Sehnsucht

Blick in eine Straße mit Häusern rechts und links mit Rolläden und bedecktem Himmel

Ich durchquere Städte mit Straßen, deren Atmosphären in mich eindringen, und schneller als dass ich blinzeln kann, beziehe ich ein Haus. Die Fensterläden stoße ich weit auf. Einer quietscht. Einer hängt schief. Wolken am Himmel und dieses nach Hause Kommen in meinem Gefühl. Überall Katzen. Diese Strommäste aus Stein, und wenn ein Hund bellt, dann bellen sie alle.

Ich richte mich ein, und hänge meine frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen in den Innenhof mit dem abgesenkten Abfluss und den Zitronenbäumchen im Topf. Gewissenhaft fege ich den rauen Boden, und im Inneren wische ich die kühlen Fliesen. Die Gläser stelle ich auf den Kopf, und Krümel müssen sofort in den Abfall.

Fotos brauche ich keine an den Wänden, auch keine Bilder. Die Maserung der alten Steinwände ist Kunst genug. Erinnerungen trage ich in meinem Herzen und mein Sein wird ein Resonanzkörper, der vibriert und summt, und eine dichte Melodie überall. Die Kraft von Tönen trifft am ehesten dieses allumfassende, einnehmende Empfinden. Über Raum und Zeit hinweg.

Neben meinem Haus ist ein Laden, und jeden Morgen wird das Sicherheitsgitter hochgefahren, und dann husche ich mit meinen Schlappen rüber in das grelle Neonlicht. Wie zufällig und immer herzlich Willkommen. Worte. Sätze. Ein Lachen. Manchmal zwei. Und manchmal einen kleinen Kaffee mit der Besitzerin. Bezüge. Sicherheit. Die Vertrautheit der Sprache, die ich nicht immer bis ins Detail verstehe, aber spüre. Und das ist viel entscheidender. Die ererbten Zugänge. Emotionen. Die Ambivalenzen der Zugehörigkeiten, die nicht zu beschreiben sind mit komplexen Begriffen. Am ehesten mit dieser Melodie, die in mir leuchtet. Die alles einfärbt. Und die Sehnsucht, der rote Sand und das Meer. Das trifft es auch. Zwischen Anfang und Endlichkeiten.

Schließlich kommt Kundschaft. Ein Nicken. Ein Lachen. Manchmal zwei. Dann verschwinde ich in meinem Haus. Ziehe mich zurück. Atme die Luft, die immer ein wenig feucht riecht, ziehe sie in die Lunge, und greife diese Zuversicht beim Schopf, die mich durchzuckt. Halte sie. Dieses Haus wird leben, seine Seele in mir. Tanzend. Bruchstücke von Bildern, Worte, Sätze, innere Zustände so kurzweilig wie Zuckerwatte, die an jeder Straßenecke verkauft wird. Und so klebrig. Diese Widersprüche werden bleiben und mein Haus möblieren, heimelig machen. Heimat sein. Wo auch immer, in welcher Stadt auch immer, die ich flüchtig durchquere.

© Mirjam Sarrazin

Schutz

Vogelnest von oben. Mit vier bläulichen Eiern

Vier Eier also. Gefleckte Amseleier. Und hätte er vorher gewusst, was passiert, er hätte es nicht anders gemacht. Kein bisschen anders. Hinterher ist man immer schlauer. Ist man immer klüger. Weiß man es besser. Sowas hat er auch kurz gedacht. Aber hier geht es ja nicht um schlauer, klüger und besser.

Er hätte es ganz genauso gemacht. Ganz genauso.

Morgens hat er sie gefunden. Als er los wollte zum Einkaufen. Morgens, noch bevor alle anderen einkaufen. Er hat Zeit gehabt, muss nicht mehr pünktlich auf Arbeit sein. Er kann morgens einkaufen. Und hat die Amsel erschreckt, als er so dicht vorbei gegangen ist. Mit einem Rascheln ist sie aus dem mickrigen Lebensbaum hinaus gestoben, der auf wunderliche Weise an dieser unwirtlichen Ecke zwischen Häuserwänden überlebt. Hoch über ihn in die Eiche geflogen. Hat ihn neugierig gemacht.
Geschaut hat er erst auf dem Rückweg. Mit dem Beutel in der Hand hat er die Äste vorsichtig zur Seite geschoben. Da hat er das Nest entdeckt. Vier kleine Eier. Gefreut hat er sich. „Sowas Schönes.“ Das hat er gedacht und sich über sich selbst gewundert. Die Beine sind ihm wackelig geworden. Spontan hat er mit dem Kopf geschüttelt. „Sowas Sonderbares.“ Das hat er auch gedacht. Dass ihn dieses Vogelnest berührt hat. Er ist auf Abstand gegangen und hat Ausschau nach der Amsel gehalten. Hat sie nicht entdecken können.

Ist nach Hause gegangen mit seinem Einkauf. Vogeleier hat er schon lange keine mehr gesehen. Das hat ihn beschäftigt, als er den Einkauf weggeräumt hat. Sich die Zeitung genommen, auf dem Balkon gefrühstückt hat. Die Eier sind ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und als er gedankenverloren den Zucker anstelle der Milch zurück in den Kühlschrank gestellt hat, da hat er sich die Sandalen wieder angezogen, und ist zurück gegange. Die paar Meter. Da hat er ruhig nochmal schauen können. Den Kopf geschüttelt hat er trotzdem.

Die Amsel ist wieder hinaus gestoben, hoch geflogen in die Eiche. „Es tut mir leid“, hat er gedacht und kurz war er unsicher, ob er es laut ausgesprochen hat. „Sowas Sonderbares.“ Das hat er auch wieder gedacht. Vier Vogeleier. Alle wohlbehalten. „Direkt auf Augenhöhe.“ Das hat er gedacht. Auf menschlicher Augenhöhe und auf optimaler Katzenjagdhöhe.

Wieder ist er auf Abstand gegangen. Hat aus dem Schatten der Hauswand rüber geschaut. Hätte gerne die Amsel gesehen, wie sie zurückfliegt. Sie ist nicht zurückgeflogen. Ist aus der Eiche empor in die andere Richtung geflogen.

Nun haben sie dort alleine gelegen, die Eier. Das ist ihm durch den Kopf gegangen. Schutzlos. Das Wort hat er schon lange nicht mehr im Kopf gehabt. Und seine Beine sind wackelig geworden. Er hat den Kopf geschüttelt, ohne es zu merken. Hat erneut nachgeschaut. „Sicherheitshalber“, hat er zu sich selbst gesagt. Ins Nest gespäht. Vier Eier.

Und auf dem Rückweg, die paar Meter, da hat er darüber nachgedacht, wie er sie schützen könnte. „Wenn sie geschlüpft sind“, hat er gedacht: „Dann holen die Katzen sie. Katzensnack.“

Da hat er seine Pflanzen gegossen. Tomaten auf dem Balkon. Acht Stück, immer zwei in einem Kübel. Die gießt er abends. An diesem Tag ausnahmsweise schon morgens, um auf andere Gedanken zu kommen. Und dann ist ihm eingefallen, dass er beim Nachbarn diesen Zaunrest gesehen hat. Beim Sperrmüll, neben Gerümpel und vollgestopften Plastiktüten.
Da hat er sich die Sandalen wieder angezogen. Den Kopf geschüttelt hat er über sich. „Sowas Sonderbares.“ Das hat er gedacht. „Mein dritter Ausflug heute“, hat er ausgesprochen.

Er hat Glück gehabt. Der Sperrmüll ist noch dagewesen. Auch der aufgerollte, grüne Drahtzaun. „Das wird gehen. Das wird gehen.“ Das hat er gedacht. Und noch ein paarmal gedacht, während er den Zaun in die Wohnung getragen hat. „Das wird gehen. Das wird gehen.“ In Endlosschleife, um im Kopf keinen Platz zu lassen für den anderen Gedanken. Dass das sowas Schönes gewesen ist, was er da macht. Und dann hat er es doch gedacht. „Sowas Schönes“, hat er gedacht. Ausversehen. Und da sind ihm die Beine wieder wackelig geworden, und im Kopf hat der Nebel sich zugezogen. Den hat er schon gekannt. Der hat ihn lange begleitet. Bis er besser aufgepasst hat. Auf seine Gedanken. Mehr gesteuert. Er hat das in den Griff bekommen. Die Gedanken gesteuert. Damit die Gedanken nichts berühren ihn ihm. Das wäre sonst nicht gegangen.
„Sowas Schönes.“ Jetzt hat er den Gedanken nicht mehr vertreiben können. Den Gedanken und das Freuen. Er hat den Zaun auf den Tisch gelegt, das Schränkchen geöffnet, das lange geschlossen geblieben ist. Jetzt war es offen. Alles ist noch dagewesen. Ordentlich sortiert. Sofort hat er die Zange gefunden. Mit geschlossenen Augen würde er das passende Werkzeug finden. Auch nach all der Zeit. Ein Ziehen im Bauch hat er gehabt. „Tief atmen“, das hat er zu sich gesagt. „Und Tabletten.“ Das auch.

Im Badezimmer hat er eine Tablette genommen, sie mit kaltem Wasser heruntergespült. Tief eingeatmet. Wieder aus.

„Na, dann wollen wir mal.“

Er hat losgelegt. Die Hände haben das wie von selbst gemacht, haben die Abläufe gespeichert gehabt. Das Klicken und Biegen und Schneiden. „Sowas Schönes“, hat er gedacht. Und „So wird das gehen“, hat er zum Zaun gesagt und ist in die Sandalen geschlüpft. Schon wieder, und er hat nicht registriert, dass er schon den dritten Ausflug gemacht hat an diesem Tag, weil er damit beschäftigt war, das Werkzeug in seine Arbeitshose zu stecken. Die hat fein säuberlich im Schrank gehangen. „Das wird gehen“, hat er zu ihr gesagt. Und es ist wunderbar gegangen. Reingeschlüpft. Erst in die Hose, dann in die Sandalen. Und das Werkzeug verstauen.

Die Amsel ist aus dem Geäst geflogen, hoch in die Eiche. „Wir kennen uns ja schon.“ Das hat er gedacht, aber doch so laut, als hätte er es gesagt.

Er hat sich an die Arbeit gemacht. Präzise hat er den Zaun zwischen den Ästen durchgearbeitet, angepasst, ihn unten am Stamm entlanggeführt. In gutem Abstand zum Nest.

„Das wird schon gehen“, hat er gedacht und hat es ganz bewusst gedacht, weil er gewusst hat, dass die Amselmama sitzt und ihn beobachtet hat und in Sorge gewesen ist. Gewissenhaft, zügig. Bis er zufrieden war. Auf Abstand gegangen ist, geschaut hat. Von außen ist sein Konstrukt nicht sichtbar gewesen. Niemand würde aufmerksam werden und das Nest in Gefahr bringen. Keine Frechdachse, die die Eier herausnehmen würden. Und die Katzen würde es abhalten. „Das soll ja kein Spaziergang sein, das Jagen. Kein schnell ergatterter Snack.“ Das hat er gedacht und das Werkzeug in die Schlaufen gesteckt.

Müde ist er gewesen. Und zufrieden. Das ist ihm durch Kopf gegangen, als er auf dem Balkon einen Kaffee getrunken hat. Das Werkzeug verstaut hat, seine Arbeitshose über den zweiten Gartenstuhl neben sich gehängt hat. Zum Auslüften. Sowas Sonderbares. Da ist nun also wieder gehangen. Über diesem leeren Balkonmöbel.

„Ob ich nochmal nachsehe?“, hat er sich gefragt. Und den Kopf geschüttelt. „Morgen“, hat er gedacht. „So wird das gehen.“ Auch das hat er gedacht. Und dass er ein bisschen langsam machen muss.

So ist es die nächsten Tage gegangen. Morgens hat er auf seiner Runde beim Nest vorbeigeschaut. Alles unverändert. „So geht das. Genauso geht das.“ Und wenn er das gedacht hat, hat er Freude gespürt. Das Ziehen im Bauch ist wieder vehementer geworden. Er hat wieder öfter Tabletten genommen. Das schon. Aber da ist auch die Freude gewesen. Das „Sowas Schönes“ Denken. Und als er dem Arzt einen Besuch abgestattet hat, um sicherzugehen, da hat der gesagt, was er sich schon gedacht hat. „Aufregung kann die Beschwerden verstärken“, hat der Arzt gesagt und dabei nicht besorgt gewirkt. Im Gegenteil. Eine Erleichterung ist im Raum gewesen. Das hat er gedacht. Und vielleicht hat es auch der Arzt gedacht, als er ihm ein neues Rezept für die Medikamente aufgeschrieben hat: „Nehmen Sie die weiter nach Bedarf.“ Und dann hat der Arzt gelächelt und gesagt: „Das wird werden jetzt.“ Und immer noch gelächelt. Aufmunternd. Und dieses Mal hat es ihn aufgemuntert. Sowas Sonderbares. „Grüßen Sie Ihre Frau.“ Das hat der Arzt nicht gesagt. Das hat er lange nicht gesagt.

Es ist viele Tage gegangen. Vier Vögelchen sind geschlüpft. Anschließend ist er nicht mehr nahe heran gegangen. Hat keine Angst auslösen wollen. Hat mit Abstand beobachtet. Wie die Vögelchen versorgt worden sind. Hat dort im Schatten der Hauswand gestanden. Dreimal ist er angesprochen worden. Er hat sich unterhalten. Zwei Leute, die ihn vom Einkaufen gekannt haben. Aus der Nachbarschaft. Sie haben nicht über die Vögel geredet. Sie haben über das Wetter und die steigenden Preise geredet, während er an das Nest gedacht hat, und daran, dass sein Kopf voll gewesen ist mit Nestgedanken, die er gerne ausgesprochen hätte. Aber er hat sie zurückgehalten, hat die Neugier der Leute nicht wecken wollen. Niemanden auf dumme Ideen bringen. Die Vögelchen schützen.

Bei der Nachbarin aus dem Haus gegenüber hat er sich überwunden. Hat ihr vom Zaun erzählt. Vom Bau. Sie hat abgewunken, hat es längst gewusst. Hat ihn beobachtet. Ist auch gucken gegangen. Hat die vier Eier entdeckt. Hat Anerkennung für sein Werk geäußert. Gelächelt, und das ist gut gegangen mit dem Gespräch.

Und dann kommt der Tag, an dem das Nest geplündert ist. Zunächst bemerkt er es nicht. Er steht im Schatten, schaut, entdeckt die Amsel nicht, entdeckt keine Bewegung im Geäst. Entdeckt Unruhe in sich. Geht nahe heran. Seine Konstruktion sitzt sicher im Baum, das Nest ist zerpflückt, hängt schief unter dem Ast, auf dem es erbaut worden ist. Keine Vögelchen. Seine Augen suchen vergeblich den Boden ab, wie von selbst, während er in sich den Nebel aufsteigen sieht

Da steht er und da geht gar nichts mehr in ihm. Da sind Gedanken, die prallen an das Ziehen im Bauch und prallen an eine Wand, die in ihm ist. Die in ihm gewachsen ist. Und das Leben teilt in davor und danach. Und „Grüßen Sie ihre Frau“, dieser Satz ist hinter der Wand. Und das Werkzeug, das er aus dem Schränkchen geholt hat, das war hinter der Wand. Und wie die Türen vom Schränkchen hat er die Wand geöffnet, nach all der Zeit, weil er das Nest und die Eier entdeckt und das Werkzeug gebraucht hat. Und nun ist alles durcheinander. Die Wand ist offen und doch gibt es keine Bewegung.

Da steht plötzlich die Nachbarin neben ihm. Legt ihm die Hand auf die Schulter. Er spürt das, nachdem die Hand dort schon eine Weile gelegen hat. Er hört die Nachbarin seufzen. „Es tut mir leid“, sagt die Nachbarin leise.

„Wie soll das denn gehen“, sagt er, so leise, dass er denkt, er habe es nur gedacht.

„Weinen Sie mal“, sagt die Nachbarin, und sie sagt das mit einer Sanftheit, und da wendet er sein Gesicht und schaut sie an. Direkt in ihre Augen. Und doch wieder weg. „Sowas Sonderbares.“ Das denkt er. Weinen. Das ist lange her. Daran erinnert er sich nicht.

„Sie haben ja alles richtig gemacht.“ Das sagt die Nachbarin auch, und da schaut er ihr nochmal in die Augen. „Sowas Schönes.“ Das denkt er und gleichzeitig denkt er verwundert, was der Kopf alles gleichzeitig denken kann. Und fühlen. Das denkt er auch. In dieser Parallelität.

„Ja?“, fragt er und es ist ihm sehr ernst. Es ist, als wäre nichts wichtiger für ihn als eine Antwort auf diese Frage.

„Oh ja“, betont die Nachbarin und nickt überzeugt und zeigt auf den Lebensbaum: „Genauso gut es ging. So einen Schutz zu bauen. Das war doch genau richtig. Es hat doch nichts damit zu tun, was nun passiert ist.“

„Vielleicht hätte ich mir die Mühe nicht machen sollen“, sagt er, und seine Stimme ist so mickrig, dass die Nachbarin sich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen.

„Nein“, lacht sie, und er denkt, warum lacht sie, während der Moment traurig ist. „Sie haben den bestmöglichen Schutz geboten, den Sie bieten konnten. Unglücke passieren. Das können wir doch nicht beeinflussen.“

Er nickt.

Und sie sagt: „Weinen Sie mal ein bisschen. Sie brauchen ja auch Schutz. Für sich. Für die Unglücke, die passieren. Wenn Sie weinen können, dann haben Sie immer das richtige Werkzeug parat. Damit lässt sich alles Mögliche reparieren mit so einem erfahrenen Weinen.“

Er nickt und er denkt: „Sowas Sonderbares.“

Und sie sagt: „Sie sind doch Handwerker. Sie wissen doch was harte Arbeit ist. So ein Reparieren. Respektvolles, langwieriges, anspruchsvolles Reparieren.“

Er nickt. Und sagt: „Es geht jetzt wieder.“ Und er weiß, dass das nur so gesagt ist. Hinterher ist man immer schlauer. Ist man immer klüger. Weiß man es besser. Das denkt er. Dass er das Nest einfach sich selbst hätte überlassen sollen. Sich nicht einlassen sollen. Das habe er nun davon. Das denkt er.

Er muss nach Hause. Muss Tabletten nehmen. Muss sich hinsetzen.

Und als er zu Hause im Sessel kauert, und ihm die Worte der Nachbarin nicht aus dem Kopf gehen, da denkt er dieses Wort. Das hat er lange nicht gedacht. Das war in die Wand eingemauert. „Weggestorben.“ Das denkt er. Sie ist ihm weggestorben. Er hat nichts machen können. Seine Hände haben nichts bewerkstelligen können. Seine Handwerkerhände. Nichts erreichen. Nichts verhindern. Weggestorben. Wie die Vögelchen. Und da setzt er sich auf im Sessel. Plötzlich versteht er, was die Worte der Nachbarin bedeuten. Sie könnte recht haben. Er könnte alles richtig gemacht haben. Hat seine Frau begleitet, hat sie umsorgt, hat sie beschützt. Hat mir ihr geweint. Zusammen haben sie geweint. Und er schaut auf seine Hände. Unglücke passieren. Und er steht auf und öffnet die obere Schublade im Schränkchen mit dem Werkzeug. Die geschlossen geblieben ist. Alles ist da. Fein säuberlich hat er sie alle sortiert, die kleinen Erinnerungen. Und die Schublade dann geschlossen. Geschlossen gehalten. Jetzt steht sie offen. Und sie bleibt offen. Als er erst in seine Arbeitshose, dann in die Sandalen schlüpft, zurück zum Lebensbaum geht, mit dem Abbau des Zauns beginnt. Fachmännisch, gewissenhaft. Und seiner Frau währenddessen von den Vögelchen erzählt. Ihr seine Konstruktion erklärt. Mit wackeligen Beinen. Und „Sowas Sonderbares“ denkt. Das hat er irgendwie vergessen, dass er mit ihr reden kann. Und mit ihr weinen. Sowas Schönes.

© Mirjam Sarrazin

Durchgänge

Durchgang zwischen zwei hell gestrichenen Hauswänden. Am Ende Blick auf ein Stück Rasen, Mülltonnen und eine Garage.

Mein Hobby sind Durchgänge. Durch Straßen laufen, Durchgänge finden und durch sie hindurch gehen. Ich kenne keinen gebräuchlichen Namen für diese kleinen Lücken zwischen Hauswänden, und da mein Fokus auf dem Durchgehen liegt, nenne ich sie Durchgänge.

Meist gibt es sie in größeren Städten, meist in Stadtteilen mit alten Häusern, und manche Städte sind wahre Fundgruben für Durchgänge.

Ich trete in den Durchgang ein, laufe durch ihn hindurch, zittrig gespannt ob des Durchgehens und ebenso neugierig auf den Ort, zu dem mich der Durchgang führt. Ein kleiner Innenhof mit winzigem Rasenanteil. Eine Wäschespinne, ein Fahrradunterstand ohne Fahrräder und eine Person, die fegt.  

„Hallo“, sage ich und beobachte den sich bewegenden Besen. „Ich habe mich hier wohl verlaufen.“ Das ist so ein Satz, den nutze ich eher als eine Art Ausrede, denn manche Menschen verstehen nicht, warum ich in ihren Hinterhöfen auftauche.

Die fegende Person grüßt mich, fegt weiter, unbeeindruckt, und ich laufe an ihr vorbei, schaue nach einem weiterführenden Durchgang. Ich finde keinen, lediglich das offizielle Tor zum Hof, ein Eingang. Für mich ein Ausgang. Ich drücke die Eisenklinke, die Holztür springt auf. Ich trete auf die Straße, schließe die Tür, laufe weiter. Eine ganze Weile, bis ich einen neuen Durchgang finde. Trete ein, gehe hindurch, berühre mit der rechten Hand die fleckige Fassade, rieche Nässe, trete auf Müll und stehe in einem Garagenhof, der leer ist. Bis auf das rote Dreirad. Und einen weiteren Durchgang zwischen den Garagenhäuschen aus Beton.

Wieder trete ich ein und auf Müll. Neben Löwenzahn, der auf Sonne wartet, und daneben ein kaputter Sneaker. Der Durchgang ist ein längerer und endet in einem weiteren Garagenhof. Menschenleer, mit einer Sitzgruppe vor den Balkonen der anschließenden Häuserreihe. Balkone mit Blumenkästen, die noch kahl sind, und als Kontrast ein bunter Hängesessel irgendwo in den höheren Stockwerken.

Wie erwartet entdecke ich auch hier einen Durchgang, etwas versetzt nach rechts. Ein enger, einer zum beinahe hindurch quetschen. Mit einem Regenrohr, an dessen Ende sich eine tiefe Kuhle gebildet hat. Ich schlüpfe aus dem Durchgang hinaus, stehe auf einer Straße mit Kopfsteinpflaster und Kreidemalereien auf Gullideckeln. In mir hüpft etwas. „Nochmal“, denke ich und frage mich, ob es das Durchgekommen sein, das angespannte Gespannt sein oder das Geschafft haben sind, die mich jedes Mal aufs Neue beflügeln.

Ich laufe durch Nebenstraßen zurück zu meinem Ausgangspunkt. Zu dem Durchgang in den Hinterhof mit der fegenden Person, die nun verschwunden ist. Ich stelle mir vor, wie sie mit ihrem Besen abgehoben ist und schaue in den Himmel. Blau zwischen grauen Wolken.

Ich nehme die beiden Durchgänge, erst den durch die Garagenhäuschen, alles unverändert, dann den Engen mit dem Rohr. Wieder stehe ich in der Seitenstraße und wieder hüpft etwas in mir und beinahe auch ich. „Nochmal“, denke ich, aber mit Ambivalenz und entscheide mich, weiter zu schauen. Einen neuen Durchgang zu suchen. Vielleicht auf einen versteckten Spielplatz, in einen Park, auf einen Hinterhof mit Hund, einen ohne Müll oder auf einen Werkstatthof, auf dem unzählige Palletten liegen.

Ich stelle mir mich von oben vor, zoome ganz weit heraus, sehe diese Person, die durch Straßen, durch diese Gänge läuft, verschluckt wird von ihnen, ausgespuckt an neuen Orten, verschwindet aus dem Straßensystem, aus dem Stadtplan, zoome noch weiter heraus, und dann kommt mir regelmäßig dieser Weltraumbegriff „Overview-Effekt“ in den Kopf, und mir wird warm, und alles ist irgendwie plötzlich eins.

Man kann nicht feststecken in diesen Durchgängen. Es gibt welche, die sind insofern Sackgassen, weil es keine weiteren Durchgänge oder Ausgänge gibt. Dann muss ich umdrehen und den gleichen Durchgang zurücknehmen. Ich komme also raus, wo ich angefangen habe. So wirkt es. So sieht es aus. Ich komme raus, wo ich angefangen habe, und doch habe ich mich ja verändert. In diesen wenigen Minuten, und vielleicht waren es nur zweikommadrei Minuten, die ich für Durchgang hin, am Ende einmal umschauen und feststellen, es gibt keinen weiteren Durchgang, also Durchgang wieder zurück, gebraucht habe, und doch haben diese etwas verändert. Da befinden wir uns nun gedanklich in der Welt der kleinsten Teilchen, dem nicht mehr Messbaren, oder aber in diesen zweikommadrei Minuten hat tatsächlich gut hörbar eine Person laut etwas über die Straße gerufen, das durch den Durchgang gehallt hat, oder eine Katze ist vorbei gehuscht, oder es hat angefangen zu regnen. Oder halt plötzlich doch Sonne. Oder ich habe Seitenstechen bekommen, oder bin in eine Pfütze getreten. Aber auch ohne Offensichtliches hat sich in diesen zweikommadrei Minuten allerlei verändert, im Außen und Innen. Ohne dem Worte geben zu können, oder es zu wollen. Einfach so. Als Fakt.

Und dieses Wissen feiere ich sehr. Für mich ist es ein Schatz, den ich mit mir trage, dass dieser Prozess des Veränderns immer da ist, immer an. Nie Stillstand. Immer Bewegung. Nicht zum Guten oder zum Schlechten. Ganz ohne Wertung. Einfach verändert. Und deshalb sind mir diese Sackgassendurchgänge manchmal sogar die liebsten. Weil sie mich daran erinnern.

Ich zelebriere das. Ich entscheide mich, den Rückweg anders zu gestalten. Ich gehe ihn beispielsweise rückwärts. Oder ich hüpfe ihn auf einem Bein. Oder ich singe und hüpfe und klatsche in die Hände. Offensichtlicher kann es eigentlich nicht werden, dass ein Weg niemals derselbe ist. Ich kann auch auf dem Rückweg Musik hören, und plötzlich verändert sich meine Wahrnehmung aufgrund des Einflusses der Musik auf mich, als wäre es ein vollkommen unbekannter Durchgang. Ich kann auch in den Himmel schauen. Oder stur auf den Boden.

An manchen Tagen suche ich mir gezielt ausschließlich solche Sackgassendurchgänge und gestalte sie. Nach einer Weile Sackengassendurchgänge nutzen, weiß ich wieder, dass es in Wahrheit keine Sackgassen gibt. Es gibt kein Feststecken. Es ist die Definition von Ziel, und diese alte Sache mit dem Weg. Das ist keine neue Weisheit, die ich da in meinen Durchgängen finde, und doch gibt es Phasen, da empfinde ich es als Vorteil, Routinen zu haben, um mir in Erinnerung zu rufen, dass es Feststecken realistisch betrachtet nicht gibt.

© Mirjam Sarrazin

Trost

Geschnittene Äste auf einem Haufen, Herangezoomt

Schneide Äste im Garten. Überall Sonne. In dieser Eiseskälte. Sonne, die am frühen Morgen aussieht wie Hochsommer. So tut als ob.

Ich arbeite schnell. Die Bewegung macht mich warm. Während ich friere. Überall im Garten liegen jetzt Äste. Dicke, dünne, lange, kurze. Ich laufe Slalom, um nicht zu stolpern. Was für ein Chaos, denke ich. Stehe herum, betrachte die Äste, den Garten. Die Vögel, die kommen und wieder fliegen, sobald sie mich entdecken. Man kann nicht immer nur auseinandernehmen, denke ich. Man muss es auch wieder zusammensetzen. Alle Äste abschneiden und dann ist der ganze Garten Chaos. Das habe ich jetzt davon, denke ich, und weiß nicht weiter.

Also hake ich alles zu einem Haufen, um das Auseinandergenommene zu ordnen. Slalomhaken. Einen Haufen aus Ästen. Frischen Ästen. Warum habe ich sie abgeschnitten, frage ich mich jetzt. Stehe vor dem Haufen. Nach dieser Arbeit des Schneidens und Hakens und Schichtens. Was mache ich nun mit diesem Haufen aus Durcheinander an Ästen?

Alles auseinandergenommen, alles wieder zusammengehakt. In einem Haufen. Neuzusammengesetzt. Stehe ich davor, in dieser Sonne, irgendwie erfroren. „Mitten rein“, lädt er mich ein. Mitten in den Haufen rein. „Das macht es nicht besser“, sage ich zum Haufen. Fast wütend. Ärgere mich über diesen Haufen aus Ästen inmitten meines kahlen Gartens. Überall war alles voll mit hohen Büschen, langen Ästen, wachsenden Bäumen. Voller Leben und grün und Sommer im letzten Jahr. Dann dieser Winter und die Kälte und diese Krisen und mein Äste Schneiden. Irgendwie Ordnung schaffen. Irgendwie dem Garten was Gutes tun. Vorbereiten für den Frühling. Mir was Gutes tun. Vorfreude auf das Wachsen, das Gedeihen, die Wärme. Dass es besser werden könnte. Und nun ist alles runtergeschnitten. Kahl. Kalt. Kurz. Kein Schutz. Kein grün. Kein Sommer. Kein besser. Nur diese fatale Sonne in dieser Eiseskälte. Und dieser Haufen aus Chaos. Und ich davor und enttäuscht. Wo ist jetzt dieser Frühling? Ich halte das Warten nicht aus.

„Ich lass dich hier einfach liegen“, sage ich zum Haufen und entscheide, ihm, dem Garten, dem Winter den Rücken zu kehren. Baden. Kaffee. Irgendwas Warmes. Irgendwie Trost. Und stolpere über einen Ast. Der aus dem Haufen ragt. Fange mich. Falle nicht. Aber jetzt reichts, denke ich. Und trete den Haufen. Das hat er jetzt davon. Und noch einmal. Blöde Zweige, die jetzt auseinanderfliegen. Sich verhaken. Das Chaos wächst.

„Bitteschön“, pöble ich den Haufen an. „Wenn du das so willst. Bitteschön. Dann sorg für mich.“ Und die Äste machen Platz, schaffen Raum in ihrer Mitte. Da entsteht sowas wie ein Nest, das ein Eingang ist. Und ich tauche hinein. Kopfsprung in den Haufen. Natürlich könnte ich zaghaft einen Fuß hinein setzten. Erstmal schauen, ob es trägt. Ob es geht. Aber das sehe ich nicht ein. Ich habe eine Wut auf die Kälte, den Winter, das Warten, die Krisen, die Menschen, mich. Dass man immer alles irgendwie selber machen muss. Auch den Frühling. Deshalb nehme ich keine Rücksicht. Auch nicht auf mich. Und springe. Und tauche. Überall Äste. Überall Wirbel. Überall Haufen und Chaos. Außen ist jetzt das, was vorher innen war. Mein Innenleben als Astchaoshaufen im Außen. Bis ich lande.

In dieser Höhle. Alles grün. Alles warm. Überall Trost und überall alles weich. „Winterschlaf“, denke ich und rolle mich zusammen. Und so ist es. Ich muss gar nichts tun. Außer warten. Und hoffen. Und diese Vorfreude. Und das ist herausfordernd. Könnte ja schief gehen. Richtig schief gehen. Könnte Winter, kalt, kahl bleiben. Katastrophen geben. Könnte sonstwas passieren. Ganz real. Alles so nah und real. Und jetzt diese Höhle. Trosthöhle.  

Vertrauen

Blick in einen hohlen Baumstamm, aus dessen Mitte zwei schmale Stämmlinge wachsen

An dem Tag, an dem es stürmte und regnete, lernte ich die Weide kennen. Wir hatten bereits eine Weile gemeinsam an der Bushaltestelle gestanden und gewartet, als sie mich ansprach. Sie äußerte Interesse an meiner Skihose und fragte, ob ich diese immer trage. „Ja“, sagte ich. „Je nach Bedarf.“

Die Weide musterte mich und nickte dann. „Es ist gut, eine schützende Hülle zu haben“, sagte sie und äußerte Bedenken, ob noch ein Bus kommen würde. So kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass für eine lange Zeit tatsächlich kein Bus kam, und wir plauderten über den Wetterumschwung, zu schnell fahrende Autos, gestiegene Lebensmittelpreise, und worüber man sonst plaudert an einer zugigen, nassen Bushaltestelle.

Schließlich lud mich die Weide auf einen warmen Kakao zum nahen Bäcker ein. „Hier scheint ja heute nichts weiter zu passieren“, sagte sie und lächelte mich auffordernd an. Ich nickte. Die Aussicht auf ein heißes Getränk gefiel mir, und im Kopf schmiss ich meine Tagesplanung um.

Nebeneinander gingen wir die wenigen Meter zum Bäcker, und erst jetzt merkte ich, wie durchgefroren ich war. Der Wind kam uns entgegen und peitschte mir ins Gesicht. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass auch die Weide das Gesicht nach unten hielt und ihre Mütze tiefer ins Gesicht zog. Einer ihrer gewaltigen Äste barst, und der größere Teil schmetterte zu Boden. Ich blieb erschrocken stehen, eilte dann weiter, als ich merkte, dass die Weide vorgelaufen war. Sie schien auch ihren Redefluss nicht unterbrochen zu haben, als ich stehen geblieben war. „Oder?“, fragte sie nun, als ich sie eingeholt hatte.

„Entschuldigung“, sagte ich und warf einen schnellen Blick zurück auf diesen großen belaubten Ast, der quer auf dem Bürgersteig lag. „Soll ich das nochmal wiederholen?“, fragte die Weide mich mit hoffnungsvollen Augen, und ich nickte, obwohl sich in mir etwas schüttelte. „Ja“, wollte ich sagen. Und „Ich war abgelenkt durch Ihren Ast.“ Ich kam nicht dazu, da wir nun den Bäcker erreicht hatten. Die Weide ging voran und stieß die Glastür auf, die bimmelte. Sie erklomm die drei Treppenstufen, und in dem Moment brach ein großes Stück Holz aus ihrem Stamm. In letzter Sekunde sprang ich von der untersten Stufe auf den Gehweg, um nicht getroffen zu werden. Direkt neben mir blieb das Stück Holz am Fuß der Treppe liegen, und ich fühlte mich wie erschlagen.

Plötzlich empfand ich den Drang, kehrt zu machen und davon zu gehen, einfach in irgendeine Richtung, einfach weg. Weg von der Weide. Weg von dieser Bekanntschaft.

„Hier ist es schön warm“, sagte die Weide und hielt die Tür auf, und erst jetzt, als ich verunsichert die drei Stufen hochstieg, erkannte ich das klaffende Loch in ihrem Stamm. Der Stamm war gigantisch, und das Loch war nicht frisch, voller faseriger, morscher Strukturen. Der Stamm war beinahe gänzlich ausgehöhlt, und auf der anderen Seite hatte sich auch bereits ein Loch in der dicken Rinde gebildet, so dass ich durch die Weide hindurchschauen konnte. Ich fühlte eine Enge in der Brust und schlüpfte durch die offen gehaltene Bäckereitür.

„Nicht wahr? Hier ist es wunderbar warm“, sagte die Weide, und ihre Augen glänzten. Ich nickte, und ich wollte etwas sagen und brachte nichts heraus. Die Weide plauderte stattdessen mit der Dame hinter der Theke, bestellte zwei warme Kakao und suchte uns dann einen kleinen Tisch in einer Nische. „Hier haben wir es schön“, sagte sie, zog ihren durchnässten Mantel und die Mütze aus, setzte sich und schaute mich erwartungsvoll an. Ich verharrte, fühlte mich unruhig, sprachlos.

„Na, jetzt bin ich gespannt“, sagte die Weide, grinste mich an, und mein Zögern schien sie nicht zu irritieren. Ich blieb, wie ich war, und die Weide lachte. „Ihre Skihose meine ich. Ziehen sie die nun aus?“

„Ja“, sagte ich zögernd. „Ich ziehe sie lieber aus. Sie ist ganz nass.“ Und ich war froh über die routinierten Bewegungsabläufe. Ich hing die Hose über die Lehne eines Stuhls nahe der Heizung und nahm der Weide gegenüber Platz am Tisch. Sie rührte in ihrem Kakao. Mit dem Löffel probierte sie ihn. Sie machte ein langgezogenes und sehr freudiges „Ahhhh“ und ich konnte ihre Entspannung spüren.

Auch ich nahm den langen Löffel, rührte in meinem Kakao, kostete, und während die warme Süße meinen Mund einnahm, starrte ich die Weide an, die plötzlich den Löffel in den Kakao fallen ließ und ein großes Stück Rinde auffing, das sich vom Stamm gelöst hatte. Sie legte es auf den Tisch ganz an den Rand, betrachtete es kurz und schaute dann wieder auf. Unsere Blicke trafen sich, und für einen winzigen Moment nahm ich in ihren Augen Trauer wahr. „Er ist gut, der Kakao, nicht wahr?“, fragte sie und lächelte mit dieser Wärme. Mir schossen Tränen in die Augen, und ich versuchte zu schlucken. Es klappte mit dem Kakao. Der ganze Rest blieb da. Also weinte ich.

„So ist es“, sagte die Weide und nickte mir zu. Sie löffelte Kakao, und Tränen liefen mir über die kalten Wangen. Schließlich setzte die Weide die Tasse an den Mund und trank, und ihr Gesicht rötete sich von der Wärme, und sie machte ein tiefes Wohlfühlgeräusch, und da hörte ich auf zu weinen und nahm meine Tasse und trank meinen Kakao in einem Zug leer.
„Wunderbar, nicht wahr?“, sagte die Weide, und mit diesem Bart aus Kakao lächelte sie mich an, und da musste ich lachen, und schon wieder kamen mir die Tränen. „Danke für diesen Kakao“, sagte ich und fühlte mich, als hätte ich seit einer sehr langen Zeit kein Wort gesprochen.

Für einen Moment nahm die Weide meine Hand in ihre. Warm. Knochig. Rau. Berührend. Wir schauten uns an. Ihre Augen in diesem Ton zwischen grün und blau und einem wilden grau. Wie der stürmende See, an dem sie stand. Da brach ein weiterer Ast aus ihrer Krone, und sie hielt meine Hand, als ich vor Schreck zusammenzuckte, und ich hielt ihre, und verstohlen schaute ich mich in diesem kleinen Bäckerladen um.

Der Ast war mit Wucht auf ein Nachbartischchen gefallen, während Leute direkt daneben Brötchen bezahlten und Small Talk machten. „Fallen Sie auseinander?“, setzte ich an, erschrocken, mit erstickter Stimme, und die Weide drückte meine Hand in ihrer. „Ja, das könnte passieren, aber noch nicht heute, denke ich.“ Und sie ließ meine Hand los, stand auf, ächzte fast unmerklich, wischte sich Laub aus den zerzausten Haaren und nahm ihren Mantel von der Stuhllehne an der Heizung. Sie streckte sich. „Na dann“, sagte sie, bereit zum Abschied, und einmal kurz sahen wir uns an, und da war Sonne in ihren Augen. „Wie schaffen Sie das?“, fragte ich, und gestikulierend definierte ich mit den Händen einen unklaren Raum um uns.

Die Weide hielt inne, deutete auf ihren hohlen Stamm. „Hier innen drin. Da braucht es sowas wie Vertrauen“, sagte sie, zog ihren Mantel über und verabschiedete sich mit einem schnellen „Auf Wiedersehen“. Als hätten wir nur kurz gemeinsam auf den Bus gewartet.

In der Nacht darauf schlief ich schlecht. Unruhig, verschwitzt, wirr träumend.

Morgens hatte der Sturm nachgelassen. Ich nahm das Fahrrad zum See. Unsicher und angespannt lief ich dort den Spazierweg entlang, atmete die feuchte Luft. In mir dieses Loch. Diese Abwesenheit von Resonanz. Fordernd. Eine übervolle Leere. Entengeräusche. Raschelnder Wind in den Sträuchern. Hinter der kleinen Anhöhe stand sie. Sie stand. Erleichterung in meiner Leere. Totholz um sie herum. Schritt für Schritt lief ich achtsam durch Gras und Geäst auf sie zu, sah zu ihr hoch, blieb vor ihr stehen, legte meine Hand auf die dicke Rinde. Warm. Knochig. Rau. Berührend. Beugte mich vor, schaute direkt hinein in ihren offenen Stamm, entdeckte zwei Stämmlinge in ihrem Innern, von unten kommend, verwurzelt. Ich verstand das nicht. Ich kannte mich nicht aus. Und schmeckte warmen Kakao.

(c) Mirjam Sarrazin

Präsenz

Blick vom bewachsenen Ufer auf einen großen See. Dunkel erkennbar das Ufer auf der anderen Seite mit Bäumen. Darüber ein Himmel mit vielen dunklen Wolken und Sonnenschein, der sich andeutet.

Sie führt dieses Gespräch in diesem Raum, den sie nie wieder betreten möchte. Sie beantwortet Fragen, die sie nicht versteht. Mit Worten, die sie von den Bäumen im Garten vor dem Fenster pflückt. Mit der Mauer. Dem Zaun. Diesen Grenzen. Außen. Und in diesem beengten Raum. Ohne Luft zum Atmen. Kann sie sich nicht mehr bewegen. Nicht aufstehen, abbrechen, aufbrechen, gehen. Erstarrt.

Bis das Wasser kommt. Erst ein Rauschen, für einen kurzen Moment ein leises, dann ein lautes, das schließlich zu einem Tosen wird. Zunächst nur hörbar. Und plötzlich tritt es hervor. Aus den Wänden, aus dem Boden. Wie ein Messer schneidet es sich quer durch den Raum. Wellen, die sich überschlagen. Spritzende, wirbelnde Ansammlungen von Kraft.

Zwischen ihnen. Zwischen ihr und diesen Fragen. Den Zweifeln. Die nun untergehen in diesen Wassermassen. Wasser in Massen gräbt sich durch den Raum. Durch den Boden. Die Decke. Maßlos nimmt es Raum ein, weitet ihn, formt ihn, verdrängt ihn. Und sie hält ihn. Staunend sitzt sie auf dem Stuhl. Trocken. Geschützt. Sicher. Während die Bäume aus dem Garten vor dem Fenster die Fragen eigenständig mit Worten versorgen. Und sie davon nichts mehr hört. Nichts mehr sieht. Nichts mehr fühlt von der Enge.

Nur noch Weite. Das Wasser, das ruhiger wird, sich in sich zurück zieht, zu einem Fluss wird, quer durch den Raum. Breiter wird. Sekunde um Sekunde das Getose in eine riesige Fläche verwandelt. Sie kann schon nur noch schemenhaft das andere Ufer erkennen. Bäume. Vögel. Und ein Stuhl. Sitzt dort eine Person? Ohne Relevanz. Ohne Bezug. Überall der Himmel. Überall das Wasser und dann ein See. Aus dem Fluss ein See und Tiefe und Weite und Präsenz.

Und jetzt steht sie auf.

Und geht.

© Mirjam Sarrazin

Trauer braucht Raum

Straße mit Häuserfassaden. Direkt links auf Hauswand große gemalte Mickey Mouse. Himmel wenig zu sehen, dunkel werdend. Dunkelblau. Straßenlaternen leuchten. Licht reflektiert.

Morgens lese ich diesen Satz. Trauer braucht Raum. Trage ihn mit mir durch den Tag. Betaste ihn. Befühle ihn. Finde ihn kantig, eckig, abgelatscht. Dieser Gedanke von Raum wabert irgendwo in mir herum. Wenig greifbar. Abends sitze ich mit dem Kind vor dem Fernseher.

Wir zappen uns durch digitale Formate und bleiben bei einer Zeichentrickserie der 90er hängen, und da passiert etwas Unerwartetes. Das Intro läuft, und in mir entsteht etwas. Wabert sich zu etwas Definiertem. Nimmt Gestalt an. Wächst. Schrumpft. Wie eine Masse bewegt es sich. In einem Rahmen. Offener Raum. Als Fakt. Zustand. Element. Zugang. Ich fühle mich eingenommen. Dann wieder nehme ich ein. Wir wechseln die Rollen, dieser Raum und ich. Wir umrunden uns schleichend, gebückt, leise, bedacht, erforschen uns. Mit Abstand. Und doch ganz nah. Ineinander. Eins und getrennt. Tschüss. Tschüss. Tschüss. Geht mir durch den Kopf. Bei Trauer immer dieses Tschüss. Tschüss. Tschüss. Das führt doch zu nichts. Lieber Herzlich Willkommen. Nicht Herzlich Willkommen Trauer. So abstrakt, nicht gefüllt.

Herzlich Willkommen in diesen Raum. In diesem Raum. Ich trete ein. Lade ein. Verlasse und befülle. Mit diesem Intro. Das Intro dieser alten Zeichentrickserie tönt durch den Raum. Sonntagmorgende vor dem Fernseher. In diesem Trauerraum. Und meine Gedanken biegen plötzlich ab. In einen Comic. Ich werde riesig, weil der Raum wächst. Ich werde winzig klein und aus dem Off Sprechblasen. Der Raum ist geöffnet. Von überall strömen Figuren in den Raum. Plötzlich ein DJ. Bass. Zeichentrickfiguren tanzen, und Superheld*innen exen Drinks. Laut. Albern. Hier kreischen, dort grölen. Und dann diese Weide mitten in diesem Raum. Der Fluss. Irgendwo ein Hahn auf einer Kirchturmspitze. Menschen. Dieser Raum ist voll. Leute sprechen ausgedachte Sprachen, spielen Kassetten ab, halten Schafe in die Höhe. Wild. Seidenraupen irgendwo.

Ich werde neugierig. Mutig. Ich nehme ein altes Bilderbuch aus dem Außen und setze es mitten in den Raum. Plötzlich steht die Katze neben dem Buch. Im Raum. Plötzlich in mir ein Glucksen, ein Kribbeln, ein Lachen, das nach oben drängt. Aus mir heraus bricht. Ich lache. Die Katze kommt und kuschelt. Mir laufen die Tränen. Menschen. Die ich lange nicht gesehen habe. Hier in diesem Raum. Halte ich Abstand. Schaue von Weitem. Lache. Während ich lache und so ausgelassen bin.

So drüber irgendwie. Größenwahnsinnig nehme ich mein Auto, meine Wohnung, alle meine Emotionen und packe alles in den Raum. Sofort wächst Mais. Aus allem. In allem. Ich ziehe mich aus und gleite in das kalte Wasser. In diesem Raum. Atme tief und ruhig. Die Lunge zieht sich zusammen. Dann Entspannung. Ich lache. In diesem Raum ist Entspannung. Trauer braucht Raum. Wird befüllt mit Leben. Mit Sehnsucht. Altem und Neuem. Vergangenem und Werdendem.

Ich steige aus dem Wasser, dem Raum, und während ich mich abtrockne, bestaune ich diesen Raum. Mache einen Spaziergang. Ich gebe Raum. Halte ihn. Fühle ihn. Sehe ihn. Zeichne Konturen nach, spüre Begrenzung und Weite. Fühle mit. Ein Schatz. Kann ihn füllen. Betreten. Zwischen die Welt und mich setzen. Er werden. Getrennt bleiben. Trauer braucht Raum, und wenn Trauer das Leben ist, ist Platz für all das, für all das ganze Leben in diesem Raum.

Und während der Himmel dunkel wird und Mickey Mouse auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Hand zum Gruß hebt, frage ich mich, ob das Außen ganz in diesen Trauerraum passen kann, und überall in mir ist diese Erleichterung. Ich kann das ganze Leben in ihn füllen. Und ohne Anstrengung. Ohne Firlefanz. Ohne Tschüss und ohne Rituale. Wird Trauer Raum. Wird das Leben Raum, und Trauer wird Leben.

(c) Mirjam Sarrazin

Hauswand gießen

Grünabfallsack gefüllt mit Erde, aus der ein Zucchinipflanze und Kapuzinerkresse wachsen

Vor einigen Tagen sah ich einer Person dabei zu, wie sie eine Hauswand goss. Sie hielt eine kleine, gelbe Gießkanne in der Hand und ließ Wasser an der grauen Hauswand herunterlaufen. Dann setzte sie ab und ging. Zwei Tage später das gleiche Geschehen am gleichen Fleck Hauswand. Heute wieder, und heute spreche ich sie an. „Sie gießen aber jetzt nicht die Hauswand, oder?“, frage ich.

Die Person dreht sich zu mir um, sagt nichts, wendet sich erneut der Hauswand zu und leert die Kanne. „Nein, keine Sorge. Ich hänge Wäsche auf“, sagt sie mit einer festen, ruhigen Stimme.

„Ah“, sage ich. Und „Na, ich hatte mich schon gewundert.“

Dann gehen wir in unterschiedliche Richtungen davon. Der Begriff Seelenruhe streift meine Gedanken, und gleichzeitig habe ein Gefühl, wie wenn ich alte Stummfilme schaue. Ich sehe die Person in den nächsten Wochen immer mal die Hauswand gießen. Immer am gleichen Fleck. Ich gehe nicht mehr zu ihr. Sie gehört bald zum Straßenbild, und erst als einige Tage später plötzlich drei langstielige, prachtvolle Sonnenblumen mit herrlich grünen Blättern an der Hauswand blühen, bleibe ich noch einmal an der Stelle vor der ursprünglich grauen Hauswand stehen und staune über Kreativität und Können. Und darüber, dass jemand dieses Gemälde angefertigt hat, nachdem die Wand gegossen wurde. Ich ärgere mich über mein vorausgegangenes Desinteresse. Ich würde gerne wissen, ob die gleiche Person diese Hauswand bemalt hat, die sie auch gegossen hat, oder ob da jemand genau wie ich aufmerksam wurde auf das Gießen und im Anschluss diese Blumen gezaubert hat.

Irgendwann entdecke ich die Person mit der gelben, kleinen Gießkanne wieder. Im gleichen Kiez steht sie in einer Seitenstraße und gießt einen gigantischen Findling vor einem Schulhof.

„Hängen Sie wieder Wäsche auf?“, frage ich und empfinde so etwas wie Vertrautheit, während ich den Blick auf den großen Stein richte. Die Person schaut zu mir hoch und schüttelt den Kopf. Aus der schräg gehaltenen Gießkanne kommt jetzt kein Wasser mehr.

„Haben Sie die Sonnenblumen an die Hauswand gemalt?“, frage ich und deute mit meiner Hand vage die Richtung an.

„Nein. Sie?“

Ich schüttle den Kopf und bin verunsichert. Ich suche nach einem Satz, einer Frage, nach Worten und finde nichts. Die Situation endet, wir gehen auseinander. Ich fühle mich leer, setze meinen Weg fort.

Auf dem Spielplatz um die Ecke beobachte ich das Gewusel. Zwei Kinder buddeln im Sand, rufen sich zu, was sie gerade bauen, was da wohl wäre und wie das wohl aussähe, und das eine Kind ruft: „Jetzt wäre wohl Abend.“ Und das andere hüpft aufgeregt hoch und ergänzt: „Und jetzt wäre wohl dann der Vulkanausbruch.“ Und nun hüpft das andere, und wie über eine unsichtbare Schwelle halten beide kurz inne, bevor lautes Getöse ausbricht und mit ihm der riesige Sandvulkan. „Mega“, schreit das eine Kind, und das zweite jauchzt und wälzt sich in Lava.

Ich gehe weiter.

Ich denke an diese Fotos von Löwenzahn, der an unwegsamen Orten sprießt. Zwischen Gehwegplatten, in löchrigen Mauern. Ich mag das. Dass Überall immer irgendwie Hoffnung ist. Was wachsen kann. Ich denke darüber nach, dass ich diese Bilder mag, und dass es für mich aber immer nur ein Symbol ist. Nix für mich und nix zum wirklich darauf vertrauen. Und immer einen Hauch zu kitschig. „Eine Hauswand gießen“, sage ich laut vor mich hin und schüttle den Kopf, und ganz leise denke ich, dass ich jetzt auch etwas gießen möchte.

Zu Hause nehme ich die Karaffe vom Küchentisch, befülle sie mit Wasser und trage sie die sechs Stufen vor der Haustür nach unten in den überdachten Eingangsbereich, in dem alte Räder stehen, und in dem die Nachbarin aus dem Souterrain vor Wochen angefangen hat, alte Blumentöpfe auszuleeren, um sie frühlingsfit zu machen und neu zu bepflanzen, was sie sicher vergessen hat, weil ihr ständig das Leben zwischen ihre Projekte komme, wie sie sagt, und jetzt ist Juli. Das, was sie aus den alten Töpfen und Kästen geleert hat und ein Sammelsurium aus verdorrten Pflanzenresten und abgestorbenen Wurzeln in Erdklumpen ist, hat sie in einen großen, grünen Stoffsack gefüllt mit zwei Trageschlaufen an den Seiten. „Um es zur Mülldeponie zu fahren“, hat sie erklärt, noch im Projekt und im Eifer.

Ich verteile das Wasser aus meiner Karaffe über den ausgetrockneten Inhalt dieses Sacks. Ich erinnere mich an Borretsch, an Kräuter, Kapuzinerkesse, an Tomaten und an Zucchinipflanzen im letzten Sommer in Töpfen und Kästen, die dieses Jahr leer geblieben sind und traurig aussehen, und ich erinnere mich, dass die Zucchini, die die Nachbarin mir geschenkt hat, saftig geschmeckt hat.

„Vielleicht wird das ja noch was“, sage ich zum Sack und denke, alte Erd- und Pflanzenreste gießen mit Hoffnung verbinden ist ja tatsächlich eher was für so Leute wie mich, die erst damit anfangen, Zutrauen in Wunder aus dem Nichts zu entwickeln. Denn immerhin war da ja schonmal was in dieser Erde. Und doch glaube ich nicht daran und gehe mit der leeren Karaffe zurück in meine Wohnung, stelle sie auf dem Küchentisch ab und setze mich davor auf diesen wackeligen Plastikstuhl. Es muss ja nix wachsen, beruhige ich mich selbst. Vielleicht reicht es auch einfach zu gießen, denke ich. Und ich denke an die Person mit ihrer gelben, kleinen Gießkanne und gestehe mir ein, dass ich mir wünschen würde, sie plötzlich draußen im Eingangsbereich zu entdecken. Wie sie den Stoffsack gießt. Sie, die Expertin. Ganz sicher würde dann etwas wachsen in einigen Wochen in diesen Überbleibseln vom letzten Jahr. Und vielleicht auch etwas in mir.

© Mirjam Sarrazin

Bienentraum

Wiese mit zwei Mohnblumen

Ich renne und renne und renne

durch Straßen und Wiesen und Felder,

durch Wälder und Parks und Gärten

voller Blumen und Mohn und wild

bis ich fliege

mit kräftigen Schwimmzügen

oder wie eine Biene,

arbeitsam, geschäftig, immerfort

durch die Luft und weiter,

in diesem Traum.

Und wache auf. Und du bist nicht mehr da.

Nur dein Nichts.

Sehnen und Suchen.

Vor meinem Fenster rote Tupfer.

Von dir verteilt. In dieser Zeit davor.

In meinen Träumen stillschweigend allein für mich.

© Mirjam Sarrazin

Zeug

Kapkörbchen mit lila orangenen Blüten

„Liebe Familie im Backsteinhaus,

ich möchte ehrlich mit Ihnen sein, und ich falle gleich mit der Tür ins Haus. Sprichwörtlich. Ich habe mir illegal Zugang zu ihrem Treppenhaus verschafft und dort Blumen gesät. Vermutlich wohnen Sie zur Miete in Ihrer Wohnung im ersten Stock. Und das Treppenhaus ist eine Grauzone, was die rechtliche Lage betrifft, da sich im Erdgeschoss ein Geschäft befindet, und der Zugang zu diesem Geschäft über genau das Treppenhaus verläuft, das auch Sie nutzen, um zu Ihrer Wohnung zu gelangen. Allerdings über eine eigene Zugangstür am Fuß Ihrer Treppe, und die ist privat. Dessen bin ich mir bewusst.

Wir kennen uns. Oder sagen wir, wir haben uns schon gesehen. Ich habe vor neun Wochen über die Kleinanzeigen eine Vase bei Ihnen gekauft. Sie wollten 15 Euro für dieses wunderschöne Stück, und ich habe Ihnen zwölf geboten. Sie waren einverstanden. Ich habe die Vase an einem frühen Sonntagabend bei Ihnen abgeholt. Ich trug Jeans und einen dunklen Blazer. Außerdem schlichte Sneaker. Ich kam vom Schwimmen, und meine Haare waren zerzaust, da ich sie nicht gekämmt hatte und direkt aufs Fahrrad gestiegen war.

Nachdem ich bei Ihnen geklingelt hatte, hörte ich zügig den Türsummer und trat in Ihr Treppenhaus. Unten war es akkurat aufgeräumt, sobald ich die angelehnte Zwischentür überwunden hatte und die Treppe betrat, begrüßte mich eine überraschende Menge an Zeug und begleitete mich bis hoch zu Ihrer Wohnungstür.

Wir wickelten den Kauf ab, und Sie engschuldigten sich für das Chaos im Hausflur. Sie murmelten etwas von umräumen oder ausräumen. Ich habe das nicht genau verstanden. Es war genuschelt und klang nebensächlich, quasi nicht der Rede wert. Sie vermittelten mir überzeugend das Gefühl, dass Sie im Reinen waren mit Ihrem Umräumen. Oder Ausräumen. Und diesem Zeug. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Das tat ich erst, als ich sieben Wochen später erneut bei Ihnen klingelte und eine Teekanne bei Ihnen kaufte.

Da ich meine Nachrichten in der Kleinanzeigen App direkt lösche, konnte ich das zunächst nicht zuordnen, dass ich die Teekanne auch bei Ihnen abholen würde. Erst als ich mich Ihrer Adresse näherte und schließlich in Ihre Straße einbog, erkannte ich die Gegend wieder. Dieses Mal war es ein Donnerstagmittag, und es dauerte eine Weile bis Sie öffneten. Unser Gespräch verlief genauso unkompliziert und herzlich wie beim letzten Mal, und der wesentliche Unterschied war, dass Sie am Ende sagten: „Ach, haben Sie nicht letztens die weiße Vase gekauft?“

Ich bejahte dies, und Sie nickten, und dann war es kurz still. Sie sagten: „Ich habe mich erinnert, weil mir Ihre Kette mit der Blume aufgefallen ist. Die ist sehr hübsch.“

Ich lächelte, und Sie lachten, und ich konnte ein Unwohlsein bei Ihnen spüren. Als ich mich umdrehte, verstand ich, warum. „Ach und fallen Sie nicht“, sagten Sie und lachten wieder. „Wir renovieren immer noch.“ Ich warf Ihnen ein Lächeln über meine linke Schulter zu und stieg aufmerksam an Ihrem Zeug vorbei die Treppe herunter. Kinderoller, Rollschuhe, einzelne und gepaarte, leere, gestapelte Blumentöpfe und solche, in denen weiteres Zeug gesammelt war. Kreide, diverse Luftpumpen, Mützen, Socken. Ein zusammen gerollter Teppich, eine Regenjacke, verstreute Puzzleteile. Katzenfutter, eine Schere, ein Kindereimer aus Plastik, ein Warndreieck.

Mir war in diesem Moment klar, dass Sie nicht renovierten, um- oder ausräumten, sondern dass Ihr Flur chronisch voll von Zeug war, und dass es Ihnen unangenehm war.

Ich verließ Ihr Haus mit meiner neuen Teekanne und diesem Bild von Zeug und Ihrem Gefühl von Unwohlsein. Es begleitete mich. Als ich mir später am Tag Tee in meiner neuen Kanne kochte, schmeckte er bitter, und ich wusch die Kanne mehrmals aus und probierte es wieder, und es blieb dabei. Bitterer Tee. Ich stellte die Kanne beiseite und verzichtete in den Folgetagen auf Tee, um dieser Bitterkeit zu entkommen. Leider war sie bereits eingezogen in meinen Bauch, und ich weiß nicht, ob Sie das kennen, aber das ist ein Zustand, den ich schlecht ertrage. Wie eine leichte Staubschicht legt er sich nach und nach über alles. Über Situationen, Begegnungen, innere Bezüge. Alles schmeckt bitter. Sogar die kurzen Gespräche mit dem Obsthändler unten aus meinem Haus, mit dem ich mal was hatte. Und gerne mehr hätte.

Das konnte ich so nicht stehen lassen. Wie bereits beschrieben; das ist ein Zustand, den ich nicht aushalte über einen längeren Zeitraum. Da ist nach einer Woche dann alles an Möglichkeiten ausgereizt. Da geht dann nichts mehr bei mir. So sehr ich mich anstrenge und für Beruhigung sorge, da gibt es dann im besten Fall immer nur so Mikroberuhigungen an Miniatursynapsen im Gehirn, die – zack, im nächsten Moment schon wieder entzündet und überspannt sind. Und dann springt die Sicherung raus und Endstation.

Da mache ich lieber vorher so Sachen.

Wie bei Ihnen. Ich glaube, das ist mein Versuch, diese Synapsen zu stimulieren, damit sie sich irgendwie verknüpfen. Ich stelle sie mir vor wie orientierungslose Oktopusse mit unglaublich vielen Armen, die hilflos in der Gegend herumfuchteln und kein Gegenüber finden, keinen Sinn für diese langen Arme voller Muskeln, die koordiniert werden müssen. Wahnsinnig intelligente Oktopusse, die vor Langeweile und Desorientierung ins Straucheln geraten. Und Verbindungen brauchen. Ziele. Dafür mache ich das. Grenzen crashen. Reibung erzeugen. Irgendwie raus finden aus dieser Spirale. Für Verbindungen. Und Ziele.

Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht. Es war ja ganz einfach. Ihre Haustür ist die Eingangstür des Geschäfts unter Ihnen. Dann kommt dieser kurze Flurabschnitt, weiter geradeaus die Ladentür und kurz vorher links die Durchgangstür in Ihren Privatbereich. Die Tür war offen, sogar nur angelehnt. Sie waren alle außer Haus. Ich habe das abgewartet heute Morgen, dass Sie alle los gegangen sind.

Ich bin also durch die angelehnte Durchgangstür gegangen, jetzt zum dritten Mal, habe oben vor Ihrer Wohnungstür meinen Rucksack geöffnet und Erde und Samen herausgeholt. Ich habe mich für Kapkörbchen entschieden, die orange-lila Variante. Sie wirken so bunt und fröhlich.

Ich habe Recht gehabt. Ihr Zeug hat unverändert dort im Treppenhaus gelegen. In meiner Erinnerung hat sich nichts verändert seit meinem Teekannenkauf bis auf zwei blaue Kinderschuhe, die beim letzten Mal noch nicht dagewesen sind. Der rechte lag auf Stufe vier und der linke auf Stufe neun.

Ich skizziere Ihnen mein Vorgehen. Als erstes habe ich das Zeug aus den Blumentöpfen in Plastiktüten umgefüllt und diese ordentlich auf Treppenstufe zwei gelegt. Dort war noch Platz. Es sind drei Blumentöpfe zusammengekommen, und ich habe sie mit Erde und Kapkörbchensaat bestückt und anschließend oben auf die überraschend leere Fensterbank vor das obere Fenster gestellt.

Dann habe ich die Holzleisten an den Treppenstufen und oben im Bereich vor Ihrer Haustür inspiziert. Ich habe einige Stellen gefunden, an denen sich die Nägel gelöst haben über die Jahre und Ritzen zwischen Wand und Leisten entstanden sind. Auch diese habe ich mit Erde und in diesem Fall mit Kressesamen versorgt. Die brauchen nicht so viel Platz. Dennoch, ob dort etwas gedeiht, müssen wir schauen. Aber glauben Sie mir, ich habe schon erfolgreich Samen an den verrücktesten Orten gesät.

Abschließend habe ich die sechs leeren Eierkartons aus meinem Rucksack gezogen, auch diese mit Erde und abwechselnd Kresse- und Kapkörbchensamen versehen, und auf die Treppenstufen zwischen all Ihr Zeug gestellt.

Ich habe meine Flasche Wasser genommen und alles gegossen.

Als das Wasser die Erde traf, war meine Anspannung verflogen. Das Wasser auf der Erde mit den Samen und in mir das Wissen, da würde etwas wachsen. Überall würde sich inmitten Ihres Zeugs Schönheit ausbreiten.

Und nur um das nochmal zu betonen. Es geht mir nicht um Ihr Zeug. Es stört mich nicht. Es ist einfach da. Es gehört zu Ihnen. Wissen Sie, ich habe auch unglaublich viel Zeug. In mir drin. Würden Sie in mich hinein zu Besuch kommen oder über die Kleinanzeigen etwas in mir erwerben und irgendwo da innen klingeln, Sie würden eine ganze Großstadt voller Treppenhäuser mit Zeug durchqueren müssen.

Mir imponiert Ihr Zeug im Treppenhaus. Zeug im Treppenhaus bedeutet vielleicht weniger Zeug im Innern. Vielleicht ist es das, was Sie meinten mit Ihrem Umräumen oder Ausräumen oder Renovieren? Innen Platz schaffen? Und es muss ja irgendwohin, nicht wahr? Wie wunderbar, dass Sie es in Ihr Treppenhaus räumen. Da konnte ich es entdecken und spüren, wie unangenehm es Ihnen ist. Und nun wächst dort etwas. Ich finde das wunderbar. Vielleicht packen Sie Ihr Unwohlfühlen einfach noch mit dazu. Ich glaube, dass es in lila und orange glänzen und eindrucksvoll aussehen wird, sobald die Kapkörbchen wachsen und es mitreißen werden mit ihrer Farbenpracht.

Ich habe mich auf Ihre oberste Treppenstufe gesetzt und Ihnen diesen Brief geschrieben. Falsch. Ich schreibe Ihnen jetzt diesen Brief und werde ihn Ihnen gleich mit Klebeband an Ihre Wohnungstür hängen. Damit Sie Bescheid wissen.

Es wird für Sie sicher erstmal beunruhigend sein, ihn zu lesen. Ich entschuldige mich dafür.

Ich möchte Ihnen nicht schaden. Ich werde heute das erste Mal Tee aus Ihrer Teekanne trinken, und er wird nicht bitter schmecken. Und das ist sehr viel wert.

Ich würde gerne wieder kommen, um zu gießen.

Ich würde gerne sehen, wie etwas wächst.

Wenn Sie mögen, laden Sie mich auf einen Tee ein, und ich komme mit Ihrer Teekanne zu Ihnen zu Besuch.

Selbstverständlich respektiere ich, wenn Sie das nicht möchten. Dann übernehmen Sie das Gießen, ja? Das wäre wirklich wichtig.

Hochachtungsvoll, gezeichnet anonym“

„Liebe Familie im Backsteinhaus,

ich verstehe Ihr Signal. Sie haben Ihre Durchgangstür abgeschlossen. Als ich versucht habe, Ihre Durchgangstür zu öffnen, kam eine Person aus dem Laden im Erdgeschoss und hat mich sehr ernst angeschaut: „Bitte gehen Sie!“ Postwendend bin ich gegangen. Ich kann nicht gießen und ich kann nicht beobachten, wie es wächst. Ich habe verstanden. Mehr Gedanken möchte ich mir dazu nicht machen. Es ist, wie es ist.

Ich verspreche Ihnen, ich komme nicht wieder. Ich schmeiße gleich diesen Brief in Ihren Briefkasten und steige dann auf mein Rad und kaufe am anderen Ende der Stadt eine neue Teekanne für mich über die Kleinanzeigen.

Alles Gute für Sie! Gezeichnet anonym“

© Mirjam Sarrazin