Anleitung für das Auffinden von Holzkästchen

aufgeklapptes Holzkästchen liegt auf dem Bürgersteig

Es ist ja so. Sobald er eines findet, nutzt er es. Er denkt nicht darüber nach. Er unterbricht seine Tätigkeit. Sein Spazieren, Eilen, Unterwegs Sein, Schlendern, Telefonieren, Quatschen. Unterbricht es umgehend und wendet sich dem Fundstück zu. Ebendies ist Schritt Nummer Eins. Wie könnte es anders sein: Niemals zweifeln! Handeln! Hin zum Kästchen! Das ist wesentlich.

Meist finden die Kästchen sich auf dem Boden. Ob Laub, Erde, Stein, Straße, Teer, Fußweg, Brücke, Zuwegung, Schienen, Wald: Nebensache. Relevant ist der Ort. Boden. Er bückt sich also. Er muss sich bücken, um an das Kästchen heran zu kommen. Ausnahme gab es einmal. Als er im Park auf einem ausgebreiteten Handtuch lag und in der Abendsonne schlief. Er wurde wach und eins lag neben ihm. Er musste sich nicht bücken, lediglich zur Seite rollen. Da erreichte er es und konnte es zu sich heranziehen. Schritt Nummer zwei also ist bücken. (Ausnahmen siehe oben.)

Er bückt sich und er nimmt das Kästchen an sich. Nachdem Schritt Nummer eins der wichtigste ist (ohne Schritt Nummer eins sind die Folgeschritte nichts wert und es kann nicht zielführend gehandelt werden) ist Schritt Nummer drei der schwierigste. Die Handbewegung ist einfach. Ausfahren, öffnen, greifen, halten, heranziehen. Die Überwindung aber ist groß. Malen wir uns zum Beispiel aus, das Kästchen liegt mitten auf Gleis Zwei des Bahnhofs inmitten von Unmengen an ungeduldigen Fahrgästen. Es wird entdeckt und es muss sich vorbei gedrängelt werden und gebückt. Und dann also so ein herunter gekommenes Kästchen greifen und aufnehmen und zu sich holen. Mit all diesen Blicken. Er macht das mit links. Sowohl tatsächlich als auch sprichwörtlich. Er ist so geübt, er macht es einfach. Aber für Leute, die anfangen, ist es eine Überwindung. Schritt Nummer drei können wir also getrost folgendermaßen benennen: Sich überwinden. (Und das Kästchen an sich nehmen.)

Und nun kommen wir bereits zum letzten Schritt. Wir erinnern uns: Er hat das Kästchen gefunden, sofort seine Tätigkeit unterbrochen, gehandelt (Schritt Nummer eins), sich gebückt (Schritt Nummer zwei (Ausnahmen siehe oben.)), sich überwunden (schritt Nummer drei – schwer!) und nun macht er, was alle machen: Augen schließen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Sie wissen schon. Nennen wir es wie es ist: Schritt Nummer vier ist: Sie wissen schon.

Natürlich ist dieser Schritt in der Vorstellung der schwierigste und doch kann ich versichern, dass er in der realen Durchführung ein Eigenläufer ist. Es bedarf keinerlei Anstrengung und wir können getrost bei der Zuschreibung „am schwierigsten“ für Schritt Nummer drei bleiben. Er kann ganze Lieder davon singen und macht es nicht, da er nie singt. Schritt Nummer vier passiert von selbst. Sobald sich überwunden wurde und das Kästchen an sich genommen wurde, geschieht Schritt vier. Wie von Zauberhand. Er hat versucht, die Augen während Schritt Nummer vier offen zu lassen. Völlig aussichtslos. Was ok ist. Es ist ja alles ok auf diesem Weg der hier gegangen und in dieser Anleitung beschrieben wird. Es ist möglich, Schritt Nummer vier über Stunden hinaus zu zögern. Sogar über Wochen, Monate und Jahre. Ganze Leben bestehen daraus, andere Dinge zu finden. Denn selbstverständlich ist auch das möglich. Andere Dinge finden außer Holzkästchen. Wir verweisen an dieser Stelle auf die entsprechenden Gebrauchsanleitungen.

Sehen wir uns das kurz näher an und erneut auf Gleis zwei um. Es wurde sich überwunden trotz der allgemeinen, bedrückenden Atmosphäre, das Kästchen wurde aufgehoben und nun haben wir es hier mit einer findenden Person zu tun, die sich Zeit lässt. Die so eine strukturelle Grundunsicherheit mit sich herum trägt. Durch Supermärkte, Arbeitsplätze, Innenstädte und zwischenmenschliche Beziehungen. Und nun also diese Begegnung mit dem Holzkästchen und es ist eine Wonne zu erleben, dass sie Schritt eins bis drei befolgt hat und nun bei Schritt Nummer vier angekommen ist. Und vielleicht ist genau das der Knackpunkt, dieser Realisationsmoment. Ein Realisieren von Handlungsabläufen und neuen Erfahrungswerten. Und obwohl diese Person diesen inneren Drang spürt, zögert sie Schritt Nummer vier heraus. Er würde ihr das gerne erleichtern. Er würde ihr gerne sagen: „Am besten gleich hier auf dem Bahnsteig erledigen. Denn wenn Sie drin sind, sind Sie drin!“ Aber er ist ja nicht anwesend. Und diese Person steht also inmitten von ungeduldiger Szenerie auf dem Bahnsteig, mit dem Kästchen und plötzlich wird ihr bewusst, was sie getan hat. Sich überwunden. Nach dem Bücken und dem Unterbrechen. Und das ist dann eine Überforderung. Da stopft sie das Kästchen in die Umhängetasche, die sie trägt und die prall gefüllt ist für diesen Wochenendtrip, den sie gerade unternimmt. Und sie besteigt den verspäteten Zug, streitet sich um einen doppelt reservierten Sitzplatz, triumphiert und der Gedanke, der begleitet: „Jetzt ist nicht der richtige Moment für Holzkästchen.“ Diese Person hat Ängste wie wir alle und die irritieren manchmal im Umgang mit Holzkästchen. Deshalb geben wir Ihnen diese Anleitung an die Hand.

Und er würde ja gerne sagen: „Doch doch. Immer der richtige Moment!“ Und ihr sanft auf die Schulter klopfen. So ein Klopfen wie dieses beruhigende auf den Rücken Klopfen, wenn wir einen Säugling halten: „Es ist immer der richtige Moment. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt.“ Und der Säugling wüsste das. Über Kinder und Kästchen brauchen wir ja gar nicht reden. Das sind so eingespielte Teams, das wir beinahe nicht unterscheiden können, wer ist das Kästchen und wer das Kind. Aber diese Person in diesem Zug, die könnte etwas Schulterklopfen gebrauchen. Er ist nicht vor Ort. Das Kästchen bleibt wo es ist.

Und schließlich steigt diese Person aus dem Zug aus, nach zwei Stunden und 43 Minuten Fahrt plus 13 Minuten Verspätung und fällt einer nahestehenden Person in die Arme. Und ich denke, jetzt wird klar, wie die Geschichte an dieser Stelle weitergehen würde. Viel zu lang für so eine Gebrauchsanleitung. Und das Kästchen würde in der Umhängetasche herumgetragen, irgendwo verstaut, vergessen, nicht bedacht werden. Über einen wirklich langen Zeitraum. Deshalb machen wir hier kurz einen Cut. Überspringen diesen Zeitraum. Überspringen damit auch all die anderen Dinge, die gefunden werden in diesem Leben. Wir kennen Ihre Neugier, möchte Sie aber vertrösten. Wir versichern Ihnen: Es gibt überzeugend geschriebene Gebrauchsanweisungen für all diese Dinge. Und ansonsten: Hören Sie den Menschen zu! Dies hier ist ja lediglich die Anleitung für das Auffinden von Holzkästchen. Nicht mehr. Und noch mehr auch nicht weniger.

Wir setzen unsere Geschichte dort fort, wo diese Person von ursprünglich Gleis zwei zu Schritt vier kommt. Irgendwann kommt er. Unweigerlich. Wir wissen das alle. Mal mehr, mal weniger. Manche trauen diesem Wissen. Viele nicht. Dann dauert es etwas länger. Was ok ist. Wie ja alles. Er lacht, wenn er das sagt: „Es ist ok.“

Sagen wir, es ist eine Lebenskrise. Eine zerbrochene Beziehung. Es könnte auch ein Zufall sein. Ein Ausmisten der Wohnung, ein Öffnen des Schranks und da fällt der Blick auf das verstaute Kästchen. Oder es steht eine Lebensveränderung an. Ein großer Umzug. Vielleicht eine Hochzeit, eine Schwangerschaft. Vielleicht ein Tod. Und da ist es dann das Kästchen. Und es ist ja so mit Schritt Nummer vier. Er hat sich das erzählen lassen von denen, die sich Zeit lassen. Die abwarten. Die straucheln zwischen Schritt drei und vier. Um so länger gewartet wird, um so überraschender wird es. Manche kalkulieren mit diesem Effekt. Sie vergessen das Kästchen bewusst, um die Überraschung zu verstärken. Er rät davon ab. Denn die Gefahr ist groß, dass die Überraschung ausbleibt und was einsetzt ist sowas wie eine Verwirrung. Viel zu hohe Erwartungen, lange Durststrecken überstanden lediglich aufgrund des Wartens, des Hoffens, des „bald ist es soweit“. Dann Kästchen, Augen zu und Absturz. Daraus aufwachen erfordert Kraft. Hat er sich sagen lassen. Machbar natürlich. Es ist alles ok. Und alles zu überstehen im Rahmen der Kästchen. Das ist vielleicht auch noch so ein Haken, der schwer zu verstehen ist an der Sache. Dieses „Sie wissen schon“ birgt ja eine Ansammlung von Empfindungen, von Erfahrungen. Es ist dieses Erleben, dieses Eintauchen. Dieses Annehmen, sich Einlassen. Das ist nie so ganz ohne. Deshalb sagen wir ja alle so gerne: „Na, Sie wissen schon.“

Vielleicht können wir zu Ihrer Beruhigung sagen, dass dieser Schritt Nummer vier grundsätzlich zu bewältigen ist. Das ist sein Charakter. Er kann bewältigt werden. Augen schließen. Genießen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Sie wissen schon. Deshalb heißt Schritt vier ja genauso: Sie wissen schon. Und lassen Sie uns nur ganz kurz auf den Grundgedanken zurückkommen: Ihr Holzkästchen ist ja immer Ihr Holzkästchen und Ihr Holzkästchen befähigt Sie immer genau dazu, wozu es genau Sie befähigt. Und dieser Vorgang ist ja eine direkte Ableitung von genau Ihren Fähigkeiten. Und wo Fähigkeiten sind, ist ein Weg. Nun aber genug. Denn das wissen Sie ja auch schon. Sonst wären Sie gar nicht bis zu dieser Anleitung zum Auffinden von Holzkästchen durchgedrungen.

Jetzt zurück zu unserer Person vom Bahngleis. Nach langer Zeit stolpert sie förmlich über das Kästchen und geht nun ohne zu zögern über zu Schritt vier: Augen schließen. Genießen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Lange. Immer wieder. Dabei atmen. Und realisieren: „Wie lange habe ich gewartet? Warum erst jetzt?“

Und nun kommen wir zu dem Punkt, den wir bereits vorweggenommen hatten: Schritt vier passiert. Und sobald er passiert, gibt es kein zurück. Da öffnen sich dann Türen. Oder ein Tor. Und dann geht das Leben weiter. Und hat den Raum des Holzkästchens dazu gewonnen. Symbolisch gemeint. Oder was denken Sie? Siebenkommafünf mal fünf Centimeter mehr Raum fürs Leben? Das wäre doch gelacht.

„Sie wissen schon“, möchte er Ihnen zuflüstern und ermutigend auf die Schulter klopfen. Und genau das ist es ja mit dem Fund der Holzkästchen. Um so mehr Auffindungserfahrungen wir machen, um so klarer wird die Sache. Nach den ersten sechs Kästchen braucht kein Mensch mehr eine Anleitung. Schon ab dem Zwölften sprechen wir von Profis.

Wie viele er gefunden hat, fragen Sie? Das kann kein Mensch mehr zählen.

Und der Clou ist ja, um so mehr Routine im Auffinden da ist, um so mehr Kästchen liegen bereit. Vielleicht liegt es am trainierten Blick, wohl aber eher an der Grundeinstellung. Wer mit Kästchen rechnet, findet sie. Wer die Anleitung befolgt. Na, Sie wissen schon.

Abschließend lässt sich sagen: Sollten Sie ein Holzkästchen finden, beginnen Sie mit Schritt eins. Umgehend!

Und da wir uns seit Jahren damit beschäftigen, nehmen wir uns an dieser Stelle heraus, hinzuzufügen: Sollten Sie einen Menschen treffen und dieser Mensch behauptet, er sei der König der Holzkästchen – hören Sie ihm eine Weile zu. Das erhöht Ihre Chance auf ein Holzkästchen ganz ungemein.

Und dann? Dann haben Sie ja unsere Anleitung!

© Mirjam Sarrazin

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