Atmen

Blick von oben auf Straßenzüge mit Häusern im Abendlicht

Atmen, während das Licht Trauer wird.

Festhalten. Anhalten. Einatmen. Aushalten.

© Mirjam Sarrazin

                                                                                                                       

Einladung

Verschwommen aufgenommen Baumwipfel mit untergehender, roter Sonne im Hintergrund

Sie sitzt im Zug. Landschaften rauschen vorbei. In ihrem Kopf Worte, Gedanken, Bilder. „Irgendwann geht es vielleicht nicht mehr ums Schützen“, denkt sie: „Sondern ums Loslassen. Ums Öffnen.“

Der Zug verlangsamt, fährt in einen Bahnhof ein. Ihr Blick fokussiert Gepäckstücke, zusteigende Personen, verschwimmt, geht nach innen. Aus den Gedanken und Worten werden Sätze. Textstücke entstehen.

„Liebe Leute, ich lade euch ein. Hier ist es sehr schön. Grün, mit viel Natur und wilden Pflanzen und bunten Blüten. Es gibt herrlich hohe Bäume, und in manche wurden Baumhäuser gebaut. Es führen Strickleitern hinauf, es gibt gemütliche Ecken in ihnen, und wer mag, kann dort schlafen. Oder ein Zelt auf der Wiese aufbauen, die nicht gemäht wird, und auf der die Rehe leben. Auch unten am Fluss gibt es hübsche Stellen. Dort kann Feuer am Strand gemacht werden. Es gibt viel Sand dort, auch Kiesel. Und zwischendrin größere Steinansammlungen. Und einen Sonnenuntergang.“

Der Zug fährt wieder an, lautes Gewimmel um sie herum. Personen, die sich Plätze suchen, sie ins Hier und Jetzt holen. Schnell legt der Zug an Geschwindigkeit zu, schon fliegen die Häuser am Ortsrand vorbei. Dann wieder Felder, Blick in die Weite. Und Sätze, die in ihr wachsen.

„Jahrelang habe ich diesen Ort aufgebaut, gepflegt, mich gekümmert. Er war mein Ort des Schutzes. Am Anfang gab es ihn nicht. Ein Nichts. Dann eine erste Blume. Irgendwo aus dem tiefsten Nichts. Und diese große Verantwortung. Es gab wenig Wasser und kein Licht. Und ich habe eine Entscheidung getroffen. Und mich gekümmert. Allen Widrigkeiten zum Trotz, habe ich die Blume versorgt, und nun schaut euch hier um.

Ich habe mit der Zeit verstanden, dass die wesentliche Arbeit nicht das Wasser schleppen und gießen ist, nicht das Verteilen der Komposterde oder das Anlegen von Struktur, um auch zarten Pflanzen eine Chance zu geben. Es ist das Weitermachen. Das Aushalten. Das Vertrauen darauf, dass aus inneren Bildern echtes Leben wird. Dass aus inneren und äußeren Welten die gleichen, echten Gefühle entspringen. Dass dieser Ort eine tiefe Relevanz hat.“

Allmählich geht die Sonne unter vor dem Fenster. Das Licht wird ein anderes. Überall im Körper spürt sie die Erschöpfung, ihre Augen fallen zu. Sie öffnet sie wieder, sucht diese Weite mit dem Blick, findet sie zunächst in der Pappelreihe hinten an der Landstraße, dann in den Sätzen in ihrem Kopf.

„Es ist ein Lebensort gewachsen. Ein lebendiger Ort. Es ist ein Ort der Fülle. Ein sicherer Ort. Ein wunderbarer Ort. Und ich fühle mich einsam.“

Sie seufzt, bemerkt die Person, die plötzlich neben ihr sitzt. Sie hat das nicht mitbekommen, als sie sich gesetzt hat. „Es ist schön, wen neben mir zu haben“, denkt sie, und spürt Traurigkeit.

„Ich lade euch ein hier zu mir an diesen Ort. Es ist sehr schön hier. Ich habe das alles für mich gebaut. Ich brauchte Ruhe, Schutz, einen Rückzugsort. Nun brauche ich euch. Es ist ein Wunder, was hier alles gewachsen ist. Nun ist es Loslassen, Öffnen. Es ging um Vertrauen in diesen Ort, in mich. In dieses Wachsen innen. Nun geht es um Vertrauen in mich und in euch.

Ich wünsche mir, dass wir Feuer machen unten am Strand. Dass wir Lieder singen, Steine flippen lassen, dass wir vielleicht baden und lachen und Steintürme bauen. Ich wünsche mir, dass wir auf den Baumhäusern schlafen, wissen, dass dort die Tiefe unter uns ist, der dicke Stamm uns hält, und dass morgens Vögel um uns herum sind. Und ich wünsche mir, dass ihr Wünsche habt. Und sie mitbringt an diesen Ort. Es wird Neues entstehen.“

Gleich hält der Zug, gleich muss sie aussteigen. Gleich verliert ihr Blick die Weite. Schon sind die ersten Häuser in Sicht.

„Einladung“, denkt sie ein letztes Mal in die Weite hinein. „Ich wünsche mir Nähe mit euch“, formt sich dieser Satz in ihr.

Sie steht auf, nimmt ihre Tasche, wartet, bis die Person neben ihr aufgestanden ist, der Zug erreicht den Bahnhof, hält. Im Strom der Leute fließt sie mit, steigt aus.

„Ich lade euch ein. Die Gartentore habe ich geöffnet, und so bleiben sie. Ich freue mich sehr auf euch“.

Nun geht sie zum Bus. Ein paar wenige Meter bis zum Bus, ein paar wenige Minuten mit dem Bus nach Hause. Ausruhen. Ankommen.

„Mehr kann ich nicht tun für den Moment“, denkt sie.

Weitermachen. Aushalten. Vertrauen darauf, dass aus inneren Bildern echtes Leben wird. Dass aus inneren und äußeren Welten die gleichen, echten Gefühle entspringen. Dass dieser Ort eine tiefe Relevanz hat. Dass welche kommen. Dass welche gerne von ihr eingeladen werden. Dass welche nah sein wollen mit ihr. Dass welche Wünsche haben und mitbringen.

Die wenigen Minuten im Bus nutzt sie, um die Gedanken in sich abzuspeichern. „Einladung“, denkt sie wieder, und dann fällt ihr ein, dass sie ihre Einladung vielleicht ausdruckt und am nächsten Tag an einigen Orten aufhängt.

© Mirjam Sarrazin

Leere

Teil einer Ecke eines Holztisches, daneben ein Polsterausschnitt eines Sessels, dunkle Töne, unten drunter ein Teil eines Teppichs mit Paisley Muster

Behutsam manövriere ich meinen Kaffee durch die Wartenden am Tresen, erblicke eine freie Sitzgelegenheit, setz mich, den Kaffee in der Hand, wackelig. Gleichgewicht ist nicht meine Stärke, dieses Mal geht es gut. Aufatmen, lasse meinen Blick schweifen.

Schräg neben mir sitzt eine Person, vertieft in einen Roman, den ich kürzlich in der Hand hatte, und wieder weggelegt habe. Vor ihr stehen zwei der Holztischchen. Auf dem einen eine leere Suppenschüssel, daneben ein Getränk. Auf dem anderen liegt eine Mütze, weiter nichts. Ein halber Meter Abstand zwischen dem fast leeren Tischchen und mir. Ein halber Meter zu viel für meinen Kaffee zu mich.

„Entschuldigung?“, frage ich: „Darf ich diesen Tisch nehmen? Oder brauchen Sie den?“

Die Person sieht auf, dann zum Tisch mit der Mütze. Reagiert nicht. Unwohlsein in mir. Eine kleine Bewegung geht durch ihren Körper, ihr Blick gleitet durch den Raum, als würde er das Weite suchen, bleibt wie beiläufig an mir hängen. Überraschend laut und mit fester Stimme sagt sie: „Ja. Leider. Es tut mir leid. Den Tisch brauche ich.“ Wendet sich ihrem Buch zu, ihr Blick fliegt über die Seite, unbewegt. In mir etwas Fassungsloses.

„Ähm“, sage ich, räuspere mich, und denke, wie albern, sich an dieser Stelle zu räuspern. „Sie haben da zwei Tische für sich. Auf dem zweiten liegt doch nur die Mütze.“ Halte kurz die Luft, halte meinen Ärger an.

Wieder schaut die Person auf, ihr Blick gleitet durch den Raum, dann fängt sie ihn ein: „Entschuldigung. Ich erkläre es Ihnen gerne. Neben die Mütze auf dem Tisch habe ich meine Leere abgelegt. Sie können sie nicht sehen, oder?“

Eine Bewegung läuft durch meinen Körper. Mein Kaffee, den ich auf meinen Beinen balanciere und halte, schwappt über. Ich schaue kurz zum Kaffee, dann zur Mütze. „Daneben?“, frage ich, räuspere mich, starre einen Moment auf die undefinierte Holzmaserung des Tisches, und beuge mich sehr tief herunter zu meinem Kaffee, um einen Schluck zu trinken. Weil ich irgendwo hinmuss mit mir.

„Ja, richtig. Die meisten sehen sie nicht. Ich vergesse das immer wieder. Es tut mir leid. Ich möchte nicht unhöflich sein. Es ist sehr wichtig für mich, diesen Platz für meine Leere zu haben. Es gibt nicht so viele gute Plätze für sie.“

Erneut gleitet ihr Blick durch das Café, verdichtet sich dann im Buch, schaut noch einmal hoch. „Ich habe da lange mit rumprobiert“, sagt sie, wendet sich ihrem Buch zu, und nun ist plötzlich eine Stille im Raum. Tief übergebeugt trinke ich Kaffee, richte mich wieder auf, lehne mich zurück, und nun ist es mein Blick, der durch das Café gleitet. Ich hoffe auf einen freien Platz mit Tisch, finde keinen, hebe den Kaffee mit der einen Hand zum Mund, halte mit der anderen den Unterteller. Es geht gut, ich entspanne mich kurz. Dann spüre ich die Unruhe. „Okay“, denke ich: „So ist es jetzt.“ Und spüre die Unruhe. „Okay“, denke ich, lauter: „So ist es jetzt.“ Und denke sehr laut und tief in mich hinein: „So ist es jetzt!“ Und dann weine ich.

„Ist sie vom Tisch geflossen?“, schreckt mich die Person neben mir aus meinen Gedanken.

„Was?“, frage ich.

„Sie haben sie jetzt, die Leere, oder? Sie sehen so danach aus gerade.“

Ich starre sie an. Kurz fliegt mein Blick durch den Raum. „Ja“, sage ich, nicke und wende mich ihr wieder zu: „So ist das jetzt.“

„Manchmal ist sie ansteckend. Das ist leider so. Tut mir leid für Sie. Vielleicht suchen Sie sich einen anderen Platz?“ Sie lächelt, sie schaut freundlich, mitfühlend. In mir diese Unruhe. „Ja, vielleicht ist das besser“, murmle ich, spüre Wut, stelle im Aufstehen den Unterteller auf den Tisch mit der Mütze, knalle meinen halbvollen Kaffee daneben, mitten in die Leere. „So“, denke ich. Einfach nur „so“. Ich verlasse das Café. Mit dieser Wut und diesen Tränen. Draußen ist Sonne und draußen ist Frühling, und in mir diese volle Leere.

In der Sonne spüre ich, dass ich friere, und drehe mich ins Licht, schließe die Augen, öffne sie, laufe los. „Ja. So ist es“, denke ich. „Es braucht einen guten Ort für die Leere.“ Und in mir ist jetzt dieses Bild einer Holzmaserung.

© Mirjam Sarrazin

Sitzen bleiben

Ausschnitt von Straßenrand, links ein Baumstamm, rechts daneben ein auf Rasen abgestellter Holzstuhl, rechts daneben Stromkästen mit Graffiti

„Man könnte das Erwachen der Natur jetzt festhalten“, denkt er, und setzt einen Fuß vor den anderen. „In einem Foto. Dann hätte man ein Foto, und doch nicht den Moment.“ Sowas denkt er oft. Man könnte… und dann aber nicht.

Er denkt in den Bildern der Leute, und dann bleibt es in ihm stecken. Er setzt das nicht um. Als fehle der Kontakt. Er hat ja auch kein Handy. Er könnte kein Foto machen. Aber er denkt: „Man könnte…“. Seine alte Spiegelreflex liegt seit Jahren in dem Karton auf dem Dachboden. Seit dem Umzug.

„Man könnte Fotograf werden.“ Auch so ein Bild, Jahre her, und so ein Denken. Alles archiviert in ihm. Und zu dem Bild gehören auch das Studio, Leuchten und weiße Schirme. Und Kakteen. Woher auch immer. „Vielleicht wären die Kakteen das gewesen, was die Leute hätten sagen können: Ist das der Laden mit den vielen Kakteen?“ Das denkt er. Und auch: „Und dann hätten die Leute noch mehr gesagt, und da wäre viel Gutes dabei gewesen.“ Wie eine lästige Fliege wedelt er das Bild weg, auch die Kakteen.

Hier am Straßenrand werden jetzt die Bäume grün. Erst die Büsche, dann die Bäume. Alles verändert sich. Sogar im Supermarkt blüht es. „Man könnte Blumen kaufen, sie in eine Vase stellen, anschauen. Dann hätte man Blumen, und doch nichts weiter.“ Auch das denkt er.

Im Supermarkt schimpft er ein bisschen vor sich hin. Das hält ihm die Leute auf Abstand. Nicht laut, bloß grummelig, zu Boden schauend. Rosinenstuten und Butter braucht er. Fürs erste. Für heute und vielleicht morgen. Damit kommt er hin. Seitdem sein Fuß gebrochen war, dauert alles dreimal so lang.

In seinem Beutel hat er nun den Stuten und die Butter, und für den Rückweg wechselt er die Straßenseite. „So wie immer,“ denkt er, und entdeckt den Stuhl auf dem kleinen Rasenstück. „Hier kann man aber auch alles finden“, denkt er. Und: „Kommt gerade recht:“ Er überprüft die Stabilität, setzt sich. Ächzt. Durchatmen, ausruhen, den schmerzenden Fuß entlasten. Gleich wird es wieder gehen. Muss ja. Die paar Meter wird er wohl schaffen bis zu seiner Wohnung.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragt da wer neben ihm. Die Person stellt sich vor ihn, geht in die Hocke. Er hört das Atmen, vergisst das eigene. „Man könnte jetzt freundlich sein“, denkt er. „Sich um ein Lächeln bemühen, sagen: Nein, danke!“ Dann würde die Person gehen. Oder weiter fragen: „Sind Sie sicher?“, und sagen: „Ich hole Ihnen gerne ein Wasser. Oder auch einen Rettungswagen. Brauchen Sie einen Rettungswagen?“ Da könnte man hochschauen, in so ein junges Gesicht, in so ein menschliches Gesicht, in diese erwartungsvollen Augen, und man könnte es sich anders überlegen: „Ja, bitte, ein Wasser wäre wohl gut. Für den Anfang. Und etwas Gesellschaft. Nur für einen Moment. Ich mache Ihnen Platz hier neben mir auf dem Stuhl.“ Und man könnte ein Stückchen zur Seite rutschen, und dann wäre man plötzlich in so einer Situation. In einem Gespräch. In so einem Bild. Und man könnte sagen: „Mal wieder Lachen. Ein Essen in Gesellschaft. Freude. Nähe. Ja, wenn ich es mir recht überlege, dann brauche ich Hilfe.“

Das denkt er. So ein Bild. Einfach sitzen bleiben auf dem Stuhl. Vielleicht könnte man dann Hoffnung haben. Wenn wer kommt, und fragt.

© Mirjam Sarrazin

Jetzt

Frühblüher vor Hauswand, grün, Blüte geschlossen
Morgens singen jetzt Vögel, und in mir wächst die Sehnsucht. „Wohin?“, fragt er mich, als ich den Müll durch das Treppenhaus trage und an ihm vorbei gehe. „Runter. Zum Müll“, sage ich, und überspringe ein paar Stufen. „Kipp ihn aus dem Fenster“, sagt er und zündet sich einen Joint an. Ich sehe es nicht, bin schon weiter unten, ahne es, und später riecht das ganze Treppenhaus. Mit dem leeren Müllbehälter laufe ich schließlich die Treppe wieder hoch, Stufe um Stufe, und heute ist es, als bewege sie sich unter mir, als sei sie in sich nicht stabil. Da sitzt er noch vor der geschlossenen Wohnungstür auf dem Schuhbänkchen, in dem die Kinderschuhe stehen. „Und du?“, frage ich ihn und will schon weiter gehen. Nur so ein kleines Gespräch an diesem frühen Morgen, mit den Vögeln in den Bäumen. Da weint er. Und ich bleibe stehen. „Ich wohne hier nicht mehr“, sagt er, und irgendwer muss in ihm diesen Hahn aufgedreht haben. „Kannst du damit aufhören?“, frage ich. „Womit? Mit dem Weinen? Jetzt?“, fragt er, und es läuft weiter. „Ja“, sage ich. Er schüttelt den Kopf, macht Platz für mich neben sich auf dem Bänkchen. Wir sitzen, er weint, ich sage entschuldigend: „Bin müde.“ Lehne mich an ihn. „Hier drin hört man die Vögel gar nicht“, sage ich, und er sagt: „Welche Vögel?“ Kurz schließe ich die Augen, schrecke dann hoch. Es gibt jetzt einen Sonnenaufgang draußen, und für einen Moment ziehe ich das Zusammensitzen als gäbe es kein Morgen. Dann springe ich auf, „muss los“, nuschle ich, und bin schon oben. Vielleicht sagt er „tschau.“ Hektisch schmeiße ich meine Sachen zusammen, putze mir zum zweiten Mal die Zähne und entscheide mich dann, meiner Chefin eine Nachricht zu schicken: „Hey, bin krank. Komme heute nicht. Sorry!“ Stelle mich ans offene Fenster. Es ist jetzt hell. Verrückt, wie schnell sowas geht. Denke an ihn, denke daran, dass er bald nicht mehr in diesem Treppenhaus sein wird. Ich wollte ihm doch mal was kochen, denke ich. Dann renne ich aus einem Impuls heraus ins Treppenhaus, die Stufen herunter. Er ist weg. Vor der Haustür pflücke ich eine von den noch geschlossenen Blumen, die jetzt überall stehen, lege sie ihm auf das Schuhbänkchen. Schließe das Fenster in meiner Wohnung, lege mich ins Bett. Gut ist jetzt. © Mirjam Sarrazin

Transformation

sonnenuntergang am Horizont, davor Ampeln, Stadtszene

„Ich kann nicht aufhören damit“, sagt der Maulwurf, und ich öffne mir ein Bier, stelle die Musik ein wenig leiser, um ihn besser hören zu können.

„Jedes noch so kleine Stückchen Erde habe ich umgegraben, alles auf links gedreht, durchforstest. Musste raus, weg, los, alles war verseucht. Brauchte Lösungen, Wege, Brücken, kenne nun alles hier draußen und alles hier drinnen. Warme Sandstrände, sanfte Waldwege, steile Abhänge, Felsen, Klippen, Abgründe. Alles vertraut. Habe Bekanntschaft mit jedem Steinchen, jeder Astgabel, jedem Insekt gemacht. Alles erobert. Schweißtreibend, manchmal. Euphorisch. Bin gerannt, geschlichen, gekrabbelt, gesprungen. Habe mir Körperteile verletzt, gepflastert, gepflegt. Jeden Millimeter am Körper habe ich versorgt. Und das hier drin sowieso.“ Er deutet auf seine Brust, seufzt, holt Luft: „Jedes Gefühl habe ich gefühlt. Habe nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht getrunken, nicht gelacht. Habe gelacht, getrunken, gegessen und geschlafen. Habe Pillen geschluckt, legale und illegale. Bin durch die Welt, den Körper, weit bis ins Unterbewusstsein gereist. Habe überall mein Zelt aufgeschlagen, mein Feuer gemacht, mal klein, mal unkontrolliert, habe alles niedergebrannt. Habe geträumt, halluziniert, wieder aufgebaut aus dieser Asche, unzählige Male, fruchtbar, hoffend. Immer hoffend, immer panisch. Habe ausgehalten, angehalten. Luft, Welt, Raum. Und gibt es ein Ende?“

Er wirft mir einen schnellen Blick zu, scheu. Ich schaue zu ihm hoch. Er steht, bewegt sich, zappelt herum. In meinen Ohren der leise Bass. Ich setze zum Sprechen an, da redet er weiter, kräftiger: „Weiß ich, wann ich da bin? Angekommen? Gibt es sowas? Oder ist es Teil von mir, dieses Suchen, dieses Hoffen, dieses Graben, alles Umdrehen? Ich bin tausend Tode gestorben, und ein halbes, weiteres Mal, da wäre es um ein Haar soweit gewesen. Ohne das Suchen kein Leben. Ohne das Finden kein Atmen. Sich selbst erfinden. „Er hat sich selbst erfunden“, sagt man. „Wie ein Phönix aus der Asche“, sagt man. Und im Anschluss? Dieses sich selbst Finden, dieses Wesen aus der Asche, was macht es danach? Immer wieder Asche, immer wieder Phönix, Runde um Runde um den Sportplatz, und jedes Mal ein bisschen klarer, sicherer, stabiler, heiler, neuer, die Welten. Aber wie weiter? Transformation als Lebensgrundlage? Dauerschleife?“

Er hält inne, schaut in die Ferne, steht still. Nun ist die Unruhe bei mir. Ich drehe die Musik lauter, brauche in dieser Dauerschleife den vibrierenden Bass, Resonanz, suche in meinem Inneren nach seinen Antworten.

„Was ist mit freuen und lieben und so?“, frage ich, versteckt aus meinem Schutzraum der Musik heraus, fühle mich kläglich, klein. Was habe ich zu bieten in einem Gespräch wie diesem?

Er antwortet nicht. Der Bass in meinem Körper füllt die Sekunden, die wie tobende Wellen auf mich einschlagen. Noch ein bisschen mehr Lautstärke brauche ich. Beinahe ein Wummern.

Dann sagt er was: „Ja, das ist die übliche Frage. Nach dem Schmerz kommt der Mut. Das sich trauen, sich einlassen, auf dieses Leben, und jenes Freuen, und Moment für Moment. Genießen. Weitergehen. Wahrnehmen. Das ist es, wie es läuft. Und ich sage dir, habe ich alles. Kann ich alles. Weiß ich alles. Halt mich nicht für einen Hochstapler. Der bin ich nicht. Was ich sage, ist die Wahrheit, die subjektive. Und bei nochmal drüber nachdenken, wirst du verstehen, weit mehr als die. Weit über alle Grenzen hinaus. Das ist das, was dieses Graben und Suchen und Finden gemacht hat. Halt geben. Klar. Auch das. Meine Frage ist weiterführend. Ich habe nicht für jede Situation einen Plan. Oder eine Sicherheit, einen roten Faden. Was ich habe, ist Vertrauen. Und ein Wissen. Und Punkt. Vielleicht und Punkt. Vielleicht ist es das so. Vielleicht ist das das Neue. Und mehr braucht es vielleicht nicht.“

Er schaut mich an. Unter seinem Blick wachse ich. Nicht mehr kläglich. „Anklage“, denke ich. Entschlossen schaut er, und ich nicke. Da ist jetzt Ruhe in mir. Er wendet den Kopf, schaut wieder ins Weite.

„Vielleicht“, sage ich. Und: „Für den Moment. Reicht doch, oder?“ Und jetzt nickt er.

„Setz dich her zu mir“, sage ich mutig: „Schau mit mir dem Licht beim Sterben zu, hier mitten im Geschehen“, sage ich auch, und deute neben mich. Er setzt sich tatsächlich, und es ist wie als würde er zu mir in diesen Kokon aus Musik schlüpfen. Ich drehe noch lauter, öffne zwei Bier, reiche ihm eins. Er nimmt es, den Blick auf das schmelzende Licht vor uns.

„Mit der Dunkelheit kenne ich mich aus“, sagt er und trinkt.

Ich schaue ihn an. Es braucht einen Moment, bis er es bemerkt, den Kopf wendet, unsere Blicke sich treffen. Wir wissen, dass wir das gleiche denken, und dass es keine Notwendigkeit dafür gibt, es auszusprechen. In diesem Vertrauen und diesem Bass, mit dem wir eins geworden sind. Wir grinsen. Der Maulwurf kennt sich jetzt auch mit der Helligkeit aus.

© Mirjam Sarrazin

Überholspur

Spielzeugschild Überholverbot PKW liegt auf nassem Asphalt

Irgendwo in ihrer Erinnerung schwebt dieses Bild vom ersten Mal Hörgeräte. Das muss noch vor der Einschulung gewesen sein. Sie erinnert sich an vieles nicht, aber an die Akustikerin. Die Erinnerung ist ihr erhalten geblieben, die Akustikerin auch. Zehn Jahre Akustikerin. Das erste Mal richtig angeschaut und wahrgenommen hat sie sie erst letztes Jahr im Herbst.

Manchmal holt sie zu Hause die Post aus dem Briefkasten und öffnet sie. Eher selten, das meiste ist Werbung, und manchmal Mahnungen, und von denen will sie nichts wissen, will niemand was wissen, Stau-Briefe. Was für ein Zufall, dass sie ausgerechnet den Brief im letzten Herbst rausgeholt und geöffnet hat. Eine Einladung vom Hörgeräteladen an ihre Eltern; der Zeitpunkt sei gekommen, neue Hörgeräte für sie von der Krankenkasse finanzieren zu lassen. Und was für ein Glück, dass sie hingegangen ist zu dieser Akustikerin, die wie eine alte Bekannte und doch fremd gewesen ist. Hätte sie den Brief nicht gefunden, würde sie nach wie vor keine Hörgeräte tragen, so wie sie die Alten nicht getragen hat, die mit Glitzer.

Es hat keinen Sinn für sie gemacht, sie in ihre Ohren zu prokeln. Damals. Diese Klänge beim Einstellen und Ausprobieren sind metallisch, Roboterartig gewesen. Nicht greifbar. So viel Energie, die sie immerzu aufgebracht hat, um das Drumherum, die Welt, die Ohnmacht auf Distanz zu halten. Weit weg zu bleiben. Da ist kein Platz für neue Töne, neue Eindrücke gewesen. So unvermittelt im Gehirn. Kein Platz fürs Fühlen. Sie ist ein gestresstes Kind gewesen, denkt sie manchmal. Innen gestresst, außen abgeschaltet. Nur das Glitzer, das hat sie gemocht.

Bei den neuen ist es anders gewesen. Vom ersten Tag an. Wegen des Bluetooth, und der Verbindung mit ihrer Musik, die sie bisher über Kopfhörer gehört hat. In ear, nah dran, und trotzdem weit weg. Und in der Schule verboten. Und das ist schon Grund genug. Als die Akustikerin ihr das mit dem Bluetooth erklärt hat, sie verstanden hat, dass sie über die Hörgeräte von nun an ihre Musik hören können werde, da ist sie da gewesen. Klar. Hellwach. Plötzlich ist dieser Raum um sie herum gewesen, in dem sie gesessen hat. Mit gemalten Kinderbildern an der Wand, einem Regal voller Hörgeräten zum Testen, einem Schreibtisch mit Computer. Und dieser Akustikerin dahinter. Auf einem rollenden Bürostuhl. Die Hello Kitty Ohrringe getragen, den Kopf beim Reden leicht schräg gehalten hat, und mit einem Loch in der Strumpfhose. Und ihr Kekse angeboten hat, die in einer Schale auf dem Tisch gelegen haben. Vom ersten Moment an ist ihr der Vorteil klar gewesen; Musik hören, und niemand kriegt es mit. Immerzu Resonanz.

Wenige Tage nach diesem ersten Termin und dem Bestellen der neuen Geräte ist sie erneut hingegangen, da hat die Akustikerin die gleichen Ohrringe getragen, aber eine andere Strumpfhose, und sie haben die Hörgeräte angepasst im Computer. Mit Hörtest und Worte nachsprechen und Keksen aus der Schale und Aufregung.

Und dann ist sie nochmal hingegangen. Und sie hat erzählt, dass sie hört, wie die Straßenbahn über die Schienen rauscht, wie die Blätter im Wind rascheln, wie Regen prasselt, und dass Seifenblasen keine Geräusche beim Platzen machen. Sie haben das Bluetooth eingeschaltet. „Gib mir mal dein Handy“, hat die Akustikerin gesagt, und da hat sie schlichte, runde Ohrstecker getragen. Und dann hat die Akustikerin das Handy erst mit dem Computer und dann mit den Hörgeräten verbunden. Und sie hat sie in ihren Ohren platziert. Und einen Song geklickt. Und plötzlich ist es da gewesen. Plötzlich ist der Geschmack der Kekse überall gewesen, und die Wärme auch im Herz. Und der Klang.

Da hat sie geweint. Einfach so. Wie ihr das noch nie passiert ist. Und die Akustikerin ist ein Stück näher an sie heran gerollt mit dem Bürostuhl. Auch einfach so. Und der Raum innen und der Raum außen, der Klang, die Akustikerin und die Wärme, das war viel. Bewegung im Kopf. Wie ein Startknopf. Und dann ist sie gegangen, einfach aus dem Laden spaziert. Ohne tschüss sagen. Umgeben von Klang.

In der Gasse direkt vor dem Laden hat dieses abgebrochene Spielzeugschild mit dem Überholverbot gelegen. Da war dieser Begriff in ihr: Überholspur. Und das ist das Gegenteil von Überholverbot. Und noch mehr das Gegenteil von Stau. Überholspur ist Klang, sind Bässe, die körperlich werden, Stimmen, die tanzen in ihr. Überholspur ist auch Kekse und Wärme.

Kurz darauf hat sie angefangen, Geräusche mit dem Handy aufzunehmen. Geräusche lauter stellen, variieren, sie über die Hörgeräte in sich hinein spülen lassen. Sich einverleiben, vertraut machen. Sie hat sich diese App zum Schneiden runtergeladen, angefangen, eine Überholspurcollage zusammen zu stellen. Alles zusammen zu schneiden, was in ihr das Sausen gemacht, das Rasen, etwas zum Klingen gebracht hat. Erst aus dem Außen, dann auch aus Songs, Stimmen aus Podcasts, Passagen in Hörspielen, in Hörbüchern, Teile aus Interviews, Knistern, diese kleinen Momente von Unachtsamkeit in Aufnahmen. Manchmal sind die Sequenzen nur einen Wimpernschlag lang gewesen. All das ist Überholspur geworden, und es ist durch ihre Ohren, ihre Nerven und Adern geflossen, und das Herz hat all das aufgesaugt, wieder rausgepumpt, zurück durch ihren Organismus gewummert.

Resonanz, Nähe, Vertrautheit, Moll und dann meist auch sowas Leichtes, Unverbindliches, vielleicht Straßenköterfarbe als Klang. Und irgendwas mit der Geschwindigkeit, dem Rhythmus. Das hat sie nicht definieren können. Vielleicht eine Brücke zwischen innen und außen. Zwischentöne.

Einige Zeit später, mit der Überholspur in den Ohren, hat sie den Job im Café gefunden, und heute fragt dort einer, was sie für Musik höre, und sie sagt: „Von der Überholspur“, während sie den Kaffee beinahe akrobatisch in die Tasse gießt.

„Überholspur?“, und diese Irritation in der Stimme kennt sie schon, und das bereitet ihr Freude. Es ist heilsam, dieses ins Reden zu kommen. Auch das ist Resonanz. Auch das wäre passend in der Collage.

„Ein Milchkaffee und ein Stück Nusskuchen, bitteschön.“ Beides stellt sie auf der Theke ab. Irgendwie hat es sich eingespielt, dass die Kund*innen am späten Vormittag direkt an der Theke sitzen. Die Ruhe vor dem Sturm des Mittagstisches, und es ist Stammkundschaft. Immer geschäftig, so eine Ruhelosigkeit, die sie ablegen, für diese Momente an der Theke. Welche, die Gesellschaft suchen. Welche, die ihr Fragen stellen, die sie gerne beantwortet, vielleicht weil es auch was zum Klingen bringt in ihr.

Deshalb arbeitet sie so gerne im Café. Klare Aufgaben, gut zu bewältigen, und dann das Plätschern von Miteinander. Das bindet ihre Aufmerksamkeit.

„Mach mal was an“, sagt er, der nun vom Milchkaffee trinkt. „Von deiner Überholspur.“

Sie zuckt die Schultern: „Mach ich.“

Sie steckt ihr Handy an den Adapter, scrollt durch die Collage. Play. Es gibt auch ganze Songs. Das passt hierher.

„Das ist aber doch was aus den Charts“, und die Irritation bleibt, und das macht sie lebendig.

„Ja, auch Charts ist Überholspur.“

„Gefällt mir, der Song“, sagt er und kaut Kuchen.

So bleibt es stehen im Raum. Die Irritation, der Song, ihr Gefühl. Nebeneinander.

In der Schulzeit kann sie nicht jeden Tag ins Café. Da muss sie die Stunden absitzen. Ihr Ziel ist es, die Collage mindestens so lang wie einen Schultag zu basteln. In der Schule weiß niemand von der Collage, auch nicht von den Hörgeräten, oder vom Bluetooth, und sie schläft nicht mehr so häufig ein im Unterricht. Und das scheint schon zu reichen fürs erste. Sie sagen dann: „Viel kommt da ja nicht von dir, aber immerhin schläfst du nicht mehr ständig ein.“ Und dann nickt sie. Und lächelt. Und währenddessen Überholspur. Ahnt ja niemand.

Nach der Schule immer Café. Dort geht es ihr gut. Die kleinen Unterhaltungen, das rein und raus der Leute. Die Bewegung der Tür. Die Routinen. Wenn es regnet, Regenschirme, die in der Ecke stehen. Die Frage: „Kann ich den Kinderwagen hier stehen lassen?“, alltägliche Blicke. Im Café ist es weich. Sie bleibt so lange, wie sie kann. Sie macht die Nachmittagsschicht und Überstunden. „Klaro“, sagt sie, wenn wer fragt, ob sie heute vielleicht länger kann. „Und morgen?“ In den Ferien, an den Wochenenden kann sie immer.

Wenn die Gäste mal ausbleiben, legt sie sich auf eines der alten Sofas und döst sich die Überholspur entlang, stellt sich vor, wie es wäre, nie wieder aufzustehen, liegen zu bleiben, abzutauchen ins Weiche, in den Klang. Irgendwann kribbeln ihr die Beine, sie spürt die Unruhe. Sie muss aufstehen, muss sich vergewissern, ob alles ist, wie es ist. Es ist dieser Sog, und sie räumt die Küche auf, löscht das Licht, schließt die Tür ab, und geht dahin, wo zu Hause ist, Überholspur parallel.

Dort ist dann alles Stau. Nicht zähfließender Verkehr, sondern Stillstand. Leute hupen nicht mehr, Leute versuchen nicht mehr, rechts oder links am Vorderfahrzeug vorbei zu schauen, kein Fluchen mehr. Das haben sie schon hinter sich. Einfach nichts geht mehr. Sie steigen aus, lassen Türen und Kofferräume offenstehen, rauchen, essen, trinken, starren in die Ferne, pinkeln an die Leitplanke.

Die Wohnung ist dreckig, und das ist sie seit Jahren. Es liegt ein klebriger, staubiger Film auf den Möbeln, in den Ecken türmen sich Dinge. Das Sofa hängt durch, der Sessel steht auf dem Balkon, weil er nicht mehr nutzbar ist, also steht er auf dem Balkon, aussortiert, sollte zum Sperrmüll, seit Jahren, niemand bringt ihn runter, niemand bewegt ihn, niemand bewegt sich. Bewegt irgendwas. Stau. Kinder pinkeln neben das Klo.

Zwei Geschwister gibt es, in diesem Alter, in dem sie immer kurz vor knapp aufs Klo rennen, meistens zu spät, dann läuft es schon im Flur in die Hose, oder neben dem Klo auf die Fliesen, weil die Hose runterziehen noch klappt, und dann eben nichts mehr.

„Mama!“, schreien sie, als wäre bei ihnen noch nicht angekommen, dass Stau ist, als hätten sie noch Hoffnung auf Bewegung. „Mama!“, und die kommt nicht. Die hört nix. Die hängt vorm PC und ballert. Mit Kopfhörern. Bei geschlossener Tür. Oder schläft. Immer müde. Abgeschottet. Also kommt Papa, irgendwer muss es ja tun. Sie hören nicht auf zu schreien, und sie schreien nie „Papa!“, und es ist völlig klar, warum nicht, und doch kommt immer Papa. Er schreit, oder schlägt und geht zurück auf das durchgehangene Sofa.

Sie weinen, manchmal, sie ziehen die nasse Hose wieder hoch. Die Pfütze bleibt. Überall bleiben Pfützen. So ist das im Stau.

In der Küche macht sie Kakao. In der Mikrowelle. Die funktioniert. Die gibt diesen Ton von sich, und dann riecht es nach Wärme, das Weiche aus dem Café streift ihren Bauch, der kalte Rauchgeruch tritt in den Hintergrund.

„Machst du mir auch einen?“, ruft er aus dem Wohnzimmer, und das ruft er immer. Auch das ist Stau. Das muss man wissen, sonst könnte man meinen, es hätte sich kurz was zurecht geruckelt. „Machst du mir auch einen“, das könnte so ein ganz normaler Satz in so einer ganz normalen Familie mit Versorgen und Vorlesen und Gutenachtkuss sein. Das denkt sie. Jedes Mal. Seit Jahren. Dass es das sein könnte, und doch was ganz anderes ist.

„Nee“, sagt sie zu sich, und zieht eine Grimasse, dann geht sie rüber ins Wohnzimmer, baut sich vor ihm auf, wie er daliegt auf dem Sofa, auf den Bildschirm starrt: „Du bist so ein Idiot. Hör auf damit. Du trinkst den eh nicht.“

Dann grinst er, zieht an der Zigarette, Blick auf den Bildschirm. „Ist so schön, von dir versorgt zu werden“, sagt er.

Sie geht, holt die drei Kakaotassen aus der Küche, bringt sie ins Kinderzimmer.

„Kakao“, rufen sie, und purzeln übereinander im unteren Doppelstockbett.

„Habt ihr kein Laken?“, fragt sie, und nickt zur Matratze.

Sie kichern, lachen laut, kriegen sich nicht wieder ein. Eins fällt auf den Boden, schreit vor Albernheit, eins kugelt sich über die fleckige Matratze. „Kakao!“, schreit es, und sie stellt die Tassen auf den Boden. Neben all den Kram. Ein Kinderfuß landet an den Tassen, eine fällt um, Kakao überall.
„Ich nehm den“, eine Kinderhand schnappt sich die volle Tasse, eine zweite Kinderhand die andere.

„Jetzt hast du keinen mehr!“, schreien sie und jubeln und lachen.

Sie stellt die leere Tasse auf, seufzt: „Wo ist das Laken?“

Sie zeigen zum Fenster, das offensteht. In der Nachbarschaft ist ein Kind aus dem vierten Stock gefallen. Daran denkt sie, während sie einen Blick aus dem Fenster wirft. Das Laken hängt im Gebüsch unter dem Fenster. „Der bringt euch um“, sagt sie und kurz halten sie inne. Kurz Ruhe. Und im Kopf so laut. Laute, gestaute Leere.
„War Pipi drauf“, sagt eines und das andere schlürft den Kakao leer, knallt die Tasse auf den Boden, rülpst: „Mehr!“

„Ich mach euch Toast“, sagt sie, schließt das Fenster, dreht den Fernseher lauter, will aus dem Zimmer gehen. Da kommt er. „Na, was macht ihr hier zusammen?“, fragt er, und er klingt interessiert, und da dreht sich ihr der Magen um. Dass er manchmal auftaucht, als wäre nix. Als wären sie mit 130 Sachen auf der Autobahn unterwegs auf dem Weg in den Urlaub, irgendwo hin, wo es warm ist, und Strand und einen Pool gibt, so ein echtes Familienidyll, sowas mit Kümmern und regelmäßigen Mahlzeiten und abends Kerzen. Gute Musik im Radio, ein Lächeln auf den Lippen und liebevoll zusammen gestellte Snacks. Oder Eis von der Raststätte, das würde es auch schon tun. Oder eine Packung Milchbrötchen vom Discounter, die sie vor sich hin mümmeln, während sie aus dem Fenster schauen. Sie könnten auch streiten zwischendurch, oder genervt oder gelangweilt sein. „Wann sind wir da?“, wäre völlig legitim, auch wiederholt. Sie wären unterwegs, schnell. Bewegung. Es wäre kein Stau, kein Stillstand, kein „Na, was macht ihr hier zusammen?“, das schneidet wie ein frisch geschärftes Messer.

Sie geht an ihm vorbei, sieht noch aus dem Augenwinkel, wie er sich die Kinderkörper schnappt, kitzelt, lautes Kreischen. Stillstand. Stau. „Aufhören!“, sie japsen nach Luft. Er hört nicht auf, er hört nie auf.

Sie rennen durchs Zimmer, klettern aufs Bett, von da auf den Schrank mit der kaputten Tür. Er grölt: „Ich kriege euch!“, und er lacht, und sie kreischen und springen zurück aufs Bett, und manchmal mutig direkt auf den Boden, flitzen durcheinander, schließlich in den Flur.

In der Küche schaut sie in den Kühlschrank, nimmt ein Bier.
„Papa!“, ruft sie, und die Lippen sind trocken und der Mund pelzig: „Ich mach uns ein Bier auf.“

Der Öffner liegt in der Spüle. Da kommt er schon, außer Atem, hustet, stellt sich vor sie, seine Finger machen Kitzelbewegungen in ihre Richtung, er grinst: „Na? Du auch?“

„Kitzel sie!“, schreien Kinderstimmen und kreischen.

Sie reicht ihm das Bier: „Mach denen mal Toast. Dann können die gleich ins Bett.“

Er nimmt tiefe Schlucke, rülpst: „Okidoki.“ Er grinst, greift nach der Toastpackung.

Sie geht rüber aufs durchgehangene Sofa, lässt sich das kalte Bier die Kehle runter laufen, stellt die Musik laut. Überholspur. Als das Bier leer ist, steht sie auf. Sie muss hier jetzt raus. Musik aus. Horchen. In der Küche brüllt er. Kinderweinen. Sicher gehen sie ohne Toast ins Bett. Sicher schlafen sie nachher unter dem Bett auf dem verkrusteten Boden. Sicher wird sie sich auf die fleckige Matratze über ihnen legen. Mitkriegen, ob er nachts aufsteht, und kommt.

Eines Tages wird sie gehen. Und sie mitnehmen. Sie wird eine Wohnung mieten und ihnen jeden Tag Kakao kochen, und dann wird sie vorlesen und Spiele spielen, und abends Kerzen. Das geht noch nicht. Sie ist zu jung, sie hat keine Chance. Noch ist Stau. Aber auch Überholspur. Nebeneinander her. Und irgendwann bringt sie die hier weg.

Jetzt erstmal raus. Musik an.

Draußen ist dann plötzlich Schnee. Der war vorher nicht da. Der fällt rund um sie vom Himmel. Sie atmet die kalte Luft ein. Davon verschwinden die Kopfschmerzen. Dann geht es los. Überholspur. Jetzt die Collage, die ihr Bestes gibt. Klacken, Rauschen, eine kurze Sequenz von einem Drum’n Base Stück, dann eine tiefe Stimme, die über Waschmittel spricht, und dabei das R rollt. Entspannung. Endlich Bewegung. Endlich rast das Gehirn, findet ihr Inneres nach außen. Der Schnee nimmt die entgegengesetzte Richtung, nimmt sie ein, von außen nach innen, die Sneaker, die Jacke, die Hose. Hände tief in den Taschen. Die Kälte frisst sich durch. Kälte gegen Überholspur. Ein Wettrennen. Automatisch beschleunigt sie ihre Schritte. Am Ende verliert sie trotzdem. Die Batterie des rechten Hörgeräts signalisiert Leere. Kurz darauf des Linken. In den Jackentaschen kein Ersatz. Postwendend Stillstand im Gehirn. Plötzlich zittert der Körper, klappern die Zähne, spürt sie die eiskalten Zehen. Plötzlich ist der Weg zurück nach Hause unendlich weit. Zurück zur fleckigen Matratze. Plötzlich Sorge. Das schlechte Gewissen. Einfach losgegangen. Weg vom Stau.

Trotzdem hält sie nochmal an. Tippt mit den roten Fingern die Aufnahmeapp auf dem Handy. Start. Schritte im Schnee. Knirschen. Das weiß sie, ihr Gehirn weiß das. Sie hört es nicht. Wie eine Leerstelle, ein Ausbleiben. Wie ein unausgefüllter Raum. Jetzt, seitdem sie weiß, dass es das Knirschen gibt. Das Handy nimmt auf. Speichert ab. Übernimmt für sie das Hören. Für später. Dann wird sie auf der fleckigen Matratze liegen, das Kinderatmen unter ihr, auf dem Boden, gleichmäßig, beruhigend trotz der Anspannung, und mit neuen Batterien werden die Hörgeräte funktionieren, und sie wird sich das Knirschen anhören. Und es einfügen in die Collage, die wächst. Das tröstet. Das schafft die Verbindung, die sie braucht, um den Weg nach Hause zu schaffen, aufzuschließen, die Luft anzuhalten, sich bereit zu machen für all das Ungewisse, das erstarrt lauert in dieser Nacht, im Stau, in jedem Moment, immerzu.

Am nächsten Tag schwänzt sie die Schule. Alles ist gefroren, eiskalt. Außen und innen. Es ist, als könne sie auseinander fallen, sobald etwas sie berührt. Sie fährt mit dem leeren Bus in die Innenstadt, bahnt sich den Weg durch den Matsch zum Hörgeräteladen. Die Geräte mal wieder saubermachen lassen. Und Kekse aus der Schale.

© Mirjam Sarrazin

Runden drehen

Riesenrad von unten fotografiert, vor hellem, bewölkten Himmel

Da steht er nun. Allein. Im Nieselregen. Die anderen sind gegangen, wollten nach Hause. Ins Warme. Kaffee, Tee. Rückzug. Um ihn herum wird es voller. Der Regen verlangsamt den Prozess, hält ihn jedoch nicht auf. Familien, Gruppen, Paare, lachende Freund*innen, gute Laune Stimmen.

Ein paar Meter geht er, lässt sich ein Stück treiben. Schaut sich die Stände an, auf Abstand. Lustlos. „Und nun?“, denkt er, während der Luftballonverkäufer neben ihm Knoten entwirrt. „Nun stehe ich hier also alleine“, denkt er, und geht wieder ein paar Meter. Schritt für Schritt. Bratwurst- und Zuckerwattengeruch. Die Karussellbetreiber*innen fahren die Lautstärke hoch. Früher ist er gerne Autoscooter gefahren, hat sich die Lücken gesucht, um hindurch zu kurven. Wenn er gerammt wurde, hat er nicht reagiert, und das hat die anderen provoziert. Einmal ist ein Wagen so in ihn reingestoßen, dass er einige Tage Nackenprobleme hatte. Das weiß er noch gut. Das war in dem Jahr, in dem er die Schule geschmissen hat.

Schließlich Break Dancer und kurz dahinter das Riesenrad. Es dreht sich. Er schaut hinauf. „Schön“, denkt er. Noch ist es hell, bald wird es dunkel, und dann all die Lichter. Dieses Jahr Regenbogen. Er geht hoch zur Kasse. „Einmal“, sagt er, und nimmt den Chip. Noch ist es leer. Noch gibt es keine Schlange. Bald halten die Gondeln, steigen ein paar wenige Leute aus, darf er einsteigen. Hat eine Gondel für sich allein. „Dann halt Riesenrad“, denkt er, und setzt sich zurecht, wirft einen schnellen Blick zu den gigantischen Schrauben. „Dass ich aber auch immer schaue“, wundert er sich über die Gewohnheiten.

Das Rad setzt sich in Bewegung, er lässt seinen Blick schweifen, weit in die Ferne, der Regen hat jetzt aufgehört, weit hinten wird der Himmel klar, jetzt, kurz bevor es gleich dunkel wird. Als wäre es ein Wettrennen zwischen klarem Himmel und Dunkelheit. „Wer schafft es früher bis zu mir“, denkt er, und nun ist er am höchsten Punkt, die Gondel wankt im Wind. Das Riesenrad steht. Weit unten erkennt er, wie Leute zusteigen. „Herzlich Willkommen“, sagt er.

Er dreht nun seine Runden. Drei, danach ist er sicher, muss er aussteigen. Aber das Riesenrad fährt noch eine vierte, und sogar eine fünfte. Dann ist Schluss. Er soll aussteigen. Routiniert wird ihm das kleine Tor geöffnet. Er bleibt sitzen. Mit Worten wird er gebeten, auszusteigen. Er bleibt sitzen. Es ist, als wäre da nichts mehr in ihm. Keine Impulse, keine Vernetzungen. Keine Bewegungen. Er hört die Worte, er kennt die Zusammenhänge, es ist, als wäre in seinem Gehirn Eiszeit ohne Eis. Gefrorenes Nichts.

Mehrere Leute reden auf ihn ein. Vorrangig irritiert, weniger wütend. Verzögert, aber dann doch deutlich, nimmt er das wahr. „Kann ich noch sitzen bleiben?“, fragt er, und kramt in seiner Jackentasche nach dem Geldschein. Wieder Irritation. Kurzes Zögern. Lachen. Kumpelhaftes auf die Schulter klopfen.  

Dann dreht er wieder seine Runden. Oben angekommen, steht er auf, stößt sich den Kopf, ruft in den Wind, lacht. Setzt sich wieder. Die Gondel schaukelt, leichter Schwindel fließt durch den Körper. Weiter geht’s, weiter runter, dann wieder hoch. „So ist es doch“, denkt er, und sagt es in den Wind, als er ganz oben ist: „So ist es doch. Immer in Kreisen. Alles wiederholt sich. Die eigenen Geschichten kommen immer wieder auf den Tisch. Alles auf die Bühne. Einmal durcharbeiten bitte.“

Er lächelt. „Und von Runde zu Runde wird es klarer“, denkt er, und nun hat er nicht mitbekommen, dass sich das Riesenrad aus seiner Verankerung gelöst hat, sich in Bewegung gesetzt hat. Aufwärts, weiter nach oben treibt es, während er seine Runden dreht. Immer leichter fühlt er sich, Runde um Runde. „Immer wieder alles einmal durcharbeiten“, sagt er in den Wind, ganz oben. Am höchsten Punkt, der jetzt weit über dem letzten höchsten Punkt liegt.

„Und jedes Mal ist es ein kleines bisschen anders. Ein kleines bisschen leichter. Ein kleines bisschen weiter“, erzählt er dem Wind, und nun hat er Tränen in den Augen, und vielleicht ist das der plötzlich beißende Wind, oder es sind die Gefühle. „Es fühlt sich an wie stecken bleiben, ständig die gleichen Sackengassen betreten. Und dann aber eben doch. Irgendwo innen macht es was. Jede Runde lohnt sich. Auch wenn man es nicht merkt.“ Auch das erzählt er dem Wind. Berührt fühlt er sich. Und ein wenig beschwipst. Auch beschwingt. „Es wird so leicht in mir“, denkt er, und schaut sich um. Schaut in die Weite, dann nach unten.

„Wir fliegen ja“, ruft er in den Wind. „Damit hatte ich nun nicht gerechnet“, ruft er, und lacht, und dann breitet er seine Arme aus. Schließt die Augen, hat dieses Bild von der schweren Tiefe, hinauf in die Leichtigkeit, und auf dem Weg, in all diesen Runden und Kreisen ständig die Begegnung mit sich selbst. In jeder Gondel ein Selbst, ein NochmaleineRunde.

„Wie schön es hier oben ist“, sagt er, als er sich umschaut, und die Welt ist nun aus weiter Ferne zu erkennen. Es ist friedlich, still, alles ist auf Abstand, Ruhe überall.

„Glück“, denkt er, und das Wort begleitet ihn noch ein paar Runden. Und „Glücksgefühle“, und dass er vorher nicht gewusst hat, dass die mit so viel Tiefe und vornehmlich Entspannung einhergehen, und nun ist es dunkel geworden. Das realisiert er erst, als die Gondel zum Stehen kommt direkt über dem Boden. Und dass er nicht darauf geachtet hat, ob der klare Himmel es vor der Dunkelheit geschafft hat. Erschöpft fühlt er sich. Und dankbar. Routiniert wird ihm das kleine Tor geöffnet. Er steigt aus, läuft über den Steckboden zum Ausgang.

„Morgen komme ich wieder“, denkt er.

© Mirjam Sarrazin

Vorgespult

Sonnenuntergang im Hintegrund, noch blauer Himmel, dunkle Baumreihe, im Vordergrund links eine hohe Birke

Mal wieder streiten wir uns, und mal wieder denke ich, ich wüsste alles besser, und verstehe in dem Moment, wo du gegangen bist, nicht einmal mehr, worum es überhaupt ging.

In den Tagen danach ist morgens Herbst und nachmittags Sommer, und in der Zeit dazwischen fühle ich mich verloren. Fünf Tage halte ich das aus. Dann gehe ich zu dir, sobald es dunkel ist.

„Ach, du“, sagst du und schließt die Wohnungstür, nachdem ich meine Schuhe im Treppenhaus ausgezogen und deinen Flur betreten habe. Ich sage nichts, gehe in die Küche, setze mich auf den blauen Stuhl. Gewohnheit. Auf dem Tisch steht deine Kaffeetasse mit Kaffeesatz. Rechnungen liegen herum, daneben dein aufgeklappter Laptop. „Ach, das“, sage ich und deute auf die Papiere. Ich suche Vertrautheit. Rechnungen und dein aufgeklappter Laptop. Das ist vertraut. Ebenso deine Reaktion, deine Zerstreutheit, mit der du in Schubladen kramst, von denen du eine nicht wieder ganz schließt, und genau dieser Spalt, der bleibt, setzt mir ein Geräusch ins Ohr, das schmerzt. Den Flaschenöffner hast du gefunden, holst Wein aus dem Kühlschrank, öffnest ihn, schaust zum Laptop: „Ja, Steuer.“

„Ich habe das erlebt, und ich erwarte, dass du mir glaubst“, sage ich und denke, vielleicht sage ich es nur, um das Geräusch in meinem Ohr zu übertönen, das der Spalt in der Schublade macht. Währenddessen beobachte ich das Weinglas, das du füllst. Für dich. Ich mag Weißwein nicht, das weißt du. Ich denke, du hättest auch den Roten öffnen können, den ich im Regal sehe. Den mag ich. Auch das weißt du. Stattdessen trinkst du deinen Weißen, und ich kann nicht einschätzen, ob du es aus Egoismus oder Zerstreutheit tust.

„Ja, ich weiß“, sagst du, nachdem du das Glas abgestellt und die Weinflasche zurück in den Kühlschrank gestellt hast.

„Ach“, sage ich.

Auf dem Rückweg zum Tisch greifst du die Flasche Rotwein aus dem Regal und öffnest sie, bevor du mir ein Glas hinstellst und einschenkst. Dann setzt du dich. Und schaust mich an. Mit meinem ausgestreckten Arm schiebe ich die Schublade zu, so dass der Spalt verschwindet. Anschließend trinke ich mein Glas Wein leer.

„Vielleicht nicht so viel heute?“, du starrst mich an, und ich sehe ein Reh vor dem Scheinwerfer auf der Straße stehen. Ich starre es an, kippe Wein nach, trinke, setze ab: „Ach, das meinst du?“, setze an, trinke aus.

„Ich mein ja nur“, sagst du, und du flüsterst fast.

Ich schlage mit der Faust auf den Tisch. Du erschrickst, und das beruhigt mich. Du sagst nichts. Ich lehne mich zurück, ziehe meine Beine zu mir auf den Stuhl.

„Du glaubst mir nicht“, wiederhole ich, und fühle mich ausgefranst. „Ich fühle mich wie ranzige Butter“, sage ich, und weine los, und am meisten macht mir zu schaffen, dass ich nicht weiß, wieviel Rolle der Wein dabei spielt.

„Ja, ich weiß“, sagst du, und ich kann es nicht glauben.

„Hast du das jetzt schon wieder gesagt?“, frage ich und greife nach meiner Flasche Wein.

„Lass doch jetzt“, sagst du, und wieder flüsterst du fast, und ziehst den Wein von mir weg.

„Ich kann es echt nicht glauben“, schreie ich dich an, und schnappe mir deinen Weißwein und kippe ihn in mein Glas.

„Ich weiß irgendwie immer nicht, ob du wütend oder traurig bist“, sagst du, und da muss ich lachen. Wieder schlage ich mit der Faust auf den Tisch, dieses Mal erschrickst du nicht, dieses Mal lache ich einfach: „Potzblitz!“, rufe ich laut durch deine Küche, die eben deine Küche ist, weil wir immer noch nicht zusammengezogen sind.

Du lässt deine Schultern sinken, sackst in dich zusammen, so als wäre alle Anspannung aus dir entwichen. Als wäre alles nebensächlich. Jetzt denkst du: „Ach, das Spiel kennen wir doch schon“, denke ich, und ich lache, und dabei laufen mir die Tränen über das Gesicht.

„Na, kennst du ja alles schon?“, starre ich dich herausfordernd an.

„Was jetzt?“, fragst du, und deine Stimme erinnert mich an geschmolzenes Gummi.

„Diesen crazy shit hier“, sage ich und starre weiter, und rucke ein paarmal den Kopf zu dir hin.

Du hängst auf deinem Stuhl wie ein Pullover voll Katzenurin, und ich kriege mich wieder ein, setze mich gerade hin, stelle das Weinglas ab: „Ok, sorry.“

„Ist ok“, flüsterst du und schaust dir irgendwas auf dem Boden an.

„Ist es nicht“, sage ich, und alles riecht nach Katzenklo.

„Was willst du?“, fragst du und schaust mir in die Augen, so dass ich Herzrasen bekomme.

„Sex“, sage ich, und du seufzt, und ich kriege mich wieder an: „Oh man, ok, sorry. War nicht so gemeint. Sorry, echt. Es ist mal wieder soweit.“ Du zuckst die Schultern, aber du schaust nicht weg. Das reicht mir als Signal.

„Ich kann das nicht mehr. Fühle mich meilenweit entfremdet von allem und jenem. Glaubt eh keiner. Versteht eh keiner.“

„Woran würdest du merken, dass ich dir glaube? Und dass ich eine Ahnung davon habe, wie es ist für dich? Weil ich dich ja spüre, weil da ja was ankommt bei mir. Mitschwingt“, sagst du, und du sagst das so unverwüstlich ehrlich, und ich denke, wir sollten das mal aufschreiben, wie wir reden. Wir reden immer das gleiche.

Also sage ich: „Ja, meine Güte. Verstanden. Es ist meins. Es ist nicht der Punkt, dass du es nicht glaubst, sondern dass diese Glaubenssätze in mir sind, dass mir eh keiner glaubt, und weil sie sowieso stärker und lauter sind als alles im Außen. Und diese Verzweiflung.“

„Ja“, sagst du.

„Ja,“ sage ich.

„Lass jetzt Sex haben“, sage ich, und dann haben wir Sex, oder das, was du so nennst, und wofür ich Sprache suche, die es mir greifbar macht, und bisher keine gefunden habe. Zwischenzeitlich funktioniert es, und ich tauche ein. Stelle mir vor, wie ich in der Mitte des Sees schwimme, in die Sonne rein, ganz früh morgens, dann, wenn sie noch ganz tief steht und blendet. Ich schließe die Augen, die Helligkeit macht, dass ich die Orientierung verliere. Sobald ich die Augen öffne, realisere ich das, wende, schwimme wieder Richtung Sonne, schließe die Augen, bis das gleißende Licht mich aufnimmt, aufsaugt.

Bis ich plötzlich keine Lust mehr habe, alles abgestellt wird in mir. Du mich nervst, du mir zu viel bist, ich aufstehe, mich entferne. „Reicht“, sage ich, und schlüpfe so wie ich bin in meine knittrige Jeans. Lasse dich dort, so wie du bist. Wütend bist du, das sehe ich an deinem starren Rücken, den du mir entgegen streckst in dieser gekrümmter Haltung auf deinem Bett liegend.

„Ich geh jetzt“, sage ich, und dann bin ich schon raus. Schon das Treppenhaus runter. Schon draußen vor der Haustür. Packe mir Musik auf die Ohren, denke an die Sonne über dem See, und dann springt die Playlist auf diesen Song, der mir suggeriert, ich könnte das Außen zurückspulen, es stoppen, es vorspulen.

Ich nehme mir die Fernbedienung und stoppe die Person vor der Bar, die sich gerade eine Kippe anzündet. Freeze. Stoppe die nachtleere Straßenbahn, die um die Ecke fährt. Stoppe die Katze, die aus der Ausfahrt herausläuft. Alles friert ein, alles wird still, und dann spule ich die Katze vor. Sie rast aus der Ausfahrt über die Straße, versteckt sich unter dem parkenden Lieferwagen. Ich schalte die Person vor der Bar wieder ein, sie inhaliert das Nikotin, lässt die Schultern erleichtert sinkend, zieht das Handy hervor. Stopp. Ich friere sie ein, spule sie vor. Vorgespult grüßt sie eine Person, die auch aus der Bar kommt. Sie streiten. Ich stoppe beide. Auch vorgespult nervt mich das Gezeter.

Ich laufe durch die Nacht, am Kanal stoppe ich zwei Enten, beobachte eine Person, die wankend über den Bürgersteig läuft, stolpert, stürzt. Stop it. Rewind drücke ich. Niemand soll hier heute Nacht stolpern. Wankend verschwindet die Person wieder über den Bürgersteig, rückwärts, in einem Hauseingang, aus dem sie vorhin rausgekommen sein muss. „Zurückgespult“, denke ich, und spule die Bäume am Kanal zurück. Sie schrumpfen, Personen, die junge Bäumchen pflanzen, abladen von einem LKW, abfahren, rückwärts. Spule die Bürogebäude zurück, die mich umgeben, das Stadtbild verändert sich, die Straßen, Bauarbeiten, spule den Asphalt zurück, klicke wild um mich herum, dann den Mond, der verschwindet und dann dieser Sonnenuntergang, den ich nicht wahrgenommen habe am Abend. Spule die Sonne zurück. Der Untergang läuft rückwärts, als würde die Sonne aufgehen und verschwindet schließlich, wo sie sonst erscheint. Dunkel, dann wieder Sonne, wieder Nacht, Mond, spule und spule, immer schneller, dunkel, hell, dunkel, hell, alles dreht sich, und noch während mir die Idee kommt, ob es gehen könnte, ist es schon passiert.

Da ist er, der Urknall. Rasend schnell. Rückwärts. Und dann Stille. Nichts. Dunkelheit. Endlich absolute Ruhe. Schwindelig lasse ich mich fallen, irgendwo in mich hinein. Schließe die Augen. Atme. Spüre, wie ich atme. Spüre, wie ich bin. Eine lange Zeit ist da nicht mehr als das, in und um mich. Und dann denke ich an dich, ist da ein Vermissen. Diese Vertrautheit, all diese Verlässlichkeit.

Und dieser Gedanke. „Endlich kann ich es steuern“, denke ich, und ich verstehe es nicht, und steuere es trotzdem. Nehme mir die Fernbedienung und spule vor. Behutsam, langsam. Beobachte die Sonne, wie sie auf- und wieder untergeht, den Mond, unendliche Male Sonne und Mond, Sterne und Sturm. Spule schnell. Ziehe die Geschwindigkeit ins Unendliche. Nähere mich dem Jetzt, mit Herzrasen. Dass es alles noch da ist, das Auf- und wieder Untergehen, das ist doch nicht zu glauben. Das denke ich. Das gibt mir Halt. Der Wandel, der hält. Überspule den Sonnenuntergang, der gestern war, überspule den Mond, diese trostlose Nacht, spule in die Helligkeit, durch den Tag, bis in diesen Sonnenuntergang. Du und ich, wir sitzen am See, auf dem Steg. Es ist warm, das Wasser kalt, wir platschen mit den Füßen darin.

„Lass mal schwimmen“, sagst du.

„Lass mal reden“, sage ich, und sage dir, dass ich diese Ohnmacht nicht aushalte, die immer und immer wieder auf mich zurückfällt, wenn Leute mit meiner Geschichte nicht umgehen können. Immer dieses Schweigen. Dieser Erklärdruck. Dass es einsam macht, das nicht Verstehen.

„Ja, ich weiß“, sagst du, und deine Finger machen dieses kleine Geräusch auf dem Holz des Stegs.

„Ja, ich weiß“, sage ich, und meine damit, dass ich weiß, dass du das weißt, und jetzt in diesem Moment fühle ich es auch, und dann drücke ich Stop. Friere uns ein. Denn das hier, das muss ich ein bisschen festhalten. Es ist ja nicht das Wissen, das zählt. Es ist ja das Zulassen, das Einlassen, das Mitfühlen, das Verbundenheit macht. Dieses Spüren friere ich ein in mir, und drücke erst wieder play, wenn es mir im nächsten Moment von Verzweiflung wieder verloren geht.

© Mirjam Sarrazin