Aushalten

Junge Keimlinge, die aus Erde herausschauen

In diesem Jahr bleibt es lange kalt. Der Frühling lässt auf sich warten. Bis in den Mai läuft die Heizung, und ich friere, sobald ich meine Wohnung verlasse. Als es endlich warm wird, und im Garten der Nachbarn die Kirsche blüht, kommen die Bilder. Nun friere ich, weil die Bilder in mir sind. Sie sind überall in mir. Sie belagern mich. Ich trinke meinen Kaffee in der Sonne auf meinem noch kahlen Balkon und friere. Ich befülle meine Balkonkästen und die Tontöpfe mit der Erde, die ich seit Wochen lagere, und säe Wildblumensamen. Ich pflanze Kräuter. Ich trage meine Sonnenbrille und meine Winterjacke. Diese Bilder bedrohen mich. Ich bin überfordert. Ich wusste nicht, dass ich sie in mir habe. Ich kann das nicht einordnen. Es ist, als sei plötzlich ein dritter Arm oder ein elfter Zeh an mir gewachsen. Nach innen. Da ist etwas, das gab es vorher nicht. Und nun ist es da und gehört zu mir. Angeblich.

Ich versuche mich abzulenken. Ich gehe meinen Pflichten nach, gehe arbeiten, einkaufen, zum Sport. Ich treffe meine Freundinnen im Park und abends zum Wein trinken. Ich dusche. Ich esse. Ich esse plötzlich wieder Schokolade. Ich steige von Vollkorn- auf Weißbrot um, und zwischendurch sitze ich auf meinem Balkon, beobachte die ersten Wildblumen, die aus der Erde schauen und habe das dringende Bedürfnis zu weinen. Und kann nicht. Es ist alles erstickt in mir, erstarrt. Es steht still. Ich fühle mich plötzlich bedroht von den Bienen und deren Summen, von Marienkäfern, die auf mir landen und ihre kleinen Flügel einziehen. Mein Erleben ist verändert. Als wäre mit der Wärme eine unsichtbare Bedrohung eingetroffen.

Es sind diese Bilder. Sie zeigen dieses alte, modrige Ereignis. Sie zeigen einen alten, unangenehmen Film, in dem dieses Ich zu sehen ist. Als es jünger war. Sie zeigen Unaussprechliches. Ich kann es nicht beschreiben. Für mich ist es nicht zu beschreiben. Ich spüre, dass ich einen Kurs zu Kreativem Schreiben bräuchte, um diese Bilder beschreiben zu lernen. Damit bin ich überfordert. Ich hatte dieses Ereignis vergessen. Ich wusste nichts mehr davon.

Über die Tage wandelt sich meine Irritation in Verzweiflung. Ich verstehe das nicht. Ich kann mich nicht einordnen, kann nicht einordnen, was hier passiert. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, mache Fehler auf der Arbeit, die ich nicht einmal bereue und die mir Ärger einbringen, den ich nicht aushalte. Ich melde mich krank, obwohl ich es nicht bin. Ich fühle nichts mehr. Plötzlich spüre ich nur Leere und empfinde diese Beschreibung als abwegig, denn es ist kein Spüren. Es ist Leere. Und Verzweiflung. Es ist als würden mich Holzwürmer innerlich aushöhlen. So ein ganz allmählicher Zusammenbruch. Während draußen aus dem Frühling ein Sommer wird.

Ich gieße meine Balkonkästen. Weitestgehend halte ich meinen Alltag aufrecht. Meine Freundinnen fragen, was los sei mit mir, und da ich es nicht weiß, sage ich, ich weiß es nicht, und dann lassen sie das Fragen. Auch das kann ich nicht einordnen. Dass sie es dabei belassen.

Die Wildblumen blühen. Die Kräuter duften. Es ist ein Sommerbalkon geworden. Ohne mich.

Ich sitze und trage meine Sonnenbrille und meine Winterjacke und halte das alles nicht aus.

Ich schlafe nicht mehr, bin fahrig, lustlos, versetze meine Freundinnen. Es gibt Tage, an denen fühlt sich jeder einzelne Schritt unmachbar an. Ich habe keine Kraft. Manchmal fange ich zu zittern an und lasse meine Einkäufe mit dem Einkaufswagen im Laden stehen, um nach draußen zu hetzen, an die frische Luft zu kommen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken.

Ich lese Murakami, und das geht manchmal gut. Die ritualisierten Tagesabläufe, die er beschreibt, das Zubereiten der Speisen, diese Monde schaffen mir eine Befriedigung, eine Beruhigung. Murakami könnte mir meine Bilder aufarbeiten, zubereiten wie eine aufwendig gekochte Miso Suppe. Er könnte aus meinen Bildern einen Roman machen. Ich könnte ihn lesen, von außen darauf blicken und mich an den Rahmen schaffenden Tagesabläufen und zwischenmenschlichen Begegnungen festhalten dabei. So könnte ich es aushalten. Mich aushalten. Diese Gefühle aushalten. Und plötzlich wird mir klar, dass es das ist, worum es geht. Um das Aushalten. Ich stelle fest, dass Aushalten ein Fulltimejob ist. Es ist nichts, was nebenbei erledigt werden kann. Es ist nichts, was verdrängt werden kann, nichts, wovon man sich ablenken kann. Es rächt sich. Es ist eine genauso wichtige Aufgabe der menschlichen Existenz wie das Zubereiten von Nahrung, das Essen, das Erschaffen eines Tagesablaufs. Es braucht volle Konzentration.

Ich muss diese Bilder aushalten. Und die Gefühle, die sie mitbringen.

Ich habe keine Wahl. Sie verschwinden nicht.

Ich kann eine Entscheidung treffen. Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führt. Ob es wieder besser wird. Mir fehlt jegliche Vorstellung davon, wie es sein wird, wenn ich diese Bilder aushalte. Mich dem stelle. Sie halte. Aushalte.

Ich sitze auf meinem Sommerbalkon und schaue mir das erste Mal die Blüten an, die gewachsen sind. Kunterbunt. Ich erinnere mich an die vielen kalten Wochen, in denen ich auf die Wärme gewartet habe. In denen der Sack Blumenerde unausgepackt in der Ecke gestanden hat. Ich wusste, es würde warm werden. Irgendwann würde der Frühling kommen. Ich wusste, ich würde die Erde irgendwann benutzen, und es würden Blumen wachsen auf meinem Balkon.

Wenn ich anfange, diese Bilder auszuhalten, die Gefühle, was wird passieren? Wie wird es sein in einigen Wochen mit mir? Wird etwas daraus wachsen? Erwachsen? Ich weiß es nicht. Es ist neu für mich. Ich kenne das nicht. Wissen die Samen, dass sie blühen werden, während sie in der Erde liegen und auf das Wachsen warten? Warten sie?

Ich spüre nach innen. Ich spüre diesen Druck im Bauch, der mich seit Wochen begleitet und mir die Energie nimmt. Ich spüre diese Trauer, die irgendwo festsitzt. Ich spüre Schrecken. Ich spüre die Erschöpfung. Ich stelle mir meinen Körper wie ein Gefäß gefüllt mit Erde vor. Ich schaue mir die Balkonblumen an und wähle die Schönsten, die Strahlensten. Deren Samen nehme ich zwischen die Finger. Sie sind winzig klein, und es steckt viel Kraft darin. Ich verteile sie überall in der Erde in meinem Körper. Mit den Händen bedecke ich die Samen leicht mit Erde, und dann hole ich meine Gießkanne, lasse warmes Wasser einlaufen, weil ich friere, und gieße all die Samen. Ich spüre, wie das Wasser über mich fließt, in mich fließt. Wie es die Samen erreicht. Die überall liegen und warten. Die aushalten. Dass es dauert, bis sie sprießen. Dass es Zeit braucht, Geduld, Wasser und Wärme. Es braucht gute Pflege.

Aus meinem „Ich halte das nicht aus“ wird ein Aushalten. Mein Körper wird der Lebensraum für unzählige Samen, und es braucht Energie, um diesen eine Basis zu bieten, damit sie wachsen können. Wenn ich mal wieder meine Einkäufe im Supermarkt liegen lasse und die Flucht ergreife, ärgere ich mich nur noch kurz und werfe dann einen Blick nach innen, auf meine Samen. Sie benötigen volle Aufmerksamkeit.

Wenn meine Freudinnen fragen, was mit mir sei, dann antworte ich jetzt nicht mehr „Ich weiß es nicht.“ Ich sage „Da passiert was in meinem Inneren, da wächst vielleicht was. Ich habe keine Ahnung, wohin es geht und es zieht viel Energie, aber ich halte das aus. Ich habe Geduld.“ Und dabei denke ich an die Samen und daran, dass ich heute Morgen die ersten kleinen Knospen entdeckt habe. Im rechten Oberschenkel und in der linken Armbeuge. Die Samen entwickeln sich.

Meine Bilder sind auch noch da. Bedeckt von Blumenerde, in der Samen sprießen. Ich schaue sie mir nicht so genau an. Ich glaube, darum geht es gar nicht. Ich glaube es geht darum, die Gefühle auszuhalten, die sie mitgebracht haben.

Wenn es Ärger gibt auf der Arbeit, entschuldige ich mich: „Ja, es tut mir leid. Ich bin im Moment manchmal unkonzentriert. In mir entwickelt sich etwas.“ Das sage ich so und während ich an meine Samen denke, fühlt es sich stimmig an.

Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat mit meinen Bildern. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wie ich das mache mit diesen Gefühlen. Aber ich weiß, dass jetzt die ersten Blumen sprießen aus meinen Samen, und dass Aushalten ein Prozess ist. Und dass ich jetzt manchmal wieder im T-Shirt auf dem Balkon sitzen kann, während aus dem Sommer langsam der Herbst wird. Ich habe bei einer Beratungsstelle angerufen und stehe auf der Warteliste. Ich glaube, es könnte gut sein, mit jemandem über meine Samen zu sprechen. Und was ich aus den Blumen machen könnte, die aus ihnen wachsen und bald in voller Blüte stehen werden.

© Mirjam Sarrazin

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