Ich habe es so noch nie gehört. Während ich ihnen lausche, stelle ich fest, dass diese Variante eine interessante Wirkung auf mich hat. Es ist, als stellten sie keine geschlossene Frage mit zwei zu wählenden Optionen, sondern als läge die Betonung des Spiels darauf, hervorzuheben, welche Optionen sie sich nun gerade ausgedacht haben. Es ist, als würden sie sagen: „Ich suche mir folgende Optionen aus. Aus einer Vielzahl an Möglichkeiten.“ Der Fokus liegt darauf zu erkennen, was diese beiden Kinder in diesem Moment daraus machen. Es wirkt wie ein Beobachten der Gesamtsituation. Pipi und Bier trinken. Beides mögliche Optionen. Die sich nicht ausschließen.

Ich richte mich auf meinem Platz etwas auf, lausche jetzt gespannt, was das Kind, das gerade dran ist, als Optionen vorschlägt. „Vom Zug überfahren werden und verbrennen“, fragt es. Nein. Es sagt es. Es fragt nicht. Obwohl es am Ende hoch geht mit der Stimme wie bei einer Frage. Und jetzt passiert etwas Spannendes. Das andere Kind greift sich die Papiertüte, hält dann aber inne und sagt sehr ernst: „Und vom Dach fallen.“ Nun hält es den Kopf schief und schaut etwas verkrampft in die Tüte. Erstarrt für einen Moment, sieht kurz hoch. „Das würde auch noch dazu passen, vom Dach zu fallen.“ Die Blicke der Kinder treffen sich. „Das stimmt“, sagt das Kind, das die Optionen vorgeschlagen hatte. „Das würde auch noch passen. Aber das nimmst du bestimmt nicht, oder?“ Und in der Stimme liegt plötzlich Verunsicherung, etwas Verletztes, Flehendes. „Ach nein, das nehme ich nicht“, antwortet da schon das andere Kind leise und doch mit Nachdruck und zieht einen langen Weingummiwurm aus der Tüte, bewegt ihn schlängelnd auf das andere Kind zu und ruft kichernd: „Vom Regenwurm gefressen werden nehme ich.“ Es drückt den Wurm in die Wange seines Gegenübers und faucht. „Das ist doch kein Drache“, antwortet dieses und muss auch kichern und sucht in der Tüte nach einem ebenbürtigen Gegner.

Ich atme tief aus. Und tief wieder ein und spüre, wie Luft durch meine Lungen strömt. Da lag einen Moment Schwere in der Luft, über den Kindern, zwischen ihnen. Nun ist sie wieder weg. Sie ist davongeflogen. Und. Es war schwer, und nun ist es leicht. Sie kichern und haben einen Umgang mit diesem Schweren. Mir imponiert die Unbefangenheit, das sich Berühren und dann wieder Wegfliegen lassen. Es geschehen lassen. Das und. Das ist es, was mir imponiert. Nicht nur in ihrem Spiel, auch in ihrer Sprache, in ihrem Zugang zum Leben. Es spielt eine wesentliche Rolle. Schweres und Kichern. Vom Dach fallen und Regenwürmer.

Ich spüre Entspannung. Der Konflikt mit meiner Chefin aus der heutigen Konferenz rutscht in den Hintergrund, der Stress dieses Arbeitstages fällt von mir ab. Ich stelle mir vor, wie er durch die dreckige Fensterscheibe der U-Bahn nach draußen strömt und mit den vorbeifliegenden Momentaufnahmen der Stadt aus meinem Bewusstsein entschwindet.

Ich spüre Wärme in meinem Bauch und wie ein kleiner Tornado überkommt mich tief innen Vorfreude auf den Abend mit N.

Wir haben uns einige Tage nicht gesehen. N. musste beruflich ins Ausland. Nun ist sie wieder da. Gleich werde ich sie sehen. Wenige Minuten sind es noch. Wir werden uns umarmen und spüren und zusammen essen gehen. Und da sein. Im Moment. Miteinander. Und auf ihre Frage, wie es mir gerade geht, werde ich vielleicht zu ihr sagen: „Angestrengt. Wegen meiner Chefin und ganz wunderbar, weil ich dich jetzt gerade sehe, und weil da diese Kinder in der Bahn waren, und die haben es mir angetan. Mit ihrem und.“

In diesem Moment fährt die U-Bahn meine Haltestelle an, und während ich aufstehe und aussteige, beobachte ich die Kinder und höre ihr Kichern und ihr Spiel. Ich fühle mich beflügelt. Wach. Lebendig. War es ihre Konzentration auf die Situation? Ihr in sich und dem Hier und Jetzt ruhen? War es die Lebendigkeit? Der kurze Ausflug in das Schwere? Oder war es das und?

Ich sehe N. Wie sie lässig auf dem Bürgersteig steht. Neben dem Schaufenster des Kiosks. Wie sie in ihrem Handy liest. Wie sie aufschaut. Mich entdeckt. Wir ihr ganzer Körper hüpft vor Freude. Ohne dass ihre Füße den Boden verlassen. Das ist eine dieser Bewegungen, die ich so mag an ihr. Dieses körperliche Freuen. Fast unbemerkt und intensiv. Ich gehe auf sie zu. Wir nehmen uns in den Arm. Küssen uns flüchtig auf den Mund. Das macht uns vielleicht aus. Dass wir zaghaft sind miteinander. Wir brauchen immer eine Weile, um beieinander anzukommen. Auch nach der langen Zeit, die wir uns kennen. Ich spüre ihre Aufregung. Und meine. Leise. Ich freue mich. Schaue in ihre grünen Augen, die mich an einen tiefen Waldsee erinnern. Und dann sage ich: „Was gibt es heute Abend für uns? Sushi und zur Lieblingspizzeria?“

Und in dem Moment, wo ich es sage und das „und“ einsetze, anstelle des „oder“. Bewusst. Explodiert diese vorsichtige Freude in mir, und ich stelle fest, dass dieser Moment hier, dieses kurze Gespräch zwischen N. und mir, diese Einleitung in diesen herbei gesehnten Abend, das mit uns macht, was ich bei den Kindern wahrgenommen habe. Ein voll und ganz im Moment Sein. Ein sich Einlassen auf das Hier und Jetzt. Ein alle Türen aufreißen, und sich ganz dem hingeben, was es ist und was nun kommt. Was wir sind. Ein Fühlen. Ein Empfinden. Ein Da sein. Ein Spüren. Und das treibt mir Tränen in die Augen. Vor Berührt Sein.

Und N. lacht und schaut mich an und springt ohne den Boden zu verlassen. „Und zum Nachtisch Eis“, sagt sie. Und dann gehen wir los. 

© Mirjam Sarrazin

Die Hexe und die Echse

Wilde Blumen und Kräuteransammlung von unten fotografiert. Sonne scheint durch.

Es ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Es ist ein Beenden des Tages, ein bewusstes Verabschieden, ein Betreten der Nacht, ein meditatives Summen in ihrem Inneren. Es ist ein Übergang. Sie hätte sich längst einen Schlauch montieren können oder eine Pumpe kaufen. Sie hätte einen Brunnen graben und bauen können, und diese Idee schwirrt ihr in jedem Jahr aufs Neue in ihren zahlreichen Gedanken herum, sobald es Frühling wird. Bisher hat sie sich jedes Mal aufs Neue dafür entschieden, ihrem Abendritual mit der gelben Gießkanne treu zu bleiben und die Kräuter per Hand zu wässern. Es braucht Zeit. Und Kraft. Und die Echse schüttelt mit dem Kopf. Das gehört dazu. An jedem Abend von Frühjahr bis Herbst. Die Echse schüttelt den Kopf, die Hexe gießt mit der gelben Kanne, und dann macht die Echse einen Abendspaziergang durch den dichten Wald, der ihr Häuschen umgibt. Anschließend sind die Kräuter gewässert, und die Hexe ist müde und möchte jetzt rein und etwas essen und dann ins Bett.

Sie heißen so. Hexe und Echse. Sie haben keine anderen Namen. Manchmal lachen sie zusammen, wenn ihnen auffällt, dass es sich reimt. Sie freuen sich darüber. Meistens aber denken sie nicht darüber nach. Sie brauchen keine Namen. Sie rufen sich nicht. „Echse, komm mal rüber.“ oder „Hexe, was machen wir heute?“. Sie leben zu zweit. In einem wohnlichen Haus mit einem überschaubaren Garten. Und wenn die eine ruft, weiß die andere, dass sie gemeint ist. Und wenn sie keine Lust auf eine Unterhaltung hat oder einer Bitte nachzukommen, dann tut sie so, als habe sie die andere nicht gehört. Aber Namen brauchen sie dafür nicht.

Wenn sie auf den Markt oder in den Supermarkt gehen, fragen die Leute manchmal, ob sie denn keine Namen hätten. Sie denken, man könne nicht ohne Namen leben. Die Leute fragen auch, ob sie miteinander verheiratet oder verwandt seien. Mutter und Tochter. Oder Freundinnen. Oder ob sie nur so zusammenleben würden. „Nur so“, sagen sie.

Die Hexe und die Echse antworten darauf nicht. Sie wissen keine Antwort. Manchmal aber lachen sie. Später. Wenn sie wieder Zuhause sind.

Die Hexe hatte wohl mal einen Namen. Früher. Den hat sie weggegeben vor langer Zeit. Die Echse hatte nie einen Namen. Sie hatte einen Schrecken und eine Angst. Sie erinnert sich daran noch sehr gut. Aber davon fangen wir hier lieber nicht an. Das mag sie nicht, die Echse. „Es ist lange her“, sagt sie. Und so soll es auch bleiben.

Der Garten ist über und über bewachsen mit Kräutern. In allen möglichen Formen und Farben. Sie überwuchern den Zaun aus Holz, einen Teil des Häuserdachs, den Schuppen, liegengebliebene Gartengeräte, Maulwurfshügel, eine weggeworfene Unterhose, Ameisenberge, Rattenlöcher, Wege, diesen einen, alten Apfelbaum, das Mäuerchen und die Stellen ohne Licht.

Die Hexe arbeitet den ganzen Tag an ihren Kräutern. Sie gräbt, sät, pflanzt, reißt aus, setzt ein, pflegt und hegt und braut Tränke und Tinkturen, reibt und sägt, erfindet Salben und Cremes. Und sie summt dabei.

„Das ist Zauberei“, sagen die Leute, die sich hinter den Bäumen und Büschen um das Häuschen herum verstecken, wenn es los geht. Wenn die Hexe sich streckt und die Echse sich ausbreitet inmitten dieser Kräuter, und die Hexe ihre rauen, riesigen Schuppen massiert. Und summt. Ihre Kräutermixturen aufwärmt in dem kleinen Kessel und sie erst über ihre Hand und dann über die langen Gliedmaßen der Echse fließen lässt. Warm. Weich. Schützend. Ihre cremigen Finger in eine Schale mit Eiswürfeln taucht, sie knetet, mit ihnen seitlich am Körper der Echse entlang fährt. Und es geht ein Raunen durch den Wald.

„Sie kümmert sich um die Echse, und ich spüre diese tiefe Trauer in mir, und dann, am Ende, wenn sie fertig ist, ist die Trauer umhüllt wie in einer Seifenblase und fliegt davon und hinterlässt etwas Gutes in mir“, lässt sich hören.

„Es ist diese Schwere in mir. Ich fühle mich nutzlos. Sinnlos. Leer. Und dann schaue ich dabei zu, wie sie die Echse eincremt, und plötzlich kriege ich Lust, meine Freundin anzurufen und einen Spaziergang zu machen. Einfach so. Wie aus dem Nichts.“

„Ich habe diese Wut. Ich schlage gegen die Wand, und es tut mir alles weh danach. Wenn ich es schaffe und einmal in der Woche in den Wald gehe und zuschaue bei ihrem Hokuspokus, dann fühle ich mich so frei. So unbeschwert. Das ist doch verrückt.“

Natürlich wissen die Hexe und die Echse, dass sie da sind. Alle sind sie schon mindestens einmal da gewesen, hinter den Bäumen und Büschen. Manche heimlich, andere machen keinen großen Hehl daraus. Die meisten kommen regelmäßig.

Und das ist gut, auch das wissen die Hexe und die Echse. Irgendwann werden sie es merken und verstehen, dass es keine Zauberei ist. Sie werden feststellen, dass sie alle in sich diesen Kräutergarten haben und eine Hexe und eine Echse, und dass diese beiden sich gut versorgen tief in ihrem Inneren. Sie werden verstehen, dass es keine große Kunst ist, den Weg zu finden zu diesem Kräutergarten. Dass es lediglich ein wenig Mut braucht.

Es ist gut, dass sie zuschauen. So werden sie es irgendwann verstehen und als warme Weisheit tief in sich tragen. Das ist wichtig. Denn der Kräutergarten wuchert und wächst und irgendwann wird es soweit sein. Überall werden Kräuter sein. Gigantische, große, schützende Kräuter. Sie werden duften. Vernebeln. Betören. Es wird bis in die dunkelste Ecke im Wald, bis in den traurigsten Winkel im Dorf und weit hinaus über die Berge zu riechen sein. Überall. Und geborgen tief darunter die Echse und die Hexe. Sie werden sich umarmen. Kichern. Vielleicht Tanzen. Schlafen. Wie ein Himmel voller Sterne wird diese schützende Decke über ihnen sein. Bis es weiter geht. In einem anderen Wald. Bei einem anderen Dorf. Auf einem anderen Markt. Vielleicht direkt in deiner Nähe?

© Mirjam Sarrazin

„Bro“

Blauer Himmel mit Wolken

„Übergestern hat er immer gesagt“, sagt mein kleiner Bruder, der zu dicht neben mir steht wie versteinert und eine Reaktion will. Will. Immer weiter will.

Ich hänge mit einem angewinkelten und einem seitlich ausgestreckten Bein auf dem morschen Küchenstuhl, vornübergebeugt, meine Haare im Ketchup und stopfe die kalten Pommes in mich hinein. Ohne Ketchup. Ich hasse Ketchup.

„Hat er doch?“

Er ist mir zu nah, zu eng, zu viel, zu erstarrt.

Er kriegt mich nicht.

Ich esse, ich stopfe, ich würge kurz, nächste Pommes, starre auf die Zeitschrift, die halb unter dem blau geblümten Teller liegt und halb über den Küchentisch hinausragt und verstehe kein Wort. Interessiert mich nicht. Draußen die Hitze. In dieser Küche der Ventilator und die kalten Pommes vom Dönerladen. Ich esse kein Fleisch mehr. Also bringen sie mir Pommes. Weil ihnen nichts anderes einfällt. Sie können nur Döner. Sie sagen: „Bro, alles klar? Mach mal fünf Döner!“ Und dann: „Ach nee, die Kleine will ja Pommes. Mach mal trotzdem fünf und einmal Pommes.“

Ich weiß nicht warum sie den fünften Döner trotzdem bestellen und mitbringen. Er landet immer im Müll. Und das Fleisch aus dem Döner meines kleinen Bruders auch. Er mag nur das Brot und den Salat.

Meine Mutter kommt in die Küche. Sie redet irgendwas von Wäsche und von Kochen, und sie spricht Fast Food aus, als sei es ein deutsches Wort, und das klingt doppelt schräg.

Die Pommes sind alle. Ich dippe mit meinem Finger das verbliebene Salz und lutsche es ab.

Mein Bruder weint direkt neben mir. Weil ich nicht reagiere.

Meine Mutter schlägt mir mit dieser schnellen Geste an den Hinterkopf. Das ist nichts Ernstes, fast eine Zuwendung. Früher hätten wir jetzt zusammen gelacht, ich hätte mich entschuldigt. „Sorry Bro, war in Gedanken woanders. Komm. Ich drück dich.“ Und hätte ihn gedrückt, diesen kleinen Bruder.

Jetzt raste ich aus. Ich springe auf, fege den Teller vom Tisch, knalle die Tür. Jetzt heult meine Mutter. Ich verschwinde durch das enge Treppenhaus nach draußen. In die Hitze.

Ja, er hat immer übergestern gesagt. Und jetzt sagt er nichts mehr. Tot. Weg. Vorbei.

Übergestern war vor langer Zeit, und dann haben sie ihn überfahren. Vorne an der Hauptstraße. Weil er losgerannt ist. Aus dem Buggy aufgestanden und los. Dass er überhaupt so schnell rennen konnte. Kein Mensch weiß, wo er hinwollte. Zack. Da war das Auto. Erzählen sie. Ich erinnere mich nicht. Obwohl ich dabei war. Direkt daneben. Zu nah. Zu dicht. Oben am Himmel dieses Flugzeug. Es war, als würde es sich nicht bewegen. Einfach stehen geblieben. „Bro fick deine Mutter“, sagen meine großen Brüder, wenn sie an der Stelle vorbeikommen, und dann küssen sie sich. Ich sage irgendwie gar nichts. Da ist einfach nur dieses Flugzeug in meinem Kopf.

Wir waren fünf. Zwei große Brüder und zwei Kleine. Und ich dazwischen. Wir sahen alle gleich aus. Nur die Haare. Die waren rot beim Jüngsten. Und bei mir lang. Ich liebte meine langen Haare.

Seitdem ist alles anders. Seitdem rede ich nicht mehr mit meinem kleinen Bruder und die Großen nicht mehr mit mir. Seitdem schlägt meine Mutter mich auf den Hinterkopf, und plötzlich tut es weh. Seitdem raste ich aus. Seitdem sind wir Stammkunden im Dönerladen, und meine Mutter hat diesen Ventilator gekauft, obwohl sie die Hitze früher liebte. „Diese Hitze hält ja keiner aus“, sagt sie und flucht, und bei uns hält niemand mehr irgendetwas aus.

Ich renne die Straße entlang. Oben am Himmel das Flugzeug. Es ist geblieben.

Ich setze mich hinter den Schuppen vom Imbiss. Hier sieht mich keiner. Ich rieche das Essen. Und ich sehe die Pistole, die der Besitzer hier versteckt. Alle wissen, dass er sie hat. Sie kann nützlich sein, hier in dieser Gegend, nachts alleine in einem Imbiss. Meine großen Brüder haben sich früher bepisst vor Lachen, wenn sie nachgespielt haben, wie er sie hält und abfeuert. Sie haben ihm das nicht zugetraut. Sie trauen niemandem etwas zu. Und jetzt sowieso nicht mehr. Trotzdem hängen sie im Imbiss rum, grüßen jeden und verstehen sich blendend.

Ich war mit der Schwester des Besitzers befreundet früher im Kindergarten. Ich war oft bei ihr zu Hause, und manchmal durften wir übernachten. Ich liebte das eingelegte Gemüse und die dicken Federbetten, die sie hatten. Und den Kater mit seinem weichen Katzenbett, in dem ich mit ihm kuschelte.

Jetzt sitze ich hier und sehe die Pistole. Die mich nicht interessiert. Mich interessiert die Leiter daneben. Es ist viel los im Imbiss. Meine Brüder sind nicht da. Sie hängen irgendwo im Zentrum und trinken Energy und fahren irgendwann mit der Bahn zurück nach Hause. Sie langweilen sich. „Bro“, rufen sie quer über die Straße. „Was geht?“

Ich kann den Himmel nicht sehen aus meinem Versteck, aber ich weiß auch so, dass das Flugzeug noch da ist. Ich habe mich damit abgefunden, dass es nicht mehr verschwindet. Ich rieche das Essen, höre das Zischen des Fetts, die verwaschenen Stimmen. In meinem Bauch gibt es diese Bilder. Die hole ich mir jetzt raus. Es sind diese Gerüche hier hinter dem Imbiss, die sind wie Angeln, die ich ausfahre und wieder einhole, sobald es ruckt. Ein langer Tisch. Dieses Licht. Dieser Glanz. Das Grün der Bäume. Die Farben der Blüten. Hühner irgendwo. Lachen. Überall Lachen. Überall Menschen. Und alle warm. Und nah. Es gibt viel zu Essen. Es sind andere Gerüche als die des Imbisses, und nach und nach legen sie sie sich darüber. Kraftvoll. Stark. Über die reißfeste Angelschnur balancieren sie zu mir, finden Eingang in mein Gehirn. Machen es sich bequem. So wohltuend wie Schlaf, auf den ich so lange schon warte. Ich schmecke frisches Brot. Würziges. Ich schmecke den Kuss meiner Oma und gleichzeitig den Saft der Orangen. Ich rieche säuerlich und scharf und mein Bauch wird so schwer und angenehm, dass meine Augen sich anfühlen wie fiebrig. Hier in meinem Versteck hinter dem Imbiss, mit Blick auf die Pistole. Und die Leiter daneben.

Übergestern sind wir regelmäßig zu den Großeltern geflogen. Übergestern nahm meine Mutter meinen winzigen Bruder, setzte sich auf die Hollywoodschaukel etwas abseits des Tisches, zog ihr großes, weiches Tuch zurecht und gab ihm ihre Milch, beschützt, behütet.

Übergestern gibt es nicht mehr.

Mein winziger Bruder lebt jetzt in einem bewegungslosen Flugzeug am Himmel.

Die Bilder flirren vor meinen Augen, ich setze sie Sprosse um Sprosse in die Leiter ein, bis die Leiter so betörend duftet wie es der Imbiss niemals schaffen wird. Es ist eine neue Leiter. Sie glänzt. Man kann sie ausfahren. Bis sie einrastet. Ich befülle sie mit meinen Bildern. Voller Gerüche. Voller Wärme. Geborgenheit. Milch. Übergestern hat mein winziger Bruder gesagt. Sie wächst, die Leiter, wie diese Rankpflanzen in diesen Computerspielen. Bis weit in den Himmel wächst sie. Und jedes Bild, jeder Geruch verleiht ihr mehr Stabilität. Ich befestige sie mit diesen kleinen Haken am Flugzeug. Ich rieche ihn nun, meinen winzigen Bruder. Da sitzt er und hält seine Dinos in der Hand, und sie sind wild. Dabei hüpft er. Immer hüpft er. Seine roten Haare fliegen. Sie sind gewachsen in letzter Zeit. Sie fallen ihm über die Ohren, in die Augen. „Bro“, sage ich liebevoll. „Ich werde dir die Haare schneiden müssen.“ Und er hüpft und kreischt: „Nein, das mag ich nicht!“ Wir essen das frischgebackene Brot. Dippen abwechselnd in den Humus.

Und in meinem Bauch füllt es sich mit Weinen und Wärme, und übergestern zieht ein kleines Stückchen weiter an mir vorbei.

In den Feldern

Landschaft mit Wiesen und hohem Gras im Hochsommer

Hinten in den Feldern habe sie es gesehen. Sie sei sich ganz sicher.

Sie steht an diesem Stand und verfolgt die Handgriffe der Verkäuferin und die der Kund*innen mit ihrem Blick, während sie redet. „Es ist klein. Es hat langes Haar und keine Schuhe. Es trägt eine Hose und ein Shirt. Aber das trägt es nicht am Oberkörper so wie man das eben macht, sondern zusammen gebunden auf dem Kopf. So“, sagt sie und deutet mit ihren Händen ein vages Knäuel auf ihrem Kopf an. Dafür muss sie die Einkaufstaschen abstellen. Anschließend greift sie wieder nach ihnen, hebt sie hoch und redet weiter: „Das sieht merkwürdig aus. Irgendwie nicht ganz richtig. Es läuft dort zwischen den Büschen herum. Und über die Wiese. Ich habe es auch schon am Fluss gesehen. Da hat es gehockt. So wie Kinder halt hocken. Es hat ins Wasser geschaut. Irgendwie ist es, als gehört es dahin. Das ist ja das Komische. Es ist doch ein kleines Kind, das ganz alleine da herumläuft. Aber es gehört irgendwie dahin. Aber das kann ja nicht sein. Wie als wäre es Teil der Natur. So komisch. Sowas darf doch nicht sein.“ Sie spricht schnell. Sie ist aufgeregt. Sie merkt nicht, wie schwer ihre Taschen sind. Sie redet sich in Rage. Sie möchte gehört werden. Sie möchte das loswerden. Weggeben von sich. Die Verkäuferin hört ihr zu und macht nebenbei ihre Geschäfte. Die Kund*innen hören ihr zu. Und kommen und gehen. Manche pflichten ihr bei: „Sowas geht doch nicht. Es ist doch ein Kind. Das kann doch nicht einfach mutterseelenallein da herumlaufen.“

Sie geht jeden Tag auf den Markt, und immer wieder, wenn sie es am Vortag gesehen hat, erzählt sie davon. Manche gehen auch zum Deich und halten Ausschau nach dem Kind. Sie verlegen ihre Sonntagsspaziergänge auf die Felder am Fluss und achten auf jede Bewegung in den weitläufigen Auen. Niemand entdeckt es. Sie sehen es nicht. Die Frau aber beobachtet es immer wieder. Gezielt läuft sie zu unterschiedlichen Zeiten die kurze Strecke von ihrer Wohnung zum Deich und sucht die Wiesen ab. Auch mal spätabends und einmal morgens, kurz bevor der Tag erwacht. Sie sieht es nicht immer. Aber an diesem frühen Morgen kann sie es erkennen. Während die Vögel singen, und man das Gefühl hat, es gäbe nichts an Geräuschen in dieser Welt als Gespräche dieser Vögel, da läuft es barfuß wie immer über den kleinen Pfad aus plattgedrücktem Gras zwischen den Sträuchern entlang. Es scheint Brombeeren zu pflücken. Die Frau schüttelt den Kopf. Das geht doch nicht. Wo gehört es denn hin? Es muss doch irgendwo hingehören. Hat es denn kein Zuhause?

Mittlerweile ist das Kind ein wesentlicher Bestandteil des Wochenmarkts und darüber hinaus. Täglich tauschen sich die Leute aus. Beim Einkauf. In ihren Büros. Hinter gehäkelten Gardinen am Küchentisch. Bis in die Kinderzimmer, in denen Kinder spielen, sie seien ein Kind, das in den Feldern lebe und sich von Beeren ernähre.

Es ist eine Geschichte, vielleicht auf dem Weg zur urbanen Legende. Irgendwo zwischen Phantasie und Realität. Manche halten die Frau für verrückt. Sie nutzen das Wort vereinsamt. Andere glauben ihr und an das Kind und verstehen doch nicht so recht, was passiert. So ein Kind kann es nicht geben, es würde doch vermisst werden irgendwo. Und wenn doch? Dann darf das nicht sein. Ein Kind allein in den Feldern? Tag und Nacht? Das geht doch nicht. Dann sollte man die Behörden verständigen. Da sind sie sich einig und halten sich doch zurück. Denn wenn es wirklich so wäre, dann hätte doch längst jemand die Polizei alarmiert?

Also tut niemand etwas.

Bis dieser Kinderschuh unten am Fluss gefunden wird. Er muss lange im Wasser getrieben sein. Die Farbe ist nicht mehr zu erkennen, und es fehlt der Schnürsenkel. Aber er könnte passen zu der Vermisstenanzeige, die aufgegeben wurde in der Stadt viele Kilometer flussaufwärts. Von dem Mädchen, das vor einigen Wochen plötzlich verschwand. Das denkt die Polizei, die von der Verkäuferin vom Markt verständigt wird, nachdem ihr eine Kundin den Kinderschuh bringt, den ihr der Bruder ihres Mannes gegeben hat, der am Fluss mit dem Hund spazieren war. Auf der Suche nach dem Kind, das er für ein Hirngespinst hält. Nun erfährt die Polizei von dem Kind, das die Frau seit einigen Wochen in den Feldern sieht.

Und so kommen sie mit einer großen Gruppe Beamt*innen und mit den Hunden. Sie durchkämmen die Felder, die Baumgruppen, das Unterholz. Die Hunde schnüffeln. Es gibt auch Taucher*innen am Fluss. Die Wasserpolizei fährt auf und ab. Sie machen das drei Tage lang. Das Gelände ist überschaubar. Sie finden nichts.

Die Frau steht oben am Deich hinter der Absperrung und beobachtet das Geschehen. Sie kann das nicht einordnen, was hier passiert, obwohl sie die Worte genau verstanden hat, die der Polizist ihr erklärt hat. Und die sie in der Zeitung liest. So recht weiß sie nicht, wie ihr geschieht. Und hat sie es da nicht eben gesehen, das Kind? Auf dem kleinen Trampelpfad neben der Trauerweide? Dort, wo der Polizeihund jetzt schnüffelt und stehen bleibt und anschlägt und sich dann mit seiner Körperhaltung dagegen wehrt, diese Anweisung auszuführen und weiter zu bellen, und lieber weg will. Und zieht. Und drängt. Und dafür gerügt wird vom Herrchen. Der gleichzeitig aber, ohne es selber zu merken, auf das Signal des Hundes eingeht und die herbeieilenden Kolleg*innen schon wieder wegschickt. „Hier ist nix.“ Und im Vorbeigehen einen schnellen Blick zurück wirft über die Schulter auf die Stelle, an der der Hund angezeigt hat, um sich zu vergewissern. Nein, da ist nichts.

Nach den drei Tagen ziehen sie ab. Das vermisste Mädchen haben sie woanders gefunden. Der Schuh war nicht ihrer.

Das zertrampelte Gras richtet sich wieder auf, die Bauern dürfen ihren Mais nun einfahren, und die Kinder aus dem Dorf holen sich die Absperrbandreste, um sie in ihren Buden oben in dem kleinen Wäldchen an der Kirche zu verbauen. Die Frau geht wieder täglich auf den Markt. Es wird viel geredet über den Polizeieinsatz. Abends sitzt sie vor ihrem Fernseher und zieht ihre Wolldecke fest um sich, weil sie friert. Und weil sie sich unsicher ist, ob sie nochmal schauen soll nach dem Kind. Morgen. Oder vielleicht übermorgen.

Vielleicht wäre das gut.

Denn ich verrate euch etwas. Es wäre dort, das Kind. Sie würde es sehen. Morgen oder übermorgen. Es spielt keine Rolle. Es ist immer dort. Es lebt ja dort. Und vielleicht kann die Frau es sehen, weil sie auch mal so ein kleines Mädchen war, das besser in den Feldern gelebt hätte als dort, wo es gelebt hat.

Doch die Frau geht nicht. Sie traut sich nicht. Sie hat dieses beklemmende Gefühl, seitdem die Polizei dort herumgelaufen ist. Mit den Hunden. Und sie das Kind gesehen hat. Sie weiß nicht mehr, was sie denken soll. Vielleicht ist es die Vereinsamung, denkt sie und schaltet den Fernseher um.

Das Kind aber pflückt Brombeeren und wilde Erdbeeren, und es badet im Fluss und schläft jetzt, wo der Mais nicht mehr steht, versteckt unter Büschen. Es erholt sich von dem Getöse dieser drei Tage. Von der Anstrengung, verschwinden zu müssen. Als sie kamen, musste es schnell gehen. Es gab keine Zeit nachzudenken. Reflexartig musste es handeln. Es legte sich ausgestreckt in das Gras. Was die größte Anstrengung war. Sich gegen die Angst ausgestreckt ins Gras zu legen. Die Augen zu schließen. Tief zu atmen. Sich hinzugeben. Dem Wind in den Pappeln. Und sich dann in sich hineinfallen zu lassen. Es musste suchen im Inneren. Wie die Polizeitaucher*innen, die es im Fluss gesehen hatte, musste es in sich hinein tauchen und suchen. Es spürte sich durch die Ebenen hindurch, die dort waren. Es suchte die Balance. Es war anstrengend, und es war minutiöse Kleinarbeit. Und dann endlich fand es, was es suchte, da war schon der erste Hund in der Nähe. Wie als würden innere Augen sich scharf stellen, tauchten jetzt machtvolle, kräftige Wurzeln direkt vor ihm auf. Es fühlte die raue Oberfläche, roch die Erde, von denen sie geschützt wurden, erkannte jede Pore der Jahrhunderte alten Wurzelhaut. Das Kind atmete all das tief in sich hinein. Da war sie, diese Ruhe. Diese Entspannung. Der Stamm tauchte auf. Mit Kerben und Flechten und dieser Weisheit, die man manchmal fühlen kann. Ganz nah. Das Kind war nun vor dem Baum, und der Baum war im Kind. Das Kind wurde der Baum. Es schaute hoch. In die Krone. Und im selben Moment fühlte es diese Fülle an Leben, an Sauerstoff, an Bewegung tief in sich. Es war so voller Grüntöne, so ganz, so voller Klang, dass es den letzten Schritt wagte und im Inneren gänzlich aufgab, was es noch an der Oberfläche gehalten hatte. Es war jetzt überall und nirgendwo. Es war in den Brombeeren, in den Ameisen, die darauf krochen. Es flog mit der Hummel von der Brombeerblüte hinüber zum Löwenzahn, und mit einem Windstoß verstreute es sich über die gesamte Wiese. Es war in den Polizeihunden und es wäre in den Polizist*innen gewesen, wären diese frei und ohne diese undurchdringbaren Schutzhüllen gewesen. Es war in der Frau oben am Deich. Es war in der Sonne, im Fluss, in den Mohnsamen und tief unter der Erde in den Nährstoffen und im Wasser.

Es gehörte ja dazu. Es war ja eins. Auch als die drei Tage vorbei waren, und Ruhe einkehrte, und das Kind wieder in seinem Körper ankam.

Vielleicht fasst die Frau eines Tages Mut und geht doch wieder hin und schaut, ob sie es findet.

Solltet Ihr es einmal zu Gesicht bekommen, dann würde ich mich freuen, wenn Ihr meinen kleinen Tipp in euren Gedanken habt. Lasst es einfach dort sein. Es gehört dorthin. Es hat früh gelernt, allein für sich zu sorgen, und es kommt klar. Es geht ihm gut dort. Besser als irgendwo sonst auf dieser Welt.

Ihr könnt es beobachten, und vielleicht könnt ihr mal bei euch nach innen gehen. Ihr müsst nicht gleich soweit tauchen wie das Kind. Vermutlich seid ihr gar nicht so geübt wie das Kind. Es reicht ein kleines bisschen. Nur um einmal zu schauen, ob ihr einen Bereich habt in eurem Inneren, der davon profitiert, das Kind zu beobachten. Wie es so frei und so in und mit sich dort in den Feldern lebt.

Und wenn Ihr dann das Bedürfnis bekommt, etwas zu tun für das Kind, dann könnt Ihr ihm mal ein ausrangiertes T-Shirt auf die alte Bank unten neben dem Steinkreuz legen. Drapiert es so, als hättet Ihr es dort aus Versehen vergessen. Es hilft, wenn es vielleicht ein wenig schmutzig ist. Ein Klecks Brombeermarmelade vom Frühstück wäre vielleicht gut. Oder ihr packt ein kleines Päckchen mit frischem Gemüse. Oder ein paar Kekse. Wickelt sie zum Beispiel in ein altes Küchentuch. Ihr könntet es auf die Bank legen. Eher so dahingelegt. Als hättet Ihr es abgelegt und dann nicht daran gedacht, es auszupacken oder wieder mitzunehmen.

Und wundert euch nicht. Es wird dort einige Zeit liegen bleiben. Es wird Regen abbekommen und Sonne. Es kann passieren, dass Spaziergänger es eine Weile mit sich tragen und in den nächsten Mülleimer schmeißen. Auch das T-Shirt wird eine Weile auf der Bank verbringen. Und vielleicht von den Krähen auf den Boden geschmissen werden.

Ihr werdet das aushalten müssen. Ihr werdet Geduld brauchen.

Dann aber, wenn es sich ganz sicher ist, dass es niemand merkt, und dass die Sachen niemandem gehören, dass es keinerlei Verbindung mehr gibt zwischen euch und den Sachen, dann wird das Kind kommen und sie sich holen. Unbemerkt. Ihr braucht euch gar nicht anstrengen und Pläne machen, ihr werdet es nicht sehen, während es sich das T-Shirt holt. Oder das Päckchen. Von der Bank. Oder aus diesem Mülleimer, in dem es gelandet ist. Ganz sicher nicht. Bitte seid nicht so ehrgeizig. Es rührt die Sachen sonst nicht an.

Mit Geduld aber und indem Ihr die Sachen dem Lauf der Dinge übergebt, wird es kommen und sie sich holen. Und es wird sich freuen.

© Mirjam Sarrazin