Als mein Sohn im Sofa verschwand

Als mein Sohn im Sofa verschwand, war ich im Nebenzimmer und hing Wäsche auf. Ich telefonierte mit meiner Kollegin, um die nächsten Tage terminlich durchzugehen, achtete auf das Nudelwasser in der Küche und spähte zwischendurch aus dem Fenster, wo ich den Paketboten vermutete, der bitte nicht klingeln sollte und mir das Baby wecken würde. Er war nicht zu sehen, also hing ich eine weitere Socke und einen grauen Pullover auf den Ständer, um dann wieder einen Blick nach draußen zu werfen.

Dass mein Sohn im Sofa verschwunden war, erfuhr ich erst später. Erst, als er mir davon erzählte. Ich dachte, er säße auf dem Sofa und schaute einen Film und während ich Wäsche aufhängend an ihn dachte, hatte ich einen Kloß im Bauch. Ich hatte mich geärgert über ihn, hatte sein Zappeln und Herauszögern und nurmalebenkurz und nurnocheinmal nicht aushalten können, sein Herumüberlegen, was er schauen wollte, war ungeduldig geworden, hatte ihn angemotzt, hatte trotzig die Fernbedienung aufs Sofa geschmissen und war mit den Worten: „Dann halt nicht!“ aus dem Zimmer gesaust, war zurück gegangen, als er anfing zu weinen, hatte immer noch nicht mehr Geduld und ihm dann irgendwas angemacht, was er nicht wollte und vielleicht nicht mochte, einfach damit er kurz abgelenkt war und Ruhe einkehrte und ich nach dem Nudelwasser und dem Paketboten schauen konnte, um ihn rechtzeitig abzufangen. Ein übermüdetes Baby wäre jetzt der Supergau gewesen.

Natürlich gab es Gründe. Ich war im Stress. Seit Monaten. Es war alles nur Stress. Alles parallel. Und alles immer. Und doch hatte ich diesen Kloß, ein schlechtes Gewissen und wünschte mir mehr Ruhe für meinen Sohn, weniger dieser Momente, weniger alles parallel, mehr nur ihn und ich.

Dass er allerdings im Sofa verschwand, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich hing die Wäsche zu Ende auf, kippte die Nudeln ins kochende Wasser, salzte, beendete das Telefonat mit meiner Kollegin, warf nervöse Blicke aus dem Fenster, lauschte nach dem Baby, lief ins Wohnzimmer, um die Gläser einzusammeln, die vom gestrigen Abend stehen geblieben waren und ganz ehrlich, ich bin mir sicher, dass mein Sohn dort auf dem Sofa gesessen und wütend und traurig in den Fernseher gestarrt hat.

„Mama, es ist so toll dort!“ erzählt er mir später, am Abend, als das Baby jauchzend durch seine Legolandschaft krabbelt und Kleinteile verschluckt, und er im Bett liegt und ich mich bei ihm entschuldigt habe für diesen blöden Tag und dass ich so gestresst war. Mal wieder. Wie so oft in diesen Zeiten. Da sagt er das plötzlich: „Mama, es war so toll dort! Es gibt eine unendliche Landschaft mit Maschinen. Sie sind alle elektrisch. Sie haben Leuchten und sie machen Geräusche. Und es gibt dort Roboter. Die sind auch elektrisch. Ich musste ein paar Batterien auswechseln. Die hatte ich irgendwie dabei. Verrückt, oder Mama? Ich hatte alles dabei, was ich brauchte.“ Ich hole dem Baby einen Legokopf aus dem Mund und nicke: „Du hattest alles dabei, was du brauchtest?“

„Ja, alles!“ Er setzt sich im Bett auf, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen: „Ich hatte sogar eine Rakete, die habe ich mit einem Roboter zusammen gezündet. Und wir haben Roboteressen gegessen. Das ist auch elektrisch. Aber es schmeckt wie Orangensaft. Das war so lecker!“ Er macht jetzt Schmatzgeräusche, schließt die Augen und gibt diesen langgezogenen Mmmh-Laut von sich, den er immer macht, wenn er etwas genießt. „So lecker, Mama! Ich würde dich eigentlich gerne mal mitnehmen!“ Er sieht mich nun an.

Ich blicke ihm in die Augen: „Mitnehmen?“ frage ich zerstreut und habe schon wieder einen Anflug von Kloß im Bauch, weil ich nur die Hälfte mitbekommen habe von seinem Erzählten und schiebe mit dem Fuß die ausgekippten Filzstifte unters Bett und außer Reichweite des Babys.

„Ja, aber ich glaube das geht nicht. Ich glaube, du passt nicht.“

Jetzt werde ich neugierig und setze mich aufs Bett: „Ich passe nicht?“

„Ja,“ sagt er achselzuckend und nachdenklich.

„Wo passe ich nicht?“ frage ich und bin verwirrt. Wovon redet er?

„Ins Sofa,“ antwortet er und dann erzählt er mir, wie er heute im Sofa verschwunden ist, als ich sauer auf ihn und im Nebenzimmer war. „Ich bin plötzlich so nach innen gefallen. Also in das Sofa rein. So nach hinten irgendwie. So,“ und jetzt macht er ein Comicschreien wie die Superheld*innen in seinen Filmen, wenn sie von einem Dach springen und lässt sich mit den Armen rudernd ein wenig nach hinten aufs Bett fallen.

„Du bist heute im Sofa verschwunden?“ frage ich und merke nicht, wie das Baby den pinken Filzstift unter dem Bett hervor angelt und isst. Mein Sohn bejaht das: „Komisch, oder Mama? Dass das einfach so geht? Ich sitze so auf dem Sofa und dann plötzlich bin ich verschwunden. Also ich meine, ich war ja noch da. Aber eben im Sofa verschwunden. Bei diesen ganzen Maschinen. Und es gab auch einen Anzünder. Den musste man drücken. Dann gingen überall Vulkane los. Die haben Energie gemacht. Und davon wurden die Batterien gebaut. Die Roboter haben Batterien gebaut. Ich habe ihnen geholfen. Das war echt schwer. Aber ich konnte das alles.“

Ich höre ihm zu und staune und versuche mir in Erinnerung zu rufen, wie es war, als ich die Gläser aus dem Wohnzimmer geholt habe, aber so ein richtiges Bild kriege ich nicht mehr davon. Ja, doch. Es kann schon sein, dass er da nicht auf dem Sofa saß. Dass ich so in Gedanken und im Machen war, dass ich es nicht richtig wahrgenommen habe. Und er längst im Sofa verschwunden war.

„Hoffentlich kann ich da bald wieder hin,“ holt er mich aus meinen Gedanken und mich überkommt dieses starke Bedürfnis ihn zu drücken und ich drücke ihn und halte mich sehr zurück, ihn nicht zu küssen, denn das mag er nicht. Und drücke ihn noch einmal. Und er drückt mich und macht seinen Mmh-Laut und dann sage ich ihm „Gute Nacht!“ und er kuschelt sich unter die Decke und ich schnappe mir das Baby, dem es pink aus dem Mund tropft und verlasse sein Zimmer. Tür angelehnt.

Im Wohnzimmer betrachte ich das Sofa und das erste Mal an diesem Tag empfinde ich eine Entspannung im Bauch und denke, es war gut, dass ich mich bei ihm entschuldigt habe. Es war blöd, wie es war heute. Und es war ok. Es war wie es war. Es ist alles viel und parallel im Moment. Und es ist gut zu wissen, dass er im Sofa verschwunden ist. Eine gute Zeit hatte dort. Und wieder hinmöchte. Denn es wird noch eine Weile viel bleiben und es wird der Moment kommen, in dem ich wieder genervt sein werde. Überfordert mit allem, was parallel ist. Vielleicht schon morgen. Dann kann ich vielleicht die Wäsche aufhängen und der Kloß im Bauch ist ein wenig kleiner. Ein bisschen weniger drängend. Weil ich daran denken kann, wie er gerade die Maschinen mit Batterien befüllt, die er mit den Robotern aus Vulkanenergie herstellt. Nachdem er den Anzünder gedrückt hat. Und wie er alles bei sich hat, was er braucht.

© Mirjam Sarrazin

Ein Kommentar

  1. Gerade habe ich die erste Geschichte gelesen – und war ganz gebannt! Die Gleichzeitigkeit von Alltag (Mutter) und Imagination (Sohn) ist faszinierend und am schönsten ist die Kernaussage: „…er hatte alles, was er braucht“! Wie beruhigend für alle alltäglich angestrengten, engagierten Mütter:)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.