Plötzlich grün

Grüne Baumkrone vor hellblauem Himmel

Die gleichen Wege gehen wie immer.

Und plötzlich ist alles anders.

Ist alles grün. Und Sonne.

Überall Frühling.

Dieses Erkennen: Jetzt ist es vorbei.

Es ist geschafft.

Innen anhalten. Für diesen Moment.

Überall Frühling. Und Sonne.

Festhalten. Einbauen. Weitergehen.

Hoffnung.

© Mirjam Sarrazin

Säbelzahntiger

Nahaufnahme eines Tierfelles, schwarz, braun, weiß

Du machst einen unserer Witze. Mit leicht angewinkeltem Mund und zusammen gekniffenen Augen, weil die Sonne dich blendet. Ich lache nicht. Ich habe die Schnauze voll. Aus deinem fröhlichen Gesicht wird urplötzlich ein ernstes. Du erstarrst so, wie du erstarrt bist, als ich dir erzählt habe, dass mein Vater auf Intensiv verlegt wurde, und ich nicht mit in den Urlaub komme. Vor viereinhalb Wochen. Und jetzt wieder. Dazwischen immer diese Witze. Diese Versuche. Dieses hahaha. Meine Wut. Dein stoisches Festhalten. Daran glauben. „Woran?“, habe ich gefragt. „An uns“, hast du gesagt. Und was soll das heißen, dieses „an uns“? Das wusstest du auch nicht. Immer nur Dynamik. Manchmal reicht es. Jetzt reicht es.

„Es ist aus“, sage ich wie im Film. Und du starrst mich an. Fassungslos. Ich sehe, wie du nicht verstehst. Wie es rattert irgendwo in deinem Gehirn und nicht ankommt. Hängen bleibt.

„Geh!“, sage ich, und ich fühle mich gut. Ich könnte dich schlagen. Danach ist mir. Ich lasse es. Ich weiß nicht, woher dieser Impuls kommt. Ich schlage eigentlich nicht. Aber dich würde ich jetzt gerne in dein starres Gesicht schlagen.

Du gehst nicht. Du steckst fest. Mitten im Leben. In diesem Tag. In diesem Moment. Später wirst du sagen, das war also dieser Tag, an dem alles anders wurde. Vorher und nachher. Nach acht Jahren alles anders. „Wieso habe ich das nicht geahnt?“, wirst du deinen Freund fragen und dabei lallen nach all dem Bier. Und dein Freund wird nicht zuhören und nicht antworten. Und später lallen. Und so macht ihr euch einfach weiter was vor.

Ich gehe. Ich drehe mich um, lasse dich erstarrt stehen. Stecken. „Bleib halt da stecken“, denke ich und gehe von dir weg. Mit diesen überheblichen Schritten, die ich nur gehe, wenn ich Zeit in vorher und nachher teile. Oft ergeben sich solche Situationen nicht im Leben. Manchmal aber. Und dann genieße ich das. Machtvolle Schritte.

„Und tschüss“, denke ich und drehe mich nicht um. Ich spüre dich. Du stehst da sowieso noch. Weil du ja eben zur Salzsäule wurdest. Und das Gefühl hast, dich nie wieder bewegen zu können. Dein Problem. Ich gehe. Gemächlich. Schritt für Schritt. Kaufe mir ein Eis an dem Eiswagen, der neben dem Museum auf dem Parkplatz steht. Da kannst du mich schon nicht mehr sehen. Weg aus deinem Horizont. Aus deinem Leben. Ich werde zwei Stunden warten, dann schreibe ich dir, dass du ab jetzt nicht mehr meine Wohnung zu betreten hast, morgen Nachmittag deine Sachen abholen kannst, während ich arbeite, und anschließend deinen Schlüssel in den Briefkasten werfen sollst.

Ich habe das nicht geplant. Es war der richtige Moment. Es war genau die richtige Zeit am richtigen Ort. Du wolltest unbedingt in dieses Museum. Warum auch immer. Ich habe nachgegeben. Warum auch immer. Nachdem wir den ganzen Vormittag gestritten hatten. So unterschwellig. Nie offen. Offen kannst du nicht. Und dann hat es mir gereicht. Immer dieses Wegspielen von Konflikten, von Realitäten. Deine Witze, die mal unsere waren. Und mir zum Hals heraushängen. Aus. Reicht. Geh!

Denke ich. Und stelle mir vor, wie ich es auf die Hauswand vor mir sprühe. Groß und schrill und protzig.

Doch du bleibst. In meinen Gedanken bist du. Und ich schmeiße die Waffel meines leeren Eis ins Gebüsch und ärgere mich über dich.

Dann kommt der Kloß. Von meinem Kopf, aus dem du nicht gehst, rutscht er in meinen Hals, in dem du steckst bis in meinen Bauch, in dem ich diesen Druck spüre. Und deinen Schrecken. Deinen Blick. Dein Erstarren.

Ich hole Luft und gehe schneller. Ich muss nach Hause. Ich schaue auf mein Handy, es ist nicht mehr viel übrig von diesem Tag, der alles teilt, und ich habe einiges zu tun. Ich muss dringend zur Post und vorher das Päckchen zukleben, das seit Tagen wartet. Ich muss Überweisungen machen. Ich muss meinen Schreibtisch ordnen, damit ich endlich diese Steuererklärung losschicke. Ich muss noch was lesen für die Arbeit, und ich muss die Mail aus Kanada beantworten. Ich muss heute unbedingt das Klo putzen, weil das letzte Mal ewig her ist, und ich in der nächsten Woche sowieso nicht dazu komme. Außerdem will ich dich von meinem Klo weghaben. Ich will dich aus meiner Wohnung weghaben. Deshalb muss ich deine Sachen zusammen räumen. Vor allem im Bad. Ich warte an einer roten Ampel und merke, wie sich das Stehen müssen in meinem Gehirn festsetzt. Einbrennt. Ich muss weiter. Ich gehe, bevor es grün ist. Ich muss dringend meine Freundin anrufen. Sie wartet auf eine Nachricht. Wie mein Tag gelaufen ist. Ich habe dieses Gefühl im Bauch. Dieses Stress Gefühl. Ich muss irgendwie noch was essen heute, und es wäre gut, endlich mal wieder was Gesundes zu kochen. Gestern hast du Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben und vorgestern was von unterwegs mitgebracht. Dazwischen Bäcker. Kekse. Gekocht haben wir auch seit einer Weile nicht mehr zusammen. Ich muss kochen. Dafür muss ich einkaufen. Ich habe absolut keinen Appetit, nicht einmal Hunger. Da bist nur du in meinem Magen. Mit deinem Blick. Deinem Erstarren. Weg da! „Geh halt endlich weg!“, denke ich schon wieder, und du gehst nicht, und jetzt fällt mir ein, dass ich mein Fahrrad am Museum stehen habe. Weil du mit dem Rad fahren wolltest. Um anschließend noch eine kleine Tour zu machen. Ich drehe also um, und mein Kopf explodiert sicher gleich. Ich schaue auf mein Handy, und du hast mir keine Nachricht geschickt, und die Zeit an diesem Tag läuft mir davon. „Ich schwöre dir, wenn dein Rad noch neben meinem parkt, dann trete ich rein“, sage ich vor mich hin und kicke einen Stein vom Gehweg. Weil du nicht gehst.

Dein Rad ist weg. Du bist weg. In mir steckst du fest. Was, wenn du in meiner Wohnung hockst und auf mich wartest und reden willst? Denke ich. „Du checkst es nicht, was?“, frage ich dich in mich hinein und setze mich auf diese Treppenstufen vor das Museum, in dem Sonntagsmenschen Sonntag machen.

Ich schaue auf mein Handy, und da ist nichts passiert in der Zwischenzeit, und von irgendwo beschleicht mich das Gefühl, dass ich heute überhaupt nichts mehr schaffen werde von all dem, was ich muss, und diese Erkenntnis steigert den Druck in meinem Bauch.

Ich überlege, dir eine Nachricht zu schicken, dass du aus meiner Wohnung verschwinden sollst. Sofort. Ich lasse es. Ich überlege, deinen Freund anzuschreiben, ob du bei ihm bist. Ich lasse es. Ich schaue auf mein Handy und lasse alles und muss etwas tun. Post. Putzen. Ordnen. Steuer. Aufräumen. Waschen. Kochen. Ich rechne nach. Ich habe seit sechseinhalb Stunden nichts gegessen. Das ist nicht die Welt. Aber bis ich eingekauft habe. Heute ist Sonntag, fällt es mir ein, und allmählich wird der Druck in meinem Bauch eine innere Explosion.

„Ok“, sage ich entschlossen zu der Statue neben der Treppe und stehe auf. „Ok, gehe ich halt ins Museum.“ Ich weiß nicht, woher die Entscheidung kommt. Ich zahle Eintritt, schaue orientierungslos auf die Anzeigentafel mit den Ausstellungen, laufe Treppen hoch, durch Gänge, stelle fest, dass ich immer nur aus den Fenstern schaue und niemals auf die Exponate. Treppen wieder runter. Neue Gänge. Neue Ausstellungen.

Vor den Fenstern schieben sich Wolken vor die Sonne, es wird dunkel. Plötzlich ist es so dunkel, und ich stelle fest, dass ich mitten im Museum stehe. Da, wo du mit mir hinwolltest. Warum auch immer. Und jetzt bist du weg.

Ich habe dich nach fast acht Jahren Beziehung verlassen, und hier kann ich mir Watt und Moor und allerlei Würmer anschauen, und dann taucht er plötzlich vor mir auf. Er ist gigantisch. Wunderschön. Majestätisch und unglaublich furchteinflößend. Ich bleibe stehen. Ich spüre meine Füße vom vielen Treppe und durch Gänge laufen. Ich spüre meinen Magen, der innehält in seinem Wettlauf mit rasenden Gehirnströmen. Ich spüre mein Herz. Wie es hämmert. Ich trete einen Schritt auf die Glasscheibe zu. „Da bist du, alter Freund“, sage ich zu ihm, und mit leuchtenden Augen schaut er mich an. Schaut in mich hinein. Durchschaut mich. Und mit diesem Blick überkommt mich Stille.

Ich gehe in die Knie, halte den Blick, Auge um Auge. Knie mich auf den Museumsboden. Der Säbelzahntiger tut es mir nach. Lauernd knien wir uns gegenüber. Vielleicht 50 Zentimeter zwischen uns. Und diese Scheibe.

Ich hole den Rettungshammer aus meiner Tasche, der dazu dient, Scheiben von ertrinkenden Autos zu durchschlagen. Ernst schauen wir uns an. „Bist du sicher?“, fragt mich der Säbelzahntiger durch die Scheibe hindurch, und ich nicke stumm.

„Sehr sicher“, sage ich in Gedanken und dann zertrümmere ich die Scheibe, schlage ein Loch. Der Säbelzahntiger streckt die Hinterpfoten, bereit zum Sprung. „Du weißt, dass meine Zähne zwanzig Zentimeter lang sind, und ich dir damit deine Halsschlagader durchtrennen werde, nachdem ich dich überwältigt habe?“, schnurrt er, und ich nicke, während ich aufstehe, um mehr Kraft zum Schlagen zu haben. Ich hole aus und schlage. Es klirrt. Ich schlage erneut. Mit Präzision. Das Loch ist nun groß genug, und ich schiebe die Scherben am Boden mit meinem Schuh zur Seite.

„Du weißt, dass du keine Chance gegen mich hast? Dass ich keinerlei Feinde habe und mein Größenwahnsinn legitim ist? Niemand wird dich retten.“

Ich nicke wieder, bücke mich und setze meinen rechten Fuß durch das Loch im Glas. Der Säbelzahntiger faucht.

„Du weißt, dass ich niemanden neben mir dulde als Anführer und sämtliche Nachkommen meiner Vorgänger töte?“

Wieder nicke ich und stehe jetzt direkt vor ihm. Knie mich hin, sehe dieser Säbelzahnkatze tief in die funkelnden Augen. Ich spreche langsam. Sicher. Ruhig: „Da bist du endlich. So oft habe ich von dir gesprochen, habe von dir erzählt, habe Leuten erklärt, wie das war bei meinen Urururvorfahren, wenn sie dich trafen. Dass Kampf oder Flucht keine Option waren. Weil du zu schnell, zu stark warst. Dass da nur eines blieb. Erstarren. Dass das die Ursprünge sind unserer Traumareaktionen. Und nun sitzt du hier und drohst mir. Mit all deiner Imposanz.“

Die Raubkatze schnurrt. Lässt das Hinterteil sinken. Schaut mir tief in die Augen. Mit dieser Sicherheit. Tiefe.

„Es ist mir eine Ehre, dich persönlich kennen zu lernen“, sage ich feierlich und fasse nach dem Fell. Der Säbelzahntiger bewegt sich unmerklich, leichtes Zucken am rechten Ohr. Ich streiche durch das struppige Fell. Weiter innen weich. Weiches Fell. Der Druck in meinem Bauch löst sich auf. Das Raubtier lässt sich auf den Boden gleiten, legt sich elegant hin. Ich kraule es zwischen den Ohren. Am Hals. Wandere durch das Fell mit meinen Fingern.

Mein Handy vibriert. Mit der freien Hand hole ich es aus meiner Jackentasche, kraule weiter, lese die Nachricht. „Ich bin weg. Komme morgen meine Sachen holen, während du arbeitest. Lasse dir deinen Schlüssel dann da.“ Ich stoße laut Luft aus, kraule das Fell und stecke das Handy weg. Du bist mir zuvorgekommen. Wie so oft. Warum auch immer. Kraule mich tief in das Fell hinein. Atme. Spüre Sauerstoff durch meinen Körper strömen. Entspannung. Der Säbelzahntiger schnurrt: „Später fresse ich dich.“

„Aha“, lache ich leise. „Und jetzt aber liegst du hier und schnurrst. Mit all der Angst und dem Schrecken, die du verbreitet hast. Mit all deiner Schuld.“ Und während ich das sage, gehe ich ganz nah heran an die Säbelzahntigerzähne. An die Schnauze, die geschlossenen Augen.  

Der Säbelzahntiger öffnet ein Auge zu einem Schlitz und schaut mich träge an. „Schuld? Was ist das? Ich jage, töte und fresse. Anschließend schlafe ich und verdaue.“

„Ja, so ist das bei dir“, denke ich und rücke ganz nah heran an das warme Tier, an den Bauch, der sich hebt und senkt. „Und vielleicht wäre das auch was für mich“, denke ich, und während der Säbelzahntiger sich rekelt, beschließe ich, dass es gut ist, Schluss gemacht zu haben. Dass es dran war. Und dass ich aufhören kann mit diesem Stress jetzt. In meinem Kopf und meinem Bauch. Und diesem Drang, lauter Sachen machen zu müssen. Die in den Vordergrund rücken aus einem Hintergrund, der gut organisiert war. Im Hintergrund. Den man so lassen kann. Aufräumen, putzen, Post, waschen, einkaufen, kochen, gesund ernähren, Mail beantworten, Freundin anrufen. Diese ganze alte Überreaktion. Flucht oder Kampf. Aktionismus. Jagen. Töten. Fressen. Schlafen. Und verdauen.

Ich ziehe meine Jacke aus. Mit dem Handy. Schmeiße den Ballast aus dem Loch. Lege mich neben den Säbelzahntiger, kuschele mich ans Fell heran.

Er schnurrt. Unsere Bäuche heben und senken sich im Gleichklang. Nach all dem Müssen und Machen und Denken, ich müsste. Ich muss nicht. Weil es keinen Sinn macht zu müssen nach so einem Schlussstrich.

Erstmal ankommen. Beruhigen. Tief durchatmen. Schlafen und verdauen.

© Mirjam Sarrazin

Umkleidekabine

weiße Blüten vor einem blauen Himmel

Hereinspaziert! Kommen Sie näher! Treten Sie ein! Dies ist meine Umkleidekabine und sie hat heute Tag des offenen Vorhangs.

Lassen Sie alles draußen, was stört und hemmt. Für Ihren Hund habe ich nebenan den Pudelklub, für Ihre hyperaktive Riesenechse im Gewölbe einen Spielbereich, und Ihre Kinder können unter Dutzenden Spielkonsolen wählen.

Lassen Sie es einfach laufen, hören Sie für diesen Moment auf mit Grübeln, Tratschen und Tippen, lassen Sie die Sonne in Ruhe, und gönnen Sie sich in diesem Augenblick keinen zweiten Chai Latte. Joggen können Sie morgen, reden Sie mal nicht über Kevin, und lassen Sie das mit dem Hauskauf. Sonnenblumen werden jetzt noch nicht gesät, und für Frühlingszwiebeln ist es sowieso zu spät. Das mit dem Apfelbaum ist nicht so ernst gemeint, wie Ihnen das Ihr Pflichtgefühl suggeriert, und dieses Organisieren, Zuschreiben, Definieren und Affirmieren darf vorübergehend ruhen. Bilden Sie sich ihre Meinung wann anders, und wenn es morgen wieder hell wird, ist auch noch ein Tag.

Es ist für alles gesorgt. Sie sind in den besten Händen. Ein exquisites Buffet steht bereit. Allerdings werden Sie es nicht brauchen. Hunger entwickeln Sie keinen. Das, was Sie erwartet, ist kurz und intensiv.

Bezahlen können Sie später. Geben Sie mir Ihre Kreditkarte, ihren Kaufvertrag für das Haus oder ihre Frühlingszwiebeln. Von mir aus auch das Gras, das Sie nicht mehr rauchen, seitdem Sie marktwirtschaftlich orientiert handeln. Aber später bitte. Jetzt treten sie ein. Vorhang zur Seite. Und rein mit Ihnen.

Wunderbar. Sie sind drin. Angekommen. Herzlich Willkommen in meiner Umkleidekabine.

Jetzt entkleiden Sie sich!

„Alles?“, fragen Sie. Ja. Alles. „Was?“, rufen Sie verdutzt.

„Dann bin ich ja nackt“, sagen Sie. So können Sie das sehen. Das ist eine der möglichen Perspektiven. „Wie meinen Sie das?“, fragen Sie.

Machen Sie erstmal weiter. Ziehen Sie alles aus. Schmeißen Sie Ihre Kleider von sich. Ich habe etliche Haken angebracht. Sie können alles ordentlich aufhängen. Auch Ihren Schmuck. Ihr Haargummi. Und jetzt schauen Sie doch mal auf ihren linken Zeh. Der große, der die lustigen, kleinen Haare hat. Wie er wackelt. Macht er das immer, wenn Sie sprechen? Oder, wenn Sie unsicher sind? Oder empört? Ah und das Knie. Das scheint dazu zu gehören zu dieser Bewegung, oder? Haben Sie das bemerkt? Der Zeh wackelt und das linke Knie macht so eine ganz leichte Bewegung. Seitlich fast. Und jetzt lächeln Sie. Ist Ihnen noch nie aufgefallen diese Zeh-Knie-Kommunikation? Gehört das Lächeln dazu oder ist das Ihre Reaktion jetzt. Hier in meiner Umkleidekabine?

Der Zeh wackelt weiter. Das Knie ebenfalls. Und da passiert etwas Neues in Ihrem Gesicht. Schauen Sie mal in den Spiegel, genau dorthin. Direkt unter Ihrem rechten Auge. So eine ganz sanfte, kleine Falte. Welcher Muskel ist das? Was passiert da? Was fühlen Sie jetzt?

Es sind noch reichlich Haken frei. Nehmen Sie das Lächeln von eben und ziehen Sie es aus. Hängen Sie es an den Haken oben links. Neben ihre Jeans. Ja, da passt es gut. Wie schön es aussieht. Schauen Sie doch. Und jetzt dieses kleine Gespräch zwischen Zeh und Knie. An welchen Haken kommt das? Und die kleine Falte? Die geben Sie nicht her? Gut. Behalten Sie sie vorerst.

Meine Güte, jetzt haben Sie aber ein Staunen im Gesicht. Warum? Was erstaunt Sie so? Können Sie das Staunen an einen Haken hängen? Ach, Sie staunen über Ihr Gefühl? Sie fühlen sich beschwingt? Neugierig? Gar nicht mehr nackt? Das ist das Staunen? Na, dann hängen Sie all das da an die Haken direkt neben das Staunen. Wunderbar sieht das aus. Wie sich das ergänzt.

Und jetzt werfen Sie bitte schnell einen Blick in den Spiegel. Das müssen Sie sehen! Sehen Sie, was ich meine? Ist das nicht herrlich? So eine Ruhe in Ihren Armen. Das können Sie doch auch erkennen, oder? Wie sie da hängen und all der Anspannung trotzen, die Sie eben noch mitgebracht haben, als Sie durch diesen Vorhang gegangen sind. Ich muss tief seufzen, wenn ich das sehe.

Und ich sehe noch etwas. Ihre Schultern schließen sich an. Sie wollen mitmachen und den Armen hinterher. Unterstützen Sie sie. Hängen Sie diese Armruhe gemeinsam mit diesem Schulterwunsch an diesen Haken hier direkt neben dem Spiegel. Da kommen Sie ganz leicht an. So. Ganz einfach.

Und vielleicht ziehen Sie Ihren Schultern mal dieses Gefühl von eben über? Dieses beschwingt sein? Wow! Es passt ausgezeichnet. Na, und Ihr Bauch? Was ist das da mit Ihrem Bauch? So mittig meine ich. Da, schauen Sie mal. Ich kann das nicht so recht deuten. Okay, jetzt kann auch ich es deuten. Manchmal brauche ich etwas. Aber jetzt ist es natürlich eindeutig. Kriegen Sie das hin, Ihren Bauch zu beobachten, während Sie so lachen? Wie er wackelt und die Muskeln anspannt? Wie er hüpft, und fast möchte ich sagen, wie er tanzt.

Meine Güte, wie Sie lachen können. Haben Sie das gewusst? Ja, das ist eine hervorragende Idee, die kleine Falte von unter dem Auge jetzt an den Haken zu hängen und das große Lachen über das Gesicht zu verteilen. Auch den Schultern jetzt das beschwingt sein wieder aus- und das Lachen anzuziehen. Vielleicht müssen Sie das beschwingt sein gar nicht wieder aufhängen, probieren Sie es doch mal Ihrem Fußgelenk an.

Und wissen Sie was, jetzt geben wir alles. Jetzt ist der Zeitpunkt für ordentlich Power. Für Beat. Und Liebe. Und die Welt umarmen. Ich dreh die Musik mal hoch. Tanzen Sie! Lassen Sie alles raus! Und denken Sie zwischendurch daran, Ihre Gefühle an die Haken zu hängen und durchzuprobieren. Querbeet. Diese Freude des Tanzens auch am Ellenbogen probieren und den Wunsch, wegfliegen zu wollen, über die Wade stülpen. Was wir fühlen, macht unser Denken macht unseren Körper macht unser Fühlen macht unser Denken macht unseren Körper macht unser Fühlen macht. Wo war ich noch?

Herrlich! Sie sind wirklich experimentierfreudig. Genauso. Das ist Umkleiden, was Sie da machen. Ja, nehmen Sie sich das Zehengewackel und hängen es sich ans Ohr. Wie steht Ihrem Po das Bauchkribbeln? Und was antwortet Ihr Kiefergelenk auf das ganz große Lachen?

Sie beeindrucken mich wirklich. Sie waren so starr am Anfang. So verunsichert. Und jetzt feiern Sie hier so ein Fest. Unglaublich. Hören Sie bloß nicht auf. Sie sind ja schon ganz verdreht. Alles ist umgekleidet. Da wirft sich ihr Kniegelenk weg vor Lachen, und im Rücken erkenne ich das Fältchen aus dem Gesicht. Packen Sie da mal die Enge aus Ihrem Hals dazu. Ich stelle mir das wunderschön vor, so ein kleines Fältchen an so einem starken Rücken, befüllt mit Enge. Bei so einer weiten Rückenfläche.

Wie sieht es aus mit Ihrer Angst, nackt zu sein? Sind Sie noch nackt? Sie schütteln den Kopf? Deute ich das richtig? Sie hüpfen so, ich war mir nicht sicher. Wie vielschichtig wir doch sind, oder? Wieviel uns schmückt und kleidet, uns umgibt und innewohnt. Ist das nicht wirklich herrlich? Kleider machen Leute, habe ich mal gelesen. Gefühle machen Leute. Kleiden sie ein. Und so viel Gestaltungsspielraum.

Weinen Sie? Sind das Tränen da bei Ihnen? Trauer, sagen Sie? Oder Wehmut? Sie können das nicht so genau sagen? Ah ja, da sind noch freie Haken. Es gibt ja genug. Ordentlich aufhängen. Und dann was abhängen und anprobieren. Die Tränen direkt neben den Haken mit der Angst aus Ihrem Nacken. Das passt ganz gut, oder? Klar, Sie sind ja schon Profi im Umkleiden. Und jetzt was anprobieren. Die Wut mal das Gesicht runterlaufen lassen und dieses Gefühl, diese „Trauer oder Wehmut oder Sie können es nicht so genau sagen“ in den Nacken setzen. Da schütteln Sie sich aber. Und jetzt also wieder das Lachen? Sie müssen wirklich schon viel Zeit in Ihrem Leben in Umkleidekabinen verbracht haben. Sie haben viel Übung, oder? Sie jonglieren ja richtig mit Ihren Haken und ihren Möglichkeiten.

Haben Sie wieder etwas gesagt? Ja, ich verstehe schon. Die Lippen gehorchen Ihnen nicht mehr richtig, da Sie ihnen das überraschte Zusammenschlagen der Hände von dem Haken ganz hinten angezogen haben. Machen Sie langsam, sonst klingt es eher wie Beatboxen als Sprechen. Aber ich verstehe Sie. Ja. Ah ja, natürlich, ich verstehe jetzt. Das ist vollkommen normal, was Sie da wahrnehmen. Da kann ich Sie beruhigen. Räume verändern sich. Je nachdem, wie wir uns selbst wahrnehmen, konstruieren sich auch die Räume, in denen wir uns bewegen. Unglaublich finden Sie das? Sie haben das Gefühl, high zu sein? Ja. Ich kenne das. Ich sagte es Ihnen zu Beginn. Intensiv.

Sie sind ja nicht alleine hier in meiner Umkleidekabine, der Raum um sie begleitet Sie. Untrennbar. Und Sie können ihn formen. Genial, was? Alles voller Weite und Licht und Frühling und überall tauchen jetzt weiße Blüten auf, sagen Sie? Ja, ich gebe zu, Sie wirken etwas berauscht. Unglaublich, oder? Eben noch in meiner Umkleidekabine und jetzt schon in der Transformation.

Vielleicht könnten Sie Ihren Füßen für einen Moment die Zeh-Knie-Kommunikation anprobieren, die Sie ganz zu Beginn ausgezogen hatten? Diese mit der Unsicherheit? Das würde Sie ein wenig runterbringen. Das drückt an der Ferse? Das glaube ich Ihnen. Ihre Füße sind größer als die Unsicherheit. Sie dürfen sie gleich wieder ausziehen. Was ich sagen will ist, dass es gut wäre, wieder ein wenig anzukommen hier in meiner Umkleidekabine.

Da stehen einige draußen und warten. Die wollen auch den Tag des offenen Vorhangs nutzen. Überlegen Sie doch mal, wie Sie sich jetzt einkleiden wollen, damit Sie meine Umkleidekabine gut verlassen können. Was brauchen Sie? Nein, dalassen dürfen Sie leider nichts. Ich habe hier keinerlei Verwendung für Ihren Kram. Ich kann Ihnen eine Plastiktüte anbieten. Da können Sie alles reinpacken, was Sie jetzt nicht anziehen möchten.

Machen Sie ganz in Ruhe. Lassen Sie sich Zeit. Und vergessen Sie ihre Jeans nicht. Die sollten Sie vielleicht doch besser überziehen, wenn Sie jetzt gehen. Und vergessen Sie auch das Lachen nicht. Das könnten Sie sich doch auf den Kopf setzen, oder?

„Darf ich wieder kommen?“, fragen Sie. Selbstverständlich dürfen Sie wieder kommen. Jederzeit. Aber kommen Sie jetzt erstmal da draußen an. Im Umkleiden sind Sie Profi, das haben Sie mir eindrucksvoll bewiesen. Jetzt wartet der Alltag auf Sie. Sie schaffen das. Ich bin mir sicher. Vielen Dank für Ihren Besuch. Es hat mich sehr gefreut. Und beehren Sie mich mal wieder.

Hereinspaziert! Kommen Sie näher! Treten Sie ein! Dies ist meine Umkleidekabine und Sie hat heute Tag des offenen Vorhangs.

© Mirjam Sarrazin

Der Clown

Marienkäfer krabbelt über einen Steinboden von rechts nach links

Fünf Tage später kommt der Zirkus in die Stadt, und da er pandemiebedingt sein Zelt nicht aufbauen darf, finden sich kreuz und quer verteilt auf Plätzen und in Parks Attraktionen. Mit Absperrbändern und Abstandsmarkierungen. Mit Maskenschildern und Hygieneregeln. Auch der Clown spricht in sein Megafon und bittet um Rücksicht und Abstand und Knutschen bitte erst zu Hause im eigenen Hausstand, und dann verteilt er rote Nasen und bittet die noch unsicher Zuschauendenden, diese über die Masken zu ziehen. So wie er das mache. „Dann haben wir Superschutz“, sagt er und schaltet den Alarm am Megafon kurz ein, dann wieder aus, stellt es zur Seite, greift zu Jonglierbällen und gibt eine Vorstellung. Lacht. Macht Witze. Zieht Requisiten aus einem alten Koffer, bittet um Aufmerksamkeit. Und ein Kind nach vorne zu sich. Mit Abstand. „Mit Abstand“, sagt er wieder in sein Megafon. Wiederholt es. So dass es auch die Spatzen und die Amseln in den Bäumen hören. Er zeichnet mit seinem Finger eine Linie für das Kind in den Parkboden, stellt daneben ein kleines Stoppschild wie es bei Spielzeugsets von Holzeisenbahnen vorkommt, misst einskommafünf Meter mit einem Maßband, lässt es zurück flitschen, tut sich weh, springt herum, misst erneut. Schaut sich den Abstand aus allen Richtungen an. Zieht dann eine zweite Linie, stellt auch dort ein winziges Stoppschild auf und stellt sich vorsichtig, auf Zehenspitzen hinter diese. Übertritt die Linie, stellt sich dahinter, übertritt sie erneut, hält sich nicht ans Stopp, zeigt mit dem Finger auf sich, schimpft, zieht aus dem Koffer ein riesiges Straßenstoppschild und legt es sich an die Linie. Steht still. Ordnet sich. Legt den Finger vor die Maske, bedeutet allen Anwesenden, leise zu sein. Zeigt auf das Kind, schmeißt die Arme in die Höhe, gebärdet „Klatschen“ in die Menge, und alle klatschen. Auch das Kind.

Der Clown winkt „Hallo“ zum Kind und das Kind grinst. Der Clown streckt seinen Bauch nach vorne, weit nach vorne über die Linie, während er seinen Kopf nach hinten bewegt. Mit seinem Finger drückt er auf seinen herausragenden Bauch und signalisiert dem Kind, es ihm nachzutun. Auf seinen Bauch zu drücken. Das Kind zögert. Es bewegt die linke Hand minimal, bleibt dann stecken in der Bewegung. Der Clown stellt sich wieder gerade hin, schüttelt sich. Holt Luft, zeigt mit dem Finger ein Achtung in die Höhe, stellt sich in Position, streckt dann erneut den Bauch nach vorne. Weit nach vorne. Bedeutet dem Kind, seinen Bauch zu drücken. Und das Kind spielt jetzt mit, bleibt hinter seiner Linie mit den Füßen, streckt die Hand nach vorne, bückt sich, beugt sich, schauspielert Anstrengung, streckt den Zeigefinger aus. Und drückt auf den Bauch. Es hupt. Der Clown tanzt hinter seiner Linie. Daumen hoch. Er bedeutet zu klatschen. Alle klatschen. Er bedeutet dem Kind, sich erneut nach vorne zu beugen. Tut es ihm gleich. Streckt den Arm aus. Holt ein Bonbon hinter dem Ohr des Kindes hervor, reicht es dem Kind. Klatscht.

Das Kind läuft zurück in die Menge. Der Clown fordert die Person neben dem Kind auf, nach vorne zu kommen. Die Person kommt. Stellt sich automatisch hinter die Linie des Kindes. Der Clown positioniert sich hinter der eigenen, schiebt den Bauch nach vorne. Weit nach vorne, stellt sich dann ruckartig wieder aufrecht hin, beäugt die Person, die Linie, an der sie steht, vermittelt den Eindruck, sie habe sich bewegt, über die Linie hinausbewegt, schimpft mit dem Finger, verzieht das Gesicht, die Maske, die Nase. Sammelt sich, streckt erneut den Bauch nach vorne. Weit nach vorne. Signalisiert der Person, den Bauch zu drücken. Zu Hupen. Die Person bleibt stehen. Schüttelt den Kopf, lacht, weigert sich. Der Clown stellt sich wieder hin. Irritation unter den Zuschauenden. „Was jetzt?“ Kurzes, lautes Atmen. Die Person hinter der Linie wendet sich ab, geht zurück in die Menge neben das Kind. Der Clown folgt ihr mit den Augen, hebt die Hand an den Mund, begibt sich in Denkerposition, schaut sich die Person an. Wartet. Die Person hebt entschuldigend die Arme, lächelt. Und dann von jetzt auf gleich tritt der Clown aus seiner Starre, fasst mit dieser schnellen Geste über sich in die Luft und hält plötzlich einen Blumenstrauß in der Hand, präsentiert ihn den Zuschauenden, schreitet auf die Person zu, bleibt mit Abstand stehen, streckt den Strauß mit seiner Hand weit vor, übergibt ihn, klatscht, lacht, bittet die Menge zu klatschen und verbeugt sich.

Da hat er sie. Sie, die hinter dem Rhododendron steht und schaut. Aus sicherer Entfernung. Weit mehr als einskommafünf Meter. Die in sich hinein gelacht hat zwischendurch. An diesem mulmigen Gefühl vorbei, ob das gut gehen kann da mit dem Clown und dem Kind, mit dem Clown und dieser Person, die nicht will. Ob der Clown Späße machen würde auf Kosten anderer. Und nun dieses Kribbeln im Bauch. Weil der Clown lacht und Blumen verschenkt. Dafür, dass eine Person sich geweigert hat, „nein“ signalisiert hat. Das macht was mit ihr. Blumen für ein „nein“, an einer Stelle lange bevor es eskaliert. Und sie geht auf die Menge zu, die sich jetzt in Bewegung setzt. Auseinander geht. Die Vorstellung ist beendet. Der Clown packt zusammen. Da steht sie nun. Mitten im Geschehen. Und doch außen vor. Zeitversetzt.

Der Clown nimmt seine Nase ab, packt sie ein, wischt sich Schweiß von der Stirn. Dann bemerkt er sie, wirft ein Lächeln rüber. Eines mit Maske. Kurz darauf eines ohne. Nachdem alle gegangen sind, er die Absperrbänder beseitigt, alles verpackt hat, seinen Koffer in die eine Hand und die Maske mit der anderen vom Mund nimmt. Und sie immer noch steht und schaut. Ein Strahlen. Und sie fühlt dieses Kribbeln.

Der Clown geht in Richtung Straße. Sie zurück durch den Park. Durch den sie am nächsten Tag erneut läuft. In der Hoffnung auf eine Vorstellung. Und den Clown. Und sie hat Glück.

Dieses Mal gesellt sie sich unter die Zuschauenden, beobachtet, verfolgt, lächelt verlegen in sich hinein, verschmilzt mit Bewegungen, Emotionen. Der Clown variiert seine Vorstellung, improvisiert, die Nummer mit den Linien macht er nicht. Andere. Ihr Bauch kribbelt.

Der Clown malt sich mit dunklem, dicken Kinderstift Punkte auf die Clownsnase, verfehlt diese, punktet sich das Gesicht, die Maske. Verbeugt sich. Verteilt wieder rote Nasen an Gummibändern. „Werdet leicht wie die Marienkäfer und fliegt durch den Tag!“, beendet er die Vorstellung durch sein Megafon, und auch ihr reicht er eine Nase. Stutzt. Grinst, wendet sich ab, verteilt weiter. Hat er sie erkannt?

Wieder verbeugt er sich, winkt zum Abschied, gebärdet „Klatschen“ und deutet auf die Umstehenden. Ein Applaus für alle. Deutet dann auf die Körbe auf dem Boden. Mit der Bitte um Bezahlung.

Während die Zuschauenden gehen, bleibt sie stehen. In der Hand die baumelnde Clownsnase. Beobachtet. Der Clown reagiert, indem er aus dem Einpacken eine kleine Vorstellung macht. Lacht. Erst mit, später ohne Maske.

„Das hat mir gefallen mit dem Marienkäfer“, ruft sie ihm zu und erntet ein Grinsen. „Es macht Hoffnung. In dieser Zeit jetzt!“

Der Koffer ist gepackt, verschlossen. Der Clown kommt zu ihr herüber. „Sie müssen die Nase aber auch aufsetzen. Sonst wirkt es nicht.“ Er lacht, und er hat eine Zahnlücke inmitten der tadellos gepflegten Zähne.

Sie setzt die Nase auf. Er nickt. Und grinst. Sie lächelt. Und kribbelt.

„Wie ein Marienkäfer, ja?“, fragt sie und näselt.

„Wie ein verliebter Marienkäfer“, betont er und grinst schon wieder.

„Ich dachte immer, Clowns seien traurig. Also immer traurig und würden die Heiterkeit nur spielen“, sagt sie und fragt sich, wo diese Worte, diese Aussage, dieses Geplauder herkommen. „Diese Leichtigkeit“, denkt sie und schaut dem Clown in die leuchtenden Augen.

„Das mit dem Marienkäfer, das können Sie ruhig ernst nehmen“, sagt der Clown, und sie lächelt verlegen. Er fasst mit einer schnellen Geste hinter ihr Ohr: „Na, da haben wir es ja.“ „Was?“, schrickt sie zurück und er wirft es ihr mit der offenen Hand herüber. „Das Lachen.“ Und sie tritt einen Schritt zurück. Mit dieser roten Nase. Und lacht. Laut.

„Aus vielen Momenten wird ein Leben“, sagt er, nimmt seinen Koffer und geht Richtung Straße.

Sie bleibt stehen, schaut ihm nach. Ob er sich umdreht. „Dreh dich doch um“, denkt sie und an diese Augen und das Kribbeln und erst später stellt sie fest, dass sie alleine in einem Park mit einer Clownsnase steht.

Sie nimmt sie ab und geht direkt zu „Ecki“, ihrer Kneipe. Jeden Freitagabend. Treffpunkt mit ihrer Freundin. Mitten im Kiez.

Die Freundin sitzt am Tresen und flirtet mit der Kellnerin. Sie setzt sich neben die Freundin, erzählt vom Clown. Ohne Umschweife. Die Freundin ist abgelenkt, macht Witze mit der Kellnerin. „Ecki“ kommt dazu. Der eigentlich Piet heißt, wovon keiner mehr weiß. „Ecki“ ist eins geworden mit seinem Laden. Er grüßt in die Runde, zapft Bier, räumt einiges hin und her hinter der Theke. „So wie das halt muss“, denkt sie und nimmt einen Schluck.

Plötzlich wendet sich die Freundin ihr zu, als habe sie sie erst jetzt bemerkt: „Meine Güte, was grinst du denn so?“

Ohne Worte holt sie die Clownsnase aus ihrer Jackentasche und zieht sie sich über.

„Ein Clown?“, die Freundin zeigt sich fassungslos.

Und sie erzählt davon, wie er sich Tupfen ins Gesicht gemalt hat, wie er gelacht hat, wie seine Augen leuchten, wie er sie angeschaut hat, wie schön und gut und freundlich er mit den Leuten war. Wie er ihr einen Marienkäfer geschenkt hat.

„Einen Marienkäfer?“, fragt die Freundin, und da macht sie diese schnelle Geste hinter dem Ohr der Freundin und zieht die Hand als Faust wieder zu sich, öffnet sie und pustet über die Handfläche hin zur Freundin. „Ein Marienkäfer mit Leichtigkeit“, sagt sie und lacht.

Die Freundin schüttelt den Kopf, trinkt einen Schluck, sucht den Raum nach der Kellnerin ab, wendet sich ihr wieder zu „Hör mal, dir ist schon klar, dass es gerade mal fünf Tage her ist, dass dein Typ weg ist, ja? Fünf Tage, oder vier? Und da ziehst du dir so einen Clown an Land?“

 „An Land ziehen“, murmelt sie. „Wie das klingt. An Land fliegen.“ Und sie grinst.

Die Freundin wird ernst. „Du weißt, dass es genauso laufen wird? Er wird dein Geld versaufen, über dich bestimmen, und er wird dich schlagen.“ Das sagt sie im Stakkato. „Ich sag das jetzt mal so in dieser Deutlichkeit. Er wird so sein wie die anderen auch. Clown hin oder her.“

Sie nickt. Seufzt. „Ja“, sagt sie. „So wird er sein.“ Und dann grinst sie wieder. Und spürt das Kribbeln. Lächelt. Mit der Clownsnase.

„Dir ist nicht mehr zu helfen, richtig?“, sagt die Freundin und wendet sich der Kellnerin zu.

Zu Hause wartet der Kater. Er versteckt sich, sobald er den Schlüssel im Schloss hört, und erst wenn er sie riecht, kommt er hervor. Er mochte ihn nicht, ihren Typ. Er hatte Angst vor ihm. Genau wie sie. Diese lähmende Angst. Mit der sie nur noch denken konnte, Augen zu und durch. Nur ja nicht bewegen. Nachdem sie schon alles versucht hatte.

Sie lüftet die Wohnung, und die Dunkelheit der Stadt wühlt sich durch die Räume. Den Staub. Die Erinnerung. Bis hin zum Marienkäfer. Und dem Kribbeln. Sie sitzt am Küchenfenster, schaut auf die fahrenden Autos und nimmt sie nicht wahr. Da ist nur Kribbeln. Der Marienkäfer. Die Leichtigkeit.

Jeden Tag besucht sie die Clownsvorstellung. Im Anschluss flirtet sie. Sie geht etwas trinken mit dem Clown. Etwas essen. Spazieren. Sie knutschen. Sie haben Sex. In dieser Woche scheint die Sonne, obwohl es seit Wochen regnet. Plötzlich ist es Frühling. Sie entdecken einen Marienkäfer, während sie auf einer Parkbank sitzen und sich berühren. Automatisch ziehen beide ihre Clownsnasen aus der Tasche und lachen. „Es wird sich finden“, denkt sie und fühlt es, und ihre Freundin sagt „Er hat dich verhext.“ und Ecki nickt dazu am Freitagabend, und sie trägt auch hier ihre rote Nase wieder.

„Er wird weiterziehen“, sagt die Kellnerin und nickt, und die Clownsnase wippt dabei und sie wiederholt diesen Satz an ihre Freundin gewandt. „Er wird weiterziehen.“

Ihre Freundin schaut sie irritiert an. „Was? Habt ihr noch keine Pläne? Hast du noch keine Pläne mit ihm gemacht? Dass du mitkommst?“

„Nein“, sagt sie bestimmt, und ihre Freundin schüttelt den Kopf. „Er hat dich wirklich verhext, was?“, fragt sie mit dieser sanften Stimme, und sie berührt ihre Clownsnase. „Er lässt mir den Marienkäfer hier“, denkt sie und geht weiter zu seinen Vorstellungen.

Und dann ist er weg. Der Park leer. Die Plätze. Als sei die Stadt plötzlich eine andere. Die Sonne scheint. Der Frühling bleibt. Und hätte sie nicht aufgepasst, dann wäre der Marienkäfer mit ihm weitergezogen. Die Leichtigkeit. Davongeflogen. In letzter Sekunde hat sie sie geschnappt. Mit dieser schnellen Geste. Hinter seinem vor Aufregung glühenden Ohr.

Da hat er überrascht geschaut. Diesen Ausdruck kannte sie noch nicht von ihm. Diese hochgezogenen Brauen. Und sie holte die Hand wieder zu sich, ließ sie geschlossen: „Der Marienkäfer, der bleibt hier bei mir.“ Da hat er gelacht. Erleichtert. Laut. Hat sie auf die Stirn geküsst, seinen Koffer genommen und ist gegangen. Einfach so.

© Mirjam Sarrazin

Anleitung für das Auffinden von Holzkästchen

aufgeklapptes Holzkästchen liegt auf dem Bürgersteig

Es ist ja so. Sobald er eines findet, nutzt er es. Er denkt nicht darüber nach. Er unterbricht seine Tätigkeit. Sein Spazieren, Eilen, Unterwegs Sein, Schlendern, Telefonieren, Quatschen. Unterbricht es umgehend und wendet sich dem Fundstück zu. Ebendies ist Schritt Nummer Eins. Wie könnte es anders sein. Niemals zweifeln. Handeln! Hin zum Kästchen. Das ist wesentlich.

Meist finden die Kästchen sich auf dem Boden. Ob Laub, Erde, Stein, Straße, Teer, Fußweg, Brücke, Zuwegung, Schienen, Wald. Nebensache. Relevant ist der Ort. Boden. Er bückt sich also. Er muss sich bücken, um an das Kästchen heran zu kommen. Ausnahme gab es einmal. Als er im Park auf einem ausgebreiteten Handtuch lag und in der Abendsonne schlief. Er wurde wach, und eins lag neben ihm. Er musste sich nicht bücken, lediglich zur Seite rollen. Da erreichte er es und konnte es zu sich heranziehen. Schritt Nummer zwei also ist bücken. (Ausnahmen siehe oben.)

Er bückt sich, und er nimmt das Kästchen an sich. Nachdem Schritt Nummer eins der wichtigste ist (ohne Schritt Nummer eins sind die Folgeschritte nichts wert, und es kann nicht zielführend gehandelt werden) ist Schritt Nummer drei der schwierigste. Die Handbewegung ist einfach. Ausfahren, öffnen, greifen, halten, heranziehen. Die Überwindung aber ist groß. Malen wir uns zum Beispiel aus, das Kästchen liegt mitten auf Gleis zwei des Bahnhofs inmitten von Unmengen an ungeduldigen Fahrgästen. Es wird entdeckt, und es muss sich vorbei gedrängelt werden und gebückt. Und dann also so ein herunter gekommenes Kästchen greifen und aufnehmen und zu sich holen. Mit all diesen Blicken. Er macht das mit links. Sowohl tatsächlich als auch sprichwörtlich. Er ist so geübt, er macht es einfach. Aber für Leute, die anfangen, ist es eine Überwindung. Schritt Nummer drei können wir also getrost folgendermaßen benennen: Sich überwinden. (Und das Kästchen an sich nehmen.)

Und nun kommen wir bereits zum letzten Schritt. Wir erinnern uns. Er hat das Kästchen gefunden, seine Tätigkeit unterbrochen, gehandelt (Schritt Nummer eins), sich gebückt (Schritt Nummer zwei (Ausnahmen siehe oben.)), sich überwunden (schritt Nummer drei; schwer) und nun macht er, was alle machen. Augen schließen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Sie wissen schon. Nennen wir es wie es ist. Schritt Nummer vier ist: Sie wissen schon.

Natürlich ist dieser Schritt in der Vorstellung der schwierigste, und doch kann ich versichern, dass er in der realen Durchführung ein Eigenläufer ist. Es bedarf keinerlei Anstrengung, und wir können getrost bei der Zuschreibung „am schwierigsten“ für Schritt Nummer drei bleiben. Er kann ganze Lieder davon singen und macht es nicht, da er nie singt. Schritt Nummer vier passiert von selbst. Sobald sich überwunden wurde und das Kästchen an sich genommen wurde, geschieht Schritt vier. Wie von Zauberhand. Er hat versucht, die Augen während Schritt Nummer vier offen zu lassen. Völlig aussichtslos. Was ok ist. Es ist ja alles ok auf diesem Weg, der hier gegangen und in dieser Anleitung beschrieben wird. Es ist möglich, Schritt Nummer vier über Stunden hinaus zu zögern. Sogar über Wochen, Monate und Jahre. Ganze Leben bestehen daraus, andere Dinge zu finden. Denn selbstverständlich ist auch das möglich. Andere Dinge finden außer Holzkästchen. Wir verweisen an dieser Stelle auf die entsprechenden Anleitungen.

Sehen wir uns das kurz näher an und erneut auf Gleis zwei um. Es wurde sich überwunden trotz der allgemeinen, bedrückenden Atmosphäre, das Kästchen wurde aufgehoben, und nun haben wir es hier mit einer findenden Person zu tun, die sich Zeit lässt. Die so eine strukturelle Grundunsicherheit mit sich herum trägt. Durch Supermärkte, Arbeitsplätze, Innenstädte und zwischenmenschliche Beziehungen. Und nun also diese Begegnung mit dem Holzkästchen, und es ist eine Wonne zu erleben, dass sie Schritt eins bis drei befolgt hat und nun bei Schritt Nummer vier angekommen ist. Und vielleicht ist genau das der Knackpunkt, dieser Moment. Ein Realisieren von Handlungsabläufen und neuen Erfahrungswerten. Und obwohl diese Person diesen inneren Drang spürt, zögert sie Schritt Nummer vier heraus. Er würde ihr das gerne erleichtern. Er würde ihr gerne sagen: „Am besten gleich hier auf dem Bahnsteig erledigen. Denn wenn Sie drin sind, sind Sie drin.“ Aber er ist ja nicht anwesend. Und diese Person steht also inmitten von ungeduldiger Szenerie auf dem Bahnsteig mit dem Kästchen, und plötzlich wird ihr bewusst, was sie getan hat. Sich überwunden. Nach dem Bücken und dem Unterbrechen. Und das ist dann eine Überforderung. Da stopft sie das Kästchen in die Umhängetasche, die sie trägt und die prall gefüllt ist für diesen Wochenendtrip, den sie unternimmt. Und sie besteigt den verspäteten Zug, streitet sich um einen doppelt reservierten Sitzplatz, triumphiert. Der Gedanke, der begleitet „Jetzt ist nicht der richtige Moment für Holzkästchen.“ Diese Person hat Ängste wie wir alle und die irritieren manchmal im Umgang mit Holzkästchen. Deshalb geben wir Ihnen diese Anleitung an die Hand.

Und er würde ja gerne sagen: „Doch doch. Immer der richtige Moment.“ Und ihr sanft auf die Schulter klopfen. So ein Klopfen wie dieses beruhigende, wenn wir einen Säugling halten. „Es ist immer der richtige Moment. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt.“ Und der Säugling wüsste das. Über Kinder und Kästchen brauchen wir ja gar nicht reden. Das sind so eingespielte Teams, dass wir beinahe nicht unterscheiden können, wer ist das Kästchen und wer das Kind. Aber diese Person in diesem Zug, die könnte etwas Schulterklopfen gebrauchen. Er ist nicht vor Ort. Das Kästchen bleibt, wo es ist. In der Umhängetasche.

Und schließlich steigt diese Person aus dem Zug aus, nach zwei Stunden und 43 Minuten Fahrt plus 13 Minuten Verspätung und fällt einer nahestehenden Person in die Arme. Und ich denke, jetzt wird klar, wie die Geschichte an dieser Stelle weitergehen würde. Viel zu lang für so eine Gebrauchsanleitung wie diese. Und das Kästchen würde in der Umhängetasche herumgetragen, irgendwo verstaut, vergessen, nicht bedacht werden. Über einen wirklich langen Zeitraum. Deshalb machen wir hier kurz einen Cut. Überspringen diesen Zeitraum. Überspringen damit auch all die anderen Dinge, die gefunden werden in diesem Leben. Wir kennen Ihre Neugier, möchte Sie aber vertrösten. Wir versichern Ihnen, es gibt überzeugend geschriebene Anleitungen für all diese Dinge. Und ansonsten hören Sie den Menschen zu. Dies hier ist ja lediglich die Anleitung für das Auffinden von Holzkästchen. Nicht mehr. Und noch mehr auch nicht weniger.

Wir setzen unsere Geschichte dort fort, wo diese Person von ursprünglich Gleis zwei zu Schritt vier kommt. Irgendwann kommt er. Unweigerlich. Wir wissen das alle. Mal mehr, mal weniger. Manche trauen diesem Wissen. Viele nicht. Dann dauert es etwas länger. Was ok ist. Wie ja alles. Er lacht, wenn er das sagt. „Es ist ok.“

Sagen wir, es ist eine Lebenskrise. Eine zerbrochene Beziehung. Es könnte auch ein Zufall sein. Ein Ausmisten der Wohnung, ein Öffnen des Schranks, und da fällt der Blick auf das verstaute Kästchen. Oder es steht eine Lebensveränderung an. Ein großer Umzug. Vielleicht eine Hochzeit, eine Schwangerschaft. Vielleicht ein Tod. Und da ist es dann das Kästchen. Und es ist ja so mit Schritt Nummer vier. Er hat sich das erzählen lassen von denen, die sich Zeit lassen. Die abwarten. Die straucheln zwischen Schritt drei und vier. Umso länger gewartet wird, um so überraschender wird es. Manche kalkulieren mit diesem Effekt. Sie vergessen das Kästchen bewusst, um die Überraschung zu verstärken. Er rät davon ab. Denn die Gefahr ist groß, dass die Überraschung ausbleibt und dass Verwirrung einsetzt. Viel zu hohe Erwartungen, lange Durststrecken überstanden, lediglich aufgrund des Wartens, des Hoffens, des „bald ist es soweit“. Dann Kästchen, Augen zu und Absturz. Daraus aufwachen erfordert Kraft. Hat er sich sagen lassen. Machbar natürlich. Es ist alles ok. Und alles zu überstehen im Rahmen der Kästchen. Das ist vielleicht auch noch so ein Haken, der schwer zu verstehen ist an der Sache. Dieses „Sie wissen schon“ birgt ja eine Ansammlung von Empfindungen, von Erfahrungen. Es ist dieses Erleben, dieses Eintauchen. Dieses Annehmen, sich einlassen. Das ist nie so ganz ohne. Deshalb sagen wir ja alle so gerne „Na, Sie wissen schon.“

Vielleicht können wir zu Ihrer Beruhigung sagen, dass dieser Schritt Nummer vier grundsätzlich zu bewältigen ist. Das ist sein Charakter. Er kann bewältigt werden. Augen schließen. Genießen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Sie wissen schon. Deshalb heißt Schritt vier ja genauso. Sie wissen schon. Und lassen Sie uns nur ganz kurz auf den Grundgedanken zurückkommen. Ihr Holzkästchen ist ja immer Ihr Holzkästchen, und Ihr Holzkästchen befähigt Sie immer genau dazu, wozu es genau Sie befähigt. Und dieser Vorgang ist ja eine direkte Ableitung von genau Ihren Fähigkeiten. Und wo Fähigkeiten sind, ist ein Weg. Nun aber genug. Denn das wissen Sie ja auch schon. Sonst wären Sie gar nicht bis zu dieser Anleitung für das Auffinden von Holzkästchen durchgedrungen.

Jetzt zurück zu unserer Person vom Bahngleis. Nach langer Zeit stolpert sie förmlich über das Kästchen und geht nun ohne zu zögern über zu Schritt vier. Augen schließen. Genießen. Wahrnehmen. Annehmen. Ankommen. Fühlen. Spüren. All diese Dinge. Lange. Immer wieder. Dabei atmen. Und realisieren. „Wie lange habe ich gewartet? Warum erst jetzt?“

Und nun kommen wir zu dem Punkt, den wir bereits vorweggenommen hatten; Schritt vier passiert. Und sobald er passiert, gibt es kein Zurück. Da öffnen sich dann Türen. Oder ein Tor. Und dann geht das Leben weiter. Und hat den Raum des Holzkästchens dazu gewonnen. Symbolisch gemeint. Oder was denken Sie? Siebenkommafünf mal fünf Zentimeter mehr Raum fürs Leben? Das wäre doch gelacht.

„Sie wissen schon“, möchte er Ihnen zuflüstern und ermutigend auf die Schulter klopfen. Und genau das ist es ja mit dem Fund der Holzkästchen. Umso mehr Auffindungserfahrungen wir machen, umso klarer wird die Sache. Nach den ersten sechs Kästchen braucht kein Mensch mehr eine Anleitung. Schon ab dem Zwölften sprechen wir vom Profiauffinden.

Wie viele er gefunden hat, fragen Sie? Das kann kein Mensch zählen.

Und der Clou ist ja, umso mehr Routine im Auffinden da ist, umso mehr Kästchen liegen bereit. Vielleicht liegt es am trainierten Blick, wohl aber eher an der Grundeinstellung. Wer mit Kästchen rechnet, findet sie. Wer die Anleitung befolgt. Na, Sie wissen schon.

Abschließend lässt sich sagen: Sollten Sie ein Holzkästchen finden, beginnen Sie mit Schritt eins. Umgehend.

Und da wir uns seit Jahren damit beschäftigen, nehmen wir uns an dieser Stelle heraus, hinzuzufügen: Sollten Sie einen Menschen treffen und dieser Mensch behauptet, er sei der König der Holzkästchen, hören Sie ihm eine Weile zu. Das erhöht Ihre Chance auf ein Holzkästchen ganz ungemein.

Und dann? Dann haben Sie ja unsere Anleitung.

© Mirjam Sarrazin

Kastanienmännchen II

Blauer Himmel mit Wolken, in der unteren linken Ecke der obere Teil eines Holzkreuzes mit unleserlichem Zettel daran

Sie haben die Kastanie gefällt, und Leute haben Holzkreuze aufgestellt.

In der Nacht danach ist es nicht auszuhalten. Ich packe die Kastanienkatze in die Tasche meiner Trainingshose und gehe los. Trotz Dunkelheit. Barfuß. Es sind über zehn Grad. Trocken. Irgendwo muss die Kälte ja herkommen. Und der Wunsch, wieder nach Hause zu gehen. Ins Warme. Mit Blick auf die Kastanie, die nun fehlt.  

Die Kastanienkatze fällt auseinander in meiner Tasche, und genauso ist es, dieses alltägliche, innere Auseinanderfallen.

Ich gehe nicht an der Kastanienstelle vorbei, ich gehe in die andere Richtung. Gegen mein Gefühl. „Tee“, denke ich und das ist ein gutes Zeichen, denn Tee ist zu Hause, und nach Hause wollen ist Trost. „Ich habe Zucker.“ Auch das denke ich und dann mache ich etwas Verrücktes. Das liegt sicher an der auseinander gefallenen Kastanienkatze in meiner Tasche. Ich bleibe spontan vor der grauen Tür dieses Hauses mit dem Garagenhof stehen und drücke die unterste Klingel. „Verrückt“, denke ich, und glücklicherweise betätigt bereits jemand den Summer, sonst würde ich wohl gehen.

Ich bitte die Person um Zucker. Ich erzähle nicht einmal eine Geschichte, nur „Haben Sie vielleicht etwas Zucker für mich?“

Und die Person nickt, verschwindet und überreicht mir eine Packung Zucker.

Ich stutze, und jetzt wird mir mulmig. Ich möchte nach Hause. Und das was eben noch mein Ziel war, ist jetzt schmerzhaft.

„Ich brauche doch nicht so viel“, wehre ich ab und will die Packung zurückgeben.

Die Person schüttelt den Kopf: „Ich doch auch nicht.“ Und sie lacht, und irgendwie summt es jetzt in diesem Treppenhaus.

„Ok“, sage ich. „Ok“, sammle ich mich. „Dann vielen Dank. Also vielen Dank.“ Und ich schaue die Person an, und sie verschwindet und schließt die Tür.

Ich gehe los mit diesem Kilo Zucker. Meine Runde zu Ende. Bis zum Kastanienbaum. Der nicht mehr ist. Überquere die Straße. Und friere, und auf dem Parkplatz steht der Polo.

Ich hocke mich vor den Stumpf. Diese große Wunde. Öffne die Zuckerpackung, lasse den Inhalt herausrieseln. Verteile ihn mit ausufernden Bewegungen. Als die Packung leer ist, hole ich die auseinander gefallene Kastanienkatze heraus. Sie sieht erbärmlich aus und maunzt mir versöhnlich mit ihrem Eddinggesicht entgegen. Sie liebt Zucker. Also stecke ich sie wieder zusammen und setze sie mitten hinein. „Auf Wiedersehen, Katze.“

Zu Hause stehe ich am dreckigen Fenster. Der Zucker strahlt im Licht der Straßenlaterne. Die Katze leckt den Zucker.

Dort, wo der Kastanienbaum stand, ist jetzt Leere.

Und dort, wo Leere war in mir, ist jetzt ein Gefühl. Ein greifbares. Und das ist vielleicht etwas zum darauf aufbauen. Man muss ja auf etwas bauen können. Wiedergutgehtjanicht.

© Mirjam Sarrazin

Weihnachten

Weihnachtsbaum mit Licherkette und einer dunklen Kugel sehr dicht fotografiert

Jetzt ist es wieder soweit. Jetzt sitzen alle wieder um diesen Tisch. Außer zwei, die sich zurückhalten. Wie jedes Jahr. Sie sitzen hinten auf der Couch und werfen hin und wieder Kommentare aus drei Metern Entfernung rüber auf den Tisch und verfehlen die Bratensauce knapp. „Dieses Jahr ist sowieso Abstand angesagt“, haben sie schon zur Begrüßung lachend bekannt gegeben und sich zugegrinst. Wir sind fünf Generationen, nach oben und unten ausgedünnt, und das, was an diesen Ästen weit verzweigt ist, sind insbesondere die Vorannahmen, Gerüchte und Tratschereien. Und doch ist es wieder soweit, sitzen wir alle hier. Loben das Essen, die Kinder, den Baum und den Wein. Die Luft ist zum Schneiden dick, und nun wird das elektrische Messer für den Braten in Betrieb genommen.

„Ach, ist da was unterwegs?“, zwinkert mir jemand zu, weil ich den Wein ablehne und Wasser trinke. Und mir ist grummelig, übelig, ekelig. Und ich lächle, kaue Klöße. Das wertvollste an so einer Tradition ist ja das Essen. Zum Festhalten. Zum Themen finden. Zum Ablenken. Lachen wir also über Anekdoten zu verbrannter Ente, zu auseinanderfallenden Kartoffelklößen, zu ausverkauftem, frischem Rotkohl.

„Na, der im Glas tut’s ja auch“, sagt jemand mit rauer Stimme und kauend und kippt Wein hinterher.  

Das Essen ist sicheres Terrain. Außer für die, die es zubereitet haben. Aber die halten sich zurück, lächeln. Halten her. „Jetzt lasst uns aber anstoßen“, sagen sie, und ihre Gläser schießen in die Höhe. Prosten auch in Richtung Couch.

Viele erwidern, trinken. Jemand trägt Maske. Von Beginn bis zum Ende. Isst nicht, trinkt nicht. War nie anders. Dieses Mal wirkt es grotesk. Wie ein Mahnmal.

Jemand möchte Lieder singen, und einige stimmen ein. Andere rennen alle sieben Minuten nach draußen zum Rauchen oder vielleicht auch anderes. Die von der Couch knutschen. Oder vielleicht auch mehr als das. In der Küche entsteht Frustration, weil der Kuchen nicht aufgegangen ist, und ein Kind schreit verloren unter dem Tisch. Jemand bringt diesen Sack. Jemand unscheinbares. Nie aufgefallenes. Jemand anonymes, pflichtbewusstes, redegewandtes, zurückhaltendes, freundliches. So eine Person, wie wir sie alle kennen. Von irgendwoher. Die meisten haben eine im nahen Umfeld. Wie wir diese hier. Die sich von ihrem Stuhl erhebt, diesen schlaffen Sack neben sich herzieht. Aus Jute. Alter, spröder Jute. Ihn ablegt. Direkt neben dem Sessel, der irgendwo im Raum zwischen der Couch und diesem gigantischen Tisch steht, an dem wir sitzen. Fast neben dem Weihnachtsbaum. Und sich wieder hinsetzt. Direkt neben mich. Links neben mich. Deshalb nur erlebe ich die Szene mit. Niemand anders am Tisch scheint es mitbekommen zu haben. Alle schneiden, kauen, lachen, trinken, gurgeln. Ich kenne diese Person. Jedes Jahr aufs Neue frage ich nach Wohlbefinden, Job und unserer familiären Verknüpfung. Und vergesse es im Anschluss wieder.

Dieses Mal frage ich nicht. Ich frage mich, was da gerade passiert ist. Frage nicht die Person, frage in mich hinein. Diese unscheinbare Person nimmt sich jetzt ein Stück Fleisch, zertrennt es geschickt auf dem Teller und isst einen Happen. Ohne zu Kleckern. Steigt ein in ein leichtes Gespräch, das irgendjemand an diesem Tisch führt.

Ich bin müde. Möchte nach Hause. Verstehe nicht, was wir hier machen. Welche freuen sich über meine Anwesenheit. Welche treffe ich gerne. Ich führe kurze Gespräche, die mir gefallen. Andere, die sich in meinem Magen festsetzen.

Und dann fragt jemand in die Runde und brummelt es eher in sich hinein: „Wasndasda?“ Es beschäftigt mich die ganze Zeit. Was ist das für ein Sack, der aussieht wie ein dahingeworfener alter Putzlappen? Neben dem Sessel. Beim Weihnachtsbaum. Jemand steht auf, packt das Stück Stoff und hält es in die Höhe. Es gibt eine Kordel oben und diese runde Bauchform unten. Und jemand sagt: „Vom Weihnachtsmann.“ Und lacht höhnisch. Jemand antwortet „Hohoho“ und jemand ext ein Glas Wein. Alle schauen zum Sack. Für einen kurzen Moment. Bis er wieder am Boden liegt, und alle weitermachen mit ihrem Abend.

„Mach ihn mal auf“, sagt da diese Person links neben mir plötzlich und strahlt so viel Zutrauen und Ruhe aus, dass mir warm wird im Bauch.

„Es ist alles drin, was du brauchst“, höre ich und stehe auf. Ich bin jetzt neugierig, gehe rüber zum Sessel, hocke mich vor diesen zerlumpten Sack, nehme ihn in die Hand. Er ist leicht. Er wirkt leer. Nur ein Stück Stoff mit einer Kordel. Ich suche den Knoten, ziehe ihn auf, wickele die Kordel behutsam ab und halte den Sack nun mit beiden Händen geöffnet vor mich hin. Vorsichtig. Es ist dunkel in ihm. Es duftet in ihm. Der modrige Geruch, den ich erwartet hatte, ist nicht da. „Alles drin, was ich brauche“, hallt es mir durch den Kopf. Was brauche ich?

Da unterbricht jemand meine Gedanken.

„Gibt’s da auch Geld in dem Sack? Viel Geld? Das würde ich wohl brauchen“, steht jemand plötzlich hinter mir, schaut mir über die Schulter. „Bestimmt“, sage ich und halte der Person den Sack hin „Bitteschön. Einfach ausprobieren.“

Ich sehe Unsicherheit auf dem Gesicht. „Och nö, lass mal. Mach du erstmal was. Ich schaue zu.“

Mein Blick fällt auf Oma am Tisch, und ich traue mich. „Oma!“, rufe ich rüber zu ihr. Oma hört nicht mehr gut. Ich stehe auf und gehe auf sie zu. Ich fasse sie an der Schulter: „Oma, da hinten ist ein Sack. Da ist alles drin, was wir brauchen. Komm doch mal mit.“ Oma sieht mich fragend an und schluckt das Stück Kartoffel herunter, am dem sie gekaut hat. Ich helfe Oma dabei aufzustehen und sich auf den Sessel neben den Sack zu setzen. „Schau, Oma.“ Ich hebe den labberigen Sack hoch und ihr vor die Augen. „Hier ist alles drin, was du brauchst. Was brauchst du?“

Oma sieht in die Ferne. Die ersten Witze kommen hinten vom Tisch. „Einen guten Schnaps braucht Oma. Wie immer.“ Lachen. Rufen. „Trockene Stiefel“, sagt Oma und hat etwas entdeckt weit in der Ferne. „Endlich trockene und warme Stiefel.“

Meine Wangen glühen und meine Finger verheddern sich im Beutelstoff, finden den Eingang nicht. „Warme, trockene Stiefel, Oma? Warte, ich hole sie dir heraus“, nicke ich Oma aufgeregt zu, entwirre meine Finger, den Sack und mein Herz und greife tief hinein. „Ganz unten, Oma. Ganz unten sind sie bestimmt.“ Und da habe ich sie gefunden. Ich ziehe sie heraus, und sie sind trocken und warm und passen perfekt.

„Meine Frau brauche ich.“ Mit Tränen in den Augen greift jemand nach dem Sack, nimmt ihn mir ab, lässt die Hand tief in ihn gleiten, beugt sich mit dem Kopf hinterher, will darin verschwinden. Verschwindet darin und kommt mit der Frau an der Hand wieder heraus. Ohne Blick für etwas anderes. Wiedergefunden.

Plötzlich sind einige um den Sack herum. Um Oma im Sessel, um mich. Sie wollen in den Sack greifen. Sie brauchen so viel. Wieder brauchen alle so viel, und ich gehe auf Abstand. Setze mich an den nun leeren Tisch, trinke mein Wasser, spüre diese Leere. „Verbündete brauche ich hier in dieser Gesellschaft“, denke ich und bahne mir den Weg zurück zum Sack. Keine Chance. Alle halten ihn gleichzeitig, alle wollen was ausprobieren, wollen was brauchen, tief aus ihm heraus etwas holen. „Ich brauche Mut“, höre ich jemanden sagen. „Für dieses Vorstellungsgespräch im Januar!“

Und jemand anderes antwortet: „Wir können das üben. Hier und jetzt. Das wirst du doch schaffen, das Gespräch.“

„Gebt mir den Sack mal. Ich brauche ein Taxi. Ich muss jetzt echt nach Hause“, ruft jemand anderes beschwipst und postwendend eine andere Stimme. „Na, aber wir wohnen ja nicht weit auseinander. Ich nehme dich mit.“

Und plötzlich tanzt die Luft in diesem Raum. Überall ist Bewegung. Alle wuseln. Um sich, in sich, um den Sack herum. Einige erzählen sich ihre Wünsche, ihre Geschichten, ihre Sorgen. Einige lachen miteinander. Vereinzelt sitzen welche stumm. Bei sich. Oma schnarcht auf dem Sessel. Mit warmen, trockenen Füßen. Entdeckt sie jemand, wird geflüstert. Vorübergehend. Bis sie im Strudel des Miteinanders wieder vergessen wird. Wie der Sack. Weit nach Mitternacht entdecke ich ihn sorgsam zusammen gelegt im Bücherregal. Zwischen den Reiseführern. Ich habe eine lange Weile auf dem Sessel neben Oma gesessen. Habe staunend dem Treiben zugesehen, Omas Atem gelauscht, bin eingenickt, und im Traum bin ich mit ihr Schlittschuh gelaufen auf dem kleinen See hinten im Wald.

Es ist jetzt leiser geworden. Einige sind gegangen. Hier und dort unterhalten sich noch welche. Auf dem Tisch liegen Karten. Einige kommen vom Rauchen wieder herein und suchen nach Wein. Die von der Couch sind nicht mehr zu sehen. Es ist Geselligkeit im Raum. „Gemütlich“, denke ich verwundert. „Weihnachtlich“, denke ich und frage mich, was es definiert.

Und dann höre ich, wie die Haustür unten im Treppenhaus ins Schloss fällt. Ich stehe auf, werfe einen Blick durch die Häkelgardinen raus auf die dunkle Straße und entdecke im Licht der Straßenlaternen die Konturen dieser Person. Über die Schulter winkt sie mir zu. „Tschüss. Bis nächstes Jahr“, flüstere ich.

© Mirjam Sarrazin

Schnee

Nackte Füße in frischem Schnee auf Gras, Blick von oben

Abends fängt es an zu schneien. Die Welt wird leise und meine laut. Unerträglich. Unverändert. Es ist nie wieder anders geworden. Seitdem es damals geschneit hat. Es gibt das Leben davor. Und das Leben danach. Das, was davon übrigblieb. Und dazwischen Schnee. Und dieser Lärm. Der ist geblieben. Als würde er all die Worte, die ich nicht sage, nicht denke, nicht fühle stellvertretend in meinen Ohren inszenieren. Unbarmherzig.

Es gab auch vorher Schnee. Ohne Lärm. Und das macht einen wesentlichen Unterschied. Meinen Unterschied. Alles scheint wie immer. Und das ist das tragische. Es ist nie wieder, wie es war. Draußen lachen jetzt Leute. Ziehen mit weißen Sneakern Spuren durch die dünne Schicht auf dem Fußweg. Ziehen weiter. Durch diesen Vorhang aus Schnee und Stille und Lärm.

Leute kommen aus dem Mehrfamilienhaus gegenüber. Zwei Große. Zwei Kleine. Als würden sie diese Welt das erste Mal betreten. Staunend. Öffnen die Münder und recken sie den Flocken entgegen. Drehen sich. Händchenhaltend. Kreischend. Und da ist er wieder, dieser Ton in meinen Ohren.

Ich stehe am Fenster, und zwischen der Stille und mir liegt der Lärm. Liegt der Schnee. Liegt die Panik, die in mir hochkriecht. Zusammen mit der Kälte. Draußen der Schnee, hier die Heizung direkt an meinen Beinen, und ich erfriere. Friere ein. Und das ist ja vielleicht auch der richtige Begriff für meinen Zustand. Früher war Sommer. Damals. Davor. Jetzt ist Winter. Symbolisch. Und wenn es schneit, wird es laut. Da hilft nichts. Hilft ja nichts.

Ich esse dagegen an. Dinge, ich nicht vertrage. Rosinen zum Beispiel. Ich bekomme Bauchschmerzen und Durchfall und verbringe viel Zeit auf dem Klo. Vor der Heizung. Hier ist es warm. Mein Bad ist so klein, dass ich vom Klo aus den Wasserhahn aufdrehen und mit etwas Geschick beide Füße in die Duschwanne stellen kann. Ich könnte meine Hände und Füße waschen und gleichzeitig pinkeln. Ich versuche das nicht. Ich lasse den Wasserhahn laufen, weil das Geräusch den Lärm übertönt. Ich drehe die Heizung hoch, weil sie dann gluckert und dieses Geräusch mich beruhigt, und es noch wärmer wird.

In meinem Bad gibt es kein Fenster, und ich sehe keinen Schnee. Und fühle ihn nicht. Ich schalte ihn aus. Mit dem Lichtschalter direkt neben dem Spiegel über dem Waschbecken. Dafür muss ich aufstehen vom Klo. Es fehlen vielleicht sechs Zentimeter, aber die sind erheblich. Ich schalte die Deckenlampe aus und in meinem Kopf den Schnee. So mache ich das immer mit diesem Schalter. Ich habe einen Leuchtstern draufgeklebt. Weil es magisch ist, was dieser Schalter kann. Alles ausschalten. Im Bad ist es warm. Und überall sonst Winter.

Dunkel ist es hier jetzt. Und immer noch laut. Davon habe ich jetzt die ganze Nacht etwas. Ich schlafe nicht. Ich tue nichts und doch ganz viel, und das meiste hat mit Kämpfen zu tun.

So ist das mit mir. Seitdem.

Irgendwann werde ich den Schalter mit nach draußen nehmen. Ohne ihn abmontieren zu müssen. Ich werde das Badezimmer und seine Wärme nicht mehr brauchen. Ich werde das in mir haben. So hat mir das jemand erklärt, der Ahnung hat von diesem Zustand, in dem Leben ein Vorher und ein Nachher hat, von dem dazwischen. Der wurde ganz eifrig, als ich meinen Badezimmerschalter erwähnte.

„Da haben Sie sich aber wirklich etwas Nützliches ausgedacht“, hat er mir gesagt, sich aufrecht hingesetzt und um diese fast unbemerkten Millimeter mit seinem Oberkörper auf mich zubewegt. Ich mochte das nicht. Ich musste in der folgenden Nacht diese Euphorie mit meinem Badezimmerschalter ausschalten. Aber die Unruhe blieb. Die Verunsicherung. Ich bin nicht mehr wieder zu ihm gegangen.

Trotzdem sind die Worte noch da. Dieses Bild. Ich mit dem Badezimmerschalter irgendwo draußen unterwegs. Und dann schalte ich alles aus, was ich nicht brauche. Magisch. Klick.

Es hat aufgehört zu schneien.

© Mirjam Sarrazin

Fallen Blätter

Blick in den Himmel mit Ausschnitten von Eichenbäumen

Fallen Blätter zu Boden,

verwandeln sich in Nährstoffe.

Werden Erde, eins, der Baum.

Falle ich zu Boden, eines Tages.

Verwandle mich in Nährstoffe.

Werde Erde, eins.

Schreibe Worte.

Werden Gedanken zu Bildern.

Verwandeln sich in Nährstoffe.

Vielleicht.

Viel schwer, wird es leichter.

Tragen Worte und Bilder

genährt durch den Herbst.

© Mirjam Sarrazin

Kastanienmännchen

braune Kastanienblätter auf erdigem Boden, dazwischen eine Kastanie

Ich sitze am Fenster und schaue auf die Straße. Die dunkle, die trübe Straße. Es hat geregnet. Jetzt ist es trocken. Überall sind Pfützen, die nicht glitzern, da die Sonne fehlt.

Der Park ist leer. Vorhin lief ein Hund mit einem Mann vorbei. Hektisch. Einmal kurz Pipi machen. Dann wieder zurück in die Wärme der eigenen vier Wände. Irgendwo raus aus dem Park. Aus einem anderen Ausgang. Ich habe sie nicht mehr gesehen.

Jetzt sehe ich ein Kind und eine Frau. Das Kind trägt diese gelben Gummistiefel, die mit dem blauen Rand. Und einen gelben Regenmantel. Das Kind platscht in die Pfützen. Vermutlich lacht es. Ich sehe das Gesicht nicht, es ist verdeckt durch diese gelbe Kapuze, und das Kind springt seitlich zu mir. Ich kann es nicht hören. Mein Fenster ist geschlossen. Die Frau läuft hinterher. Sie schlendert, aber entspannt wirkt sie nicht. Sie friert, zieht den Mantel enger und bereut vielleicht, keine Mütze mitgenommen zu haben. Sie trägt einen Dutt und ein paar Strähnen hängen heraus. Wie Regenfäden.

Jetzt dreht das Kind sich zu ihr um, ruft etwas. Ich erkenne kurz das Gesicht und Grübchen, und es lacht tatsächlich, und ich höre es nicht. Ich kippe mein Fenster. Kälte strömt zu mir herein, und nun rennt das Kind los. Ein paar Meter rennt es, dann stoppt es. Natürlich. Alle stoppen immer am Kastanienbaum. Alle. Ich nicht. Ich schaue zu.

Das Kind steht jetzt dort, wo schon Erde ist und bückt sich bereits und zieht Kastanien zwischen braunen Kastanienblättern hervor. „Hab welche“, ruft es. Ich höre die Stimme und die Freude und schließe das Fenster. Jetzt regnet es wieder, und die Frau schaut kurz in den Himmel. Sie hat das Kind eingeholt und nimmt Kastanien entgegen.

Sie haben einen Beutel mitgebracht, den die Frau aus ihrer Manteltasche zieht, ihn öffnet und die Kastanien hineinfallen lässt. Das Kind bringt bereits die nächsten. Sie haben Glück. Es sind viele am Boden. Regen und Wind haben kräftig am Baum gerüttelt. Manche haben Pech. Manchmal kommen ganze Kindergartengruppen und suchen. Wenn ein Kind leer ausgeht, weint es und eine Begleitperson sagt: „Na, dann gehen wir rüber zum Spielplatz eine Runde Spielen. Das ist doch auch schön.“

Doch jetzt füllt sich der Beutel. Das Kind hüpft von einem Bein aufs andere, wirbelt herum und Blätter mit den gelben Stiefeln auf. Dabei fliegt Dreck durch die Gegend. Das Kind lacht, und ich kann es sehen, weil es frontal zu meinem Fenster steht in diesem Moment. Jetzt hebt es den Kopf, und es sieht mich. Unsere Blicke treffen sich. Spontan hebt es den rechten Arm, schüttelt die Hand, in der eine Kastanie steckt und lacht. Mir zu. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie die Frau dem Blick folgt, kurz sucht, an meinem Fenster hängen bleibt. Mir zulächelt. Während es regnet.

Ich mache drei Schritte zurück, stoße beinahe gegen das Bettende, drehe mich, gehe in die Küche. Man braucht doch was Warmes an solchen Tagen. Ich lasse Wasser in den Kessel laufen. Entzünde das Gas, stelle den Kessel darauf und mich an das Küchenfenster. Schaue in den Hof, in dem Müll liegt, und eine schwarze Katze wohnt, die ich nicht entdecke. „Meine Güte, wo bist du mit deinem Kopf“, sage ich laut zu der fehlenden Katze und stelle das Gas aus. Ich war nicht einkaufen. Ich habe keinen Zucker. Immer noch nicht. Ich mag Tee nicht ohne Zucker. Ist ja auch nur heißes Wasser. Man müsste mal einkaufen.

Rastlos irre ich durch die Wohnung. Die sehr klein ist und immerhin zwei Fenster hat. Eines zum Hof und eines zur Straße. Das ist der Grund, warum ich sie mag. Solange es hell ist. Wenn es dunkel wird, ist es, als schauten mich zwei einäugige Ungeheuer an. Von zwei Seiten.

Ich habe mir ein Gerät zum Fensterputzen gekauft. Eines mit einer Seite zum Wischen und einer zum Abziehen. Das gab es im Angebot. Ich habe keinen Blick für Angebote, aber dieses ist mir aufgefallen. Es muss an dieser Fensterputzfirma liegen, die vor einigen Tagen die Schaufenster des Cafés an der Ecke geputzt hat. Ich habe die Leute beobachtet und im Lidl festgestellt, dass sie Spuren in mir hinterlassen haben. Vermutlich sind die Spuren vom Schaufenster zu mir hinüber gewandert, in mich hinein. Die Schaufenster sind jetzt sauber und ich bin voller Spuren. Das beschreibt mich gut.

Ich probiere es aus. Im Internet lese ich, dass es mit Spüli geht. Ich hantiere eine Weile herum und kriege es nicht streifenfrei hin. Man muss Geduld haben. Ich mache die Scheibe erneut nass, ziehe sie ab. Und klatsche das angebotene Gerät im Bad in die Duschwanne. Es landet unmittelbar neben dem Riss. Von irgendwem früher.

Ich verlasse das Bad, und es ist eine Tatsache, dass mein zweites Fenster fürs erste dreckig bleiben wird. Von der Tür aus werfe ich ihm einen trotzigen Blick zu, nähere mich dann und diesen Effekt mag ich. Die dreckige Fensterscheibe verschwindet, sobald ich vor ihr stehe und durch sie hindurchschaue. Auf die regennasse Straße, hin und wieder Menschen, überall parkende Autos. Niemand möchte unter dem Kastanienbaum parken. Ständig ist alles voll mit Blättern. Dort, wo das Kind mir zugelächelt hat. Nur der kleine Polo steht da oft. Der gehört einer Person aus meinem Haus. Einer dieser Nachbar*innen, die hier willkürlich ein- und wieder ausziehen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit. Ich bleibe. Und schaue. Und jetzt wird es dunkel. Jeden Tag unvermittelt, wie es mir scheint. Oder extra dann, wenn ich es gar nicht brauche.

Man muss schneller sein. Und ich schlüpfe in meine Stiefel und verlasse die Wohnung. Natürlich werde ich nass. Und natürlich friere ich. Wer bei den Temperaturen keine Jacke trägt, friert. Ich habe keinen Tee, wenig zu essen, bin müde und erschöpft. Es ist nicht wärmer als zehn Grad und es regnet. Was soll man da anderes erwarten? Nass werden und frieren.

Ich gehe um den Block, schaue mir die Ritzen zwischen den Gehwegplatten an. Vor Hausnummer 27 entdecke ich einen winzigen Löwenzahn. Fast noch nicht als solcher erkennbar. Dass die das so können bei der Kälte. Hier so rumstehen und wachsen. Ich beschleunige meinen Schritt. Um nach Hause zu kommen. In meine Wohnung. Weil es dort warm sein wird. Trocken. Ich werde den nassen Pulli, die nasse Hose ausziehen, mich frisch anziehen. Mich in mein Bett legen, und es wird warm sein. Ich werde dankbar sein für Wärme und Trockenheit und die Dunkelheit vergessen. Ich trickse die Dunkelheit aus. Jeden Abend schlage ich ihr ein Schnippchen. Ich habe das im Griff. Auch heute.
Bis ich fast vor meiner Haustür stehe. Und der Kastanienbaum auf der anderen Straßenseite in meinem Blickfeld auftaucht, und der Polo dort parkt, und direkt hinter seinem rechten Vorderreifen dieser schwarze Katzenschwanz hervor lugt, am Boden. Und sich nicht bewegt. Regungslos dort liegt.

Da bleibe ich stehen. Und vergesse die Kälte. Während mein Körper zittert. Mir nebelig wird im Kopf. Ich suche mit der Hand nach dem Auto, das schräg vor mir parkt. Es ist rot. Mehr nehme ich nicht wahr. Schwarzer Katzenschwanz.

Ich hangele mich an diesem Auto vorbei, die rechte Hand stützend auf der Motorhaube. Überquere die nasse Straße, das rutschige Kastanienlaub. Freihändig. Der Polo ist jetzt direkt vor mir. Ich schaue hoch. In den Kastanienbaum. Wie groß er ist. Aus meinem Fenster wirkt er majestätisch. Diese Wirkung seiner Größe auf mich, hier, direkt unter ihm, habe ich nicht erwartet.  

Drei Schritte gehe ich. Und blicke zu Boden. Die Luft anhaltend.

Und zucke zurück. Erschrecke. Der schwarze Katzenschwand verschwindet blitzschnell im Gebüsch. Neben dem Kastanienbaum, direkt vor mir. Zwei Schritte zwischen mir und dem Gebüsch. Einmal über den Bürgersteig. Ich schaue an die Stelle vor meinen Füßen. Leere. Gehwegplatten. Zwei zertretene Kastanienblätter. Eines gelb. Das andere braun, vertrocknet. Nass vom Regen, der fällt.

Ich bücke mich und hebe die Kastanie auf, die ich zwischen Bordstein und Poloreifen entdecke. In dieser Kuhle. Eine Kastanie. Ich fühle sie in der Hand. Glatte, runde Kastanie. Ich entdecke eine weitere. Hebe sie auf. Und noch eine.

Ich sammle Kastanien. Und stocke. Verharre. Mit Händen voller Kastanien. Nass. Eiskalt. „Die schwarze Katze lebt“, flüstere ich den Kastanien zu. In meinen Händen.

Ich drehe mich um, gehe zügig über die Straße, und jetzt ist es, als wären in mir verschiedene Leinwände aufgebaut, als schaute ich mehrere Vorführungen gleichzeitig. Eine Leinwand ist Kälte, eine ist ein leises Schaudern bei der Erinnerung an den Schreck, den die Katze mir eingejagt hat. Eine ist warmes Licht, das ich in meinem Fenster erahne, und eine ist Dunkelheit, die sich um mich zuzieht. Eine ist Irritation. Kastanien in meinen Händen, und die habe ich gesammelt. Eine ist auch Schatten, der hinter einem Fenster schnell zur Seite tritt.  

Und während ich umständlich mit dem Schlüssel und den Kastanien an der Tür hantiere, blicke ich zu einer anderen Leinwand. Auf der ich meinen nassen Pullover ausziehe und die schwarze Katze hineinwickele. Zum Glück ist sie warm und weich, und ich hebe dieses Paket vorsichtig auf, drücke es an mich und wieder auf einer anderen Leinwand spricht eine Stimme. „Man muss sich ja auch kümmern.“ Und an dieser Leinwand bleibe ich erstaunlicherweise hängen.

Es ist nicht leicht, Paket, Kastanien und Schlüssel zu koordinieren, aber schließlich schaffe ich es, und endlich stehe ich in meiner Wohnung. Licht an mit dem Ellenbogen. Die Kastanien fallen mir aus den Händen. Kullern über den Boden. Machen hohle Geräusche, die ich nicht wahrnehmen würde. Weil ich schon beim Bett wäre, das Paket behutsam ablegen würde. So vorsichtig wie möglich. Bibbernd vor Kälte. Den nassen Pullover öffnen. Diesem suchenden Katzenblick begegnen würde. Mich kümmern. Die Katze versorgen. Ich hätte Katzenschmerzmittel und Futter. Ich hätte sowas gelernt und würde es gut machen. Nur kleine Verletzungen. Glück gehabt. Ein riesengroßes Glück gehabt. Dann viel Ruhe. Ausruhen. Wieder gut werden.

Schlafen. Umziehen. Hüpfen. Warm werden. Nicht denken. Die dunklen Fenster starren mich an wie einäugige Ungeheuer. Nicht hinschauen. Ich reibe mir die Füße. Im Stehen. Verliere kurz das Gleichgewicht. Dicke Socken. Zwei Paar übereinander. Verkrieche mich ins Bett. Tief unter die Bettdecke. Und die Wolldecke. In die Kissen. Mit den Löchern. Warm. Warm werden. Die Wärmflasche vom Nachmittag gibt noch Wärme ab.

Auf der Decke würde die schwarze Katze liegen. Ich strecke meine Füße unter sie. Warmer Knubbel. Ich liege und warte auf die Wärme. Dass der Körper ruhiger wird. Das Zittern abebbt. Ich das Handy wieder halten kann. Gegen die Angst und die Kälte und die Dunkelheit. Kurzes Schlafen. Aufschrecken. Handy. Lesen. Tagsüber Bücher. Nachts Handy. Dösen. Die dunklen Fenster. Aufgrund der Nische im Zimmer sehe ich sie nicht vom Bett aus, obwohl sie da sind. Menschen haben Vorhänge. Ich mag Vorhänge nicht. Man muss rausschauen und die Welt im Blick behalten.

Die schwarze Katze wäre jetzt aufgestanden. Sie würde nicht mehr auf der Decke liegen. Vielleicht wäre sie in der Küche und würde das Fleisch fressen, das ich ihr hingestellt hätte. Anschließend würde sie wiederkommen. Einen Knubbel machen. Und schlafen. Bei mir. Gemeinsam.

Jetzt wo mein Gehirn aufgewärmt ist, erinnere ich mich an die Kastanien auf dem Flurboden. Irgendwo in dieser Schublade in der Küche könnten Zahnstocher sein. Ich schlüpfe unter den Decken hervor, mache vier Schritte zum Flur, sammle die Kastanien ein, krame in der Küchenschublade, finde Zahnstocher. Und schaue ins ungeputzte Küchenfenster, durch das die Dunkelheit scheint. Mache meine Nase platt an ihm. Das glotzende Monster verschwindet, sobald ich es berühre. Manchmal muss man sich überwinden.

Ich drehe mich um, lege Kastanien und Zahnstocher auf das Bett. Neben den Fleck, wo die schwarze Katze gelegen hätte. Jetzt wären Katzenhaare da. Gehe zum sauberen Fenster mit den Streifen, mache meine Nase auch hier platt. Mein ganzes Gesicht. Die Lippen. Schiebe meine Zunge durch die gequetschten Lippen gegen die Scheibe.

Während die Katze sich putzen und erholen würde vom Schreck, auf der Fensterbank, würde ich erneut in die Küche gehen. Ich gehe in die Küche. Ich brauche etwas zum Stechen. Man muss kleine Löcher in die Kastanien machen. Dabei fällt mir eine Kastanie auf, die ich in der Ecke neben dem kleinen Schränkchen im Flur übersehen habe. Bücke mich, greife nach ihr und hinter ihr, hinter dem Schränkchen liegt Würfelzucker. Ich schiebe das Schränkchen zur Seite. Hebe drei kleine Würfel Zucker auf. Die müssen dort hingefallen sein, als mir eine Packung aufgerissen ist. Vor einiger Zeit. Nachdem ich eingekauft hatte.

Ich habe jetzt Zucker. Die Katze würde schnurren, während sie sich putzt, und ich würde in die Küche gehen und Teewasser aufsetzen.

Später trinke ich Tee. Der mir mit Zucker schmeckt. Und bastle ein Kastanienmännchen. In Katzenform. Bald wird es hell werden. Die ersten Nuancen zeichnen sich am Himmel ab.

Glück gehabt in dieser Nacht.

© Mirjam Sarrazin