Im Straßencafé

Tisch und zwei Stühle vor Haustür. An Holzbrett steht mit Kreide geschrieben: "Cafe geöffnet"

Wenn ich heimkomme, bin ich in Begleitung, und manchmal möchte ich dann meine Ruhe, und es ist schwer, wieder alleine zu sein. Bi geht nicht gerne. Ich muss sie drängen, sich zurück zu ziehen. Sie liest jetzt ein Buch. Und ich koche. Und dann brennt mir der Tofu an, und da ist Bi sofort zur Stelle und regelt das schnell. Sowieso regelt Bi ständig alles. Bi kann alles besser als ich. Sie weiß auch mehr. Sie ist viel geschickter. Eloquenter. Ich musste das Wort googlen, Bi kennt die Bedeutung. Bi ist sozial kompetent und neugierig, und sie hat nur angenehme Gefühle. Ich bin froh, dass ich Bi habe. Wir sind ein gutes Team. Wissen, was die andere gerade macht und denkt und will.

Wenn ich mich einsam fühle auf der Feier einer Freundin und nicht so recht weiß, über was ich reden soll, dann fühlt Bi sich pudelwohl. Sie wählt ein beliebiges Thema und quatscht drauflos. Und immer stimmt jemand ein. Und wenn nicht, dann stört das Bi überhaupt nicht. Sie sucht sich etwas Neues oder steigt irgendwo mit ein. Oder sie holt sich etwas zu essen und lobt das Buffett.

Wenn mich auf einem Festival die Musik packt, und noch keiner tanzt und ich mich nicht traue, dann übernimmt Bi das. Sie geht einfach los und tanzt. Zack.

So einfach ist das alles für Bi.

Manchmal bin ich gestresst, weil der Alltag zu voll ist, und während ich Managerinnensachen mache, male ich mir aus, wie ich an einem lauschigen Plätzchen in der Sonne sitze und das Leben genieße. Schon ist Bi zur Stelle, schmeißt sich aufs nächstbeste Sofa, auf einen Teppich oder ins Gras und ist tiefenentspannt.

Als ich gestern vor der Bank stand und mich nicht getraut habe, hinein zu gehen und den Termin wegen des Kredits für das Haus wahrzunehmen, das ich kaufen will, da habe ich mich dabei erwischt, dass ich an meinen Fingernägeln knabberte. Und ich habe mich gefragt, wie ich es überhaupt geschafft habe mit dieser ganzen Unsicherheit, die man ja so mit sich herumträgt, bis hierher zu kommen. Und im nächsten Moment wusste ich es dann. Denn da ging Bi schon durch die Drehtür in die Bank, und sie konnte das natürlich alles. Was man sagen muss. Und mit dem Räuspern an der richtigen Stelle. So habe ich mir das zumindest vorgestellt. Es war dann ganz anders. Bi hat das ganz natürlich einfach so hingelegt, das Gespräch. Sie brauchte dafür nicht einmal feste Schuhe. Sie kann sowas in Flipflops, und dann hallte es flip und flop durch die Bank, und alle schauten, und für Bi war das irrelevant. Sie hat das gar nicht wahrgenommen. Für sie war alles perfekt. Das ist für mich wie Zaubern, wenn Bi die Sachen regelt. Einfach so. Flip und flop.

Ein Freund hat mir das vor vielen Jahren geraten. „Stell dir vor, dich gibt es noch einmal. Ganz genau dich. Und stell dir vor, dieses zweite Du ist immer verfügbar für dich, wenn du es brauchst, und es kann all das, womit du dich nicht gut fühlst, womit du dich schwer tust, womit du unsicher bist. Es kann sogar angenehme Gefühle haben, wenn du unangenehme hast.“

Ich war aufgrund einiger Veränderungen in meinem Leben in einer Krise, fühlte mich unbedeutend, erdrückt von Gefühlen und chronisch verunsichert. Ich nahm mir diesen Ratschlag zu Herzen, trug ihn einige Tage mit mir durch den Alltag. Im Zug, in dem es mir zu stickig und zu voll war, dachte ich an dieses zweite Ich, das es nun interessant fände, so vielen Menschen zu begegnen. Oder ich stellte mir vor, wie es sich nach einem Arbeitstag zufrieden zu Hause ausruhen würde und die Stille genießen, endlich das neue Buch lesen würde, während ich traurig war, dass keine Verabredung zustande gekommen war für diesen Abend, und ich mich einsam fühlte.

Das klappte erstaunlich gut und immer besser, und so kam Bi in mein Leben. Dass Bi diesen Eigensinn entwickeln und größenwahnsinnig werden würde, das hatte mir dieser Freund nicht gesagt. Ich habe das für mich nutzen können und überwand einige Aspekte der Krise. Es geht mir jetzt besser. Oft fühle ich mich wohl. Andernfalls kommt eben Bi.

Aber ich merke zunehmend, dass ich das nicht mehr so will. Ich schätze Bi sehr. Und würde gerne wieder mehr wagen. Meistens ist das Leben ja doch eher so halb. So ungar. So wurschtelig und pieksig und unausgegoren. Eben nicht optimal. Und auch nicht optimiert. Und das ist, was Bi immer macht. Sie optimiert. Sie ist immer zur Stelle und flipt und flopt. Ich würde es gerne einfach mal so lassen, das Leben. Mutig sein. Fühlen, was passiert.

Also lade ich Bi in das Straßencafé ein, das ich im Sommer vor der Haustür habe. Für Momente. An lauen Großstadtabenden. Und wir haben Glück, es ist geöffnet. Bi bekommt einen selbstgemachten Eistee und ich ein alkoholfreies Bier, und dann sage ich Bi, dass ich gerne mehr Freiräume hätte. Ohne sie. Dass ich diese unperfekten, undefinierten Momenten gerne wieder selber regeln möchte. Ich bin aufgeregt. Unsicher. Und natürlich ist es wie immer. Bi kann es besser als ich. Relaxt hängt sie auf ihrem Klappstuhl. „Klar. Lassen wir es einfach mal stehen. Die Sache mit dem Aushalten. Diese alte Geschichte halt“, sagt sie, und sie ist dabei weder wütend noch enttäuscht noch besserwisserisch. Sie ist einfach Bi. Und hat mein wackeliges Ringen wieder übernommen, weggewischt und selbst geregelt.

Und dann wird mir klar, dass es ja meine eigene Kompetenz war, Bi zu machen. Und all das, was Bi kann. Besser. Schneller. Sicherer. Optimierter.

Und dieser Gedanke überrascht mich so, dass ich aus Versehen ihren Eistee austrinke. Was nicht schadet, denn Bi ist plötzlich schlafen gegangen. Irgendwie ist sie müde gewesen, und das ist noch nie vorgekommen. Nun sitze ich also alleine im Straßencafé. Und das fühlt sich fremd an. Und ein bisschen aufregend. Und als ich gerade aufstehen und reingehen will, sitzt mir gegenüber eine, die ist wie ich. Absolut identisch. Und doch anders. Und nicht Bi. Und sie sagt: „Hi, ich bin Mo. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Zuständigkeit Graustufen. Zwischentöne. Alles, was nicht fertig ist. Superkraft Verharren. Abwarten. Gefühle stehen lassen. Du kannst dich absolut auf mich verlassen. Ich bin perfekt darin, unbequeme Gefühle zu haben.“

Ich seufze. Leise. Ich sage: „Guten Abend Mo.“ Und bestelle ihr eine Limo und mir noch ein Bier.

© Mirjam Sarrazin

Schneckenkönigin

Schnecke mit Schneckenhaus kriecht über grobkörnigen Untergrund

Ich hocke auf dem Bürgersteig im Nieselregen und begleite eine Schnecke. Sie ist auf dem Weg von dem kleinen Grünstreifen am Straßenrand in den vielversprechenden Garten des Einfamilienhauses. Einmal quer über den Bürgersteig. Ich schaue ihr beim Kriechen zu, beobachte die kleinen Fühler, die sich vorsichtig in alle Richtungen strecken, einziehen, dann wieder ausfahren. Ich hocke in einigem Abstand. Ich will sie nicht erschrecken. Ich habe sie entdeckt, und ich möchte nicht, dass sie zertreten wird auf ihrem Weg. Diesem Gehweg.

Es dauert. „It takes time“ huscht mir durch den Kopf, und ich spüre das Zeitnehmen in mir.

Als die Schnecke im saftigen Grün am Gartenzaun angekommen ist, setze ich meinen Weg fort.

Später am Tag habe ich einen Termin in einem mir wenig vertrauten Stadtteil und bin froh, nach einigem Suchen einen Parkplatz zu finden, an dem kein Verbotsschild steht. Ich steige aus, erledige meinen Termin und laufe zurück zum Auto, müde, hungrig, gedanklich mit dem Abendessen beschäftigt.

Vor meinem Auto steht eine Frau, und ich kann aus der Ferne erkennen, dass sie aufgebracht ist. Als ich näherkomme, entdecke ich ein schwarzes Auto, das quer direkt hinter meinem auf der Straße parkt. Vorbeifahrende Autos hupen. Alles wirkt hektisch. Mir ist die Szene auf Anhieb klar, und ich wappne mich innerlich. Distanziere mich, bevor ich die Frau anspreche: „Entschuldigen Sie, ist das hier Ihr Parkplatz?“

Schon legt sie los. Dass es genau so sei, ihr Parkplatz! Ob ich die Schilder nicht gesehen hätte. Dort seien große Schilder am Anfang der Straße. Dass es immer wieder solche wie mich gäbe. Dafür habe sie keine Zeit. Absolut keine Zeit. Und auch keine Geduld. Sie habe schon den Abschleppwagen gerufen. Der komme gleich.

Sie ist laut und wütend und aufgebracht, und am Hals bekommt sie rote Flecken, während sie redet. Ich möchte weinen. Es tut mir leid. Ich habe tatsächlich keine Schilder gesehen, habe extra geschaut. War so froh über den Parkplatz. Und nun das.

„Und nun wieder sowas hier“, ruft die Frau, und mir fällt das Wort „Zetern“ ein, ohne genau zu wissen, ob es passt.

„Es tut mir leid“, sage ich und versuche überzeugend zu klingen. Weil es mir leidtut. Weil ich ihre Not spüre, ihren Stress, weil ich so einen Zustand nicht habe auslösen wollen. Es tut mir leid. Bis irgendwo tief in meinen Bauch hinein.

„Wie gesagt, der Abschleppwagen ist gleich hier. Es reicht mir jetzt. Sowas muss ja nicht immer wieder sein. Dafür habe ich keine Zeit“, wütet sie weiter und nickt einer Person auf der anderen Straßenseite zu. „Ja, wieder einmal. Da kann man wohl einfach nichts machen“, ruft sie quer hinüber.

Ich möchte im Erdboden verschwinden, und da fällt mir die Schnecke ein. Ihre Ruhe. Die Zeit, die es brauchte. Das kleine, perfekte Haus, die Kreise darauf, die Muster. Ich entspanne mich etwas, während die Frau in ihr Handy tippt.

„Es tut mir wirklich leid“, nehme ich Anlauf. „Ich kenne mich hier in der Gegend nicht aus. Ich habe wohl nicht richtig geschaut. Aber jetzt bin ich ja hier und kann das Auto wegfahren. Dann können Sie parken. Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, den Abschleppdienst anzurufen und abzubestellen? Ich würde Ihnen gerne meine Adresse geben, dann kann er mir die Rechnung schicken.“

Die Frau schaut von ihrem Handy auf. „Ja, sicher kann ich da anrufen. Ich habe die ja auch gerufen. Wissen Sie, ich bin es einfach leid. Das hier nervt einfach nur noch.“

Ich spüre dieses Grummeln in meinem Bauch. Dieses Unwohlsein. Die Frau macht ausholende Gesten. „Ich bin es einfach wirklich leid.“

„Ja“, sage ich. „Das kann ich verstehen.“

„Nichts können Sie“, unterbricht sie mich. „Gar nichts.“ Und dann schiebt sie ein verärgertes „Ich ruf da jetzt an.“ hinterher.

Sie tippt in ihr Handy, hält es ans Ohr, wartet, lässt das Handy sinken. „Muss ich gleich nochmal probieren“, murmelt sie und sieht müde aus. Es entsteht ein Moment der Stille. Wie ein Raum der Begegnung zwischen uns.

„Ich habe heute Morgen eine Schnecke dabei begleitet, den Bürgersteig zu überqueren, damit sie von niemandem zertreten wird“, höre ich mich sagen und kann es gar nicht fassen.

Ähnlich geht es der Frau. Perplex ist das Wort, das mir zu ihrem Gesichtsausdruck einfällt, und dieses Mal bin ich sicher, dass es passt. Ohne einen Kommentar hebt sie ihr Handy wieder an, tippt zweimal aufs Display und hält es sich ans Ohr, dieses Mal ohne mich aus den Augen zu lassen. „Ja. Ich bin es. Ja. Die Halterin ist jetzt hier. Seid ihr schon losgefahren?“

Sie schaut mir in die Augen, während sie der Antwort zuhört. „Ja. Dann regeln wir das jetzt hier so. Ja. Weißt du ja, wie das hier ist. Super nervig.“ Und in diesen zwei Worten liegt so viel Ablehnung, dass es mir weh tut. Ich denke an die Schnecke.

Die Frau beendet das Telefonat, nimmt das Handy vom Ohr und steckt es in ihre Handtasche.

Einen kleinen Moment lang ist es ruhig zwischen uns.

„Ich fahre dann jetzt meinen Wagen zur Seite und Sie verschwinden hier“, bestimmt sie und läuft bereits zu ihrem Auto. Kurz bevor sie einsteigt, dreht sie sich zu mir um. „Sie Schneckenkönigin“, ruft sie, und plötzlich kommt mir dieses Bild in den Kopf, wie sie mit ihren Freund*innen an einem hergerichteten Tisch mit Prosecco sitzt, mit langen Gläsern anstößt und im Laufe des Abends von leisem Kichern zu kribbeligem Kreischen übergeht. Und von dieser Schneckenkönigin erzählt, die ihr ihren Parkplatz weggenommen hat.

Vorsichtig steuere ich aus der Parklücke, fahre durch Schleichwege nach Hause. Es dauert. Zeit, durchzuatmen. Vorübergehend in der Zeit verschwinden. „Situation gelöst“, denke ich und lasse die Erleichterung zu, während ich an die Parkszene denke und bleibe an der „Schneckenkönigin“ hängen. Da war etwas Versöhnliches in der Stimme der Frau. Etwas Abschließendes. Ich stelle sie mir erneut im Kreis ihrer Freund*innen vor.

In der Nacht darauf scheint der Mond durch mein Fenster, und vielleicht ist es sein Licht, das mich weckt. Es ist sehr früher Morgen, noch dunkel. Ich finde den Weg zurück in den Schlaf nicht, stehe schließlich auf, ziehe mir etwas über, schlüpfe in die Sneaker und verlasse die Wohnung. Es ist warm draußen mit diesem kühlen, nächtlichen Sommerwind. Ich laufe durch die umliegenden Straßen und bewundere die dunklen Fenster, die schweigsamen Vorgärten, diese Ruhe, die auf allem liegt. Ich sehe eine Ratte über die Straße huschen. An anderer Stelle eine Katze. Dann noch eine. Und dann sehe ich die Gestalt. Ich sehe sie an genau der Stelle, an der ich am Vormittag auf dem Bürgersteig gehockt habe, und ich weiß sofort, dass es die Schneckenkönigin ist. Langsam nähere ich mich ihr über die leere Straße. Durch das helle Mondlicht erkenne ich ihre undefinierten, wabernden Konturen. Sie erinnert mich an Zuckerwatte aus einem festen, gallertartigen Material, das seine Form stetig variiert. Wie Schleim, denke ich. Wie ein riesiger Berg Schleim und doch fest. Mir imponiert diese weiche Üppigkeit. Sie ist durchscheinend rötlich-braun mit dieser gewellten Schneckenmusterung, die einige Nacktschneckenarten tragen. Ein Gesicht ist nicht auszumachen, jedoch empfinde ich den Ausdruck der Schneckenkönigin als zutiefst friedlich. Je mehr ich mich ihr nähere, umso mehr verstärkt sich die nächtliche Ruhe um mich herum und führt zu einem Gefühl von ausfüllender Entspannung in mir.

Ich bin mir unsicher im Umgang und fühle dennoch diesen wachsenden Drang, ihr nahe zu sein, und setze behutsam Schritt vor Schritt auf sie zu. Schließlich stehe ich am Straßenrand, und nur noch der dünne Grünstreifen trennt uns voneinander. Ich sehe die Schnecke, die ich am Vormittag begleitet habe. Sie ist auf dem Rückweg, kriecht vom Garten zurück zum Grünstreifen. Die Schneckenkönigin verharrt daneben auf dem Bürgersteig, als gehörten sie zusammen.

Dann sieht sie auf und nickt mir zu. Freundlich. Anerkennend. Lächelnd. In meinem Bauch fliegen Schmetterlinge. Ob sie am Vormittag auch hier gewesen ist? Warum habe ich sie nicht gesehen?

Ich setze mich seitlich auf den Bordstein und beobachte die Schnecke beim Kriechen. Spüre die Schneckenkönigin und ihre Präsenz.

Denke an die Frau aus der Parklücke und frage mich, ob sie einen guten Abend hatte und nun schläft.

Fühle mich getragen, begleitet.

Es ist beruhigend zu wissen, dass sie da ist, die Schneckenkönigin. Es ist heilsam, ihre Anwesenheit zu spüren. All ihre Energie liegt in dieser Anwesenheit, in ihrer Begleitung. Auch in den Momenten, vor denen ich mich fürchte. Wenn ich nicht aufpasse, nicht ausreichend achtgebe, eine Schnecke nicht entdecke. Weil ich die Zeit nicht immer habe, die es braucht. Eine Schnecke zertreten wird. Überfahren. Zerquetscht. Die Schneckenkönigin bleibt. Verharrt. Spendet Trost und Mitgefühl und begleitet. Jede Situation.

Irgendwann stehe ich auf, nicke der Schneckenkönigin zum Abschied zu und gehe langsam nach Hause. Die ersten Vögel singen. Da ist ein Hauch von Tag, und ich beginne ihn in Begleitung. Es ist gut, nicht alleine zu sein. Es ist gut zu wissen, dass ich unachtsam sein darf und andere da sind, die auffangen. Die Schnecken. Die Frau aus der Parklücke.

Und mich.

© Mirjam Sarrazin

Sonnenuntergang

Landschaft mit Feld, Baum links und Büschen am Horizont im Sonnenuntergang

Als ich an diesem Abend durch den Sonnenuntergang fahre, übernimmt plötzlich das Licht das Steuer und trägt mich durch die Wehmut nach Hause. In mir gehen die Gräser schlafen. Und das Summen.

© Mirjam Sarrazin

Der Brief

Klappe eines Briefkastens

Es ist der Tag, an dem ich keine Unterhose trage, als ich ihn in meiner Mittagspause sehe. Ich stehe vor dem Briefkasten und vergewissere mich, ob ich eine Briefmarke auf den Umschlag geklebt habe. Aus den Augenwinkeln entdecke ich ihn. Er wirkt insgesamt grau mit diesen leuchtenden Augen, die mir allerdings erst viel später auffallen werden. Er ist keine zwei Meter von mir entfernt direkt vor dem Schaufenster stehen geblieben, trippelt einige Schritte hin und her, zupft sich die Hose zurecht und fängt dann an zu sprechen. In das Schaufenster hinein. Leise.

Zaghaft trete ich einen kleinen Schritt zurück, um einen Blick ins Schaufenster werfen zu können. Es ist ein Eckladen, der Perücken und Haarpflegeprodukte verkauft. In einem hinteren Raum lassen sich Kund*innen die Haare machen, und es ist einer dieser Läden, von denen es hier in dieser Gegend so viele gibt, aus denen ich immerzu Geschäftigkeit wahrnehme, Lachen und Reden, und an der offenen Ladentür machen Passant*innen Halt, schauen hinein, rufen nach jemandem, bringen Kaffee oder Essen, setzen sich auf einen der Plastikstühle im Laden oder verschwinden im Hinterraum.

Der Mann steht unbeirrt vor dem Schaufenster und spricht. Mittlerweile laut. Ich glaube mit der Perücke auf dem Plastikkopf ganz links. Er gestikuliert, er lacht. Dann macht er einen überzeugten Schritt nach rechts und unterhält sich mit der zweiten Perücke. Sie ist glatt und lila. Es ist eine angeregte Unterhaltung.

Ich halte den Brief in meiner Hand und bin so abgelenkt von der Szene, dass ich nicht mitbekomme, wie sehr ich im Weg stehe und eine Person mit Kinderwagen auf die Straße ausweichen muss, um an mir vorbei zu kommen. Es fühlt sich an wie eine kleine Trance, aus der ich plötzlich hochschrecke und einen Schritt nach vorne gehe, um den Brief einzuschmeißen, ihn dann aber doch festhalte und wieder zu den Perücken schaue.

Der Mann setzt sein Gespräch fort. Von links nach rechts nimmt er sich jede Perücke mit jedem Plastikkopf vor. Er spricht auf Sprachen, die ich weder verstehe noch zuordnen kann. Melodie und Klang sind jeweils so unterschiedlich, dass ich sicher bin, dass er für jede Perücke eine eigene hat. Ich weiß nicht, was er ihnen erzählt, und es scheint existentiell zu sein. Und lebendig, ausufernd. Jedes Gespräch ein Fest.

Leute von der gegenüberliegenden Seite der Straße werfen einen Blick zu ihm hinüber, da er so übermütig spricht, dass alle dieser Einladung für einen kurzen Moment folgen, aus einem Impuls hinaus zu ihm schauen.

Nur die Ladenbesitzer*innen und ihre Kund*innen schauen nicht, sie ignorieren ihn, kennen ihn vielleicht.

Als er bei der letzten Perücke angekommen ist, beendet er seine Unterhaltung abrupt, dreht sich ruckartig um und geht los, den Bürgersteig entlang, als sei er niemals stehen geblieben, als habe er niemals etwas anderes gemacht, als zügig einen Bürgersteig entlang zu gehen.

Ich folge ihm. Es ist wie ein Sog. Ich halte den Brief in meiner rechten Hand und gehe mit schnellen Schritten hinter dem Mann her. Quer durch ein Wohngebiet, eine ganze Weile entlang der Hauptstraße, durch ein kleines Industriegebiet, in dem Tapeten und -zubehör verkauft werden. Wir überqueren eine Brücke, gehen entlang des Flusses, und ich frage mich, was sein Ziel ist. Und was meins. Ich spüre meine Füße und stelle fest, dass ich bald nicht mehr laufen kann. Meine Kondition scheint mit seiner nicht mithalten zu können.

Schließlich überqueren wir erneut eine Brücke, ich entdecke eine Eisdiele und entscheide anzuhalten. Lasse ihn seines Weges gehen. Kaufe mir ein Eis, setze mich auf eine Parkbank in die Sonne. Höre die Vögel. Schlecke mein Eis. Packe den Brief in meinen Rucksack.

Wo er einige Tage bleibt, mich begleitet zur Arbeit. Bei meinem Freund übernachtet. Einkaufen geht. Im Fitnessstudio in der stickigen Umkleide wartet.

Bis ich den Mann wieder sehe. Dieses Mal stehe ich nicht vor dem Briefkasten, laufe auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Höre ihn reden, rufen, feiern. Sehe ihn gestikulieren. Nach und nach mit jeder Perücke. Ich überquere die Straße. Bleibe vor dem Briefkasten stehen, denke nicht an den Brief, beobachte den Mann. Wieder dieser Sog. Wieder dieses Eintauchen. Das Außen versinkt in dieser Dimension an Auseinandersetzung, an Kommunikation. An Verbundenheit. Wieder läuft er los. Abrupt. Wie aus dem Nichts. Und ich folge. Mit jedem Schritt wird mir leichter.

Wieder stoppe ich an der Eisdiele. Kaufe mir ein Eis, setze mich auf die Parkbank, esse. Etwas zu hastig. Hole den Brief aus meinem Rucksack. Halte ihn. Abgenutzt. Stecke ihn zurück in den Rucksack. Wo er einige Tage bleibt.

Ich sehe den Mann jetzt öfter. Weil ich nach ihm suche. Ich schaue, ob ich ihn entdecke. Ich lungere am Briefkasten herum, wenn ich Zeit habe. Ich kann das nicht gut beschreiben. Es tut mir gut. Der Mann tut mir gut. Vielleicht lasse ich mich gehen. Der Mann lässt mich gehen. Hinter ihm her. Schnell. Bis zur Eisdiele. Und als sei dort eine unsichtbare Schwelle, laufe ich nie weiter. Ich weiß mittlerweile, dass er alle zwei bis drei Tage auftaucht, immer um die Mittagszeit. Ich weiß, dass er den gleichen Weg kommt, den er nach seiner Unterhaltung mit den Perücken auch wieder geht. Ich weiß, dass er viele verschiedene Jacken und Hosen hat, auch einige Paar Schuhe, dass er einmal plötzlich die Haare kürzer trägt. Dass er an manchen Tagen hinkt.

An diesen Tagen fällt es mir leichter, Schritt zu halten. Und das auszuhalten, fällt mir schwer. Genau an einem solchen Tag passiert es. Wir haben die zweite Brücke überquert, ich erahne mein Eis, da bleibt er stehen. Dreht sich ruckartig zu mir um. Kommt auf mich zu. Ich bin so erschrocken, dass ich nicht reagiere. Ich halte einfach an. Stehe wie angewurzelt. Ohne zu atmen.

In einiger Entfernung bleibt er stehen. „Bitte folgen Sie mir nicht. Ich brauche Sie nicht.“ Und ich entdecke diese leuchtenden Augen. Klar, offen, strahlend. Es ist mehr sein Blick, der mich durchfährt als seine Ansage. Er trifft mich. An der Stelle, die gemein als „mitten ins Herz“ bezeichnet wird. Ich zucke zusammen, da hat er sich längst wieder umgedreht und ist weitergelaufen. Ich sehe ihn noch. Seine Worte hallen nach. Ich hole tief Luft und fühle mich verwundet. Ertappt. Entfremdet und aus dieser Situation geworfen.

Langsam wende ich mich zum Gehen. Den Weg zurück, den wir gerade gekommen sind, und als könnte ich nicht loslassen, es nicht fassen, drehe ich mich noch einmal um und schaue, ob ich ihn noch sehe. Er ist verschwunden.

Ganz langsam mache ich mich auf den Weg. Ich spüre Trauer. Eine Beklommenheit und eine Wehmut. Er braucht mich nicht, das hat er mir gesagt. Ich bin es, die ihn braucht. Die ihn gebraucht hat in den letzten Wochen. Ich habe mich an seiner Lebendigkeit festgehalten. An diesen kurzen Momenten. An dem Sog. An seiner Ausstrahlung. Mit diesen Augen, wie mir heute klar wird.

Als ich das kleine Industriegebiet durchquere, weine ich und gehe noch langsamer.

Und dann stecke ich ihn ein, den Brief. Ich hole ihn aus meinem Rucksack und werfe ihn in den Briefkasten neben dem Schaufenster mit den Perücken.

Diesen Brief an dich.

In dem ich dir schreibe, wie sehr du mir fehlst.

Nachdem ich dir vor drei Jahren erklärt habe, dass ich den Kontakt abbrechen muss aus Gründen, die mir heute so unwichtig, so nichtig erscheinen, und die für mich die Welt bedeuteten. Damals.

Ich habe ununterbrochen an dich gedacht. Ich habe dir in Gedanken all die kleinen Details des Alltags erzählt. Habe mit dir gelacht. Du warst immer bei mir. Ich habe im Flur neben der Garderobe den alten Koffer aufgeschlagen und deine Sachen darin gesammelt. Die ich nach und nach fand in der Wohnung. Drei Jahre lang gab es diesen kleinen Ort mit deinen Sachen. In einem Koffer. Griffbereit. Startklar. Los geht’s. Da war etwas nicht abgeschlossen. Mit großen Worten hatte ich dir gesagt, dass ich den Kontakt abbrechen muss. Ohne mich zu entschuldigen. Ohne es zu erklären. Ich hatte das Gefühl, ich würde mich lediglich versuchen rauszureden. Ich wusste, wie sehr du leiden würdest. Ich wusste, wie sehr ich dir damit etwas nehmen würde. Eine Art Basis. Ich wusste das, und ich wollte das nicht relativieren. Und dann bliebst du hängen in mir. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mich selbst austricksen wollen. Mich selbst überzeugen, dass es ohne Wenn und Aber nun vorbei sei mit uns. Unserem gemeinsamen Weg. Für mich war das wichtig. Damals. Jetzt ist es unverständlich, irritierend, zum Kopf schütteln, Haare raufen, aus der Haut fahren. Nachdem mir klar geworden ist, wie sehr ich mich betrogen habe.

Ich habe dir all das aufgeschrieben in meinem Brief. Und ich hoffe sehr, dass er dich erreicht, dass du dort noch wohnst, in dieser kleinen Wohnung mit dem Giebel unterm Dach. Und dem Balkon voller Treibholz, das wir gesammelt haben. Mit den Kletterpflanzen an gewaltigen Ästen. Und dem Duft. Der immer irgendwie auch deiner war. Auf dem Balkon haben wir gesessen und Rohkost gedippt, und im Sommer war er so zugewachsen, dass uns von außen niemand sah, wenn wir lachten. Ich hoffe, dass du meinen Brief öffnen wirst. Und dass du ihn liest. Dass du mir eine Chance gibst. Uns. Einem Kaffee. Zusammen. Oder einem Glas Wein. Und dass du an diesem Tag, an dem der Brief kommt, keine Unterhose trägst. Machst du das noch so? Dass du an Tagen, an denen du dich fremd fühlst mit der Welt, die Unterhose weglässt? Als stiller Trotz gegen all die verfahrenen Strukturen da draußen und in uns drinnen? Ich stelle mir das vor, wie du meinen Brief bekommst, an so einem Tag, und da gäbe es dann vielleicht diese Chance. Dass du ihn liest. Und erstmal wirken lassen kannst. Er einen Zugang findet zu dir. „Diese Tage ohne Unterhose, das sind Tage für Zauber“, hast du mir erklärt vor vielen Jahren.

Jetzt ist er weg. Dein Brief.

Ich schaue zur Seite. Gehe ein paar Schritte. Stehe vor den Perücken und ihren Plastikköpfen. Ich fange links an und arbeite mich dann langsam nach rechts. Schritt für Schritt höre ich zu und es ist mehr ein Raunen und ein Tuscheln. In Sprachen, die ich nicht verstehe „Du bist gut genug.“ „Genieß den Abend!“ „Es ist alles erledigt.“ „Iss für uns mit!“ Die letzte ruft mir zu: „Morgen sehen wir uns wieder!“

Und nun laufe ich los. Mit diesem Kribbeln im Bauch, husche beim Supermarkt vorbei, kaufe Rohkost und Knoblauch und allerlei Zubehör und springe nach Hause, stelle die Musik laut, öffne die Fenster, decke den Tisch. Mit einer Kerze. Und zwei Weingläsern. Ich schenke ein. Ich nippe. Es schmeckt wunderbar. Es ist ein Fest. Ich sitze die halbe Nacht mit dir am Tisch, rede, gestikuliere, dippe, feiere. Nachdem du gegangen bist, ziehe ich meine Unterhose aus und tanze.

Bis bald!

© Mirjam Sarrazin

Tom-Tom

Skateboard auf Asphalt vor Häuserwand

Seit Wochen versuche ich eine Geschichte zu schreiben. Sie heißt Tom-Tom und handelt von einer Assoziation zu Tom-Tom aus dem Film „The Million Dollar Hotel“.

Es klappt nicht.

Vermutlich liegt es an Tom-Tom.

Und meiner Hochachtung.

Tom.

© Mirjam Sarrazin

Mein Baby

Hoher Baum vor bewölktem Himmel

Mein Baby ist gestorben. Es ist in mir gestorben. Ich habe seine Bewegungen nicht mehr gespürt. Bei der Gynäkologin starre ich auf den Bildschirm und erlebe aus einer Ferne, wie sie mit dem Ultraschallgerät meinen Bauch abfährt. Sie verharrt einen Moment. Da weiß ich, was sie im nächsten Moment sagen wird. Dann sagt sie es.

Ich setze mich vorsichtig auf, ignoriere das Papiertuch, das sie mir reicht, überdecke das Gel auf meinem Bauch, indem ich mein T-Shirt darüber ziehe, rutsche langsam von der Liege, stelle mich hin, stelle mich mit diesen Beinen hin, schließe Reißverschluss und Knopf an meiner Hose, gehe zur Tür.

Die Ärztin steht neben mir, als ich nach der Türklinke greife. Sie redet. Ich schaue ihr in die Augen. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Ich öffne die Tür, durchquere den Flur, öffne die Praxistür, betrete den Bürgersteig über die zwei abgerundeten Steinstufen.

Ich habe mein Baby mitgenommen. Es ist, als hätte ich es beinahe in der Praxis, auf der Liege verloren. Als hätte ich es vorübergehend aus meinem Bauch geholt und abgelegt, um mich untersuchen zu lassen, und als hätte ich es dann beinahe nicht wieder mitgenommen.

Erleichtert stelle ich fest, dass ich es bei mir habe. Es hat seinen Herzschlag verloren. Aber es ist in mir. Wir sind verbunden. Ich laufe den Bürgersteig entlang, und ich habe mein Baby in mir.

Schritt für Schritt bahne ich mir einen Weg durch die Innenstadt. Vorbei an Menschen, Geschäften, Geräuschen. Bewegungen. Achtsam trage ich mein totes Baby. In die Einsamkeit. Stundenlang. Mein Baby ist in meinem unscheinbaren Schwangerschaftsbauch, und meine Beine sind so erschöpft, dass ich nicht mehr weiß, wie ich die Schritte bewältige. Sie bewältigen mich. Ich laufe durch den Park, der mir fremd ist, und ich bleibe stehen und weine. Nachdem ich mich so darauf konzentriert habe, mein totes Baby nicht zu verlieren, verliere ich mich selbst zwischen den Rissen dieses asphaltierten Wegs in diesem Park. Vor einem Fliederbusch.

Ich verharre und weine. Ich habe keine Ahnung, wie das hier weitergeht mit mir. Kann mich jemand hören? Jemand sehen? Ist hier jemand außer mir und meinem toten Baby? Plötzlich verstummt mein Weinen. Ich habe keine Kontrolle mehr. Es setzt abrupt aus. Ich gehe weiter. Setze Schritt für Schritt voreinander. Im Gleichklang mit der Erschöpfung. Bis ich erneut stehen bleibe. Und wie ein Würgereiz presst sich neues Weinen tief aus mir heraus. Ich krümme mich. Ich fühle mich dieser Anstrengung nicht gewachsen. Ich schaue mir von außen zu und höre das Weinen. Ich denke an mein totes Baby, das geborgen in seinem warmen Fruchtwasser schwimmt, und suche einen Zugang zu dem, was ist.

Auf den ersten Blick erkenne ich sie nicht, da sie so zahlreich sind, dass sie wirken wie gleichmäßig verteilte Blätter des Baums auf der anderen Seite des asphaltierten Wegs. Jetzt aber fliegen einige auf, und ich nehme diese kleinen Bewegungen wahr. Und den Klang. Plötzlich flirrt die ganze Luft vor Klang. Sanfte, starke Töne, die bis tief in mich hinein reichen. Ich höre sie jetzt von allen Seiten, und automatisch bewege ich den Kopf in verschiedene Richtungen, um zu schauen, woher sie kommen. Überall sind winzige Wesen in der Luft, die sich wie ein Schwarm vom Baum gelöst haben und nun mich umgeben. Ich versuche sie anzuschauen, zu verstehen, was sie sind, doch obwohl sie direkt um mich, direkt vor mir sind, kriege ich keine Vorstellung. Sie bestehen aus Licht und Klang. Sie erreichen mich weit in mir. Weit über mein Baby hinaus. Auf einer Ebene, die alles ist. Meine Erschöpfung wird einen Hauch heller, plötzlich gibt es Wärme, die mir durch den Körper fließt. Mein Baby umfließt. Zu mir durchdringt. Mich berührt. Mich umhüllt.

Das Flirren legt sich wie eine sanfte Schicht in mich, auf mich, um mein Baby. Ich fühle mich wund und verletzt. Leere. So viel Leere. Verzweiflung. Und jetzt diese Schicht aus Flirren. Trost. Trost aus Licht und Klang. Zaghaft. Leise. Umfassend. Ich übergebe ihm einen Teil meiner Erschöpfung, meiner Trauer. Ich übergebe ihm meine Angst, dass ich mein totes Baby verlieren könnte. Ich vertraue ihm mein Baby an. Ich lasse los. Und atme. Weine. Schritt für Schritt gehe ich. Teile meine Last, und umhüllt von Licht und Klang begleiten die flirrenden Wesen mich auf meinem Weg. Helfen tragen. Aushalten. Ich habe mein Baby bei mir. Und lasse los. Um nach Hause zu finden. Die Stille, den Schmerz. Und irgendwann Trauern zu lernen.

© Mirjam Sarrazin

Trauerweide

Weidenbaum mit im Wasser hängenden Ästen

Ich pflanze eine Trauerweide und gieße sie mit Trauerwasser. Als die Sonne übergeht in den Abend, ist sie zu einem starken Baum mit breiten Wurzeln gewachsen. Mit solch tiefer Trauer, dass die Äste eine Höhle bilden. Ich beziehe sie und richte mich ein. Wie eine weiche Hülle umfängt sie mich.

Beschützt von diesem Mantel aus schummrigem Licht bin ich umgeben von schillernden Lichtspektren in Grün. Die schmalen Blätter rascheln im Wind. Ich dekoriere mit Bildern meiner Trauer, hänge sie mit flattrigen Fäden an die feinen Äste und betrachte, wie sie tanzen.

Die Sonne geht unter. Ich lege mich auf den Boden aus Laub und Moos, atme tief in meinen Bauch, der jetzt Trauer ist und Weide und schaue, wie das Grün zur Nacht wird. Ich schließe meine Augen, schlafe ein und träume von der Eidechse, die kommen und ein Nest bauen wird in meiner Weide. Aus Trauer.

© Mirjam Sarrazin

Buchstaben tauschen

Sonne versinkt orange rot im Meer

Habt ihr schon einmal einen Buchstaben in Worten ausgetauscht? Ist euch aufgefallen, wie klein und unscheinbar diese Veränderung auf den ersten Blick ist und wie groß die Wirkung auf den Zweiten?

Ich habe letztes Jahr im Sommer damit angefangen. Es war ein heißer Sommer, und ich verbrachte zwei Wochen in einer kleinen Ferienwohnung am Strand. Allein. Ich gönnte mir diese Auszeit von dem Trubel zu Hause, und ich hatte mir vorgenommen, meditieren zu lernen. Viele Stunden am Tag saß ich auf dem kleinen Balkon meiner Unterkunft und schaute auf den weiten Strand und das meist unruhige Meer. Ich beobachtete die Kinder, die Räder schlugen, Hunde, die den Schaumkronen hinterherjagten, und Joggende, die vor Energie strotzten. Möwen lachten und stritten um die Essensreste der Touris. Ich habe in den zwei Wochen nicht herausfinden können, wo die Möwen herkamen. Sobald der Strand sich leerte und die Sonne sank, tauchten sie wie aus dem Nichts auf. Ich genoss dieses Schauspiel. Wie sie kamen, alles einnahmen, laut und unübersehbar waren. Wie sie so schwerelos am Himmel kreisten, dem Toben des Wassers widerstanden und sich treiben ließen auf den Wellen. Ich fühlte mich leicht in diesen Momenten. Unbeschwert. Vielleicht hatten sie dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit, das mir fehlte im Alltag. Sie hatten die Selbstsicherheit, die ich mir wünschte zu Hause, um auf den Tisch hauen und meine Meinung sagen zu können. Um Entscheidungen zu treffen. Um mir etwas zuzutrauen. Wie diesen Urlaub. Diese zwei Wochen. Von denen ich seit Jahren träumte. Und immer war etwas wichtiger gewesen. Meinem Mann war immer etwas wichtiger gewesen. Und mir war immer wichtiger gewesen, was ihm wichtiger gewesen war. Um dieses Herzrasen zu vermeiden. Diese Anspannung im Bauch.

Diese Löwen waren einfach da. Und ihnen beim Fliegen und Einnehmen zuzusehen, verlieh mir eine tiefe, innere Ruhe. Als teilten sie ihre Kraft mit mir.

Ich weiß nicht, ob ich meditieren gelernt habe in diesen zwei Wochen. Ich hatte viel über Achtsamkeit gelesen und mit Bekannten über Meditation gesprochen. Diese Vorbereitungen waren wichtig für mich gewesen. Sie hatten mir Mut gemacht. Ich fuhr in den Urlaub, um meditieren zu lernen. Das war ein konkreter Plan, an dem ich mich festhalten konnte.

Ich hatte mir so ein kleines, rundes Kissen gekauft und war damit am ersten und am zweiten Urlaubstag durch meine Ferienwohnung getapst, um einen passenden Ort für mich zu finden. Mehrmals. Jeder Versuch endete auf dem Balkon. Dort fühlte ich mich wohl, und es war zu eng für das Kissen. Mir hatte das gefallen, als ich noch zu Hause gelesen hatte, dass Meditation nicht zwangsläufig einen festen Ort braucht. Nur Ruhe. Und diese Achtsamkeit mit sich. Dass es schon ein erster Schritt wäre, eine Tasse Tee bewusst und in Ruhe zu trinken und eine dieser kleinen Atemübungen zu machen. Ich trank also meine Tasse Tee in Ruhe auf dem Stuhl auf dem Balkon, schaute den abendlichen Löwen zu und atmete und zählte und kam durcheinander. Ich fing nicht von vorne an. Ich versuchte es am nächsten Tag wieder. Mit der Zeit entwickelte sich in mir ein Zusammenspiel der Löwen, meinem Tee und dem Atmen. Am Ende der ersten Urlaubswoche gehörten diese drei Wahrnehmungsmomente für mich zusammen. Es wurde ein Ritual. Verlässlich. Es entspannte mich. Ich dachte jetzt weniger an die Kinder, die parallel Urlaub bei meiner Schwester machten, weniger an meinen Mann. Und weniger an die Wut, die zu Hause mit uns wohnte. Und keinen Platz fand. Immer überall und doch vollkommen haltlos. Ständig wegorganisierte wurde, durchstrukturiert. In Terminplanern, Apps und Meetings. Zwischen Hausaufgaben und Einkaufslisten. In die Nische zwischen Waschmaschine und Trockner gestopft. Ins Geschäftsauto meines Mannes, auf diesen Reisen, die er machte. Ich dachte nicht mehr daran, wie er die Wut zunächst nicht wieder mitbrachte. Zunächst alleine zurück kam. Zufriedener, ausgeglichener, wie ausgeleert. Und ich die Anspannung in meinem Bauch ignorierte. Weil ich meinen Mann wieder hatte. Kurz. Und wie sie uns jedes Mal wieder fand. Bis es knallte. Und da die Gewalt war. Seine. Und meine Scham. Am Ende.

Die Löwen flogen und lachten, und immer wieder beobachtete ich Spaziergänger*innen, die den Strand eilig verließen, weil ihnen die Tiere unheimlich, zu ungestüm, zu viele wurden. Versank die Sonne endgültig, verschwanden die Löwen genauso schnell, wie sie gekommen waren. Und hinterließen diesen Zauber in mir.

Der Strand wirkte ausgestorben. Es wurde kühler. Ich stand auf, seufzte tief, warf einen Blick in den dunklen Himmel und stellte meine Tasse mit dem letzten Schluck See in der kleinen Kochnische ab.

Ich machte einmal am Tag einen mehrstündigen Spaziergang. Ich fuhr dreimal einkaufen in den zwei Wochen und das dritte Mal nur, weil ich nicht daran gedacht hatte, neuen See zu kaufen. Ansonsten saß ich auf dem Balkon. Schaute. Las hin und wieder in dem Roman, den ich mitgenommen hatte, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich wartete auf die Löwen. Auf meinen See und auf das Atmen am Abend.

Das neu gekaufte, runde Kissen hatte ich liebevoll auf den Küchentisch gelegt, den ich keinmal benutzte während meines Aufenthalts, da ich auf dem Balkon aß. Ich hatte das Kissen mit Muscheln verziert, die ich von einem meiner Spaziergänge mitgenommen hatte. Mir gefiel dieses Stillleben. Jetzt, nachdem ich mir den Balkon für mich als Meditationsort ausgesucht hatte, verstand ich es als Symbol für meine Vorstellung von Meditation und Achtsamkeit, so wie sie gewesen war, bevor ich in diesen Urlaub aufgebrochen war. Für meinen Mut, aufzubrechen.

Ich saß auf meinem Balkon, atmete und warf zwischendurch einen Blick zum Tisch mit dem Kissen darauf und spürte, dass das Aufbrechen, das alleine Losfahren etwas in Gang gesetzt hatten in mir. Auch dass ich mir diesen Balkon und diese Momente am Abend angeeignet hatte. Für mich. Als meine eigenen. Es war wie ein leichtes Kitzeln im Inneren, eine winzige Bewegung, die sich für einen Moment ausdehnte, sobald ich mein abendliches Ritual begann. Wie eine gemächliche Welle überschwemmte das Gefühl lebendiger Wärme meinen Körper und zog sich so wie die Löwen nach Sonnenuntergang wieder zurück. Die Erinnerung daran aber blieb und verstärkte sich mit jedem Urlaubsabend.

Am Ende der zwei Wochen spielte es keine Rolle mehr, welche Sorte See ich trank und dass sie meinen Lieblingssee in dem kleinen Dorfladen nicht gehabt hatten. Es war dieses wohlige Fließen durch den Körper. Es war das tiefe Ausatmen nach dem ersten Schluck. Es war so eine Ahnung von Weite, von Hoffnung, von Möglichkeiten, von Tiefe, die ich schmeckte und die sich in mir festsetzten.

Als ich Abschied nahm und packte, entschied ich, mein Wissen in der Ferienwohnung liegen zu lassen. Genauso, wie es all die Tage dort gelegen hatte. Auf dem Tisch, bedeckt von Muscheln.

Ich brauchte dieses Wissen nicht mehr. Ich hatte etwas Eigenes entwickelt, einen Zauber zwischen Löwen, See und Atmen. Und einen Anker geworfen in mir.

Auf der Rückfahrt traf ich eine Entscheidung. Ich dachte an die Löwen, die jetzt bald den Strand einnehmen würden, ohne dass ich dabei sein würde. Und an die noch fast volle Packung See, die in meiner Tasche steckte.

Ob schon jemand Neues in die Ferienwohnung gezogen war? Wer wohl mein Wissen gefunden hatte? Und ob es nützlich sein könnte für diese Person? Vielleicht würde es auch bei ihr eine kleine Bewegung in Gang setzen, dachte ich und machte ein paar bewusste Atemzüge, bevor ich die Ausfahrt nahm und in die Straße meiner Schwester einbog.

© Mirjam Sarrazin

Die Geschichte der Teller

Laufender Wasserhahn vor blauen Kacheln

Als ich an dich denke, wird mir erst warm und dann kalt. Ich ziehe mir das leichte Baumwolljäckchen über, das achtlos im Flur über dem Haken hängt, und stehe kurz auf der Terrasse. Beiläufig grüßt der Nachbar aus dem Garten. Ich nicke ihm ohne Lächeln zu, und sein Kind springt ins Planschbecken. Es ist 21 Uhr, und das Nachbarskind badet im Planschbecken, und mir ist kalt. Ich ziehe das Baumwolljäckchen enger um mich, gehe ins Haus, schließe erst die Terrassentür und dann den blauen Vorhang.

Ich verschließe die Haustür und in der Küche das Fenster.

Auf dem Sofa wickele ich mich in die Wolldecke, finde keine Ruhe und wickele mich aus. Ich ziehe Wollsocken über und den dicken Pullover mit der Kapuze, den du über den Stuhl gelegt hast, als du gestern Abend von der Arbeit nach Hause gekommen bist.

Dieses Haus hat sich zu einem Nichts verwandelt.

Ich kann nichts spüren, nichts mit mir anfangen, und nichts wärmt. Oder kühlt. Je nach Ausgangslage. Wahllos stromere ich durch die Räume.

Ich öffne den Karton mit den Tellern, der im Wohnzimmer in der Ecke steht, weil wir uns die Teller anschauen wollten. Nichts interessiert mich jetzt an den Tellern. Ich nehme sie, weil sie dort stehen, und weil sie ein kleines bisschen etwas zu tun sind, und ein kleines bisschen Etwas ist besser als dieses große Nichts.

Nach und nach verteile ich die Teller im Haus. Verkehrt herum. Sie liegen auf dem Tisch, auf dem Sofa, auf dem Bett, auf dem Klodeckel, auf deinem Plattenspieler, auf meinem Lieblingshocker, im Spülbecken, irgendwann überall. Auf ihren Rücken stehen Worte in unterschiedlichen Handschriften.

Dort steht „Liebe, Liebe und Liebe“ und „Ein Leben voller Wunder“ oder „Auf dass ihr den gemeinsamen Weg nicht verlassen möget“.

Dort steht auch „Es ist, wie es ist“ und „Gemeinsam Muscheln pflücken am Strand“.

Ich lese „Alles Glück für das Leben zu zweit“.

Es gibt längere Texte, in denen Morgenroth oder Gibran zitiert werden, und Sätze, die ich aus Poesiealben kenne.

Manches reimt sich.

Manchmal gibt es einzelne Worte. „Zufriedenheit“ oder „Familie“.

Und auf dem Klodeckel liegt „Geborgenheit“.

Einmal taucht auch Gott auf und ein Segen mit Gott. Ein Teller hat keine Worte, sondern eine gemalte Sonne. Ein anderer zeigt eine Kinderzeichnung.

Während ich durch die Wohnung gehe und die Teller betrachte, werden die Bilder unseres Abends vor vielen Jahren wach. Es war warm. Es war Sommer, und wir hatten im Biergarten zu viel getrunken. Du Wein, ich Bier. Die Welt gehörte uns, und wir unterhielten uns auf dem Nachhauseweg darüber, dass wir nicht verstehen konnten, dass die Menschen nicht öfter sangen. Du machtest eine wissenschaftliche Abhandlung daraus, und wenn du einen Satz beendet hattest, sang ich ein paar Takte.

Den Karton fanden wir vor dem Haus, in dem auch der kleine Bioladen untergebracht war, in den wir nicht gingen, weil wir die Verkäufer*innen nicht mochten. Sie hatten einiges für den Sperrmüll zusammengestellt. Wir stöberten und sangen, und du sagtest, dass die Menschen nicht sangen, weil sie dann enthemmt seien, und das die Welt ins Wanken brächte. Du brachtest Quellenangaben, und ich öffnete den Karton, und der Ton, den ich sang, rutschte eine Oktave höher im Abgang. „Hui“, sagte ich. „Holla“, erwidertest du.

Wir waren beide erst vor kurzem aus dem Elternhaus aus- und in unsere gemeinsame Wohnung eingezogen, und es fehlte noch vieles. Vor allem Teller. Und hier waren sie, in Massen!

Wir trugen den Karton bis nach Hause. Fast zwei Kilometer weit durch die Straßen. An diesem warmen Sommerabend mit viel Alkohol im Blut, und nun warst du es, der sang, und ich erzählte dir von den zukünftigen Speisen auf den Tellern, und es ging kein einziger Teller zu Bruch.

Am nächsten Tag entdeckten wir die Worte auf den Tellerrücken. Wir lasen sie uns vor und freuten uns. Wir beschlossen, diese Teller für das Festmahl aufzubewahren, sollten wir einmal heiraten. Zum täglichen Gebrauch kauften wir uns zwei braune Ikea Sets. Das kam uns alltagstauglicher vor.

Seitdem war der Karton verschlossen geblieben, bis ich ihn nun ausgepackt hatte. „Alles Liebe zur Hochzeit“, lese ich auf dem Teller, der mit dem Bauch nach unten auf dem Küchenregal liegt, und dann merke ich, dass ich lächele.

Und feuchte Augen bekomme.

Wegen dir.

Jetzt bist du weg. Für immer. Und wir haben die Teller nie benutzt.

Sie haben achtlos im Karton gelegen und darauf gewartet, dass wir heiraten. Und sie glänzen würden. Wir haben nicht geheiratet. Wir haben niemanden eingeladen, der von diesen Tellern essen würde, keinen Raum gemietet, in dem sie liegen würden, kein Buffett bestellt, um sie zu füllen. Du hast nicht einmal eine Rede vorbereitet, obwohl du das zu jeder Gelegenheit getan hast. Wir haben keine Hochzeitsreise gemacht, nicht darüber geseufzt, wo wir mit all den Geschenken hinsollen. Wir haben uns nicht im Familienstammbaum deiner Familie eintragen lassen. Wir haben keine Kinder bekommen, nicht einmal welche geplant, und diese Einsicht überkommt mich jetzt in diesem Moment wie eine tiefe Verzweiflung.

Ich irre durch das Haus. Durch unser Haus, das wir nicht gekauft haben und dessen Miete ich jetzt alleine zahlen muss. Oder eben ausziehen. So hast du das heute Nacht zu mir gesagt, nachdem du mir das Schreckliche eröffnet hast, das, was ich nicht denken möchte, und das zu diesem zersplitternden Schweigen bei mir führte, dieser Sprachlosigkeit zum Zerplatzen. Bevor ich dann wahllos Sätze gesagt habe, die mir seit gestern Nacht und diesen unendlich zähen Tag lang heute wie groteske Fratzen durch den Kopf spuken. „Wie soll das denn mit dem Spieleabend morgen bei Henrike laufen? Und wer füttert denn dann morgens die Katze? Und wenn du mich jetzt hier alleine lässt, was soll ich denn dann machen? Was denken denn die Nachbarn? Du wolltest doch die Fenster putzen. Wann machst du das denn dann? Und was ist denn, wenn ich die Miete gar nicht alleine zahlen kann? Da muss ich ja mehr Stunden machen.“

„Oder eben ausziehen“, hast du zu mir gesagt. Einfach so.

Aus diesem Haus, in das wir vor zwei Monaten gezogen sind, in dessen Abstellraum wir diesen Karton mit den Tellern geschleppt haben. Für die Hochzeit, die wir in Ruhe angehen lassen wollten. Erstmal das Haus. Und Urlaub. Dann mal schauen.

Ich konzentriere mich auf die Teller. Ich gehe durchs Haus und fasse sie alle an, fahre ihnen um die Ränder, rieche an ihnen. Was wohl von ihnen gegessen wurde? Wer sie in den Karton gepackt hat? Während ich durch das Haus laufe und die Teller betaste, öffne ich alle Wasserhähne. Das Rauschen des Wassers beruhigt mich. Es wirkt lebendig. Du bist weg. Ich bin hier alleine mit diesen Tellern. Und dem fließenden Wasser. Ich werde es laufen lassen bis ich eine Lösung für mich gefunden habe. Irgendeine Beruhigung. Oder du wieder kommst. Was du nicht tun wirst. Seit sechs Monaten gehe das schon, hast du in dich hinein genuschelt gestern Nacht. Da kommt man nicht wieder. Ich schüttele den Kopf und rede mit dem Teller, auf dessen Unterseite die Sonne gemalt wurde. „Da kommt keiner wieder.“ Sechs Monate fremdgehen und in diesen Monaten gemeinsam umziehen in ein Haus. Nur zur Miete. Jetzt verstehe ich, warum du nicht kaufen wolltest, nachdem wir aus unserer Wohnung raus mussten wegen Eigenbedarfs.

Ich heule. Ich lasse mich auf das Sofa fallen, wickele mich erneut in die Wolldecke, die deine Mutter für uns gestrickt hat. Es ist jetzt wieder mein Sofa. Weil es vorher meines war. Damals. Vor dir. Vor so unglaublich vielen Jahren. Ich heule laut. Den Teller mit der Sonne halte ich auf meinem Schoß.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn du jetzt klingeln würdest. Du würdest klingeln, obwohl du doch den Schlüssel hast. Hast du doch, oder? Hast du unseren Schlüssel noch? Du würdest klingeln, und ich würde den Teller mit der Sonne aufs Sofa legen und die Tür öffnen, und du würdest einen blöden Witz machen. So wie immer, wenn du verunsichert bist. Und es würde mich nicht ärgern, obwohl es mich meistens ärgert, weil es jetzt anders wäre. Weil du geklingelt hättest und jetzt dort stehen würdest. Und dann würdest du dieses schiefe Lächeln machen, und ich würde weinen. Und du dann auch. Und dann würdest du sagen, dass es doch alles gar nicht so sei, wie es ist. Dass wir reden müssten. Und dann würden wir reden. Auf unserem Sofa. Und du würdest dich über die Teller wundern, die alle auf dem Bauch liegen. Und über die aufgedrehten Wasserhähne. Da wärst du dann derjenige, der nicht sauer werden würde, obwohl du bei sowas sonst immer sauer wirst. Du würdest gedankenverloren den Teller mit der Sonne nehmen und auf dem Schoss halten. Und irgendwann wären wir beide so durchgeredet, dass einer von uns sagen würde: „Ich brauche jetzt Alkohol.“ Und du würdest wieder einen blöden Witz machen. Und dann würden wir Alkohol trinken. Du Wein und ich Bier und nochmal weinen. Und am Ende wäre es alles gut. Es wäre alles wieder gut. Versprochen. Wenn du jetzt klingeln würdest.

Und dann klingelt es. Mein Herz stolpert, fällt beinahe über seine eigenen Füße und kann sich dann abfangen. Ich stehe auf, lege den Teller mit der Sonne auf das Sofa und gehe zur Tür. Mir ist schummrig. Ich bin verheult. Ich halte einen Moment inne, dann öffne ich. Und trete einen Schritt zurück.

Vor der Tür stehen Menschen. Auf den ersten Blick sind es mehr als 30 und sie sind alle gestylt und halten Blumen in ihren Händen. Eine Vielzahl Augenpaare ruht erwartungsvoll auf mir. Mir direkt gegenüber steht eine Person in einem langen, braunen Mantel und einem Hut, wie er einmal Mode war. Sie öffnet den Mund, setzt zum Sprechen an. Da drängelt sich ein hagerer, großer Herr in rotem Cordanzug und Fliege an ihr vorbei, den Blick hinter mich, in mein Haus geworfen. „Da sind sie ja“, ruft er, und schon ist er an mir vorbei in meinen Flur geschlüpft. Ich will mich umdrehen, ihn zurückhalten, Fragen stellen, werde jedoch im gleichen Moment von der Menschenmenge überrannt. Sie drängen an mir vorbei ins Haus, reden und lachen, aufgeregt und erfreut. Ich stehe noch an der geöffneten Tür. Ich wische mir verstohlen mit dem rechten Ärmel Tränen und Rotz aus dem Gesicht und ziehe in Erwägung, nach oben ins Badezimmer zu schleichen, die Tür abzuschließen und mich zu waschen. Und nachzudenken. Im gleichen Moment höre ich eine tiefe Stimme aus dem ersten Stock: „Hier. Ich habe ihn gefunden. Er liegt auf dem Klodeckel.“ Und die Stimme klingt heiter und fröhlich, und es scheint um „Geborgenheit“ zu gehen.

Mir schwirrt der Kopf. Ich stehe neben der geöffneten Haustür, vor der es dunkel wird und weiß nicht, wie weiter. Um mich herum bewegen sich mir unbekannte Menschen freudig durch unser Haus. Mein Haus. Sie rufen, sie schreien, sie fallen sich in die Arme. Sie tragen die Teller durch die Räume, zeigen sie einander. Eine Person im langen, roten Abendkleid rauscht an mir vorbei aus der Tür und ruft über die Schulter zurück ins Haus: „Nun kommt schon. Alleine schaffe ich das nicht.“ Schon lösen sich weitere Personen in auffälligen Abendkleidern aus einer Traube von Leuten im Flur und folgen ihr. Schweben hinter ihr her. Lachen dabei. Es geht alles wahnsinnig schnell, so dass mir der Atem stockt. Bewusst hole ich Luft. Dann trete ich auf eine ältere Person zu, die sich auf dem 60er Jahre Sessel im Flur niedergelassen hat und ihre Waden massiert. „Entschuldigen Sie“, versuche ich es zaghaft und bin fast erschrocken, meine Stimme zu hören. „Was genau…“ Ich unterbreche mich. Mir fällt auf, dass ich gar nicht weiß, was ich fragen will. Ich fühle mich überrannt, meine Gedanken niedergetrampelt. Die Situation erscheint mir so grotesk, dass die Worte in meinem Kopf sie nicht beschreiben können. Die Person blickt mich erwartungsvoll an. Und freundlich. Offen. Das macht mir Mut. „Ich wollte eigentlich nur wissen, was Sie hier alle machen.“ Jetzt lese ich Irritation auf dem Gesicht. Sie scheint meine Frage nicht zu verstehen. Ich räuspere mich. „Ähm, ich würde gerne wissen, was Sie in meinem Haus machen?“ Ein bisschen ärgerlich werde ich jetzt schon. Was passiert hier eigentlich?

„Es ist Ihr Haus?“, fragt die Person und schaut mich wieder mit dieser hoffnungsvollen Offenheit an.

„Ja“, nicke ich.

„Wie wunderbar, Liebes.“ Nun steht sie auf, und während die Irritation sich in ihrem Gesicht zu einem glücklichen Grinsen wandelt, kommt sie nah an mich heran. Sie nimmt meine Hand. „Wir danken Dir, Liebes. Es ist uns eine Ehre, es ist eine große Freude, so eine wunderbare Gelegenheit.“ Sie drückt meine Hand überraschend fest, und dann ruft sie laut in die Menge: „Das hier, das ist die Gastgeberin. Ein Prost auf unsere Gastgeberin!“

Im nächsten Moment schauen alle zu mir, kommen Menschen aus den angrenzenden Zimmern, um einen Blick auf mich zu werfen. Einige haben bereits Gläser in den Händen. Unsere Gläser. Meine Gläser. Sie halten sie hoch. Sie rufen „Prost“ und „Auf Sie“.

Und während ich noch versuche mich zu sammeln, wieder einmal zu sammeln, rauscht die Person im roten Abendkleid an mir vorbei, dieses Mal von außen nach innen, und sie trägt eine gigantische Platte voller duftender Speisen. Ihr folgen die anderen. Mit weiteren Platten. Sie bahnen sich den Weg ins Wohnzimmer, und dort scheint bereits jemand Tische zusammen gestellt zu haben, so dass ein Buffett angerichtet wird. Während zeitgleich auf der Terrasse eine Band ihren Soundcheck beginnt.

Nach wie vor ist die Haustür geöffnet, und ich stehe erstarrt an dieser Stelle. Ich könnte gehen, der Gedanke kommt mir plötzlich. Aber auch jetzt reicht die Zeit nicht, um den Gedanken zu Ende zu denken. Der hagere, große Herr mit der Fliege taucht vor mir auf und reicht mir ein Glas mit Sekt. Mein Glas mit Sekt. Ich überlege, ob es auch mein Sekt ist oder ob er mitgebracht wurde, da hebt der Herr bereits sein Glas zum Toast, und ich spüre, wie in mir etwas runtersackt. Es ist so ein Fallenlassen. Irgendetwas plumpst. Ich verstehe nichts. Ich muss es nicht verstehen. Das wird mir klar. Und dann rückt alles um mich herum wie in weite Ferne, es wird irrelevant. Hier ist der Sekt. Hier ist der Herr, der mich anlächelt und auf Erwiderung wartet. Ich hebe das Glas, proste ihm zu und stürze den Sekt in mich hinein. Es ist nicht meiner, das weiß ich jetzt. Dieser hier ist teuer und lecker.

„Gibt es mehr?“, frage ich den Mann, und all meine Erstarrung ist verflogen. Mit einem Ruck schlage ich die Haustür zu und bahne mir den Weg zum Buffett. „Wo gibt es denn hier diesen köstlichen Sekt?“, frage ich die Herumstehenden. Eine Person mit langen Locken zeigt auf die Küche. „Getränke dort.“

Ich dränge mich in die Küche und finde Sekt und kippe ihn mir aus der Flasche in den Mund, und draußen spielt die Band einen schnellen Walzer, und jetzt erst merke ich, wie hungrig ich bin. Seit unserem angespannten Abendessen gestern habe ich nichts gegessen. Ich schiebe mich zum Buffett und suche nach Tellern. „Wo sind denn hier die Teller?“, frage ich erneut die Herumstehenden, und kurz merke ich, wie verrückt das ist, in meinem eigenen Haus nach Tellern zu fragen. Im Küchenschrank, will ich mir selber antworten, da reagiert bereits die gelockte Person. „Die Teller? Ja, haben Sie denn keinen?“

Wir schauen uns in die Augen. Es ist so skurril hier, dass ich glaube zu träumen. Mir wird das jetzt klar. Das hier, das ist wie ein Traum. Es ist echt und vollkommen abwegig zugleich. „Nein“, sage ich verwirrt: „Was meinen Sie?“

Die Person setzt zu einer Antwort an, da kommt ihr der hagere, große Mann zuvor, der von irgendwoher auftaucht. „Das hier, das ist doch unsere Gastgeberin“, belehrt er die gelockte Person und hält mir dann einen Teller vor die Nase. Es ist der Teller, auf dem das Zitat von Morgenroth geschrieben steht. „Sie kennen die Geschichte der Teller nicht?“, fragt er mich und wedelt mit seinem Teller.

Ich merke jetzt den Sekt, und dass mein Magen beständig leerer wird, und dann höre ich, wie mir der hagere Herr erzählt, dass sie alle eine Hochzeitsgesellschaft gewesen seien vor vielen Jahren. Schon Jahrzehnten, schiebt er nach. Sie seien alle befreundet gewesen mit einem Paar, das zur Hochzeit geladen hätte, und dann sei einen Tag vor der Hochzeit die Braut abgehauen. Mir nichts dir nichts abgehauen, sagt der Herr und reckt beide Hände mitsamt Teller in die Höhe.

Es habe also keine Hochzeit gegeben. Sie hätten sich dennoch getroffen, um dem Bräutigam beizustehen, und das bestellte Buffett gemeinsam zu essen. Ohne Hochzeit. Von all diesen Tellern. Denn das sei ihr Hochzeitsgeschenk gewesen. Jeder Gast habe einen Teller mit guten Wünschen beschrieben und mitgebracht. Die Brautleute hätten sich Geschirr gewünscht. Und sie hätten dann die Idee mit den Sprüchen gehabt. Und dann wäre die Hochzeit ins Wasser gefallen. Später hätte sich herausgestellt, dass die Braut mit einem anderen durchgebrannt sei. Und der Bräutigam sei alleine zurückgeblieben. Mit seinen Tellern. Sie hätten sich jedes Jahr zum Hochzeitstag, der ja kein Hochzeitstag geworden sei, zusammengefunden, mal mehr von ihnen, mal weniger. Es habe sich da so etwas Gemeinschaftliches draus ergeben. Sowas Schönes. Das sei immer ein Halt gewesen. Auch als der Bräutigam schließlich gar nicht mehr dabei gewesen sei, weil er ins Ausland gezogen sei, da hätten sie sich weiter getroffen. Allerdings ohne die Teller. Denn die habe der Bräutigam weggegeben. Das habe er so gesagt und nicht weiter darüber sprechen wollen. Abschließen habe er das genannt. Das hätten sie alle verstehen können. Und doch hätten ihnen diese Teller gefehlt. Sie hätten sie gesucht. Auf Flohmärkten, in Second Hand Läden. Das sei irgendwie ihr Symbol gewesen in den Jahren zuvor. Der Zusammenhalt. Sie seien nicht aufzufinden gewesen. Bis jetzt. „Bis jetzt hier bei Ihnen“, schließt der Herr seine Rede. „Was für ein großes Glück. Wir sind alle Teil einer Gemeinschaft, und Sie gehören jetzt dazu.“

Er schaut mich mit großen Augen an. Mir ist schwindelig. So ist das also, denke ich und verstehe überhaupt nichts mehr.

„Fein“, sage ich.

Ich höre ihn noch „Beständigkeit und Wandel“ rufen, da bin ich schon aufgestanden. Ich hole mir einen meiner braunen Teller aus dem Küchenschrank. Ich muss jetzt etwas essen. Ich belade ihn, esse neben dem Buffett im Stehen, trinke Sekt aus einer weiteren Flasche und proste dem hageren Herrn zu, der noch auf dem Sofa sitzt. „Wie schön, dass Sie Ihre Teller hier bei mir gefunden haben“, rufe ich gegen die Band an, die jetzt die Stones spielt, und dann fallen mir die Wasserhähne ein, und ich kontrolliere, ob sie noch fließen. Sie sind alle aus. Die Hochzeitsgesellschaft hat sie abgestellt, und ich drehe sie wieder auf. Es ist mein Haus. Es sind meine Hähne. Ich laufe ins Wohnzimmer, springe auf den zur Tanzfläche ernannten Hochflorteppich und tanze, indem ich meine Gliedmaßen von mir schmeiße. Wild. Unkoordiniert. Ich falle in Menschen, und zweimal lande ich auf dem Boden. Ich singe. Ich halte Reden. Die Gesellschaft ist betrunken, und ich bin es auch. Wir verstehen uns prächtig.

Als es hell wird, überkommt mich die Müdigkeit. Ich suche unser Bett, mein Bett, finde schlafende Partygäste und deinen Geruch. Ich irre weiter, kehre schließlich zurück ins Wohnzimmer und aufs Sofa und erkläre der Person neben mir, dass ich nur kurz die Augen schließen werde. „Ich muss ja dann gleich auch zur Arbeit.“

Als ich aufwache, ist alles gut. Für zwei Sekunden ist alles gut. Dann überfällt mich die Realität. Du hast mich verlassen. Du bist weg. Wie ein Schlag durchfährt mich der Schmerz. Ich liege auf dem Sofa, umklammere den Teller mit der Sonne und fühle mich verkatert, entkräftet, zerstört. Langsam setze ich mich auf, stelle mich hin. Mir tut der Körper weh. Vor der Terrassentür maunzt kläglich die Katze. Ich lasse sie rein, schlappe in die Küche, gebe ihr Futter. Laut Küchenuhr ist es Mittag. Gedankenverloren stehe ich auf dem kalten Boden. Ich weiß nichts mit mir anzufangen. Also gehe ich durchs Haus, und da liegen die Teller. Auf dem Tisch, auf dem Sofa, auf dem Bett, auf dem Klodeckel, auf deinem Plattenspieler, auf meinem Lieblingshocker, im Spülbecken, überall. Ich fasse sie an, fahre ihnen um die Ränder, rieche an ihnen. Dann fallen mir die Wasserhähne ein. Jemand hat sie abgestellt. Ich öffne alle Wasserhähne. Das Rauschen des Wassers beruhigt mich. Es wirkt lebendig. Gierig trinke ich aus jedem Einzelnen und denke an die Hochzeitsgesellschaft. Vielleicht ist es gut, dass sie da gewesen ist. Sie kommen nächstes Jahr wieder, haben sie zum Abschied gesagt. Und dann haben wir gesungen auf der Straße. Und dass ich jetzt zu ihnen gehöre, das haben sie betont, als ich geholfen habe, die leeren Buffetplatten ins Auto zu laden. Und während ich mich über die Badewanne beuge und mir das laufende Wasser mit der rechten Hand in den Mund schaufle, überkommt mich ein Funke Hoffnung. Vielleicht ist es gut, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ich denke an den hageren, großen Herrn und spüre Verbundenheit. Inmitten all dieser Teller empfinde ich Verbundenheit mit dem, was war, mit dem, was ist, und mit dem, was sein wird.

Und ich denke, vielleicht kann es einen Halt geben, ohne Dich.

© Mirjam Sarrazin

Aushalten

Junge Keimlinge, die aus Erde herausschauen

In diesem Jahr bleibt es lange kalt. Der Frühling lässt auf sich warten. Bis in den Mai läuft die Heizung, und ich friere, sobald ich meine Wohnung verlasse. Als es endlich warm wird, und im Garten der Nachbarn die Kirsche blüht, kommen die Bilder. Nun friere ich, weil die Bilder in mir sind. Sie sind überall in mir. Sie belagern mich. Ich trinke meinen Kaffee in der Sonne auf meinem noch kahlen Balkon und friere. Ich befülle meine Balkonkästen und die Tontöpfe mit der Erde, die ich seit Wochen lagere, und säe Wildblumensamen. Ich pflanze Kräuter. Ich trage meine Sonnenbrille und meine Winterjacke. Diese Bilder bedrohen mich. Ich bin überfordert. Ich wusste nicht, dass ich sie in mir habe. Ich kann das nicht einordnen. Es ist, als sei plötzlich ein dritter Arm oder ein elfter Zeh an mir gewachsen. Nach innen. Da ist etwas, das gab es vorher nicht. Und nun ist es da und gehört zu mir. Angeblich.

Ich versuche mich abzulenken. Ich gehe meinen Pflichten nach, gehe arbeiten, einkaufen, zum Sport. Ich treffe meine Freundinnen im Park und abends zum Wein trinken. Ich dusche. Ich esse. Ich esse plötzlich wieder Schokolade. Ich steige von Vollkorn- auf Weißbrot um, und zwischendurch sitze ich auf meinem Balkon, beobachte die ersten Wildblumen, die aus der Erde schauen und habe das dringende Bedürfnis zu weinen. Und kann nicht. Es ist alles erstickt in mir, erstarrt. Es steht still. Ich fühle mich plötzlich bedroht von den Bienen und deren Summen, von Marienkäfern, die auf mir landen und ihre kleinen Flügel einziehen. Mein Erleben ist verändert. Als wäre mit der Wärme eine unsichtbare Bedrohung eingetroffen.

Es sind diese Bilder. Sie zeigen dieses alte, modrige Ereignis. Sie zeigen einen alten, unangenehmen Film, in dem dieses Ich zu sehen ist. Als es jünger war. Sie zeigen Unaussprechliches. Ich kann es nicht beschreiben. Für mich ist es nicht zu beschreiben. Ich spüre, dass ich einen Kurs zu Kreativem Schreiben bräuchte, um diese Bilder beschreiben zu lernen. Damit bin ich überfordert. Ich hatte dieses Ereignis vergessen. Ich wusste nichts mehr davon.

Über die Tage wandelt sich meine Irritation in Verzweiflung. Ich verstehe das nicht. Ich kann mich nicht einordnen, kann nicht einordnen, was hier passiert. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, mache Fehler auf der Arbeit, die ich nicht einmal bereue und die mir Ärger einbringen, den ich nicht aushalte. Ich melde mich krank, obwohl ich es nicht bin. Ich fühle nichts mehr. Plötzlich spüre ich nur Leere und empfinde diese Beschreibung als abwegig, denn es ist kein Spüren. Es ist Leere. Und Verzweiflung. Es ist als würden mich Holzwürmer innerlich aushöhlen. So ein ganz allmählicher Zusammenbruch. Während draußen aus dem Frühling ein Sommer wird.

Ich gieße meine Balkonkästen. Weitestgehend halte ich meinen Alltag aufrecht. Meine Freundinnen fragen, was los sei mit mir, und da ich es nicht weiß, sage ich, ich weiß es nicht, und dann lassen sie das Fragen. Auch das kann ich nicht einordnen. Dass sie es dabei belassen.

Die Wildblumen blühen. Die Kräuter duften. Es ist ein Sommerbalkon geworden. Ohne mich.

Ich sitze und trage meine Sonnenbrille und meine Winterjacke und halte das alles nicht aus.

Ich schlafe nicht mehr, bin fahrig, lustlos, versetze meine Freundinnen. Es gibt Tage, an denen fühlt sich jeder einzelne Schritt unmachbar an. Ich habe keine Kraft. Manchmal fange ich zu zittern an und lasse meine Einkäufe mit dem Einkaufswagen im Laden stehen, um nach draußen zu hetzen, an die frische Luft zu kommen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken.

Ich lese Murakami, und das geht manchmal gut. Die ritualisierten Tagesabläufe, die er beschreibt, das Zubereiten der Speisen, diese Monde schaffen mir eine Befriedigung, eine Beruhigung. Murakami könnte mir meine Bilder aufarbeiten, zubereiten wie eine aufwendig gekochte Miso Suppe. Er könnte aus meinen Bildern einen Roman machen. Ich könnte ihn lesen, von außen darauf blicken und mich an den Rahmen schaffenden Tagesabläufen und zwischenmenschlichen Begegnungen festhalten dabei. So könnte ich es aushalten. Mich aushalten. Diese Gefühle aushalten. Und plötzlich wird mir klar, dass es das ist, worum es geht. Um das Aushalten. Ich stelle fest, dass Aushalten ein Fulltimejob ist. Es ist nichts, was nebenbei erledigt werden kann. Es ist nichts, was verdrängt werden kann, nichts, wovon man sich ablenken kann. Es rächt sich. Es ist eine genauso wichtige Aufgabe der menschlichen Existenz wie das Zubereiten von Nahrung, das Essen, das Erschaffen eines Tagesablaufs. Es braucht volle Konzentration.

Ich muss diese Bilder aushalten. Und die Gefühle, die sie mitbringen.

Ich habe keine Wahl. Sie verschwinden nicht.

Ich kann eine Entscheidung treffen. Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führt. Ob es wieder besser wird. Mir fehlt jegliche Vorstellung davon, wie es sein wird, wenn ich diese Bilder aushalte. Mich dem stelle. Sie halte. Aushalte.

Ich sitze auf meinem Sommerbalkon und schaue mir das erste Mal die Blüten an, die gewachsen sind. Kunterbunt. Ich erinnere mich an die vielen kalten Wochen, in denen ich auf die Wärme gewartet habe. In denen der Sack Blumenerde unausgepackt in der Ecke gestanden hat. Ich wusste, es würde warm werden. Irgendwann würde der Frühling kommen. Ich wusste, ich würde die Erde irgendwann benutzen, und es würden Blumen wachsen auf meinem Balkon.

Wenn ich anfange, diese Bilder auszuhalten, die Gefühle, was wird passieren? Wie wird es sein in einigen Wochen mit mir? Wird etwas daraus wachsen? Erwachsen? Ich weiß es nicht. Es ist neu für mich. Ich kenne das nicht. Wissen die Samen, dass sie blühen werden, während sie in der Erde liegen und auf das Wachsen warten? Warten sie?

Ich spüre nach innen. Ich spüre diesen Druck im Bauch, der mich seit Wochen begleitet und mir die Energie nimmt. Ich spüre diese Trauer, die irgendwo festsitzt. Ich spüre Schrecken. Ich spüre die Erschöpfung. Ich stelle mir meinen Körper wie ein Gefäß gefüllt mit Erde vor. Ich schaue mir die Balkonblumen an und wähle die Schönsten, die Strahlensten. Deren Samen nehme ich zwischen die Finger. Sie sind winzig klein, und es steckt viel Kraft darin. Ich verteile sie überall in der Erde in meinem Körper. Mit den Händen bedecke ich die Samen leicht mit Erde, und dann hole ich meine Gießkanne, lasse warmes Wasser einlaufen, weil ich friere, und gieße all die Samen. Ich spüre, wie das Wasser über mich fließt, in mich fließt. Wie es die Samen erreicht. Die überall liegen und warten. Die aushalten. Dass es dauert, bis sie sprießen. Dass es Zeit braucht, Geduld, Wasser und Wärme. Es braucht gute Pflege.

Aus meinem „Ich halte das nicht aus“ wird ein Aushalten. Mein Körper wird der Lebensraum für unzählige Samen, und es braucht Energie, um diesen eine Basis zu bieten, damit sie wachsen können. Wenn ich mal wieder meine Einkäufe im Supermarkt liegen lasse und die Flucht ergreife, ärgere ich mich nur noch kurz und werfe dann einen Blick nach innen, auf meine Samen. Sie benötigen volle Aufmerksamkeit.

Wenn meine Freudinnen fragen, was mit mir sei, dann antworte ich jetzt nicht mehr „Ich weiß es nicht.“ Ich sage „Da passiert was in meinem Inneren, da wächst vielleicht was. Ich habe keine Ahnung, wohin es geht und es zieht viel Energie, aber ich halte das aus. Ich habe Geduld.“ Und dabei denke ich an die Samen und daran, dass ich heute Morgen die ersten kleinen Knospen entdeckt habe. Im rechten Oberschenkel und in der linken Armbeuge. Die Samen entwickeln sich.

Meine Bilder sind auch noch da. Bedeckt von Blumenerde, in der Samen sprießen. Ich schaue sie mir nicht so genau an. Ich glaube, darum geht es gar nicht. Ich glaube es geht darum, die Gefühle auszuhalten, die sie mitgebracht haben.

Wenn es Ärger gibt auf der Arbeit, entschuldige ich mich: „Ja, es tut mir leid. Ich bin im Moment manchmal unkonzentriert. In mir entwickelt sich etwas.“ Das sage ich so und während ich an meine Samen denke, fühlt es sich stimmig an.

Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat mit meinen Bildern. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wie ich das mache mit diesen Gefühlen. Aber ich weiß, dass jetzt die ersten Blumen sprießen aus meinen Samen, und dass Aushalten ein Prozess ist. Und dass ich jetzt manchmal wieder im T-Shirt auf dem Balkon sitzen kann, während aus dem Sommer langsam der Herbst wird. Ich habe bei einer Beratungsstelle angerufen und stehe auf der Warteliste. Ich glaube, es könnte gut sein, mit jemandem über meine Samen zu sprechen. Und was ich aus den Blumen machen könnte, die aus ihnen wachsen und bald in voller Blüte stehen werden.

© Mirjam Sarrazin